Bei Menschen mit orthostatischer Hypotonie fällt der Blutdruck plötzlich ab, wenn sie aus einer liegenden oder sitzenden Position aufstehen. Dies kann zu Schwindel, Schwächegefühlen und Ohnmacht führen. Insbesondere bei Parkinson-Patienten kann diese Form der Blutdruckregulation eine zusätzliche Herausforderung darstellen.
Was ist orthostatische Hypotonie?
Die orthostatische Hypotonie ist eine spezifische Form des niedrigen Blutdrucks (Hypotonie), bei der kurz nach dem Aufstehen aus dem Liegen oder Sitzen ein starker Blutdruckabfall auftritt. Fällt der Blutdruck beim Aufstehen ab, kommt es typischerweise zu Schwindel, Sehstörungen und Benommenheit, manchmal sogar zu einer Ohnmacht. Hinsetzen oder Hinlegen lindert diese Beschwerden rasch und beugt einem Verlust des Bewusstseins vor. Ein Blutdruckabfall beim Aufstehen kann einmalig oder immer wieder auftreten, also chronisch sein. Meist betrifft die orthostatische Hypotonie Menschen über 65 Jahre. Diese haben häufiger mehrere Erkrankungen und nehmen viele verschiedene Medikamente ein. Dann kann der Blutdruckabfall eine Nebenwirkung sein. Manchmal führen auch bestimmte Vorerkrankungen zu dieser Form des niedrigen Blutdrucks. Häufig helfen einfache Maßnahmen, um den Schwindel und andere Symptome zu lindern.
Symptome der orthostatischen Hypotonie
Die Symptome einer orthostatischen Hypotonie können vielfältig sein und variieren von leichten Beschwerden bis hin zu schweren Ohnmachtsanfällen. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Schwindel
- Benommenheit
- Sehstörungen (z. B. Schwarzwerden vor Augen)
- Schwächegefühl
- Müdigkeit
- Konzentrationsprobleme
- Ohnmacht (Synkope)
Diese Symptome treten typischerweise beim Aufstehen oder kurz danach auf und bessern sich durch Hinsetzen oder Hinlegen.
Ursachen der orthostatischen Hypotonie bei Parkinson
Die orthostatische Hypotonie kann verschiedene Ursachen haben. Bei Parkinson-Patienten spielen jedoch einige spezifische Faktoren eine Rolle:
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- Parkinson-Krankheit selbst: Die Parkinson-Krankheit kann die automatische Gegenregulation des Kreislaufsystems stören, was zu einem Blutdruckabfall beim Aufstehen führen kann. Die orthostatische Dysregulation ist Ausdruck einer autonomen kardiovaskulären Störung. Die Synkope ist demnach als nicht-motorisches Symptom des Morbus Parkinson zu werten.
- Medikamente: Alle Medikamente, die zur Behandlung der Parkinson-Krankheit eingesetzt werden, können theoretisch zu Kreislaufproblemen führen. Tendenziell treten Kreislaufprobleme bei Präparaten aus der Gruppe der Dopaminagonisten (dazu zählen die Wirkstoffe Pramipexol, Ropinirol, Piribedil, Rotigotin und Apomorphin) häufiger auf bei Medikamenten mit dem Wirkstoff L-Dopa (auch Levodopa). Viele Menschen nehmen blutdrucksenkende Medikamente ein. Häufig wird die Dosierung dieser Tabletten nicht reduziert, wenn nach der Diagnose einer Parkinson-Krankheit auch Medikamente zur Parkinson-Behandlung begonnen werden.
- Weitere Risikofaktoren: Dehydratation, Anämie, Infekte, Herzrhythmusstörungen, antihypertensive Begleitmedikation, Diabetes-Neuropathie, Sehstörungen oder zervikale Ursachen können Schwindel verschärfen.
Diagnose der orthostatischen Hypotonie
Die Diagnose einer orthostatischen Hypotonie kann in der Regel einfach gestellt werden. Die hausärztliche Praxis ist zunächst die richtige Anlaufstelle bei Anzeichen einer orthostatischen Hypotonie. Die Ärztin oder der Arzt fragt nach typischen Symptomen und der Krankengeschichte. In der Regel folgt die Messung von Blutdruck und Puls in liegender und sitzender Position sowie kurz nach dem Aufstehen und etwa eine Minute danach. Zusätzlich können spezialisierte Ärztinnen und Ärzte eine Kipptischuntersuchung machen: Dabei wird der Blutdruck unter kontrollierten Bedingungen ermittelt. Für die Untersuchung legt sich die Patientin oder der Patient auf einen speziellen Tisch und wird angeschnallt. Der Untersuchungstisch lässt sich langsam kippen, bis die Person steht.
Insbesondere wenn eines der oben genannten Symptome auftritt oder man sich auch scheinbar grundlos „nicht wohl fühlt“, ergibt eine Messung von Blutdruck und Puls Sinn. Die Werte sollten gut dokumentiert werden und mit den behandelnden Ärzt:innen besprochen werden. Falls erforderlich, kann zur weiteren Sicherung der Diagnose ein „Schellong-Test“ durchgeführt werden.
Beim Schellong-Test werden Blutdruck und Puls nach zehnminütiger Ruhephase zunächst im Liegen gemessen. Anschließend werden die Messungen nach Wechsel in die stehende Position minütlich für mindestens drei Minuten wiederholt. Wenn es hierbei zu einem Absinken des 1. Wertes um mindestens 20 Punkte oder des 2. Wertes um mindestens 10 Punkte kommt, spricht man von einer orthostatischen Hypotonie.
Behandlung der orthostatischen Hypotonie
Die Behandlung der orthostatischen Hypotonie zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und das Risiko von Stürzen und Ohnmachtsanfällen zu reduzieren. Die Behandlung umfasst in der Regel eine Kombination aus nicht-medikamentösen Maßnahmen und Medikamenten.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Oft lassen sich Kreislaufprobleme schon durch kleine Veränderungen im Alltag bessern. Die folgenden Vorschläge können gleichzeitig und auch vorbeugend eingesetzt werden:
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- Langsames Aufstehen: Stehen Sie langsam aus dem Liegen oder Sitzen auf.
- Trinken, Trinken, Trinken: Ausreichend viel zu trinken ist die Basis eines gut funktionierenden Kreislaufsystems. Sofern keine anderen Erkrankungen vorliegen, die dagegensprechen (etwa eine ausgeprägte Herzschwäche oder schwerwiegende Störungen der Nierenfunktion) sollte die tägliche Flüssigkeitszufuhr mindestens 1,5 bis 2 Liter pro Tag betragen; im Sommer und bei großer Hitze natürlich mehr, da durch das vermehrte Schwitzen zusätzlich Flüssigkeit verloren geht. Und: Es muss nicht immer Wasser sein. Alle Flüssigkeiten (außer Alkohol) sind erlaubt: Tee, Säfte, Kaffee oder eben Mineralwasser. Wegen des geringeren Salzgehaltes sollte die zugeführte Flüssigkeit nicht ausschließlich aus Leitungswasser bestehen.
- Salz: Achten Sie auf eine ausreichende Salzzufuhr.
- Mahlzeiten: Vermeiden Sie große fett- und kohlenhydratreiche Mahlzeiten. Alternativ können mehrere kleinere und leichtere Mahlzeiten über den Tag verteilt sinnvoll sein.
- Bauchbinde: Eine elastische Bauchbinde hilft, das „Versacken“ des Bluts in der unteren Körperhälfte nach dem Aufstehen zu reduzieren. Durch einen Klettverschluss lässt sich diese Binde leicht und flexibel einsetzen. Das Tragen kann auf die Tageszeiten beschränkt bleiben, wenn die Kreislaufprobleme besonders stark sind. Im Sitzen oder Liegen muss die Binde nicht getragen werden. Stützstrümpfe wirken theoretisch mit einem ähnlichen Mechanismus, sind aber umständlicher anzulegen und weniger effektiv als eine Bauchbinde.
- Hitze: Halten Sie sich bei großer Hitze vorzugsweise in kühlen Innenräumen auf. Vermeiden Sie heiße Vollbäder oder Saunagänge.
- Nachtschlaf: Schlafen Sie mit leicht erhöhtem Oberkörper (ca. 10 - 20 Grad). So wird die Urinausscheidung in der Nacht reduziert. Der Körper verliert auf diese Weise über die Nacht nicht zu viel Flüssigkeit.
- Vestibuläre Physio, CBT, ggf. SSRI/SNRI: Neben Blutdruckthemen tragen vestibuläre Störungen messbar bei. Ein Teil hat einen dauerhaften, nicht-drehenden Schwindel, schlimmer im Stehen und bei visuellen Reizen - typisch für PPPD. Therapie: vestibuläre Physio, kognitive Verhaltenstherapie, ggf. SSRI/SNRI.
- Kompression, Kopfende hoch, Hitze/Alkohol meiden: Vestibulär-Screening (Dix-Hallpike, Blickstabilisation), ggf. Blutdruck Liegen → Stehen (1-5 Min.); ggf. Flüssigkeit/Salz*, Kompression, Kopfende hoch, Hitze/Alkohol meiden; ggf. Beginn/Dosiswechsel; Schwindel v. a. Einnahme-Zeitpunkte vs.
Medikamentöse Behandlung
Sind die Beschwerden sehr belastend und helfen die genannten Maßnahmen nicht - was selten vorkommt - kann eine medikamentöse Behandlung in Betracht gezogen werden. Zu den Medikamenten, die die Beschwerden verringern können, zählt zum Beispiel Fludrocortison. Das ist ein Wirkstoff, der den Wasser- und Salzhaushalt reguliert und so den Blutdruck stabilisiert. Midodrin (α-Agonist) oder Droxidopa (Noradrenalin-Prodrug) sind etabliert; Fludrocortison wird off-label eingesetzt.
Droxidopa ist bereits seit 1989 in Japan zur Therapie bei neurogener orthostatischer Hypotonie erhältlich, für eine Zulassung in den USA und Europa fehlten bislang aber aussagekräftige klinische Studien. Diese Lücke hat nun ein Team um Dr. Die Wissenschaftler konnten für ihre Phase-III-Studie zunächst 236 Betroffene gewinnen. Bei diesen wurde zunächst getestet, ob und bei welcher Dosis sie auf die Therapie ansprachen. Eine Voraussetzung war zudem, dass keine gefährlichen Blutdruckspitzen oder andere inakzeptablen Nebenwirkungen auftraten. Nach einer Auswaschphase erhielt nun die Hälfte der Patienten sieben Tage lang Droxidopa in der individuell optimalen Dosis (im Schnitt 400 mg dreimal täglich), die übrigen bekamen Placebo. Dieser umfasst sowohl Fragen zu den Symptomen als auch zu deren Auswirkungen auf das tägliche Leben. Bei den Symptomen wurde nach Schwindel, Benommenheit, Sehstörungen, Schwäche, Fatigue und Konzentrationsproblemen beim Aufstehen oder Gehen gefragt. Nach sieben Tagen war der OHQ-Gesamtwert in der Verumgruppe ausgehend von knapp 6 Punkten um 1,8 Punkte gesunken, in der Placebogruppe nur um 0,9 Punkte. Unerwünschte Wirkungen traten in der offenen Einstellungsphase bei etwa 38 Prozent auf, am häufigsten waren dies Kopfschmerzen, Benommenheit und Übelkeit. Palpitationen wurden von etwa 3 Prozent angegeben. Bei 5 Prozent der Patienten führten die Nebenwirkungen zum Therapieabbruch. Insgesamt bescheinigen die Autoren Droxidopa eine klinisch bedeutsame Wirksamkeit bei neurogener orthostatischer Hypotonie.
Es ist wichtig zu beachten, dass die medikamentöse Behandlung immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen sollte, um mögliche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten zu vermeiden.
Anpassung der Parkinson-Medikation
Natürlich können die Parkinson-Medikamente beim Auftreten von Kreislaufproblemen nicht einfach abgesetzt werden. Aber meist kann durch eine Veränderung von Dosis oder Einnahmezeitpunkt schon eine Verbesserung erreicht werden. Solche Veränderungen sollten unbedingt vor der Umsetzung mit den behandelnden Ärzt:innen besprochen werden.
Weitere wichtige Aspekte
- Regelmäßige Blutdruckmessungen: Insbesondere bei Auftreten von Symptomen oder bei Veränderungen der Medikation sollten regelmäßige Blutdruckmessungen durchgeführt werden, um den Blutdruck im Blick zu behalten.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Es ist wichtig, Risikofaktoren wie Dehydration, Alkoholkonsum und lange Bettruhe zu vermeiden, da diese die Symptome der orthostatischen Hypotonie verschlimmern können.
- Information und Aufklärung: Patienten mit orthostatischer Hypotonie sollten gut über ihre Erkrankung informiert sein und wissen, wie sie mit den Symptomen umgehen können.
Orthostatische Hypotonie als nicht-motorisches Symptom bei Parkinson
Eine Parkinson-Erkrankung kann auch Beschwerden hervorrufen, die nicht die Bewegung betreffen. Im Großen und Ganzen lassen sich drei Kategorien einteilen: Psychiatrische Symptome betreffen die Psyche. Hier kommen insbesondere Stimmungsveränderungen wie Depression und Angst oft vor. Sensorische Symptome beziehen sich auf die Sinneswahrnehmung. In dieser Kategorie ist Schmerz mit vielen Besonderheiten die häufigste Beschwerde. Und es gibt sogenannte autonome nicht motorische Symptome wie Blasenstörungen oder Verstopfung. Darüber hinaus muss man vor allem die orthostatische Hypotonie im Blick haben, eine bestimmte Form des niedrigen Blutdrucks, bei der kurz nach dem Aufstehen aus dem Liegen oder Sitzen der Blutdruck stark abfällt. Das kann zu Stürzen oder kurzer Bewusstlosigkeit und damit zu Notfallsituationen führen.
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