Die Ohrakupunktur, auch bekannt als Aurikulotherapie, ist eine spezielle Form der Akupunktur, bei der Akupunkturpunkte auf der Ohrmuschel stimuliert werden, um therapeutische Effekte im gesamten Körper zu erzielen. Diese Methode basiert auf der Vorstellung, dass das Ohr eine Mikrodarstellung des gesamten Körpers darstellt.
Historischer Hintergrund der Akupunktur
Die Akupunktur hat ihre Wurzeln in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) und blickt auf eine jahrtausendealte Geschichte in Asien zurück. Archäologische Funde in China belegen die Verwendung von steinernen Nadelvorläufern bereits um 1700 v. Chr. Im Laufe der Zeit entwickelten sich diese Werkzeuge weiter, und es kamen Knochen- oder Bambusstäbe zum Einsatz. Die unterschiedlichen Dynastien Chinas prägten die Wirkweisen der TCM, wobei frühe medizinische Aufzeichnungen zur Gynäkologie bis in die Shang-Dynastie (1500-1000 v. Chr.) zurückreichen.
Wichtige Erkenntnisse für die Geburtshilfe umfassen die hormonellen Veränderungen der Frau in 7-Jahres-Intervallen, Behandlungen für "Erkrankungen unterhalb der Gürtellinie" und die Identifizierung von Schwangerschaft oder Abort anhand der Pulsqualität am Unterarm (Mai Jing, 280). Während der Han-Dynastie (206 v. Chr.-220 n. Chr.) wurden vermehrt Kräuter und Rezepturen in der Geburtshilfe eingesetzt.
Grundlagen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)
Die TCM basiert auf mehreren philosophischen Konzepten, darunter Yin und Yang, die Lehre der fünf Elemente und das Konzept des Qi.
Yin und Yang
Yin und Yang sind komplementäre Gegensätze, die in einem dynamischen Gleichgewicht stehen. Yin symbolisiert Struktur, Schwäche, Kälte, das Körperinnere, das Weibliche, Nacht und Schlaf, während Yang das dynamische, starke, nach außen gerichtete und männliche Element repräsentiert. Gesundheit wird als ein harmonisches Verhältnis von Yin und Yang betrachtet, während Ungleichgewicht zu Disharmonie und Krankheit führt.
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Das Konzept des Qi
Das Qi ist eine "Lebensenergie", die Befinden, Tatkraft, Organfunktion und Charakter beeinflusst. Im Körper fließt das Qi durch Kanäle, die Meridiane genannt werden. Störungen des Qi-Flusses können durch Mangel (Yin-Zustand), Überfülle (Yang-Zustand) oder Blockaden entstehen, die sowohl durch äußere klimatische Faktoren als auch durch innere emotionale Faktoren verursacht werden können.
Die Fünf Elemente
Das System der fünf Elemente (Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser) dient dazu, periodische Abläufe besser einzuordnen. Jedes Element ist mit bestimmten Organen, Eigenschaften und pathologischen Faktoren verbunden. Beispielsweise sind dem Element Feuer das Herz und der Dünndarm zugeordnet, die durch Hitze (äußerer Faktor) und Aufregung (emotionaler Faktor) geschädigt werden können.
Diagnostik in der TCM und Akupunktur
Vor Beginn einer Akupunkturbehandlung ist eine ausführliche Anamnese von entscheidender Bedeutung. Dabei werden sowohl körperliche Symptome als auch der psychische Zustand des Patienten berücksichtigt. Die Beobachtung des Patienten umfasst Körperbau, Haltung, Hautkolorit, Ausdruck und mentalen Zustand. Die Zungendiagnostik spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, wobei die Zunge in verschiedene Areale unterteilt wird, die den einzelnen Organen zugeordnet sind. Größe, Feuchtigkeit und Belag der Zunge werden bewertet.
Die Ohrakupunktur nach Nogier
Der französische Arzt Paul Nogier gilt als Begründer der modernen Ohrakupunktur. Er entdeckte, dass alle Organe des Körpers als Reflexzonen am Ohr repräsentiert sind. Aktive Ohrpunkte, die auf eine Pathologie am Körper hinweisen, zeigen einen erniedrigten Hautwiderstand und eine verstärkte Druckempfindlichkeit.
Auffinden der Ohrpunkte
Die Akupunkturpunkte am Ohr können durch einen veränderten Hautwiderstand (Impedanzwandlung) mittels Suchgerät oder durch den RAC (Reflex-auriculo-cardiale) der Pulstastung identifiziert werden. Jedes Organ, jeder Wirbel, jedes Gelenk und jede Körperstelle hat einen korrespondierenden Punkt am Ohr. Zusätzlich gibt es psychische und funktionelle Punkte.
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Techniken der Ohrakupunktur
Es gibt verschiedene Techniken, um die Akupunkturpunkte am Ohr zu stimulieren:
- Akupressur: Der Punkt wird manuell mit dem Finger gedrückt und leicht massiert.
- Klassische Akupunktur: Die Punkte werden mit Nadeln aus Stahl, Gold oder Silber gestochen.
- Elektroakupunktur: An die Nadel wird Wechselstrom angelegt, um eine zusätzliche Stimulation zu ermöglichen.
- Moxibustion: Auf die Akupunkturnadel wird eine Kugel mit glimmendem Beifußkraut aufgespießt, oder ein Moxakegel wird direkt auf die Haut aufgeklebt, um dem Körper Energie und Wärme zuzuführen.
- Laser-Akupunktur: Mit Laserlicht wird fotoelektrische Energie in den Akupunkturpunkt eingeschleust.
- Schröpfen: Erhitzte Glaskugeln werden über dem Akupunkturpunkt aufgesetzt.
- Injektionsakupunktur: Ein Medikament wird in einen Akupunkturpunkt injiziert.
Wirkmechanismen der Akupunktur
Die Wirkmechanismen der Akupunktur sind vielfältig und basieren auf neuralen und neurohumoralen Erklärungen.
Neurale Mechanismen
- Gate-Control-Theorie: Die Stimulation von Akupunkturpunkten aktiviert periphere sensible Nerven, die segmental im Rückenmark mit der Innervation innerer Organe verschaltet sind. Dies führt zur Ausschüttung von Endorphinen und Dynorphinen, die die Schmerzweiterleitung blockieren.
- Deszendierende Hemmung: Über den Tractus anterolateralis werden das Mittelhirn und der Hypothalamus stimuliert, was zur Ausschüttung von Enkephalinen und Endorphinen führt, die die Schmerzweiterleitung auf verschiedenen Ebenen des Nervensystems hemmen.
- Sympathikuswirkung: Akupunktur kann das vegetative Nervensystem beeinflussen und zu einer Modulation der Sympathikusaktivität führen.
- Segmentwirkung: Die Stimulation von Akupunkturpunkten kann segmentale Reflexbögen aktivieren und so die Funktion innerer Organe beeinflussen.
Neurohumorale Mechanismen
- Serotonin und Endorphine: Akupunktur führt zur Ausschüttung von Serotonin und Endorphinen, die eine schmerzlindernde und stimmungsaufhellende Wirkung haben.
Funktionelle MRT-Untersuchungen am Gehirn bestätigen die Effekte der Akupunktur.
Indikationen und Kontraindikationen
Die Ohrakupunktur wird bei einer Vielzahl von Beschwerden eingesetzt, darunter:
- Schmerzen (z. B. Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen)
- Allergien
- Suchtbehandlung (z. B. Raucherentwöhnung)
- Psychische Erkrankungen (z. B. Angstzustände, Depressionen)
- Verdauungsbeschwerden
- Gynäkologische Beschwerden
Es gibt nur wenige absolute Kontraindikationen für die Ohrakupunktur. Vorsicht ist geboten bei:
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- Schwangerschaft (insbesondere bei bestimmten Punkten)
- Blutgerinnungsstörungen
- Hauterkrankungen im Bereich der Ohrmuschel
- Patienten mit Herzschrittmachern (Elektroakupunktur)
Sicherheit der Akupunktur
Die Akupunktur gilt allgemein als sichere Behandlungsmethode. Die meisten Studien verzeichnen keine oder nur geringe Nebenwirkungen. Zu den häufigsten unerwünschten Ereignissen gehören Blutungen, Hämatome, Nadelschmerzen, Benommenheit und Übelkeit. In seltenen Fällen kann es zu einem Kreislaufkollaps oder einer Verletzung von Organen kommen.
Spezifische Ohrakupunkturpunkte und ihre Anwendungen
Im Folgenden werden einige spezifische Akupunkturpunkte am Ohr und ihre potenziellen Anwendungen aufgeführt:
- Shen Men: Beruhigend, angstlösend, schmerzlindernd
- Punkt Null: Ausgleichend, harmonisierend
- ** vegetative Punkt:** Reguliert das vegetative Nervensystem
- Gehirn: Fördert die Konzentration, verbessert das Gedächtnis
Es ist wichtig zu beachten, dass die Auswahl der Akupunkturpunkte individuell auf den Patienten und seine Beschwerden abgestimmt werden muss.
Akupunkturpunkte am Körper (Auswahl)
Neben den Ohrakupunkturpunkten gibt es auch zahlreiche Akupunkturpunkte am Körper, die in der TCM verwendet werden. Hier eine Auswahl:
- LI-4 (Hegu): Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, Verstopfung
- LI-11 (Quchi): Verdauungsbeschwerden, Fieber, Hautausschlag
- LV-3 (Taichong): Kopfschmerzen, Schmerzen und Spannung in Brust und Flanken
- SP-6 (Sanyinjiao): Menstruationsbeschwerden, Schlafstörungen
- ST-36 (Zusanli): Verdauungsbeschwerden, Müdigkeit, Immunschwäche
- KD-1 (Yongquan): Kopfschmerzen, Schwindel, Nasenbluten
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