Steißbeinschmerzen (Kokzygodynie): Ursachen, Diagnose und Behandlung

Das Steißbein (Os coccygis) ist der unterste Abschnitt der Wirbelsäule. Es wird als Rudiment der Schwanzwirbel der Wirbeltiere angesehen, die sich im Laufe der Jahrtausende zurückgebildet haben und zu einem Wirbelblock zusammengewachsen sind. Obwohl es beim Menschen im Grunde keine Funktion mehr hat, kann es durchaus Beschwerden verursachen. Diese Beschwerden werden als Steißbeinschmerzen oder Kokzygodynie bezeichnet.

Was ist das Steißbein?

Das Steißbein (Os coccygis) ist der letzte Abschnitt der Wirbelsäule. Es besteht aus vier bis fünf Wirbeln, die beim Erwachsenen meist zu einem einheitlichen, etwas nach vorne gebogenen Knochen zusammengewachsen sind. Bewegungen im Steißbein sind nur nach vorne und hinten möglich.

Die einzelnen Steißbeinwirbel sind zum Teil nur noch Rudimente der normalen Wirbelform, also stark zurückgebildet. Der erste Wirbel des Os coccygis besitzt noch einen Wirbelkörper, Querfortsätze und Reste von Gelenkfortsätzen, die nach oben - zum Kreuzbein hin - weisen. Der Wirbelbogen fehlt beim ersten Steißbeinwirbel ebenso wie bei allen darunter liegenden. Ersetzt werden die Wirbelbogen durch Bänder. Die restlichen drei bis vier Wirbel des Steißbeins bestehen nur aus Resten der Wirbelkörper: Sie sind zu rundlichen Knochenstückchen zurückgebildet.

Ähnlich wie an der Grenze von Lendenwirbelsäule und Kreuzbein, wo der letzte Lendenwirbel mit dem ersten Kreuzbeinwirbel verschmolzen sein kann (obere Sakralisation), kann auch an der Grenze vom Kreuzbein zum Steißbein eine sogenannte Sakralisation (untere Sakralisation) auftreten. Diese Assimilations- oder Übergangswirbel bleiben in den meisten Fällen unbemerkt und ohne Symptome.

Die einzelnen Wirbel des Steißbeins sind durch Faserknorpel miteinander verbunden. Zwischen dem Kreuzbein und dem ersten und zweiten Steißbeinwirbel bleibt oft (vor allem bei Frauen) noch eine gelenkige knorpelige Verbindung bestehen. Im höheren Alter verwächst das Steißbein meist mit dem Kreuzbein - bei Männern früher als bei Frauen.

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Die Längsbänder der Wirbelsäule stabilisieren diese. Das vordere Längsband (Ligamentum longitudinale anterius) verläuft entlang der gesamten Wirbelsäule, ist fest mit den Wirbelkörpern verbunden, stabilisiert die Wirbelsäule und begrenzt deren Rückwärtsbewegung. Es verliert sich auf der Vorderseite des Kreuzbeins und taucht erst am Steißbein wieder auf. Das hintere Längsband (Ligamentum longitudinale posterius) ist fest mit den Bandscheiben verbunden und verbindet das Steißbein mit dem Kreuzbein. Zusammen mit dem vorderen Längsband dient es der Stabilisierung der Wirbelsäule.

Funktion des Steißbeins

Das Steißbein dient als Ansatzpunkt für verschiedene Bänder und Muskeln des Beckens, des Beckenbodens und der Hüftgelenke. Da das Becken nach unten hin offen ist, sind die Bänder und Muskeln dieses Bereichs wichtig, um die Organe an ihrem Platz zu halten.

Die gelenkige Verbindung zwischen dem Kreuzbein und den ersten beiden Wirbeln des weiblichen Steißbeins ist bei einer Geburt von Bedeutung: Wenn der Kopf des Kindes durch den Geburtskanal tritt, bewegt sich durch den Druck die Spitze des Steißbeins um etwa zwei Zentimeter nach hinten und erweitert so den Beckenausgang, was den Durchtritt des Kindes erleichtert.

Ursachen von Steißbeinschmerzen (Kokzygodynie)

Die Ursachen für Steißbeinschmerzen sind vielfältig. In vielen Fällen sind sie auf ein Trauma zurückzuführen, wie beispielsweise einen Sturz auf das Gesäß. Aber auch andere Faktoren können eine Rolle spielen:

  • Trauma: Ein Sturz auf das Gesäß ist eine der häufigsten Ursachen für Steißbeinschmerzen. Dabei kann das Steißbein geprellt, verschoben oder sogar gebrochen sein. Solche Verletzungen führen oft zu akuten Schmerzen, die bei Belastungen wie Sitzen oder Aufstehen besonders intensiv sind. Auch emotionale Traumata können eine Rolle spielen.
  • Überlastung: Langes Sitzen, vor allem auf harten oder ungepolsterten Oberflächen, kann das Steißbein stark belasten. Besonders betroffen sind Menschen, die beruflich oder privat viel Zeit im Sitzen verbringen, etwa am Schreibtisch oder im Auto.
  • Schwangerschaft und Geburt: Steißbeinschmerzen treten bei vielen Frauen während der Schwangerschaft auf. In der Frühschwangerschaft beginnt das Hormon Relaxin, die Bänder und Gelenke im Becken zu lockern, um mehr Flexibilität für das Wachstum des Babys zu schaffen. Diese Lockerung kann jedoch das Steißbein destabilisieren und Schmerzen auslösen. Auch die Geburt selbst kann die Strukturen rund um das Becken stark beanspruchen.
  • Menstruation: Steißbeinschmerzen während der Periode entstehen durch die Veränderungen im Beckenbereich, die während des Menstruationszyklus auftreten. Während der Periode ziehen sich die Gebärmutter und die umliegenden Muskeln zusammen, um die Schleimhaut abzustoßen. Zusätzlich kann eine verstärkte Durchblutung in der Beckenregion während der Menstruation zu einem erhöhten Druck auf Nerven und Gewebe führen, was die Beschwerden verstärkt.
  • Verschleiß: Mit zunehmendem Alter kann es durch Verschleißerscheinungen an den Bändern, Gelenken oder Knorpelstrukturen rund um das Steißbein zu Schmerzen kommen.
  • Entzündungen: Entzündungen im Bereich des Steißbeins, beispielsweise durch Infektionen oder eine Steißbeinfistel (Pilonidalsinus), können ebenfalls Schmerzen verursachen.
  • Angeborene oder erworbene Veränderungen: Wie in allen Abschnitten der Wirbelsäule können auch am Steißbein angeborene oder erworbene Veränderungen (Fehlstellungen, Fehlbildungen etc.) auftreten.
  • Muskuläre Probleme: Das Steißbein ist über Muskeln, Bänder und Sehnen mit der Beckenbodenmuskulatur verbunden. Das Piriformis-Syndrom ist eine muskulär schmerzhafte Fehlspannung eines Gesäßmuskels, welche in direkter Nachbarschaft verlaufende Nerven komprimieren kann. Auch andere Muskelverspannungen im Beckenbereich können zu Steißbeinschmerzen führen.
  • Osteoporose: Osteoporose führt - wie in allen Knochenbereichen - auch beim Steißbein leichter zu einem Bruch, wenn der Betroffene stürzt.
  • Verfestigung der Verbindung zum Kreuzbein: Wenn die Verbindung des Steißbeins mit dem Kreuzbein knöchern verfestigt ist, kann dies ein Geburtshindernis darstellen.
  • Psychogene Ursachen: Manchmal sind Steißbeinschmerzen auch psychogen bedingt.
  • Weitere Ursachen: Angeborene anatomische Fehlstellungen und Irritationen im Bereich der Muskelansätze oder Verstopfung können eine Rolle spielen. Auch Strukturen, die im Bauchraum gelegen sind, können Steißbeinschmerzen verursachen. In seltenen Fällen können Tumore oder Entzündungen die Ursache sein.

Symptome von Steißbeinschmerzen

Steißbeinschmerzen treten am untersten Abschnitt der Wirbelsäule auf und können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Typische Symptome sind:

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  • Schmerzen beim Sitzen: Eine der typischsten Beschwerden sind verstärkte Schmerzen beim Sitzen, insbesondere auf harten oder unbequemen Oberflächen.
  • Schmerzen beim Aufstehen: Der Wechsel vom Sitzen in eine stehende Position ist häufig schmerzhaft.
  • Druckempfindlichkeit: Das Steißbein ist oft druckempfindlich. Schon leichter Druck, wie das Anlehnen an eine harte Fläche, kann Schmerzen verursachen.
  • Ausstrahlende Schmerzen: In einigen Fällen können die Schmerzen in die Beine, den unteren Rücken oder den Genitalbereich ausstrahlen.
  • Schmerzen bei bestimmten Bewegungen: Vor allem bei langem Sitzen wird das Steißbein stark beansprucht und kann schmerzen. Auch Treppensteigen kann schmerzhaft sein.
  • Eingeschränkte Funktionen: In manchen Fällen können Störungen in der Miktion und Defäkation auftreten sowie Probleme bei der Erektion und beim Sexualverkehr.

Diagnose von Steißbeinschmerzen

Zur Diagnose von Steißbeinschmerzen werden verschiedene Methoden eingesetzt:

  • Anamnese: Zunächst erfolgt im Rahmen der Anamnese eine Befunderhebung. Ein deutlicher Hinweis sind Schmerzen des Patienten im Sitzen! Der Arzt fragt nach möglichen Auslösern wie Sturz, Unfall oder einer schwierigen Geburt. Weitere Indikatoren können Cystitis, Probleme beim sexuellen Kontakt, Uro-genitale Ptose, Inkontinenz, Hämorrhoiden und beim Mann Prostatitis sein.
  • Körperliche Untersuchung: Bei der körperlichen Untersuchung tastet der Arzt die betroffene Region ab. Dabei kann auch das Abtasten des Steißbeins durch das Rektum erfolgen und eine evtl. vorhandene Überbeweglichkeit festgestellt werden.
  • Bildgebung: Trotz der unterschiedlichen Steißbeinformen ist es sinnvoll, eine Röntgendiagnostik durchzuführen. In der seitlichen Röntgenaufnahme sind häufig Fehlstellungen zu erkennen. Zusätzlich sollten Röntgen- und MRT-Aufnahmen des Steißbeins, Kreuzbeins und Beckens angefertigt werden, um andere Ursachen auszuschließen.
  • Funktionsaufnahmen: Im September 2021 wurde eine neue Klassifikation der Funktionsaufnahmen des Steißbeins im European Spine Journal veröffentlicht.
  • Rektale Untersuchung: Bei der rektalen Untersuchung kann sich das Steissbeinende hin und her bewegen. Die Untersuchung löst oft den typischen Schmerz aus.
  • Testinfiltration: Eine Testinfiltration mit Lokalanästhetika kann helfen, die Schmerzursache zu identifizieren.

Behandlung von Steißbeinschmerzen

Die Therapie von Steißbeinschmerzen hängt von der zugrundeliegenden Ursache ab. In den meisten Fällen sind konservative Maßnahmen ausreichend, um die Beschwerden zu lindern.

Konservative Behandlung

  • Schonung: Schonen Sie sich und vermeiden Sie Aktivitäten, die die Schmerzen verstärken.
  • Kühlung: Kühlen Sie das schmerzende Steißbein in der akuten Phase nach dem Sturz.
  • Wärmeanwendungen: Wärmeanwendungen können helfen, verspannte Muskeln zu lockern.
  • Sitzkissen: Spezielle Kissen (Keil- oder Donutkissen) helfen, beim Sitzen den Druck auf das Steißbein zu reduzieren. Im Prinzip gilt: weniger Sitzen!
  • Schmerzmittel: Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac können als Tablette oder Salbe eingenommen bzw. aufgetragen werden, um Schmerzen und Entzündungen zu reduzieren.
  • Injektionen: In schweren Fällen können örtliche Betäubungsmittel oder Kortison direkt in den schmerzenden Bereich gespritzt werden, um die Schmerzen zu lindern. Eine Nervenblockade ist eine weitere Option bei chronischen Schmerzen.
  • Physiotherapie: Physiotherapie (Osteopathie, Manualtherapie) und regelmäßige Übungen zur Verbesserung der Beckenboden- und unteren Rückenmuskulatur sind hilfreich, um Verspannungen zu lösen und die Stabilität zu verbessern. Das Piriformis-Syndrom kann mit Physiotherapie behandelt werden.
  • Akupunktur: Gute Erfolge wurden mit Akupunktur (sog. Dry-Needling-Technik) und Triggerpunkt-Stoßwelle erzielt.
  • Manuelle Therapie: Die Behandlungsmöglichkeiten der Kokzygodynie aus Sicht der Manuellen Therapie sind vielfältig.
  • Beckenbodengymnastik: Bei einer Beschwerdedauer von länger als 6 Wochen wird zusätzlich Krankengymnastik im Sinne von Beckenbodengymnastik empfohlen.

Operative Behandlung

In extremen Fällen, wenn konservative Maßnahmen nicht helfen, kann eine teilweise oder vollständige Entfernung des Steißbeins im Rahmen einer Operation (Kokzygektomie) erwogen werden. Diese Operation zeigt mit einer Schmerzlinderung von 80-90 % recht gute Ergebnisse.

Bei der Coccygektomie (operative Entfernung des Steißbeins) wird über einen kleinen Schnitt der bewegliche Teil des Steißbeins entfernt und die Nerven verödet. Gefahren dabei sind vor allem Wundheilungsstörungen und Infekte. Auch können Darmverletzungen auftreten.

Die chirurgische Behandlung sollte, wegen der mit jeder Operation verbundenen Risiken, nur dann in Betracht gezogen werden, wenn alle anderen Behandlungen keinen Erfolg gebracht haben. In diesem Fall werden die letzten beiden Wirbel mitsamt den veränderten Bandscheibenresten entfernt. Die umgebenden Strukturen werden geschont. Nach ca.

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Tipps zur Vorbeugung von Steißbeinschmerzen

  • Vermeiden Sie langes Sitzen auf harten Oberflächen. Verwenden Sie ein Sitzkissen, um den Druck auf das Steißbein zu reduzieren.
  • Achten Sie auf eine gute Körperhaltung. Eine aufrechte Haltung mit aktivem Rumpf stabilisiert das Becken und entlastet das Steißbein.
  • Bewegen Sie sich regelmäßig. Kurze Gehpausen und häufige Positionswechsel entlasten die betroffene Region.
  • Dehnen und kräftigen Sie Ihre Beckenboden- und Rückenmuskulatur.
  • Arbeiten Sie beim Bücken aus den Knien statt aus dem Rücken, um das Steißbein nicht unnötig zu belasten.
  • Wählen Sie beim Radfahren einen ergonomischen Sattel und achten Sie auf die richtige Sitzposition.
  • Tragen Sie beim Sport geeignetes Schuhwerk mit ausreichender Dämpfung.
  • Kühlen Sie das Steißbein nach einem Sturz.
  • Schlafen Sie auf der Seite mit einem Kissen zwischen den Beinen, wenn Sie Steißbeinschmerzen beim Liegen haben.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Treten die Schmerzen ohne erkennbare Ursache auf, sind sie sehr stark oder bestehen sie länger als 6 Wochen, sollten Sie einen Arzt aufsuchen. Eine genaue Untersuchung ist wichtig, um zugrundeliegende Probleme wie Verletzungen, Entzündungen oder andere Erkrankungen auszuschließen.

Die erste Anlaufstelle bei Steißbeinschmerzen ist Ihr Hausarzt. Er schätzt die Beschwerden ein und leitet Sie ggf. an einen Facharzt weiter. Steißbeinschmerzen können verschiedene Ursachen haben, daher wird die Behandlung von unterschiedlichen Fachärzten übernommen, z. B. von Orthopäden, Unfallchirurgen, Neurologen, Proktologen oder Gynäkologen.

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