Einführung
Bei der Behandlung von Parkinson-Patienten werden häufig Medikamente eingesetzt, die den Dopaminspiegel im Gehirn erhöhen. Obwohl diese Medikamente helfen können, die motorischen Symptome der Krankheit zu lindern, können sie langfristig auch unerwünschte Nebenwirkungen haben. Eine dieser Nebenwirkungen ist die Entwicklung von Impulskontrollstörungen, wie z. B. Spielsucht, zwanghaftes Kaufen, Essattacken oder ein stark gesteigerter Sexualtrieb.
Dopamin und Parkinson
Morbus Parkinson ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die durch den Verlust von dopaminproduzierenden Nervenzellen im Gehirn gekennzeichnet ist. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der eine wichtige Rolle bei der Steuerung von Bewegungen, der Motivation und dem Belohnungssystem spielt. Wenn die Dopaminproduktion abnimmt, können Bewegungsstörungen wie Zittern, Steifheit und langsame Bewegungen auftreten.
Zur Behandlung von Parkinson werden häufig Medikamente eingesetzt, die den Dopaminspiegel im Gehirn erhöhen. Es gibt zwei Haupttypen von Medikamenten:
- Levodopa (L-Dopa): Wird im Gehirn in Dopamin umgewandelt und erhöht so die Dopaminkonzentration.
- Dopamin-Agonisten: Aktivieren Dopamin-Rezeptoren im Gehirn.
Impulskontrollstörungen als Nebenwirkung
Studien haben gezeigt, dass bestimmte Parkinson-Medikamente, insbesondere Dopamin-Agonisten, das Risiko für die Entwicklung von Impulskontrollstörungen erhöhen können. Eine Studie ergab, dass fast die Hälfte aller Parkinson-Patienten, die diese Medikamente einnehmen, von einer solchen Störung betroffen sein könnten.
Zu den häufigsten Impulskontrollstörungen, die mit Parkinson-Medikamenten in Verbindung gebracht werden, gehören:
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- Spielsucht: Zwanghaftes Spielen, oft mit erheblichen finanziellen Verlusten.
- Kaufsucht: Zwanghaftes Kaufen, auch wenn man es sich nicht leisten kann oder die gekauften Gegenstände nicht benötigt.
- Essattacken: Wiederholte Episoden von übermäßigem Essen, begleitet von einem Gefühl des Kontrollverlusts.
- Hypersexualität: Ein stark gesteigerter Sexualtrieb, der zu riskantem oder unangemessenem Verhalten führen kann.
Zusammenhang zwischen Medikamenten und Zwangsstörungen
Eine Studie von Jean-Christophe Corvol von der Sorbonne Universität in Paris und seinen Kollegen, veröffentlicht in der Fachzeitschrift «Neurology», zeigte einen deutlichen Zusammenhang zwischen Zwangsstörungen und der Einnahme von Parkinson-Arzneimitteln. In einem Zeitraum von fünf Jahren entwickelten 46 Prozent der 306 Patienten ein zwanghaftes Verhalten. In der Gruppe der Patienten, die die Medikamente dauerhaft eingenommen hatten, betrug der Anteil sogar 51,5 Prozent. Sowohl eine längere Dauer der Einnahme als auch eine höhere Dosis gingen mit einem erhöhten Risiko für eine Zwangsstörung einher. Den stärksten Zusammenhang sahen die Forscher bei den Wirkstoffen Pramipexol und Ropinirol. Umgekehrt ging die Störung zurück, wenn die Einnahme der Parkinson-Medikamente beendet wurde.
Risikofaktoren
Es gibt mehrere Faktoren, die das Risiko für die Entwicklung von Impulskontrollstörungen bei Parkinson-Patienten erhöhen können:
- Art des Medikaments: Dopamin-Agonisten scheinen ein höheres Risiko zu bergen als Levodopa. Insbesondere Pramipexol und Ropinirol werden häufig mit diesen Störungen in Verbindung gebracht.
- Dosis und Dauer der Einnahme: Höhere Dosen und eine längere Einnahmedauer erhöhen das Risiko.
- Persönlichkeitsmerkmale: Studien haben gezeigt, dass Parkinson-Patienten, die bereits vor der Behandlung zu Impulsivität oder Suchtverhalten neigten, ein höheres Risiko haben, Impulskontrollstörungen zu entwickeln.
- Alter: Jüngere Parkinson-Patienten scheinen anfälliger zu sein.
- Genetische Veranlagung: Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte genetische Variationen, insbesondere Veränderungen des Dopaminrezeptors D4, das Risiko für Impulskontrollstörungen erhöhen können.
Pathophysiologie
Die genauen Mechanismen, die zu Impulskontrollstörungen bei Parkinson-Patienten führen, sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass die Medikamente, die den Dopaminspiegel erhöhen, das Belohnungssystem im Gehirn überstimulieren können. Dies kann zu einer verstärkten Sensibilität für Belohnungen und einer verminderten Fähigkeit führen, impulsive Verhaltensweisen zu kontrollieren.
Valerie Voon vom National Institute of Health in Bethesda vermutet, dass Dopamin das Lernverhalten mancher Patienten beeinflusst. In einem typischen Glücksspiel mit Gewinn und Verlust lernen diese rascher aus Erfolgssituationen. In Übereinstimmung dazu lässt sich mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie eine verstärkte Gehirnaktivität im ventralen Striatum nachweisen. Misserfolge hingegen prägen sich weniger gut ein. Damit korrespondiert eine verringerte Aktivität in der anterioren Insel. Alex Pine vom Wellcome Trust Center for Neuroimaging in London kommt bei seinen Hirntomografiestudien zu einer anderen Schlussfolgerung. Seiner Ansicht nach fördern DA die Impulsivität und beeinflussen so eine Entscheidung. Parkinsonpatienten mit Suchtpotenzial werden demnach eine sofortige Belohnung stets bevorzugen, selbst wenn sie noch so klein ist. Die Aussicht auf eine später noch größere Belohnung wird hingegen unwichtig.
Bei all diesen Vorgängen spielen vor allem Dopaminrezeptoren des Typs D3 eine Rolle, zu denen zum Beispiel Pramipexol und Ropirinol eine hohe Affinität haben. Levodopa zeigt hingegen eine höhere Selektivität für D1- und D2-Rezeptoren, weshalb die Behandelten seltener unter Zwangsstörungen leiden.
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Diagnose und Behandlung
Es ist wichtig, dass Ärzte Parkinson-Patienten und ihre Familien über das Risiko von Impulskontrollstörungen aufklären, bevor sie mit der Behandlung beginnen. Patienten sollten aufmerksam auf Anzeichen von zwanghaftem Verhalten achten und diese ihrem Arzt melden.
Die Diagnose von Impulskontrollstörungen kann schwierig sein, da sich die Symptome schleichend entwickeln können und die Patienten sich möglicherweise schämen, darüber zu sprechen. Es gibt jedoch standardisierte Fragebögen und Interviews, die zur Beurteilung von Impulskontrollstörungen eingesetzt werden können.
Die Behandlung von Impulskontrollstörungen bei Parkinson-Patienten kann eine Herausforderung sein. Zu den möglichen Behandlungsoptionen gehören:
Reduktion oder Absetzen der Dopamin-Agonisten: Dies kann die Symptome der Impulskontrollstörung reduzieren, aber auch die motorischen Symptome von Parkinson verschlimmern.
Umstellung auf andere Parkinson-Medikamente: Levodopa oder andere Medikamente, die weniger stark auf das Belohnungssystem wirken, können eine Alternative sein.
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Psychotherapie: Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) kann Patienten helfen, ihre impulsiven Verhaltensweisen zu erkennen und zu kontrollieren.
Medikamentöse Behandlung der Impulskontrollstörung: In einigen Fällen können Medikamente wie Antidepressiva oder Stimmungsstabilisatoren eingesetzt werden, um die Symptome der Impulskontrollstörung zu lindern. Amantadin, ein Medikament, das gegen Influenza und Parkinson eingesetzt wird, hat in einigen Studien eineReduktion der Spielsucht gezeigt.
Tiefe Hirnstimulation (THS): Diese Geräte werden Parkinsonpatienten schon seit Längerem verordnet. Dabei werden Elektroden tief im Gehirn platziert, wo sie bestimmte Hirnareale mit elektrischen Impulsen stimulieren. Sie bringen das Gehirn der Patienten gewissermaßen wieder in Takt und helfen so gegen Bewegungsprobleme wie Zittern, Gangstörungen oder das sogenannte Freezing, bei dem die Patienten plötzlich in der Bewegung erstarren.
Nun haben Wissenschaftler um Prof. Paul Krack vom Universitätsklinikum in Genf herausgefunden, dass die Tiefenhirnstimulation neben den Bewegungsabläufen auch die Impulskontrolle wieder verbessern kann.
Für die Studie hatten die Forscher insgesamt 251 Parkinsonpatienten rekrutiert. Die Hälfte von ihnen nahm weiterhin lediglich Medikamente zur Parkinsontherapie ein. Die übrigen erhielten zusätzlich zu den Medikamenten eine Tiefenhirnstimulation. Nach zwei Jahren hatten sich die Verhaltensauffälligkeiten der Patienten mit Hirnschrittmacher deutlich gebessert - in der rein medikamentös behandelten Gruppe hingegen waren sie schlimmer geworden.
Bedeutung der Aufklärung
Es ist von entscheidender Bedeutung, dass Parkinson-Patienten, ihre Angehörigen und Ärzte sich des Risikos von Impulskontrollstörungen bewusst sind. Eine frühzeitige Erkennung und Behandlung können dazu beitragen, die negativen Auswirkungen dieser Störungen auf das Leben der Betroffenen zu minimieren. Die Aufklärung sollte folgende Aspekte umfassen:
- Informationen über die möglichen Risiken: Patienten sollten vor Beginn der Behandlung mit Dopamin-Agonisten über das Risiko von Impulskontrollstörungen informiert werden.
- Aufklärung über die Symptome: Patienten und ihre Angehörigen sollten über die Anzeichen von Impulskontrollstörungen aufgeklärt werden, damit sie diese frühzeitig erkennen können.
- Regelmäßige Überwachung: Ärzte sollten ihre Parkinson-Patienten regelmäßig auf Anzeichen von Impulskontrollstörungen überwachen.
- Offene Kommunikation: Patienten sollten ermutigt werden, offen mit ihrem Arzt über alle Veränderungen in ihrem Verhalten oder ihren Impulsen zu sprechen.
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