Pflanzenstoffe bei Parkinson: Nutzen, Risiken und aktuelle Forschung

Die Parkinson-Krankheit ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die derzeit nicht heilbar ist. Die moderne medikamentöse Kombinationsbehandlung kann zwar über einen langen Zeitraum die Symptome der Erkrankung lindern und die Lebensqualität verbessern, ein Stillstand der Progression ist jedoch nicht möglich. Viele Betroffene suchen daher nach Möglichkeiten, den Krankheitsverlauf durch präventive Maßnahmen oder eine Verlangsamung des Fortschreitens der Erkrankung positiv zu beeinflussen. Dabei rücken Nahrungsergänzungsmittel und Gewürze in den Fokus, denen aufgrund enthaltener Stoffe eine Reduktion des zellzerstörenden oxidativen Stresses in den betroffenen Gehirnzellen zugeschrieben wird. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage zu verschiedenen Pflanzenstoffen und deren potenziellen Nutzen und Risiken bei Parkinson.

Nahrungsergänzungsmittel (NEM) vs. Gewürze: Ein Überblick

Es ist wichtig, zwischen Nahrungsergänzungsmitteln und Gewürzen zu unterscheiden.

Nahrungsergänzungsmittel (NEM) sind, anders als Gewürze, keine Lebensmittel. Sie ergänzen die allgemeine Ernährung durch Mikronährstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente oder sonstige Stoffe in konzentrierter Form und häufig in hoher Dosierung. Überdosierungen sind aus diesem Grund möglich und riskant. NEM gelten nicht als Arzneimittel und müssen kein behördliches Zulassungsverfahren durchlaufen. Demnach erfolgt keine Prüfung auf gesundheitliche Unbedenklichkeit und stoffliche Reinheit. Für bestimmte Risikogruppen - und dazu gehören auch Parkinson-Patienten - kann die Einnahme ausgewählter Nahrungsergänzungsmittel (Supplements) jedoch sinnvoll sein.

Gewürze hingegen sind Pflanzenteile, welche in geringer Menge als geschmacks- bzw. geruchsgebende Zutaten zur allgemeinen Ernährung verwendet werden. Getrocknete Küchenkräuter zählen dazu, aber auch Samen, Früchte, Blätter, Blüten und Blütenteile, Wurzeln und Wurzelstöcke, Rinden und Zwiebeln. Die gewünschte Wirkung ist auf den natürlichen Gehalt an Geschmacks- und Aromastoffen zurückzuführen, die meist in den ätherischen Ölen zu finden sind. Mikrobiologisch können Gewürze stark belastet sein, z.B. durch Schimmelpilzgifte oder Krankheitserreger wie Salmonellen. Sie werden aus diesem Grund regelmäßig vom Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit auf ihre mikrobiologische Beschaffenheit untersucht, ebenso wie die NEM. Beim Kauf von Gewürzen aus weniger streng kontrolliertem Anbau sollte dies Beachtung finden.

Mangelzustände bei Parkinson-Patienten

Gute Studienergebnisse bei bereits von der Krankheit Betroffenen hinsichtlich Symptomkontrolle oder Prognose sind begrenzt und beschränken sich auf wenige wirklich erforderliche Supplements. Allerdings sind Mangelzustände bei Parkinson-Patienten zu erwarten und auch nachgewiesen, vor allem aufgrund der seit Jahrzehnten propagierten proteinarmen Ernährung, der altersbedingten Malnutrition (Mangel- und / oder Fehlernährung) und der Parkinson-assoziierten Stoffwechsel- und Organtoxizität (Beispiel Magen- und Darmlähmung). Auch die Dopamin-Ersatztherapie kann in der Langzeitbehandlung mit höheren L-Dopa-Dosen zu schädlichen Abbauprodukten und in der Folge zu einem Mangel an Vitaminen, insbesondere der B-Vitamine (B12, B6 und Folsäure), führen.

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Studienergebnisse zu Pflanzenstoffen und NEM bei Parkinson

Die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema befassen sich damit, wie man sich durch eine bestimmte Ernährung am besten vor dieser Krankheit schützen kann, also mit der Prophylaxe. In der von Mischley et al. 2017 veröffentlichten „CAM Care in PD“ Studie (Komplementäre und alternative Medizin bei M. Parkinson) wurden 1 307 Parkinson- Patienten mit Online-Fragebögen nach ihren Krankheitsdaten und Ernährungsgewohnheiten befragt. Ergebnis: frisches Gemüse, frisches Obst, Nüsse, Samen, Olivenöl, Wein, Kokosöl, frische Kräuter und die Verwendung von Gewürzen waren mit einem langsameren Krankheitsverlauf assoziiert. Folgende Supplements wurden von den Patienten in unterschiedlicher Häufigkeit eingenommen: Inosin, Glutathion, DHEA (Dehydroepiandrosteron), Koenzym Q10, Fischöl, Quercetin, Kurkuma, Gingko biloba, Kokosöl, Reveratrol, Vitamin D, Alpha-Liponsäure, Probiotika, NADH (Nicotinamidadenindinukleotidhydrid), Multivitaminpräparate, Kalzium, Vitamin B6, Vitamin B12, Folsäure, N-Acetylcystein, Rubidium, Östrogen, Mucuna pruriens, Fava-Bohnen, Melatonin und Eisen. Nach Ausschluss aller möglichen statistischen Fehler war nur Fischöl mit einer langsameren Progression assoziiert. Es ist reich an Omega-3- Fettsäuren, denen entzündungshemmende und zellschützende Effekte zugesprochen werden. Es gilt zu beachten, dass es sich um eine subjektive Einschätzung der Patienten anhand eines Fragebogens handelt.

Eine 2020 veröffentliche Übersichtsarbeit zum Thema „Lebensstil und Ernährung bei M. Parkinson“ wählte aus über 6 000 Publikationen 55 als relevant aus. Ergänzend zu oben bereits genannten NEM wird hier auf den durch die Krankheit drohenden Eiweißmangel hingewiesen und als Quelle 20 mg Molkenprotein über den Tag verteilt empfohlen, da es schwierig sei, Bio-Fleisch oder -Geflügel für eine ausreichende Proteinzufuhr zu finden und Glutathion als NEM unwirksam zu sein scheint. Das in der Molke enthaltene Cystein wird für die Glutathionproduktion benötigt, welches die Entgiftung unterstützt. Ebenso wird auf die Bedeutung einer guten Verdauung hingewiesen, welche durch eine ballaststoffreiche Kost und Bewegung unterstützt werden kann. Der negative Einfluss von Schlafmangel und Stress wird abschließend diskutiert.

Vitamin-D

Ein Mangel an Vitamin-D ist bei Parkinson-Patienten häufig und mit einem erhöhten Sturz- sowie Verletzungsrisiko verbunden. In mehreren Studien führte eine orale Nahrungsergänzung mit Vitamin D (1000 IE / d) zu einer erheblichen Reduktion von Frakturen (Knochenbrüche). Ist eine Osteoporose nachgewiesen, sollte eine zusätzliche Gabe von Kalzium erfolgen, wenn die Kalziumzufuhr unter 1 000 mg / d beträgt (aktuelle DVO-Leitlinie Osteoporose). Moderne Vitamin-D-Präparate sind mit Vitamin K2 kombiniert, um die richtige Verwertung von Kalzium zu unterstützen. Hinweis: Eine natürliche Kalziumzufuhr kann über ein Mineralwasser mit hohem Kalziumgehalt erfolgen. Es gilt jedoch zu beachten, dass eine Vitamin- D-Überdosierung zu bleibenden Nierenschäden führen kann.

B-Vitamine

Aufgrund der oben bereits genannten Risikofaktoren kann es bei Parkinson- Betroffenen zu einem Mangel an B-Vitaminen kommen, insbesondere Vitamin-B12, Vitamin-B6 und Folsäure. In neueren Studien wird auch über einen Mangel an Niacin berichtet. Allerdings ist ebenfalls bekannt, dass eine ungezielte „Gießkannenbehandlung“ mit Vitamin-B-Komplex-Präparaten unter Umständen sogar schädlich sein kann. Insbesondere eine Überdosierung mit Vitamin-B6 kann zu einer Hemmung der L-DOPA-Wirkung führen! Allerdings scheint es nur bei synthetischen Vitaminpräparaten zu einer solchen Überdosierung zu kommen, nicht bei natürlichen Vitaminen in der Nahrung. Eine Ersatztherapie mit B-Vitaminen sollte deshalb erst dann erfolgen, wenn durch eine Blutuntersuchung ein Mangel festgestellt wurde. Ein deutlicher Mangel an Vitamin-B12 kann rasch durch Injektionen ausgeglichen werden, danach kann auf eine orale Therapie umgestellt werden. Leichte Mangelzustände an Vitamin-B6 können über die Ernährung ausgeglichen werden. B6 findet sich unter anderem in Hülsenfrüchten, Nüssen, Kräutern und Gewürzen.

Coenzym Q10

Ubichinon ist strukturell verwandt mit den Vitaminen K und E und ist als Coenzym innerhalb der Atmungskette an der Energiegewinnung beteiligt. Da bei der Parkinson-Krankheit eine Störung der Zellatmung vorliegt, wurde die Hypothese aufgestellt, dass durch hoch dosiertes Coenzym Q10 ein neuroprotektiver Effekt erzielt werden kann. Dafür sprachen Ergebnisse aus Zellkulturstudien und im Parkinson-Tiermodell. In einer von der Parkinson-Study-Group (QE3) durchgeführten Studie mit 600 Patienten gelang es jedoch nicht, die Krankheit in einem sehr frühen Stadium zu verlangsamen. Unter Beachtung des Studienergebnisses kann die Einnahme von Q10 zur Neuroprotektion bei Parkinson-Patienten in frühen Krankheitsstadien nicht empfohlen werden.

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Nikotinhaltige Nahrungsmittel

Für nikotinhaltige Nahrungsmittel, einschließlich Tomaten, Kartoffeln, Auberginen, Chili und Paprika, konnte ein reduziertes Parkinson-Risiko bei Männern und Frauen nachgewiesen werden, die nie geraucht hatten. Lycopin, der rote Farbstoff der Tomate, konnte im Tierversuch dopaminerge Nervenzellen vor oxidativem Stress schützen.

Senfölglykoside

Senfölglykoside verfügen im Tierversuch über einen antioxidativen Effekt. Sie befinden sich besonders in Kreuzblütengewächsen, wie Brokkoli, aber auch in Blumenkohl, Weißkohl, Rotkohl, Meerrettich, Rucola, Kresse und Senf. Sie verleihen diesen Gemüsearten ihren charakteristischen scharfen Geschmack.

Anthocyane

Für mehrere Farbstoffe (Anthocyane) in roten Beeren und Gemüse wurde eine hemmende Wirkung auf die Monoaminooxidasen (MAO) A und B nachgewiesen. Besonders reich an Anthocyanen sind Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren und Heidelsowie Holunderbeeren, außerdem Weintrauben, Kirschen, rote Bete und Rotkohl.

Carotinhaltige Lebensmittel

Auch für carotinhaltige Lebensmittel (u. a. Grünkohl, Karotten, Süßkartoffeln, Petersilie) und Beta-Carotin wurde in epidemiologischen Studien ein neuroprotektiver Effekt nachgewiesen: Sie verfügen über antioxidative Eigenschaften und schützen vor freien Radikalen. Systematische klinische Studien mit Parkinson-Patienten fehlen.

Sojalecithin

Bei der Gewinnung von Sojaöl fällt als Nebenprodukt Sojalecithin an, welches u.a. das Isoflavon Genistein (Sojabohne, Tofu, Kichererbsen, Kidney-Bohnen, Brokkoli, dunkle Schokolade) und Vitamin E enthält. Es fehlen systematische Studien mit Parkinson-Patienten.

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Bockshornklee

Bockshornklee (BHK) werden zellschützende, antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaften zugeschrieben. Neben Vitamin C, Eisen, Kalzium und Magnesium enthalten Bockshornkleesamen u.a. Steroidsaponine, Bitterstoffe und Trigonellin.

Grüner Tee

Den im Tee enthaltenen Polyphenolen Theaflavin oder Epigallocatechin-Gallat werden antioxidative, antiapoptische und entzündungshemmende Eigenschaften zugeschrieben. Aufgrund der Erkenntnisse aus zahlreichen präklinischen Studien wurden Polyphenole aus grünem Tee zur Behandlung von Denovo-Parkinson-Patienten getestet. Die Studie konnte jedoch keinen Effekt feststellen.

Kaffee

Neben Coffein enthält Kaffee u.a. Theophyllin, verschiedene Flavonoide und Gerbstoffe mit antioxidativem Effekt. Coffein und synthetische Adenosin-A2A-Antagonisten werden in klinischen Phase-II- und -III-Studien zur symptomatischen Behandlung von Parkinson untersucht. Istradefyllin, ein A2A-Adenosinrezeptor-Antagonist und ein Analogon des Coffeins, wurde 2013 in Japan zur Therapie bei Parkinson zugelassen, 2018 in den USA.

Rotwein

Die im Rotwein enthaltenen Flavonoide Resveratrol und Quercetin hatten im Parkinson-Tiermodelleinennachweislichen neuroprotektiven Effekt. Ein Teil der neuroprotektiven Wirkung von Rotwein wird auf oligomere Proanthocyanidine (OPC) zurückgeführt. Dabei handelt es sich um z.B. auch in Traubenkernen vorkommende Bioflavonoide, welche sich aus mehreren Flavanolen zusammensetzen. In Traubenkernen sind dies z. B. Catechin, Epicatechin, Epicatechin-Gallat, Epigallogatechin-3-Gallat und Gallocetechin.

Eisen, Kupfer, Zink und Selen

Mehrere Studien fanden bei Parkinson- Patienten niedrigere Spiegel von Eisen, Kupfer und Zink (im Vergleich mit gesunden Kontrollgruppen), während sich der Spiegel für Selen nicht wesentlich unterschied. Die Wirksamkeit von NEM bei Patienten mit einem bestehenden, laborchemisch nachgewiesenen Eisenmangel oder Restless-Legs-Syndrom ist unbestritten. In diesem Fall wird bei Ferritin-Werten unter 50 μg / l eine Substitution mit Eisen empfohlen. Ein Zinkmangel kann zu Wundheilungsstörungen führen, welche bei Parkinson- Patienten gehäuft vorkommen. Ob jedoch eine Substitution bei allen Patienten zu einer Verbesserung der Krankheitssymptome oder der Prognose führt, ist nicht systematisch untersucht.

Curcumin

Das Gewürz Curcumin wird seit 2500 Jahren in der ajurvedischen und chinesischen Medizin eingesetzt. Es stammt aus dem Rhizom der Gelbwurzel (Kurkuma). Synthetisch hergestellt findet man das Polyphenol Curcumin als E 100 als Farbstoff in Lebensmitteln, aber auch als Aromaträger im Currypulver. Studien lassen auf einen antioxidativen, entzündungshemmenden und schmerzlindernden Effekt schließen. In Parkinson-Labormodellen zeigte es eine neuroprotektive Wirkung.

Levodopa

Levodopa (auch L-DOPA) ist ein Wirkstoff, der die Bewegungsstörungen bei Parkinson sowie beim Restless-Legs-Syndrom (RLS) vermindern kann. Die Symptome treten nach gegenwärtigem Stand vor allem durch einen Mangel des Neurotransmitters Dopamin im Gehirn auf. Natürlicherweise findet sich Levodopa beispielsweise in den Samen von Acker- und Juckbohnen und in Wurzelgemüse wie der Roten Bete. Durch einen gentechnischen Eingriff gelang es ForscherInnen, Tomatenpflanzen mit einem höheren Gehalt an Levodopa zu erzeugen. Dazu transferierten sie zunächst den Genabschnitt CYP76AD6 aus der Roten Bete in das Tomatengenom. Um die Levodopa-Produktion dieser neu entwickelten Tomatenpflanzen noch zu steigern, kreuzte sie das Team anschließend mit einer Tomatenlinie, die besonders viel Tyrosin als Ausgangssubtrat herstellt. Damit sind in der gekreuzten Tomatenlinie Spitzenwerte von bis zu 150 mg Levodopa pro Kilogramm Tomaten möglich.

Die Bedeutung von Pflanzen in der medizinischen Forschung

Pflanzen leisten in der Medizin Beachtliches: Viele ihrer Inhaltsstoffe werden als medizinische Wirkstoffe in Medikamenten genutzt. Außerdem können ihre Zellen sogar als Produktionssystem für neue Wirkstoffe eingesetzt werden. Viele der heute genutzten Medikamente enthalten Wirkstoffe, die einst in Pflanzen entdeckt wurden.

Wissenschaftler des KIT und der Firma Phyton Biotech GmbH bilden komplexes Pflanzengewebe technisch nach, um noch effektiver Wirkstoffe gegen Krebs und Alzheimer zu gewinnen. Am KIT entwickelt: Der mikrofluidische Bioreaktor ahmt Pflanzengewebe technisch nach. Pflanzen produzieren zahlreiche Substanzen, die sich bei der Behandlung von Krebs, Alzheimer oder Parkinson einsetzen lassen. Doch häufig sind die Stoffwechselwege zur Zielsubstanz so komplex, dass ihre biotechnologische Herstellung wenig effektiv und kostenintensiv ist. In einem Forschungsprojekt kombinieren Wissenschaftler des KIT ihre Expertise mit dem technologischen Know-how der Phyton Biotech GmbH, dem größten Produzenten pharmazeutischer Inhaltsstoffe mit Pflanzenzellen. Nach neuesten Schätzungen bilden Pflanzen etwa eine Million chemische Stoffe, sogenannte Sekundärmetabolite. Viele dieser kostbaren Inhaltsstoffe können jedoch nicht synthetisch hergestellt werden. Häufig müssen sie deshalb direkt aus Wildpflanzen extrahiert und kostenintensiv aufgereinigt werden. Zudem sind viele dieser Pflanzen selten und bedroht.

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