Nitrofurantoin und das Risiko von Polyneuropathie

Harnwegsinfektionen (HWI) sind eine häufige Erkrankung, die von ständigem Harndrang und Schmerzen beim Wasserlassen begleitet wird. Nitrofurantoin, ein Antibiotikum mit breitem Wirkspektrum, wird häufig zur Behandlung dieser Infektionen eingesetzt. Obwohl es im Allgemeinen als wirksam gilt, ist es wichtig, sich des potenziellen Risikos einer Polyneuropathie im Zusammenhang mit der Anwendung von Nitrofurantoin bewusst zu sein. Dieser Artikel beleuchtet die Verwendung von Nitrofurantoin, die damit verbundenen Risiken und die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen.

Was ist Nitrofurantoin?

Nitrofurantoin ist ein Prodrug aus der Gruppe der Nitrofuran-Antibiotika. Es wird in Bakterien durch Nitroreduktasen zu reaktiven Metaboliten reduziert. Diese Metaboliten bilden Addukte mit der Erreger-DNA und hemmen zahlreiche bakterielle Stoffwechselaktivitäten durch Elektronenentzug. Nitrofurantoin wirkt bakteriostatisch bis bakterizid und erreicht in der Blase eine hohe Konzentration. Es bekämpft erfolgreich Erreger wie Enterokokken, Staphylokokken, Escherichia coli oder andere Enterobakterien, die für Harnwegsinfekte typisch sind. Das Risiko für Resistenzbildungen gilt als relativ niedrig, da die Angriffspunkte des Wirkstoffs so vielfältig sind.

Anwendungsgebiete von Nitrofurantoin

Nitrofurantoin wird exklusiv zur Behandlung und Prävention von HWI eingesetzt, vor allem zur Akuttherapie von unkomplizierten HWI. Weitere Einsatzgebiete sind die Suppressivtherapie von chronisch-obstruktiven HWI bei Patienten, bei denen der Abfluss der Harnwege behindert ist, sowie die Langzeitprävention bei wiederkehrenden HWI. In beiden Fällen ist Nitrofurantoin jedoch erst indiziert, wenn risikoärmere Antibiotika nicht einsetzbar sind.

Dosierung und Anwendung

Bei der Akuttherapie von unkomplizierten HWI beträgt die übliche Dosis 5 mg pro kg Körpergewicht pro Tag über 5 bis 7 Tage (maximal). Das entspricht bei Erwachsenen 300 bis 400 mg Nitrofurantoin pro Tag, aufgeteilt in drei bis vier Einzelgaben. Zur Suppressivtherapie chronisch-obstruktiver HWI sind Tagesdosen von 2 bis 3 mg/kg KG/d üblich, entsprechend 100 bis 200 mg pro Tag bei Erwachsenen, aufgeteilt in ein bis drei Einzeldosen. Bei der Rezidivtherapie beträgt die Dosis 1,2 mg/kg KG/Tag (Erwachsene 100 mg/d) abends nach dem letzten Wasserlassen, bis zu 6 Monaten.

Nitrofurantoin sollte während oder nach einer Mahlzeit mit etwas Flüssigkeit eingenommen werden. Es ist wichtig, die Anwendungsdauer einzuhalten und die Dosis nicht ohne ärztliche Anweisung zu verändern.

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Pharmakokinetik

Nach oraler Einnahme wird Nitrofurantoin rasch und nahezu vollständig resorbiert. Maximale Urinkonzentrationen werden 4 bis 5 Stunden nach oraler Einnahme von 100 mg Nitrofurantoin erreicht. Die Verwendung von makrokristallinem Nitrofurantoin verzögert die Resorption und verhindert so hohe Initialkonzentrationen im Serum, wodurch ZNS-Nebenwirkungen abnehmen. Die Konzentration im Urin beträgt bei normaler Nierenfunktion 50 bis 250 μg/ml.

Nitrofurantoin wird in alle Gewebe und Körperflüssigkeiten, auch Muttermilch und Plazenta, verteilt. Die Serum- und Gewebespiegel sind gering und liegen unter der minimalen Hemmkonzentration. Dies ist im Wesentlichen durch eine enzymatische Inaktivierung in diesen Kompartimenten bedingt. Antibakteriell wirksame Konzentrationen werden nur im Urin erreicht. Der Anteil der aktiven Substanz beträgt 35 bis 45 Prozent im Urin, der von inaktiven Metaboliten 45 bis 50 Prozent.

Nitrofurantoin wird sehr rasch aus dem Körper eliminiert. Bei normaler Nierenfunktion liegt die Eliminationshalbwertszeit aus dem Plasma zwischen 20 und 90 Minuten. Die Ausscheidung erfolgt zum größten Teil renal. 20 Prozent der aktiven Substanz werden durch glomeruläre Filtration und ca. 80 Prozent durch tubuläre Sekretion eliminiert. Bei Nierenfunktionsstörungen sinkt die Ausscheidung von Nitrofurantoin, so dass im Urin unter Umständen keine bakteriostatischen Konzentrationen erzielt werden können.

Kontraindikationen

Nitrofurantoin darf nicht eingenommen werden bei:

  • Überempfindlichkeit gegen Nitrofurantoin und andere Nitrofurane
  • Beeinträchtigung der Nierenfunktion (eGFR unter 45 ml/min)
  • Oligurie oder Anurie
  • Pathologische Leberenzymwerte
  • Mangel an Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase (Symptom: hämolytische Anämie)
  • Polyneuropathien
  • Schwangere im letzten Trimenon
  • Frühgeborene und Säuglinge bis zum 3. Lebensmonat

Nebenwirkungen von Nitrofurantoin

Nitrofurantoin kann verschiedene Nebenwirkungen verursachen, darunter:

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  • Sehr häufig: Schwindel, Ataxie, Nystagmus, allergische Reaktionen (Arzneimittelfieber, Pruritus, urtikarielle Hautveränderungen, angioneurotisches Ödem)
  • Häufig: Kopfschmerzen (besonders zu Therapiebeginn), Lungenreaktionen (allergisches Lungenödem, interstitielle Pneumonie, Pleuritis, Atemnot, Husten und Brustkorbschmerz), gastrointestinale Beschwerden (Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen)
  • Gelegentlich: Leberreaktionen (reversible Cholestase bis zur chronisch aktiven oder granulomatösen Hepatitis, Anstieg der Transaminasen)
  • Selten: Verwirrtheit, Depression, Euphorie und psychotische Reaktionen, Diarrhoe
  • Sehr selten: Blutbildveränderungen (z.B. Eosinophilie, Thrombozytopenie, Agranulozytose und Neutropenie, Panzytopenie, akute hämolytische Anämie), Autoimmunreaktionen (sog. Lupus-ähnliche Syndrome), anaphylaktischer Schock, periphere Polyneuropathien (inkl. optische Neuritis) mit den Symptomen Parästhesie und Sensibilitätsminderung, Lungenfibrose, Asthmaanfälle, Pankreatitis infolge Reexposition, Parotitis, Stevens-Johnson-Syndrom, Lyell-Syndrom, transitorische Alopezie, Kristallurie, reversible Hemmung der Spermatogenese

Nitrofurantoin und Polyneuropathie

Eine der schwerwiegendsten Nebenwirkungen von Nitrofurantoin ist die periphere Polyneuropathie. Dies ist eine Schädigung der peripheren Nerven, die zu Symptomen wie Schmerzen, Brennen, Kribbeln, Taubheit und Schwäche in den Extremitäten führen kann. In seltenen Fällen kann eine Polyneuropathie irreversibel sein.

Das Risiko einer Polyneuropathie ist bei Patienten mit Risikofaktoren wie Niereninsuffizienz, Anämie, Diabetes mellitus, Elektrolyt-Ungleichgewichten und Vitamin B-Mangel erhöht.

Symptome einer Polyneuropathie:

  • Pelzigkeitsgefühl, Engegefühl (Manschetten)
  • Gefühl auf Watte zu laufen
  • Überempfindlichkeit auf Reize (Temperatur, Berührung, Schmerz)
  • Schwindelgefühl beim Laufen, unsicheres Gangbild
  • Auftreten verstärkt in Ruhe oder auch nachts
  • Zunahme der Gangunsicherheit im Dunkeln
  • Muskelkrämpfe (Crampi) - häufig nachts in Ruhe
  • Erektionsstörungen? Blasenentleerungsstörungen? Orthostatische Dysregulation?
  • Hypästhesie (oder auch Pelzigkeitsgefühl ohne Taubheit)
  • Parästhesien (Kribbeln, Ameisenlaufen, Brennen, Stechen)
  • Pallhyp- oder Anästhsie
  • Graph- oder Anästhesie auf Fußrücken (im Verlauf auch der Fingerspitzen)
  • Hyperalgesie (im Verlauf Hyp- oder Analgesie)
  • Thermhyp- oder Anästhesie
  • Gemindertes Spitz-Stumpf Empfinden
  • Lageempfinden beeinträchtigt
  • 2-Punkte Diskrimination reduziert
  • Meist symmetrische Paresen vorwiegend der kleinen Fußmuskeln
  • Hackenstand erschwert
  • Auch proximale Muskulatur kann betroffen sein
  • Atropien der Muskulatur (M. extensor digitorum brevis häufig betroffen)
  • Gangunsicherheit
  • Ataxie
  • Einbeinstand erschwert (z.B. Sensibilität)

Diagnostik bei Verdacht auf Polyneuropathie:

  • Anamnese
  • Differenzierte Sensibilitätsprüfung (Siehe Symptome) inklusive Lageempfinden
  • Muskelfunktionsprüfung
  • Inspektion
  • Muskeleigenreflexe
  • Autonome Funktionsstörung
  • Elektrophysiologische Diagnostik (Nervenleitungsgeschwindigkeitsmessung, Elektromyograpgie, Evozierte Potentiale)
  • Herzfrequenzvarianzanalyse
  • Sympathischer Hautreflex
  • Quantitativ sensorische Testung (QST)
  • Laboruntersuchungen (ggf. Liquordiagnostik, 24h Urin, Muskel- und Nervenbiopsie)

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Nitrofurantoin kann Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten haben. Daher ist es wichtig, den Arzt über alle eingenommenen Medikamente zu informieren.

  • Antazida: Antazida mit Aluminium- oder Magnesiumsalzen verringern die Resorption von Nitrofurantoin. Sie sollten nicht innerhalb von zwei Stunden vor oder nach der Einnahme des Antibiotikums eingenommen werden.
  • Metoclopramid: Metoclopramid vermindert ebenfalls die Resorption von Nitrofurantoin.
  • Atropin: Atropin verzögert die Resorption, erhöht jedoch gleichzeitig die Bioverfügbarkeit.
  • Chinolone: In vitro antagonisiert Nitrofurantoin die Wirksamkeit von Chinolonen. Eine gleichzeitige Gabe sollte vermieden werden.
  • Phenytoin: Nitrofurantoin senkt möglicherweise den Serumspiegel von Phenytoin, weshalb eine Überwachung notwendig ist.
  • Clozapin und Deferipron: Clozapin und das Eisenantidot Deferipron erhöhen das Risiko einer Agranulozytose.
  • Orale Kontrazeptiva: Nitrofurantoin kann zu Erbrechen und Durchfall führen, wodurch die Wirksamkeit oraler Kontrazeptiva beeinträchtigt werden kann.

Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen

Vor der Verordnung von Nitrofurantoin sollten Nieren- und Leberfunktion überprüft werden, da bei Störungen dieser Funktionen mit erheblichen Nebenwirkungen zu rechnen ist. Unter der Therapie mit Nitrofurantoin sind Kontrollen von Blutbild, Leber- und Nierenwerten notwendig.

Beim Auftreten von Lungenreaktionen wie Atemnot, Husten, Lungeninfiltrationen und Fieber ist die Therapie sofort abzubrechen und entsprechende Maßnahmen sind einzuleiten. Eine Behandlung mit Kortikosteroiden wird empfohlen. Es darf kein Reexpositionsversuch durchgeführt werden.

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Die Behandlung mit Nitrofurantoin sollte bei Patienten, die Neuropathiesymptome entwickeln, sofort abgebrochen werden, um der Entwicklung einer irreversiblen Schädigung vorzubeugen.

Beim Auftreten von schweren Hautreaktionen (Erythema multiforme, Stevens-Johnson-Syndrom, toxische epidermale Nekrolyse) ist die Therapie sofort abzubrechen, und es darf kein Reexpositionsversuch durchgeführt werden.

Nitrofurantoin in Schwangerschaft und Stillzeit

Schwangere und Stillende dürfen Nitrofurantoin nur einnehmen, wenn es absolut notwendig ist und es keine bessere Alternative gibt. Das Stillen ist während der Behandlung zu unterbrechen. Unter keinen Umständen dürfen (werdende) Mütter Nitrofurantoin im letzten Schwangerschaftsdrittel anwenden oder in der Stillzeit, wenn das Neugeborene unter einem G6PD-Mangel leidet oder der Verdacht besteht. In diesen Fällen ist das Risiko für eine hämolytische Anämie beim Kind erhöht.

Alternative Antibiotika und weitere Ursachen einer Polyneuropathie

Es gibt neben Nitrofurantoin auch andere Antibiotika, welche eine Polyneuropathie begünstigen bzw. auslösen können. Hierzu zählen neben Fluorchinolonen auch Linezolid, Metronidazol und Dapson. Eine Polyneuropathie kann bereits nach einer einmaligen Gabe bzw. nach längeren Gaben auftreten. Zudem sind die Dosierungen und auch die Länge der Einnahme entscheidend. Bei Einnahme der Antibiotika kann es passieren, dass teilweise irreversible Nervenschäden auftreten.

Neben Medikamenten können auch andere Faktoren eine Polyneuropathie verursachen. Dazu gehören:

  • Metabolische Ursachen (Diabetes mellitus, Hepatopathie, Urämie, Hypothyreose, Hyperurikämie)
  • Alkoholabusus
  • Vaskulitiden
  • Kollagenosen
  • Vitamin B12 Mangel
  • Paraneoplastisch
  • Critical-illness-PNP
  • Hereditäre Polyneuropathien (HMSN)
  • Toxische Ursachen (Arsen, Blei, Thallium, Quecksilber)
  • Nutritiv-toxisch: Alkohol
  • Infektiös (Borreliose, CMV, HIV, Hepatitis, FSME, Masern, Mononukleose, Mykoplasmen)
  • Autoimmunerkrankungen wie Guillain-Barré-Syndrom, Sjögren-Syndrom, Zöliakie, rheumatoide Arthritis oder systemischer Lupus erythematodes
  • Chronische Nierenerkrankungen
  • Ernährungsdefizite (Mangel an den Vitaminen B1, B12 und E oder ein Überschuss an Vitamin B6)

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