Kranke Zähne, mangelnde Mundhygiene und damit einhergehende Beschwerden wie beispielsweise Parodontitis haben Einfluss auf unseren gesamten Körper. Sie wirken sich auf unser allgemeines Wohlbefinden und auf unsere Gesundheit aus. Das ist schon lange kein Geheimnis mehr. Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass viele Krankheiten, darunter auch Alzheimer, durch chronische Entzündungen mitverursacht werden könnten. Zwar ist noch nicht geklärt, ob Entzündungen tatsächlich als Auslöser oder eher als Konsequenz der Alzheimer-Krankheit betrachtet werden müssen, dennoch ist es wichtig, bestehende Entzündungen wie Parodontitis zu bekämpfen beziehungsweise sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Immer mehr Arbeitgeber erkennen die Parodontitisgefahr für die Gesunderhaltung der Mitarbeiter.
Was ist Parodontitis?
Parodontitis ist eine bakteriell bedingte Entzündung, die zur Zerstörung des so genannten Zahnhalteapparates (Parodontium) führt. Medizinisch genauer und zunehmend gebräuchlich ist der Begriff Parodontitis, dessen Endung "-itis" auf die entzündliche Reaktion hinweist. Von einer Parodontitis betroffen sind alle Bestandteile, die dem Zahn Halt geben, also Zahnfleisch, Zahnfach, Zahnzement und Wurzelhaut.
Experten schätzen, dass fast die Hälfte der Bevölkerung ab 35 Jahren von Parodontitis betroffen ist. Hauptrisikofaktoren sind Zahnbeläge und Zahnstein. Aber auch Rauchen sowie Piercings an Lippe, Lippenbändchen und Zunge erhöhen das Risiko. Insbesondere die häufigste Variante, die chronische Parodontitis, stellt eine dauerhafte Entzündung im Körper dar, die sich systemisch auswirken kann.
Ursachen und Risikofaktoren der Parodontitis
Risikofaktor für die Entstehung einer Parodontitis ist unter anderem Plaque. Vorbeugend wirkt neben dem eigentlichen Zähneputzen die Reinigung der Zahnzwischenräume mit Zahnseide oder Interdentalbürstchen.
„Parodontitis kann jeder bekommen. Allerdings haben Diabetiker - vor allem, wenn sie schlecht eingestellt sind - ein 3-fach erhöhtes Risiko an Parodontitis zu erkranken. Der über lange Zeit, vielleicht sogar chronisch erhöhte Blutzuckerspiegel belastet den Zahnhalteapparat des Patienten, schwächt sein Immunsystem und begünstigt so Infektionen im Mund,“ berichtet Dr. med. dent. Mikaela Männich. Das Fatale: Umgekehrt beeinflusst auch Parodontitis den Blutzuckerspiegel negativ, da die Entzündungen im Mund die Wirkung des Insulins verringern und dadurch die korrekte und so wichtige Messung und Einstellung der Blutzuckerwerte erschweren.
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Symptome und Folgen der Parodontitis
Das Zahnfleisch blutet und bildet sichtbare Taschen. Die Zahnhälse liegen frei. Und dann strömen noch unappetitliche Gerüche aus dem Mund. Bei einer Parodontitis erkrankt der gesamte Zahnhalteapparat durch bestimmte Bakterien. Diese lösen eine körpereigene Immunantwort beziehungsweise eine Entzündungsreaktion aus. Die Folgen: Zahnfleischerkrankungen in Form von Schwellungen oder Zahnfleischbluten, Taschenbildung, Zahnfleischschwund und Knochenabbau bis hin zum Zahnverlust. Wie stark und ob Betroffene überhaupt auf parodontale Bakterien reagieren, ist von mehreren Faktoren abhängig.
Die Parodontitis ist jedoch nicht allein eine lokale Infektion, sondern hat weitreichende Folgen auf den gesamten Organismus. Das Risiko für Herzinfarkte, Diabetes und rheumatische Erkrankungen steigt durch die Erkrankung an.
Alzheimer und sein Zusammenhang mit Parodontitis
Die Demenzerkrankung Morbus Alzheimer entsteht durch einen Verlust von Gehirnsubstanz beziehungsweise einer Degeneration von Nervenzellen in speziellen Bereichen des Gehirns. In eben diesen Bereichen wurde bei Alzheimer-Patienten und Patientinnen vermehrt das Parodontitis-Bakterium Porphyromonas gingivalis nachgewiesen.
Aktuelle Forschungsergebnisse
Ein Demenzforscher-Team aus den USA hat vor kurzem nun die These aufgestellt, dass Parodontitis auch das Risiko erhöhen könnte an Alzheimer zu erkranken. Die Wissenschaftler untersuchten Gehirne verstorbener Alzheimerpatienten und stießen bei 51 von 53 Gewebeproben vermehrt auf Spuren aggressiver Parodontitis-Erreger bzw. von diesen produzierte Enzyme, die für krankhafte Veränderungen im Gehirn sorgen. Ausgangspunkt der Studie war, dass man in den Gehirnen verstorbener Alzheimer-Patienten deutlich mehr genetische Spuren von P. gingivalis gefunden hatte als in den Gehirnen einer gesunden Kontrollgruppe. Außerdem hatte man bei fast jedem Demenzkranken so genannte Gingipaine entdeckt, die der Keim als Enzyme zum Aufspalten von Eiweißen bildet. „Dabei zeigte sich“, so Dominy, „dass die Gehirne umso krankhafter verändert waren, je stärker sie mit den bakteriellen Enzymen belastet waren“.
In seiner Studie untersuchte das Greifswalder Team die Korrelation von Parodontitis und Alzheimer und stellte einen Zusammenhang fest. Bei Betroffenen, die regelmäßig parodontal behandelt wurden, zeigten sich insgesamt weniger Verluste in Alzheimer-relevanten Arealen des Gehirns. Eine mögliche Erklärung: Durch die regelmäßige professionelle Zahnreinigung (PZR) wird unter anderem die Anzahl der entzündungsfördernden Zytokine reduziert, das Entzündungsgeschehen im Mundraum geht deutlich zurück und systemische Infektionen werden vermieden. Laut der Forschenden könne die Parodontitis-Behandlung Alzheimer vielleicht nicht verhindern, jedoch aber deutlich verzögern.
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London - Alzheimer-Patienten, die gleichzeitig an Parodontitis leiden, könnten schneller einen Verlust ihrer geistigen Fähigkeiten erleben als Patienten mit einem gesunden Zahnstatus. Mark Ide und seine Arbeitsgruppe am King's College London vermuten, dass die Entzündungsreaktion im Körper den geistigen Abbau begünstigt.
Die Rolle von Porphyromonas gingivalis
Porphyromonas gingivalis, der Leitkeim der chronischen Parodontitis, konnte kürzlich post mortem erstmalig im Gehirn von Alzheimer-Patienten nachgewiesen werden. Dieser Parodontitis-Keim liegt tief unter dem Zahnfleisch in Zahnfleischtaschen und dringt über den Blutkreislauf in die Gehirnsubstanz ein.
Es ist kurz, plump, unbeweglich und mag keinen Sauerstoff: Im bunten Reich der Bakterien wirkt Porphyromonas gingivalis nicht gerade wie ein eleganter Superstar. Doch zusammen mit anderen Keimen verursacht es die berüchtigte Erkrankung des Zahnhalteapparats, die marginale Parodontitis.
Entzündungen und Alzheimer
Zahlreiche Studien belegen, dass Entzündungsprozesse, u.a. im Gehirn, eine wichtige Rolle beim Krankheitsverlauf der Alzheimer Krankheit spielen. Bedingt durch die chronische Infektion sammelt sich das Bakterium nicht nur im Mundraum, sondern auch im Gehirn an, wo es Beta-Amyloid-Ablagerungen bildet - Proteine, welche die Nervenzellen des Gehirns schädigen und auch im Zusammenhang mit Alzheimer stehen.
Forschungsprojekt PAROMIND
Im Projekt PAROMIND untersuchen wir den Zusammenhang zwischen Parodontitis, MRT-bildgebenden Markern einer Demenz und kognitiven Defiziten. Drei Hypothesen werden in PAROMIND untersucht: (1) Parodontitis ist mit strukturellen Hirnveränderungen und verminderter kognitiver Leistungsfähigkeit assoziiert. (2) Die Dysbiose des oralen Mikrobioms lässt sich mit dem Ausmaß einer Atrophie des Hippocampus in Verbindung bringen. Wir untersuchen diese Fragestellungen in einem multimodalem Datensatz von 2500 Teilnehmern der HCHS (Hamburg City Health Study), einer populationsbasierten Kohortenstudie in Hamburg. In dem hier beantragten Projekt charakterisieren wir das orale Mikrobiom mittels 16s-rDNA Sequenzierung In der MRT-Bildgebung werden für kognitive Defizite relevante Marker neurodegenerativer Prozesse bestimmt (z. B. Hippocampusatrophie, Integrität der weißen Hirnsubstanz). Kognitive Defizite werden durch psychometrische Testverfahren für verschiedene kognitive Domänen operationalisiert und quantifiziert.
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Kritik und Gegenstimmen
Wolf-Dieter Grimm, Zahnarzt und emeritierter Parodontologie-Professor der Universität Witten/Herdecke, kritisiert die einseitige Ausrichtung auf P.gingivalis: „Man geht mittlerweile davon aus, dass an der Parodontitis 600 bis 700 Bakterienarten beteiligt sind.“ P.gingivalis sei zwar ein so genannter Leit-Keim, der relativ sicher die Erkrankung anzeigt. Nichtsdestoweniger besitzt P.gingivalis schon einige Eigenschaften, die es in besonderem Maße dazu prädestinieren. Dazu gehört, dass es sich sehr effektiv vor dem Immunsystem des Menschen verstecken kann. Hinzu kommt, dass es weitflächig aktiv ist. Würde die Parodontitis nur einen kleinen Bereich betreffen, würde von dort auch kein sonderlicher „Entzündungsdruck“ ausgehen. „Doch die Oberfläche des Zahnhalteapparats entspricht etwa zwei Handflächen“, betont Grimm. „Da steckt viel Entzündungspotential drin, das sich auf andere Bereiche des Körpers niederschlagen kann“. So sei schon länger bekannt, dass sich P.gingivalis auf dem Blutweg auch auf den Herzklappen festsetzen kann.
Der Fall Atuzaginstat
Wurde in Versuchen Alzheimer-Mäuse mit einem Gingipain-Blocker (Wirkstoff Atuzaginstat) und weiteren Antibiotika behandelt, wurden weniger Proteinablagerungen im Gehirn gefunden. Zu Beginn der klinischen Studien (Phase 1) wurde der Wirkstoff Atuzaginstat (auch COR388 genannt) von gesunden Testpersonen sowie Menschen mit Alzheimer zunächst gut vertragen.
In einer Phase-2/3-Studie an Menschen mit leichter bis moderater Alzheimer-Erkrankung verlangsamte die höhere Dosis (80 mg 2x täglich) den kognitiven Abbau um 57% in einer vordefinierten Untergruppe mit Parodontitis-Bakterium-Infektion.
Allerdings kam es bei 15 Prozent der Testpersonen unter der hohen Dosis zu einem Anstieg der Leberwerte, was zum Abbruch der Studie durch die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA führte.
Die Entwicklung von Atuzaginstat als Alzheimer-Medikament wurde 2022 eingestellt, da die Schädigung der Leber ein Sicherheitsrisiko darstellte.
Interview mit Prof. Stefan Lichtenthaler
Bisher sehe ich noch keine ganz direkte Verbindung. Aber die neue Arbeit des Wissenschaftlerteams aus USA und Polen zeigt, dass sich in Gehirnen von verstorbenen Alzheimerpatienten höhere Mengen von Spuren dieses Parodontose-Bakteriums befinden im Gegensatz zu gesunden Gehirnen, die nur eine geringe Menge der Spuren dieses Bakteriums aufweisen.
Die Proteasen scheinen genau diejenigen Moleküle zu sein, die die Nervenzellen im Gehirn schädigen. In der Arbeit der Forscher wird genau das sehr gut dargestellt. Wenn man die Proteasen im Experiment auf Nervenzellen gibt, sieht man, dass es dort zu einer schädigenden Wirkung kommt. Unter anderem wurde festgestellt, dass das Protein Tau, welches eine zentrale Rolle bei der Alzheimer Krankheit spielt, rasch durchgeschnitten wird. Zudem haben die Wissenschaftler gezeigt, dass wenn man diese Proteasen ins Gehirn der Mäuse gibt, es dort zu Schädigungen kommt und die Mäuse ähnliche Symptome wie die Alzheimer Erkrankung zeigen.
Das ist natürlich eine logische Vermutung, weil Alzheimerpatienten nicht mehr so gut für sich sorgen können, gerade im fortgeschrittenen Krankheitsstadium. Aufgrund der neuen Forschung ist aber auch ganz klar, dass die Spuren dieser Bakterien bereits in einer größeren Menge im Gehirn gefunden wurden, als die Person schon erste Veränderungen im Gehirn hatte, aber noch weit davon entfernt war, Symptome der Alzheimer Krankheit zu bekommen. Das macht mangelnde Mundhygiene - bedingt durch die Demenz - unwahrscheinlich.
Prävention und Mundhygiene
Grundsätzlich kann jeder etwas tun, um Parodontitis zu vermeiden, denn mangelnde Zahnhygiene ist die Hauptursache für Zahnfleischbluten und Parodontitis. Um hier vorzubeugen hilft nur regelmäßiges Zähneputzen, Zahnzwischenraumpflege sowie mindestens einmal im Jahr zur Zahnkontrolle und regelmäßig zur professionellen Zahnreinigung zu gehen. „Je früher Parodontitis erkannt wird, desto besser ist die Prognose, die Parodontitis langfristig besiegen zu können und Folgeerkrankungen zu vermeiden“, sagt Dr. med. dent.
Mit einer gründlichen Gebisshygiene, bei der auch die Zahnzwischenräume gereinigt werden, kann man präventiv schon einiges erreichen, doch gegen eine der wichtigsten Krankheitsursachen kann auch sie nichts ausrichten: das Alter.
Zahnarzt Dr. Gaß rät Patienten aus Würzburg und Umgebung deshalb, regelmäßig Prophylaxe-Termine wahrzunehmen. Jedoch nicht nur ältere Patienten profitieren von einer umfassenden Parodontitis-Prophylaxe. Da die Zahnfleischerkrankung häufig über einen längeren Zeitraum ohne Symptome bleibt und erste Schmerzen erst relativ spät auftreten, sollten auch jüngere Patienten regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen. Je früher die Krankheit erkannt wird, desto besser und schneller sind die Heilungschancen.
Minimal-invasive Behandlungsmethoden
Bei den Pulverstrahlsystemen werden die Zahnfleischtaschen mechanisch gereinigt, wie man das von den Sandstrahlgebläsen an Gebäuden kennt. Nur dass eben das Pulver biologisch abbaubar und extrem fein ist, so dass am Gewebe und an der Zahnwurzel kein Schaden entsteht. Die photodynamische Therapie verfährt antibakteriell, indem sie per Laser eine zuvor eingebrachte Substanz, einen sogenannten „Sensitizer“ in den Zahnfleischtaschen aktiviert. „Dabei wird Sauerstoff freigesetzt - und das mögen anaerobe Keime wie P.gingivalis überhaupt nicht“, erläutert Grimm.
Was der Zahnarzt noch erkennen kann
Wer glaubt, der Zahnarztbesuch schützt nur vor Erkrankungen der Zähne und des Zahnfleisches, erfasst nur einen Teil der Möglichkeiten. Der Zahnarzt kann deutlich mehr erkennen. Erkrankungen der Verdauungsorgane zeigen sich beispielsweise an weißen Belägen auf der Zunge. Erste Anzeichen von Osteoporose sind an der Abnahme der Knochensubstanz im Kieferknochen erkennbar. Auch Diabetes wird häufig zuerst beim Zahnarzt durch sich auffällig lockernde Zähne erkannt.
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