Schmerzen im Mund- und Gesichtsbereich können sehr belastend sein und sowohl als Dauerschmerz als auch in Form von Attacken auftreten. Die Ursachen hierfür sind vielfältig, weshalb eine sorgfältige Diagnostik essenziell für eine erfolgreiche Therapie ist. Dabei können unterschiedliche Fachgebiete wie Neurologie, Zahnheilkunde, Augenheilkunde und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde involviert sein. Als Mitglied der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. ist es wichtig, über die verschiedenen Aspekte von Schmerzen im Mund- und Gesichtsbereich informiert zu sein.
Schmerzen im Bereich der Mundhöhle
Häufig werden akute Schmerzen in der Mundhöhle durch Schleimhautentzündungen verursacht. Diese können durch oberflächliche oder tiefe Zahnfleischentzündungen, Entzündungen beim Durchbruch von Weisheitszähnen sowie bakterielle oder virale Erkrankungen des Zahnfleischs hervorgerufen werden. Auch die Zähne selbst können schmerzen, insbesondere bei Reizung durch Temperatur- oder chemische Einflüsse, wenn das Dentin (Zahnbein) aufgrund eines kariösen Defekts oder bei freiliegenden Zahnhälsen das Wurzelzement freiliegt. Die Schmerzempfindlichkeit beruht darauf, dass Fortsätze von Dentin-bildenden Zellen in Kanälen verlaufen, die das Dentin durchziehen und mit Nervenfasern in Verbindung stehen, welche Schmerzreize weiterleiten. Äußere Einflüsse wie Kälte können diese Nervenfasern reizen und Schmerzen verursachen.
Um die Ursachen seltener Schmerzen im Bereich der Mundhöhle besser zu verstehen, werden im Folgenden die häufigsten und typischen Schmerzursachen betrachtet:
Zahnmarkentzündung (Pulpitis)
Schmerzen werden häufig durch eine Entzündung im Bereich des Nerven- und Gefäßgeflechts, der sogenannten Pulpa, verursacht. Die häufigste Ursache hierfür ist eine Reizung durch Karies, die bis nahe an das Zahnmark reicht (bakterielle Pulpitis). Auch das zahnmarknahe Beschleifen eines Zahns beim Legen einer Füllung oder bei der Präparation für eine Krone kann eine solche Reizung auslösen. In manchen Fällen entsteht die Entzündung nicht durch eine Schädigung der Zahnhartsubstanz, sondern durch eine Stauchung des Zahns, beispielsweise durch zu hohe Füllungen oder Zähneknirschen (abakterielle Pulpitis).
Eine Zahnmarkentzündung äußert sich durch intensive, ausstrahlende Schmerzen, die als Drücken, Klopfen und Pulsieren wahrgenommen werden und auch nachts auftreten können. Typisch ist auch ein Aufbissschmerz. Anfangs ist der Schmerz möglicherweise nicht genau einem Zahn oder Kiefer zuzuordnen. Der zahnbezogene Entzündungsschmerz ist dadurch gekennzeichnet, dass der Entzündungsherd von nicht-dehnbaren Strukturen (Knochen, Zahn) umgeben ist. Durch die verstärkte Durchblutung des Zahns infolge der Entzündung und die fehlende Ausdehnungsmöglichkeit in das umliegende Gewebe entsteht ein Druck im Zahn, der den Schmerz zusätzlich verstärkt.
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Entzündung an der Wurzelspitze (Apikale Parodontitis)
Wird die Ursache der Pulpitis vom Zahnarzt beseitigt, kann sich die Entzündung zurückbilden (reversible Zahnmarkentzündung) oder anhalten und zum Absterben des Nervs führen (irreversible Zahnmarkentzündung). Bei einem langsamen Entzündungsverlauf kann der Nerv auch schmerzfrei und unbemerkt absterben. Später bildet sich jedoch häufig ein Entzündungsherd im Knochen an der Wurzelspitze (apikale Parodontitis).
Die Behandlung besteht in einer Wurzelkanalbehandlung, bei der der Kanal, in dem sich Blutgefäße und Nerven befinden, eröffnet und von Nerven- und Blutgefäßresten befreit wird. Der Hohlraum wird anschließend mehrfach desinfiziert, erweitert und mit einer Wurzelfüllung verschlossen, um das Eindringen von Bakterien zu verhindern. Durch verbliebene Bakterien kann sich jedoch erneut ein Entzündungsherd an der Wurzelspitze bilden, der wiederum Schmerzen verursacht.
Ungewöhnlicher Zahnschmerz (Atypische Odontalgie, Persistierender Dentoalveolärer Schmerz)
Ähnliche Beschwerden wie bei einer Zahnmarkentzündung oder einer Entzündung an der Wurzelspitze können bei der seltenen atypischen Odontalgie (Phantom-Zahnschmerz) auftreten. Betroffene verspüren diesen lang anhaltenden Nervenschmerz häufig an einem Zahn oder in einem Gebiet, in dem ein Zahn extrahiert wurde (Extraktionsareal). Zahnärztliche Untersuchungen und Röntgenbilder zeigen jedoch keine Ursache für den Schmerz. Häufig verstärkt sich der Schmerz bei kaltem Wetter. Als Ursache wird eine Schädigung von Nervenfasern im betroffenen Zahn oder im umliegenden Gewebe, wie beispielsweise dem Kiefer, vermutet.
Im Gegensatz zu einer Pulpitis, die oft schnell behandelt werden kann, erfordert ein Nervenschmerz (atypische Odontalgie) eine umfassende Diagnostik. Eine vorschnelle weitere Wurzelbehandlung oder das Ziehen eines Zahns oder sogar angrenzender Zähne führt in der Regel nicht zur Besserung des Nervenschmerzes, sondern kann diesen sogar verschlimmern. Daher ist Geduld seitens des Patienten erforderlich. Die interdisziplinäre Behandlung der atypischen Odontalgie ähnelt der des atypischen Gesichtsschmerzes.
Syndrom der brennenden Zunge/des brennenden Mundes (Burning-Mouth-Syndrom)
Unter brennenden Schmerzen im Bereich des Mundes und der Zunge leiden überwiegend Frauen im höheren Lebensalter. Der Leidensdruck ist dabei sehr hoch. Die Ursache der Erkrankung ist nicht vollständig geklärt, möglicherweise liegt sie in einer Schädigung dünner Nervenfasern, die die Zunge und den Mundbereich versorgen. Vitaminmangel und Veränderungen der Schleimhaut sollten als Ursache ausgeschlossen und gegebenenfalls behandelt werden. Die Behandlung des Zungenbrennens ist oft schwierig.
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Schmerzen im Bereich des Gesichts
Typischer und Atypischer Gesichtsschmerz
Der "typische Gesichtsschmerz" äußert sich durch blitzartig einschießende, elektrisierende Schmerzen im immer gleichen Bereich des Gesichts, die mit einem Stromschlag vergleichbar sind. Der "atypische Gesichtsschmerz" hingegen wird als dumpfer, tiefer Schmerz wahrgenommen, der dauerhaft vorhanden ist.
Trigeminusneuralgie
Bei einer Trigeminusneuralgie kommt es zu plötzlich einschießenden, nur Sekunden andauernden, elektrisierenden Schmerzen in einem oder zwei benachbarten Ästen des Nervus trigeminus (Gesichtsnerv mit drei Endästen). Diese Attacken können spontan auftreten oder durch Kauen, Sprechen oder Zähneputzen ausgelöst werden. Manchmal reicht bereits kalter Wind, der über die Wange streicht. Meistens lässt sich keine Ursache der Erkrankung aufdecken. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, und die meisten Erkrankten sind im höheren Lebensalter. Bei Kindern und jungen Erwachsenen ist es wichtig, andere Ursachen einer Trigeminusneuralgie, wie beispielsweise eine Entzündung des Nerven im Austrittsbereich aus dem Hirnstamm (wie sie bei Multipler Sklerose vorkommen kann), durch eine Kernspintomografie des Kopfes und eine neurologische Untersuchung auszuschließen.
Eine Trigeminusneuralgie tritt häufiger im Winter als im Sommer auf und kann sich in kurzen Abständen wiederholen und wieder verschwinden. Häufigste Ursache ist ein im Bereich des Hirnstamms gelegenes Gefäß, das durch die sich ständig wiederholende Pulswelle des Blutstroms den Trigeminusnerv beim Austritt aus dem Hirnstamm reizt und schädigt (neurovaskuläre Kompression = Druckschädigung des Nerven durch den Gefäß-Nerven-Kontakt). Eine Entzündung im Bereich einer Zahnwurzel kann zu ähnlich elektrisierenden Schmerzen führen wie bei einer Trigeminusneuralgie. Daher sollte man sich zahnärztlich untersuchen und gegebenenfalls eine Röntgenaufnahme der Zähne anfertigen lassen, wenn die Trigeminusneuralgie im zweiten oder dritten Nervenast (im Ober- oder Unterkieferbereich) ausgeprägt ist.
Die Behandlung der Trigeminusneuralgie erfolgt in erster Linie mit Medikamenten, sogenannten Antikonvulsiva. Diese, zur Behandlung der Epilepsie eingesetzten Arzneimittel vermindern die Nervenaktivität und „beruhigen“ so den Schmerz. Auch einige weitere Arzneimittel können erfolgreich eingesetzt werden.
Operationsverfahren bei Trigeminusneuralgie:
- Operation nach Jannetta: Im Bereich des Gefäß-Nerven-Austritts aus dem Hirnstamm wird ein Teflonpolster zwischen Gefäß und Nerv eingelegt, um den Nerven zu schützen. Dieser Eingriff hat eine sehr gute Ansprechrate. Der Effekt tritt unmittelbar nach der Operation ein.
- Thermokoagulation (Erhitzung) oder Ballonkompression im Bereich des Nervenknotens (Ganglion trigeminale): Auch diese Verfahren sind gut wirksam. Häufig kommen die Beschwerden nach einigen Jahren aber wieder. Der Effekt tritt unmittelbar nach der Operation ein.
- Gammaknifebehandlung (Bestrahlung) des Nerven: Durch diese Behandlung wird häufig erst nach einigen Monaten ein Effekt erzielt, es wird jedoch keine Operation notwendig.
Alle Eingriffe haben gewisse Risiken (z.B. Entstehung einer Taubheit im Gesicht), und die Erfolgsaussichten hängen sehr von der Erfahrung des Operateurs ab.
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Atypischer Gesichtsschmerz
Ein Gesichtsschmerz, der nicht dem Nervenschmerz (Neuralgie) zugeordnet werden kann, wird als „atypisch“ bezeichnet. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft wählte dafür die Bezeichnung „idiopathischer anhaltender Gesichtsschmerz“, die sich jedoch noch nicht vollständig durchgesetzt hat. Das Wort „idiopathisch“ bedeutet, dass die Ursache nicht bekannt ist. Der atypische Gesichtsschmerz betrifft Frauen häufiger als Männer und überwiegend das mittlere und höhere Lebensalter. Die Schmerzen werden häufig im Gesicht im Bereich des Oberkiefers oder unterhalb des Auges empfunden. Typisch ist, dass sie sich oft nicht genau zuordnen lassen oder die Zuordnung wechselt. Es handelt sich meist um einen dumpfen, drückenden und in der Tiefe nicht genau einzugrenzenden Schmerz. In aller Regel ist das Berührungsempfinden im Gesicht ungestört. Gelegentlich besteht eine Überempfindlichkeit im betroffenen Schmerzbereich.
Da der Schmerz in der Tiefe und dumpf lokalisiert ist, suchen die Betroffenen häufig Hals-Nasen-Ohren- und Zahnärzte auf. Nicht selten werden Zähne gezogen (Zahnextraktionen), zahnärztliche Restaurationsarbeiten oder HNO-ärztliche Eingriffen an den Nasennebenhöhlen durchgeführt. In aller Regel verschwinden die Schmerzen hierdurch aber nicht. Unter der irrtümlichen Annahme, dass sich eine Ursache der Beschwerden aufdecken und behandeln ließe, werden solche Behandlungen dann oftmals erfolglos wiederholt. Tatsächlich ist es jedoch so, dass in dieser Situation jeder weitere Eingriff zur Chronifizierung des Schmerzbildes und zur Ausbreitung der Beschwerden beitragen kann. Eine psychotherapeutische Mitbehandlung kann hier wichtig sein. Frustration über erfolglose Ursachensuche und fehlgeschlagene Behandlungen, die mit Schmerzen und Kosten einhergehen, führen häufig dazu, dass die Patienten ratlos, mutlos oder depressiv verstimmt werden. Psychische Begleitbeeinträchtigungen wie Depressionen und Angststörungen sind beim atypischen Gesichtsschmerz genauso häufig anzutreffen wie bei anderen Schmerzerkrankungen.
Wenn andere Erkrankungen sorgfältig ausgeschlossen wurden, sollte ein Patient mit atypischem Gesichtsschmerz oder atypischem Zahnschmerz (Odontalgie) zunächst darüber aufgeklärt werden, dass er unter einer Schmerzerkrankung leidet, die sich häufig auch wieder zurückbildet. Damit die Erkrankung nicht chronisch wird, sollten möglichst keine weiteren operativen Eingriffe durchgeführt werden. Zur Behandlung kann beispielsweise ein zur Schmerzbehandlung niedrig dosiertes trizyklisches Antidepressivum gegeben werden. Unterstützend können Massage, Kälte- oder Wärmeanwendungen im Gesicht sowie andere manuelle Verfahren hilfreich sein. Eine zusätzlich bestehende Depression oder Angststörung sollte gezielt medikamentös oder psychotherapeutisch behandelt werden. Sinnvoll ist die Kombination aus medikamentöser Therapie, Entspannungsverfahren (z.B. progressive Muskelrelaxation nach Jacobson) und Ausdauersport sowie eine gezielte psychotherapeutische Mitbetreuung bei hohen psychosozialen Belastungen. Da die Betroffenen oft schon jahrelang unter ihrer Erkrankung leiden, ist auch ein multimodales Behandlungsprogramm nicht immer erfolgreich, und die Behandlung kann lange andauern, bis sich eine Verbesserung einstellt.
Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD)
Bei der craniomandibulären Dysfunktion (auch als Myoarthropathie bezeichnet) sind das Kiefergelenk oder die Kaumuskulatur betroffen, insbesondere der Masseter-Muskel (gut tastbar beim Zubeißen und Entspannen am Kieferwinkel schräg unter dem Ohrläppchen) und der Schläfenmuskel. Das Kiefergelenk besteht aus Ober- und Unterkiefer sowie einem dazwischen liegenden Knorpelscheibchen, auf dem der Gelenkanteil des Unterkiefers bei Unterkieferbewegungen entlanggleitet. Veränderungen des Knorpelscheibchens können zu Knackgeräuschen des Unterkiefers führen, die jedoch häufig nicht schmerzhaft sind und nicht behandelt werden müssen. Anhaltende Schmerzen können einerseits durch Verschleiß oder entzündliche Veränderungen des Kiefergelenks verursacht werden, andererseits durch Verspannungen der Kaumuskulatur, z.B. durch Zähnepressen oder -knirschen, was häufig stressbedingt ist. Dabei kann es auch zu ausstrahlenden Schmerzen in andere Gesichtsbereiche und die Zähne kommen. Häufig ist dieser Kopfschmerz am Morgen am stärksten ausgeprägt (da das Knirschen sehr häufig in der Nacht geschieht) und schläfenbetont. Er kann einseitig betont sein.
Als Therapie wird u.a. eine Aufbissschiene empfohlen, die das Gelenk entlastet und über eine Änderung der Position der Strukturen beim Zubeißen bzw. in der Ruheposition die erlernten Bewegungsmuster (Zähneknirschen und -pressen) entkoppeln soll. Auch Physiotherapie (Krankengymnastik) bewirkt bei muskulären Beschwerden sehr häufig eine Besserung, ebenso wie Eigenmassage der Kaumuskulatur durch den Patienten. Wichtig ist dabei, dass gezielte Eigenübungen erlernt werden, die dann täglich vom Betroffenen selbst durchgeführt werden. Empfehlenswert sind auch das Erlernen der progressiven Muskelentspannung nach Jacobson sowie ein gezielter Umgang mit Stress. Bei besonderen Belastungsfaktoren ist die Inanspruchnahme einer psychologischen Beratung, ggf. auch eine psychotherapeutische Betreuung, sinnvoll. Zusätzlich können vom Arzt trizyklische Antidepressiva in niedriger Dosierung verordnet werden, die als Nebeneffekt etwas entspannen, aber auch müde machen. Bei verschleißartigen Veränderungen des Kiefergelenks kann die Abtragung von Knorpelresten helfen, bei entzündlichen Veränderungen die Einnahme entzündungshemmender Medikamente. Beachtet werden sollte, dass muskuläre Beschwerden der Kaumuskulatur auch die Kopfschmerzhäufigkeit bei Kopfschmerzpatienten (vor allem von Migräne und Kopfschmerz vom Spannungstyp) erhöhen können.
Mund- und Gesichtsschmerz bei Kopfschmerzerkrankungen am Beispiel der Migräne
Bei einem Migräneanfall können die Schmerzen auch das Gesicht erfassen.
Diagnostik von neuropathischen Schmerzen im orofazialen Bereich
Die Diagnostik chronischer Schmerzen erfordert ein strukturiertes Vorgehen. Die klinische Untersuchung basiert auf der Palpation von Muskeln und Gelenken, Perkussion der Zähne, thermischer oder elektrischer Stimulation der Pulpa. Ergänzend kommen radiologische Diagnostik und funktionsdiagnostische Tests zum Einsatz. Oftmals wird in großem Umfang (sowohl Anzahl als auch Frequenz) bildgebende Diagnostik durchgeführt. Um das Krankheitsbild jedoch ganzheitlicher zu erfassen, sollte die psychische Komponente möglichst frühzeitig erfasst werden. Eine insuffiziente Therapie nach Maßstäben einer Akutsymptomatik fördert die Chronifizierung und kann zu iatrogenen Schädigungen führen. Kritisch sollte hierbei auch eine unterschiedliche Interpretation der Ergebnisse basierend auf variablem Ausbildungs- und Wissensgrad gesehen werden. Kinder, Behinderte, Patienten mit einer kognitiven Beeinträchtigung oder Patienten mit einer Sprachbarriere stellen eine weitere Herausforderung dar. Somit ist bei Unsicherheiten in der Diagnostik und Therapie entsprechend interdisziplinär vorzugehen oder die Überweisung an ein Schmerzzentrum in Erwägung zu ziehen. Hier können Zahnarzt, Anästhesist, Neurologe, Orthopäde, Psychosomatiker, Psychologe, Hals-Nasen-Ohrenarzt, Augenarzt, Neurochirurg miteinbezogen werden.
Ein strukturiertes Konzept mit speziell entwickelten Fragebögen und mit Vorlagen für Schmerzzeichnungen können bereits bei der Anamnese Hinweise auf das Krankheitsbild geben. Die klinische Diagnostik sollte neben der konventionellen zahnärztlichen Basisdiagnostik auch ein neurophysiologisches Screening vor allem des N. trigeminus beinhalten. Dies ist für die Unterscheidung zwischen nozizeptivem und neuropathischem Schmerz essenziell. Gibt es Hinweise auf das Vorliegen einer neuropathischen Schmerzkomponente, so kann zur Präzisierung des Schmerzscreenings ergänzend der painDETECT-Fragebogen eingesetzt werden. Dieser findet auch bei der chronischen Craniomandibulären Dysfunktion, bei schmerzhaften posttraumatischen Trigeminusverletzungen und Mundschleimhautbrennen Einsatz.
Der painDETECT-Fragebogen setzt sich aus Fragen zur Abschätzung der Schmerzintensität, der Schmerzdauer, des Schmerzmusters (anhaltende Schmerzen und/oder Schmerzattacken) und der Schmerzqualität (Brennen, Kribbeln) zusammen. Auch beinhaltet er Fragen zu Taubheitsempfindung und Hyperalgesie gegenüber Temperatur und Druck. Die Patienten werden ihrem Schmerzbild entsprechend einer von drei Kategorien zugeordnet:
- Neuropathischer Schmerz unwahrscheinlich
- unklarer Befund
- Neuropathischer Schmerz wahrscheinlich
Differenzialdiagnose
Im Versorgungsgebiet eines sensiblen Nervs (im orofazialen Bereich des N. trigeminus) können aufgrund diverser Krankheitsbilder Gefühlsstörungen auftreten. Der Nerv kann mechanisch, chemisch-toxisch oder entzündlich bedingt geschädigt sein durch Traumata, Infektionen, operative Eingriffe oder allgemeinmedizinische Erkrankungen (Diabetes mellitus), die Verabreichung von neurotoxischen Medikamenten (Chemotherapeutika) oder Genussgiften wie Alkohol. Ein sensibler Nerv übermittelt in einem Regelkreis sensorische Reize afferent an die Schmerzmatrix im Gehirn. Treten innerhalb dieses Regelkreises Veränderungen auf, so kann es in der Folge zu einer peripheren oder zentralen Sensibilisierung kommen. Ebenso kann der Verlust der deszendierenden Hemmung in einer zentralen Sensibilisierung resultieren. Klinische Symptome sind unangenehme und schmerzhafte Empfindungen (Dysästhesie, Hyperalgesie, Allodynie). Eine Schädigung des peripheren Nervs verändert die sensorische Wahrnehmung des Patienten und die Symptome sind sensible Ausfälle (Anästhesie, Hypästhesie, Parästhesie) infolge einer Deafferenzierung. Findet keine Regeneration des beeinträchtigten oder sogar geschädigten Nervens statt, so kann ein chronisches neuropathisches Schmerzsyndrom entstehen. Daher muss bei der klinischen Untersuchung der Patienten unbedingt eine grobe neurophysiologische Untersuchung durchgeführt werden.
Therapie neuropathischer Schmerzen
Die Therapie neuropathischer Schmerzen im orofazialen Bereich richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache und dem individuellen Schmerzbild des Patienten.
Allgemeine Therapieansätze:
- Medikamentöse Therapie:
- Antikonvulsiva (z.B. Carbamazepin, Gabapentin, Pregabalin): Diese Medikamente werden häufig zur Behandlung von Trigeminusneuralgie eingesetzt, da sie die Nervenaktivität reduzieren und so die Schmerzübertragung hemmen können.
- Trizyklische Antidepressiva (z.B. Amitriptylin, Nortriptylin): Diese Medikamente können bei chronischen neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden, da sie schmerzlindernde und stimmungsaufhellende Eigenschaften haben.
- Schmerzmittel (z.B. Opioide, Tramadol): Diese Medikamente sollten nur in Ausnahmefällen und unter strenger ärztlicher Kontrolle eingesetzt werden, da sie ein hohes Suchtpotential haben und langfristig die Schmerzwahrnehmung verändern können.
- Physiotherapie: Physiotherapeutische Maßnahmen können helfen, Verspannungen der Kaumuskulatur zu lösen, die Beweglichkeit des Kiefergelenks zu verbessern und die Schmerzwahrnehmung positiv zu beeinflussen.
- Psychotherapie: Psychotherapeutische Verfahren wie kognitive Verhaltenstherapie oder Stressbewältigungstechniken können helfen, den Umgang mit dem chronischen Schmerz zu erlernen und die Lebensqualität zu verbessern.
- Alternative Behandlungsmethoden: Einige Patienten profitieren von alternativen Behandlungsmethoden wie Akupunktur, Neuraltherapie oder Homöopathie. Die Wirksamkeit dieser Methoden ist jedoch wissenschaftlich nicht ausreichend belegt.
- Operation: Bei einigen Formen der Trigeminusneuralgie kann eine Operation (z.B. Operation nach Jannetta, Thermokoagulation, Ballonkompression, Gammaknifebehandlung) in Erwägung gezogen werden, um den Druck auf den Trigeminusnerv zu reduzieren oder die Nervenaktivität zu unterdrücken.
Hausmittel und Selbsthilfemaßnahmen
Ergänzend zu den ärztlichen Behandlungen können Betroffene auch selbst einiges tun, um ihre Beschwerden zu lindern:
- Wärme- oder Kälteanwendungen: Je nach Bedarf können Wärme- oder Kälteanwendungen im Gesichtsbereich schmerzlindernd wirken.
- Entspannungsübungen: Entspannungsübungen wie progressive Muskelrelaxation nach Jacobson oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen und die Schmerzwahrnehmung zu reduzieren.
- Regelmäßige Bewegung: Ausdauersportarten wie Walking, Joggen oder Schwimmen können die Durchblutung fördern und die Schmerzwahrnehmung positiv beeinflussen.
- Vermeidung von Triggerfaktoren: Betroffene sollten versuchen, Triggerfaktoren, die Schmerzattacken auslösen können (z.B. Kälte, Zugluft, bestimmte Bewegungen), zu vermeiden.
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten kann die Immunabwehr stärken und Entzündungen im Körper reduzieren.
- Unterstützung suchen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen oder Online-Foren kann helfen, sich mit der Erkrankung auseinanderzusetzen und neue Strategien zur Schmerzlinderung zu finden.