Yuval Noah Harari und der Mythos vom "Noah ohne Gehirn": Eine kritische Auseinandersetzung

Yuval Noah Harari, ein gefeierter Historiker und Bestsellerautor, hat mit seinen Werken wie "Eine kurze Geschichte der Menschheit" und "Homo Deus" eine breite Leserschaft erreicht und gilt als einflussreicher Intellektueller unserer Zeit. Seine Bücher werfen zentrale Fragen nach der Zukunft der Menschheit im Zeitalter rasanter technologischer Entwicklungen auf. Kritiker bemängeln jedoch, dass Harari in seinen Zukunftsszenarien Technik überbewertet, ein reduktionistisches Menschenbild propagiert und seine Geschichte als unausweichlich darstellt.

Hararis Thesen im Überblick

In "Homo Deus" entwirft Harari eine Zukunft, in der die Menschheit dank Technologie Krieg, Hunger und Krankheiten überwunden hat und sich auf dem Weg zu "Übermenschen" befindet. Er argumentiert, dass Algorithmen und künstliche Intelligenz (KI) uns in vielerlei Hinsicht überlegen sein werden und dass die Verschmelzung von Biotechnologie und KI eine neue Form des Menschen hervorbringen könnte.

Kritik an Hararis Technikgläubigkeit

Wissenschaftler werfen Harari vor, die Möglichkeiten der Technik zu überschätzen und die Komplexität der menschlichen Natur zu unterschätzen. So glaubt Harari, dass Algorithmen auf magische Weise dorthin gelangen werden, wo kein Mensch je war und auch nicht folgen kann. Kritiker merken jedoch an, dass Algorithmen zwar Verhaltensweisen zeigen können, die für uns unverständlich sind, dies aber nicht zwangsläufig positiv ist.

Harari argumentiert auch, dass wir durch die Preisgabe unserer biometrischen Daten an Unternehmen wie Google allwissende Gesundheitsdienste erhalten würden. Kritiker entgegnen, dass ein allwissender Gesundheitsdienst noch lange keine Gesundheit bedeutet und dass Maschinen zwar Informationen haben, aber kein Wissen.

Das reduktionistische Menschenbild

Ein weiterer Kritikpunkt an Hararis Werk ist sein reduktionistisches Menschenbild. Harari vergleicht Menschen mit Schweinen, Schimpansen oder Wölfen und argumentiert, dass unsere Entscheidungen lediglich eine Kettenreaktion biochemischer Ereignisse sind, die wie ein Computeralgorithmus durch ein vorangegangenes Ereignis bestimmt werden.

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Dieser Vergleich des Menschen mit einem Algorithmus wird von Wissenschaftlern als fachlich entkräftet angesehen. Der Begriff "Information" hat in den Computerwissenschaften eine andere Bedeutung als in der Anthropologie, wo es um Erfahrungsgehalte und Bedeutung geht. Menschen sind aus Gehirn und Körper zusammengesetzte leibliche Einheiten, bei denen geistige Prozesse den Körper kontinuierlich verändern.

Harari zufolge ist das "Ich" eine erfundene Geschichte, unser menschliches Handeln voller Lügen und Lücken und die Vorstellung, dass Menschen Individuen sind, eine fragwürdige liberale Überzeugung. Kritiker bemängeln, dass Harari hier fundamentale Aspekte des Menschseins entsorgt und eine platte transhumanistische Geschichte präsentiert, von der vor allem die IT-Industrie profitiert.

Die angebliche Unausweichlichkeit der Entwicklung

Harari stellt seine Zukunftsgeschichte als unausweichlich dar, obwohl er als Historiker wissen müsste, dass Geschichte nie streng kausal verläuft und es oft anders kommt als gedacht. Er beschreibt Technologie als gottgleich und als die nächste Stufe der Evolution, die den Menschen überholt. Kritiker bemängeln, dass Harari diese Aussagen nicht infrage stellt und keine möglichen Alternativen formuliert.

Hararis Neutralität und die Frage der Verantwortung

Betrachtet man Hararis emotionale Haltung zu seinen beschriebenen Inhalten, stellt man fest, dass er sich größtenteils neutral gegenüberstellt. Kritiker bemängeln jedoch, dass es diese emotionale Neutralität ist, die dazu führt, dass man am Ende nicht weiß, wo Harari eigentlich selbst steht. Wer sich zu Menschenverachtung neutral verhalte, sei "böse", so banal das klingen mag.

Harari will Technik gar nicht hinterfragen, um "uns in die Lage zu versetzen, weit fantasievoller als bisher über unsere Zukunft nachzudenken". Stattdessen präsentiert er eine platte transhumanistische Geschichte, an der genau die IT-Industrie reich wird, die ihn wohl zum Star gemacht hat.

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Noah Wall: Ein Gegenbeispiel

Die Geschichte von Noah Wall, einem Jungen, der mit nur 2% seines Gehirns geboren wurde und sich dennoch zu einem fast normalen Jungen entwickelte, zeigt, dass das Gehirnwachstum kein Mythos ist und dass die menschliche Entwicklung nicht so determiniert ist, wie Harari es darstellt. Noahs Fall ist ein Beispiel dafür, dass einige Grenzen nur im Kopf existieren und dass Glaube, Anstrengung und Ausdauer viel bewirken können.

Die Bedeutung von Mythen und Erzählungen

Harari argumentiert, dass der Glaube an gemeinsame Mythen und Erzählungen den Menschen über das Tier erhebt. Er sieht Religionen und Ideologien als Konstrukte, die uns in großen Gruppen zusammenarbeiten lassen. Kritiker merken jedoch an, dass Harari Religionen auf ihre Funktion reduziert und dabei die Frage nach der Wahrheit außer Acht lässt.

Auch säkulare Menschen wählen ein Narrativ aus und weisen damit andere Narrative ab. Harari hat sich entschieden, die Geschichte der Menschheit aus geschichtswissenschaftlicher Sicht zu erzählen und nicht aus religionswissenschaftlicher Perspektive. Er benennt nicht, aus welchen Gründen er religiöse Narrative nicht mehr für eine Diskussion als würdig erachtet, sondern er tut solche Narrative schlichtweg als veraltet ab.

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