Parkinson und Gitarre spielen als Therapie: Wege zu mehr Lebensqualität

Morbus Parkinson ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die sich durch motorische und nicht-motorische Symptome äußert. Zittern, Muskelsteifheit, verlangsamte Bewegungen und Gleichgewichtsstörungen sind typische Anzeichen. Die Diagnose kann das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen. Neben medikamentösen Behandlungen und Physiotherapie rücken zunehmend alternative Therapieansätze in den Fokus, die darauf abzielen, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern und ihre Selbstständigkeit zu erhalten. In diesem Zusammenhang erweisen sich Musiktherapie, insbesondere das Gitarrespielen und Singen, sowie rhythmische Bewegungsformen wie Tischtennis als vielversprechende Optionen.

Die heilende Kraft der Musik bei Parkinson

Die heilende Wirkung der Musik ist unumstritten. Musiktherapie kann bei der Behandlung von Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer oder Schlaganfall rasch Erfolge erzielen. Im Alltag sind gängige Musikrituale wie Einschlaflieder für Kinder bekannt. Darüber hinaus helfen sie auch bei der Schmerzbehandlung. Dass Musik Emotionen auslöst, ist offensichtlich. Emotionen entstehen bekanntlich im Gehirn. Verletzte Areale können durch Musik aktiviert werden, sodass neue Verknüpfungen entstehen können.

Singen als Lebenselixier

Heilsames Singen geht der Frage nach, wie Singen einen Zugang zu Selbstheilungskräften eröffnen und Orte der Begegnung zwischen Patienten, Behandlern und Angehörigen schaffen kann. Es möchte auf die psychosozialen, spirituellen und kulturellen Bedürfnisse und Stärken sowie schöpferischen Kräfte von Menschen aufmerksam machen. Die Wirkkraft des Singens ist evolutionär in uns angelegt. Grund hierfür sind Funktionsschleifen unseres Nervensystems, die nicht nur unsere inneren Organe, sondern auch unseren emotionalen Zustand steuern. Da diese teilweise nicht über Medikamente - jedoch über Singen - moduliert werden können und bislang wenig Wissen und Bewusstsein hierüber im Gesundheitssystem besteht, birgt Singen - überwindet man die erste Scheu - oft überraschend tiefgreifende Wirkungen.

Aktuelle neurobiologische Erkenntnisse geben Hinweise darauf, dass Singen uns in einen Zustand bringen kann, wo vertrauensvoller Kontakt, erkundende Neugier und spielerisches Lernen entsteht. Heilsames Singen lädt ein, sich aufzurichten, Atem und Ausdruck zu vertiefen. Lebendigkeit und Austausch kann spürbar werden. Lieder sind Wegbegleitern, die beruhigen, ermutigen, Schmerzliches erträglich machen oder Sinn und Hoffnung stiften können. Die Singenden Krankenhäuser sehen im Singen daher ein „Lebenselixier“ und Gesundheitserreger. Empfehlenswert sind wöchentlich stattfindende Singangebote von 60-90 min. gemäß den Leitlinien der Initiative Singende Krankenhäuser e.V. Zumeist werden die Lieder ohne Zuhilfenahme von Noten wiederholt gesungen und mit Gitarre oder Percussion-Instrumenten begleitet. In Liedern aller Kulturen und Traditionen - auch selbst gestalteten Texten und Melodien - werden Lebenserfahrungen geteilt oder gewürdigt. Das gewählte Liedgut ist einprägsam und lebensbejahend. Die Singangebote an Kliniken werden durch den Krankenhaus- oder Rehaträger selbst finanziert, ggf. auch mit Hilfe von Fördervereinen. Externe Singleiter werden stundenweise vergütet oder singende Mitarbeiter werden freigestellt.

Gitarre spielen als therapeutische Intervention

Das Spielen eines Instruments, insbesondere der Gitarre, kann für Parkinson-Patienten eine wertvolle therapeutische Intervention darstellen. Die komplexen Bewegungsabläufe, die beim Gitarrespielen erforderlich sind, fördern die Feinmotorik, die Hand-Auge-Koordination und die kognitiven Fähigkeiten. Darüber hinaus kann das Musizieren die Stimmung verbessern, Stress reduzieren und das Selbstwertgefühl stärken.

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Ein bemerkenswertes Beispiel ist die Geschichte eines Parkinson-Patienten, dem ein Hirnschrittmacher eingesetzt wurde und der danach wieder Gitarre spielen konnte. Diese Erfahrung verdeutlicht das Potenzial der Tiefen Hirnstimulation (THS) in Kombination mit Musiktherapie.

Die neurologischen Grundlagen der Musiktherapie

Die positive Wirkung von Musik auf das Gehirn ist wissenschaftlich belegt. Studien haben gezeigt, dass Musikhören und Musizieren verschiedene Hirnareale aktivieren, darunter das Hörzentrum, das Kleinhirn, den Thalamus und die Basalganglien. Diese Regionen sind an der Verarbeitung von Rhythmus, Bewegung und Emotionen beteiligt.

Insbesondere bei Parkinson-Patienten, bei denen die Dopaminproduktion in den Basalganglien gestört ist, kann Musik eine stimulierende Wirkung haben. Rhythmische Impulse können die Bewegungsfähigkeit verbessern, das "Einfrieren" von Bewegungen reduzieren und die Lebensqualität steigern.

Die Neurowissenschaftlerin Jessica Grahn von der University of Western Ontario erforscht den Zusammenhang zwischen Gehirn und Musik. Sie beschäftigt sich mit Fragen wie: Warum lässt uns mancher Rhythmus, mancher Beat fast automatisch mit den Fingern schnipsen, mit den Füßen wippen oder Kopf und Körper hin- und herbewegen? Wie kommt es überhaupt, dass wir im Gehörten ein regelmäßiges zeitliches Muster, einen Grundschlag erfassen können und warum kann das für Menschen mit Bewegungsstörungen nützlich sein?

Diese Fähigkeit ist hochkomplex und erfordert das Zusammenspiel vieler verschiedener Hirnregionen. Sie verbindet Menschen aller Kulturen, die sich trommelnd, singend, tanzend zum Rhythmus bewegen. Gleichzeitig ist die Fähigkeit entwicklungsgeschichtlich sehr alt. Manche Tiere, Seelöwen, Singvögel und Kakadus bewegen sich rhythmisch zur Musik. Kinder können sich manchmal schon zu einem Rhythmus bewegen, bevor sie überhaupt laufen können.

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„Wir hören die Melodie, aber wir spüren den Beat“, schrieben die Psychologinnen Jessica Phillips-Silver und Laurel J. Trainor vor einigen Jahren treffend im Fachmagazin „Science“.

Rhythmische Bewegungen synchron zum gehörten Grundschlag gelingen nur, wenn wir den Grundschlag, den Beat, erfassen. Hören wir einen Rhythmus oder ein Musikstück zum ersten Mal und entdecken den Beat, schwingen Teile unseres Gehirns mit ein, die Schlagfrequenz wird quasi verinnerlicht. Wir können wegen der Regelmäßigkeit weitere Beats voraussagen, bevor sie überhaupt zu hören sind und den Körper dazu bewegen. Wenn der Beat erst einmal gefunden ist, wird er stabil im Inneren gespürt, selbst wenn er äußerlich über das Gehörte einmal aussetzt oder musikalische Akzente außerhalb des Grundrhythmus, so genannte Synkopen, erklingen.

Um herauszubekommen, welche Hirnareale dabei eigentlich aktiv sind, nutzt Jessica Grahn die Magnetresonanztomographie. Testpersonen werden in den Hirnscanner geschoben und ihnen verschiedene Rhythmen vorgespielt. Auf die akustischen Signale reagiert das Hörzentrum in der Hirnrinde, der so genannte auditive Cortex. Zusätzlich sind aber auch Regionen unterhalb der Hirnrinde aktiv: das Kleinhirn, der Thalamus (der Teil des Zwischenhirns, der der Großhirnrinde die Informationen der sensorischen Organe zuträgt) und die Basalganglien, die wie das Kleinhirn an der Bewegung und dem Bewegungsgedächtnis beteiligt sind.

Selbst wenn die Probanden, die Jessica Grahn und ihr Team untersuchen, sich nicht zur Musik bewegen, sind die Bewegungsregionen in den Basalganglien aktiv. Je stärker der eingespielte Beat, desto stärker reagieren die Basalganglien. Es tut sich also etwas im Bewegungszentrum des Gehirns, allein beim Hören eines Rhythmus oder von Musik. Genau dies versucht man bei Therapie von Menschen mit Parkinson zu nutzen.

Tischtennis als rhythmische Therapie

Eine weitere vielversprechende Therapieform für Parkinson-Patienten ist Tischtennis. Die Bewegung mit dem klingenden Namen schwappte vor einigen Jahren aus den USA nach Deutschland und kam so auch nach Bremen. Seit vergangenem Jahr gibt es den Stützpunkt bei Werder Bremen.

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Tischtennis ist Teil der Therapie. Gegründet wurde PingPongParkinson von Nenad Bach und Will Shortz - der eine Ingenieur und Musiker, der andere Redakteur und Tischtennisspieler. Als Bach an Parkinson erkrankte und mehr und mehr die Kontrolle über seine Finger verlor, musste er seine Gitarre zur Seite legen. Eher zum Zeitvertreib ging er mit seinem Kumpel Will zum Tischtennis und war verblüfft, wie gut es ihm tat. Das regelmäßige Training, so wird erzählt, führte dazu, dass Bach seine Finger wieder besser bewegen und irgendwann sogar wieder Gitarre spielen konnte.

Was für Bach die Gitarre, war für Ulrich Meine das Fahrrad. Er radelte gerne, doch das wurde vor ein paar Jahren immer anstrengender. Seinen Freunden fiel auf, dass seine Bewegungen langsamer wurden. Er selbst ärgerte sich darüber, dass seine Stimme so brüchig war, wenn er nach längerer Zeit der Ruhe ins Sprechen kam. „Ich habe das alles erst einmal auf das Alter geschoben“, erzählt der 74-Jährige. Vor gut einem Jahr wandte er sich dann doch an seinen Hausarzt. Die Diagnose ließ nicht lange auf sich warten und war eindeutig: Parkinson. „Im ersten Moment war ich geschockt“, erinnert sich der pensionierte Lehrer. Aber dann habe ihm der Arzt gesagt, dass die Krankheit gut behandelbar sei. „Das war für mich das Signal, nicht zu resignieren, sondern etwas zu tun.“ Auch der Tipp, Tischtennis zu spielen, kam von dem Mediziner.

Die positiven Effekte von Tischtennis

PingPongParkinson geht davon aus, dass das Tischtennistraining die Motorik der Erkrankten verbessert. Die Organisation verweist auf Pilotstudien aus Japan und Schweden aus dem Jahr 2020, die zeigten, dass regelmäßiges Training einen Nutzen bringen könne. Das gelte für die Bewegungen, vor allem aber für die Psyche, denn häufig leiden die Betroffenen auch unter Depressionen. Das Spielen lenkt ab und muntert auf.

Auch Dr. Jens Schröder kennt die Tischtennis-Empfehlung für Menschen mit Parkinson. „Ich glaube jedem Patienten, der berichtet, dass eine langfristige Wirkung spürbar ist.“ Tischtennis biete alles, was in medizinischen Therapien angewandt werde: Das Klicken des Balls auf Schläger und Platte sorge für einen gleichmäßigen Rhythmus und jeder Schlag fördere die Feinmotorik, außerdem werde die Haltung gelockert. „Obendrein gehen die Menschen in den Austausch und haben Spaß.“

Einblicke in eine PingPongParkinson-Gruppe

Ute Zimmermann geht es an diesem Freitagabend gut, das zeigt ihr Gesicht, das verrät ihr lautes Lachen. Sie habe damals nach der Diagnose etwas tun und andere Betroffene treffen wollen. „Aber ich wollte keine passive Selbsthilfegruppe.“ PingPongParkinson ist aktiv, außerdem gesellig und sportlich. „Ich fühle mich nach dem Training einfach besser“, berichtet auch Wei Jiang, für den die Diagnose trotz der Schwere eine Erleichterung war. Es hätte auch etwas Schlimmeres sein können, denkt er.

Im Training in der Werder-Halle geht es nicht darum, das Gegenüber von der Platte zu putzen. „Unser Ziel sind möglichst lange gleichmäßige Ballwechsel“, erzählt Rami Karnoub. Der 51-Jährige ist Trainer bei Werder. In seiner Jugend spielte er für die Jugendnationalmannschaft von Syrien, in Bremen einst in der Verbandsliga. Reihum kommen alle zu ihm an die Platte. Jeder spielt mal gegen jeden oder mit jeder - Ute mit Karl-Heinz, Wei mit Ulrich, Parkinsonpatienten mit Bewohnerinnen des Martinshofes.

Ein Jahr nach der Diagnose sagt Ulrich Meine, er habe zu seinem alten Leben zurückgefunden. Zu diesem gehört jetzt zwar, dass er etwas gebeugt geht und sich langsam bewegt, aber auch zu wandern und zu radeln. Das sei wieder möglich, berichte er. Meine mag diese Entwicklung nicht allein dem Tischtennistraining zuschreiben. Wie alle hier absolviert er ein straffes Programm mit Ergo-, Faszien- und Physiotherapien, eine logopädische Therapie hat er bereits erfolgreich abgeschlossen. „Das alles mache ich, weil es vernünftig ist“, sagt Ulrich Meine. „Aber das einzige, was mir davon auch Spaß macht, ist - Tischtennis.“

Tiefe Hirnstimulation (THS) als Option

Wenn typische Parkinson-Symptome wie Zittern oder Gelenksteifheit mit Tabletten nicht mehr zu bändigen sind, kann die Tiefe Hirnstimulation (THS) helfen. Im UKE erhalten jährlich bis zu 60 Patient:innen den sogenannten Hirnschrittmacher. Für das Feintuning der Dioden im Kopf sorgt Priv.-Doz. Dr. Monika Pötter-Nerger in der THS-Ambulanz.

Ob und wann eine THS in Frage kommt, hängt vom Fortschreiten und von der Art der Erkrankung ab. „Wesentliche Indikatoren sind Schwankungen in der Beweglichkeit über den Tag, zunehmendes Zittern sowie Unverträglichkeiten der Medikamente, die nach der OP um 50 Prozent reduziert werden können“, erklärt Dr. Pötter-Nerger.

Ein Beispiel für den Erfolg einer THS ist Thomas Winter, ein Profi-Polospieler, der nach der Operation wieder aktiv am Leben teilnehmen kann. Er kann wieder reiten und sogar an Turnieren teilnehmen.

Die Bedeutung sozialer Interaktion und Freude

Neben den körperlichen Aspekten der Therapie spielt die soziale Interaktion eine wichtige Rolle für das Wohlbefinden von Parkinson-Patienten. Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen, Tanzgruppen oder beim Tischtennis kann Isolation und Depressionen entgegenwirken.

Thomas Winter betont, wie wichtig es ist, die Heiterkeit nicht zu verlieren und das zu tun, was Freude macht. Er trifft sich regelmäßig mit seiner Clique, die er in der Parkinson-Tagesklinik des UKE kennengelernt hat. „Wir gehen gemeinsam Essen, lachen viel und tauschen uns natürlich auch über unsere Erfahrungen mit der Krankheit aus.“

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