Migräne, Schwangerschaft und Schlaganfallrisiko: Eine differenzierte Betrachtung

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Bei jungen Menschen, insbesondere Frauen, kann sie das Risiko für einen Schlaganfall erhöhen. Dies gilt besonders während der Schwangerschaft. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Migräne, Schwangerschaft und Schlaganfallrisiko, wobei sowohl traditionelle als auch untypische Risikofaktoren berücksichtigt werden.

Migräne: Symptome und Phasen

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die sich durch wiederkehrende, oft sehr starke Kopfschmerzen auszeichnet. Die Symptome und der Verlauf einer Migräneattacke können individuell sehr unterschiedlich sein. Typischerweise lassen sich jedoch verschiedene Phasen unterscheiden:

  • Vorboten (Prodromalphase): Diese Phase tritt meist ein bis zwei Tage vor dem eigentlichen Kopfschmerz auf. Mögliche Symptome sind Hochstimmung oder depressive Verstimmung, Reizbarkeit, Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Nackensteifheit, Appetit auf Süßes, vermehrter Hunger und Durst, Verstopfungen und/oder Übelkeit.

  • Aura: Bei etwa 10-15 % der Migränepatienten tritt vor dem Kopfschmerz eine Aura auf. Diese äußert sich meist in visuellen Störungen wie Lichtblitzen, Flimmern, Gesichtsfeldausfällen oder Doppelbildern. Auch Taubheitsgefühle, andere sensorische Störungen, Schwäche und Schwindel sind möglich. Die Aura-Symptome entwickeln sich allmählich, dauern meist 5-60 Minuten und sind vollständig reversibel. Es gibt Migräne mit Aura, Migräne ohne Aura, aber auch Aura ohne Kopfschmerz.

  • Schmerzphase: Der Kopfschmerz ist meist mittelstark bis stark, pulsierend, pochend oder stechend. Er verstärkt sich durch Bewegung und ist oft einseitig, wobei ein Seitenwechsel oder eine Ausdehnung möglich ist. Unbehandelt dauert die Schmerzphase zwischen 4 und 72 Stunden. Häufige Begleiterscheinungen sind Appetitlosigkeit, Übelkeit (80 %), Erbrechen (40-50 %), Lichtempfindlichkeit (60 %), Lärmempfindlichkeit (50 %) und Geruchsempfindlichkeit (10 %). Leichtes Augentränen kann durch die Aktivierung des Parasympathikus entstehen.

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  • Rückbildungsphase: Der pulsierende Schmerz geht oft in einen gleichbleibenden Schmerz über.

  • Schlafphase: Oft zeigen sich entgegengesetzte Symptome der Vorboten aus der Prodromalphase.

Schlaganfall: Eine Übersicht

Ein Schlaganfall (Apoplex) entsteht, wenn die Blutzufuhr zum Gehirn unterbrochen wird. Dies kann durch ein ischämisches Geschehen (Mangeldurchblutung durch Thromben oder Arteriosklerose) oder durch eine Dissektion (Gefäßruptur) verursacht werden. Der Schlaganfall ist eine typische Alterserscheinung, wobei das Risiko mit jedem Lebensjahrzehnt exponentiell ansteigt. Im Durchschnitt ist ein Apoplex-Patient 73 Jahre alt.

Juvenile Schlaganfälle: Wenn junge Menschen betroffen sind

Obwohl der Schlaganfall primär mit höherem Alter assoziiert wird, können auch junge, gesunde und sportliche Menschen betroffen sein. Rund 15 Prozent der Schlaganfälle in Deutschland ereignen sich bei Personen unter 55 Jahren - diese werden als juvenile Schlaganfälle bezeichnet. Die Inzidenz variiert je nach Altersgruppe:

  • 20-24 Jahre: 2,4 von 100.000 Menschen
  • 35-44 Jahre: 20 von 100.000 Menschen
  • Ab 75 Jahren: 1.200/100.000 Menschen (zum Vergleich)

Migräne als Risikofaktor für Schlaganfall bei jungen Menschen

Eine Studie aus dem Jahr 2023 hat gezeigt, dass bei jungen Menschen unter 45 Jahren nicht-traditionelle Risikofaktoren, wie Migräne, eine größere Rolle bei der Entstehung eines Schlaganfalls spielen können als traditionelle Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Herzerkrankungen.

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Studienergebnisse im Detail

In der Studie wurden Daten von 2.618 Apoplex-Fällen (davon 73 % ischämisch) mit einer schlaganfallfreien Kontrollgruppe von 7.827 Menschen im Alter von 18 bis 55 Jahren verglichen. Die Teilnehmer wurden in drei Altersgruppen (18-34, 35-44 und 45-55 Jahre) eingeteilt. Es zeigte sich, dass jeder der definierten Risikofaktoren das Risiko für einen Schlaganfall erhöhte.

Risikofaktoren im Überblick:

  • Nicht traditionelle Risikofaktoren: Migräne, Krebserkrankungen, HIV-Infektion, Hepatitis, Thromboseneigung, Autoimmunerkrankung, Vaskulitis, Sichelzellanämie, Herzklappenfehler, Nierenversagen, hormonelle Risikofaktoren (wie Einnahme oraler Kontrazeptiva und Schwangerschaft).
  • Traditionelle Risikofaktoren: Hypertonie, Typ-2-Diabetes, erhöhtes LDL-Cholesterin, Schlafapnoe, periphere arterielle Verschlusskrankheit, Vorhofflimmern, koronare Herzkrankheit, Alkoholmissbrauch, Drogenmissbrauch, Tabakkonsum, Adipositas, Herzinsuffizienz.

Besonders auffällig:

  • Personen im Alter von 18 bis 34 Jahren mit Migräne, Nierenversagen, Autoimmunerkrankungen oder Herzklappeninsuffizienz hatten signifikant häufiger einen Schlaganfall.
  • Bei Männern wurden 31 % der Schlaganfälle den nicht-traditionellen und 25 % den traditionellen Risikofaktoren zugeschrieben.
  • Bei Frauen waren es sogar 43 % der Schlaganfälle, die durch nicht-traditionelle Risikofaktoren ausgelöst wurden, im Vergleich zu 33 % durch traditionelle Faktoren.
  • Migräne war der wichtigste untypische Risikofaktor bei jungen Frauen unter 35 Jahren. Bei den 18- bis 34-Jährigen wurde Migräne bei rund 20 % der Männer und bei 35 % der Frauen mit dem aufgetretenen Schlaganfall in Verbindung gebracht.

Mögliche Ursachen für den Zusammenhang zwischen Migräne und Schlaganfall

Die genauen Mechanismen, die Migräne und Schlaganfall verbinden, sind noch nicht vollständig geklärt. Es werden jedoch verschiedene Faktoren diskutiert:

  • Migräne-bedingte Gefäßhypoperfusion (verminderte Durchblutung)
  • Endothel-Dysfunktion (Funktionsstörung der inneren Gefäßwand)
  • Einnahme von Migränemedikamenten
  • Thromboseneigung
  • Genetische Faktoren

Altersabhängigkeit der Risikofaktoren

Die Bedeutung der verschiedenen Risikofaktoren verändert sich mit dem Alter:

  • 18-34 Jahre: Nicht-traditionelle Faktoren (insbesondere Migräne) haben einen größeren Einfluss als traditionelle Faktoren.
  • 35-44 Jahre: Bei Männern gewinnen die traditionellen Risikofaktoren die Überhand, während sich bei Frauen traditionelle (vor allem Bluthochdruck) und nicht-traditionelle Faktoren (vor allem Migräne) ungefähr die Waage halten.
  • Ab 45 Jahren: Die Bedeutung der untypischen Risikofaktoren nimmt ab, während die der klassischen Faktoren zunimmt.

Migräne und Schlaganfallrisiko bei Frauen

Frauen sind häufiger von Schlaganfällen betroffen als Männer (55 % der Schlaganfallpatienten sind Frauen). Dies liegt unter anderem daran, dass Frauen zusätzliche, "typisch weibliche" Risikofaktoren aufweisen, wie:

  • Migräne mit Aura
  • Komplikationen in der Schwangerschaft
  • Einnahme der Antibabypille
  • Höhere Lebenserwartung

Schwangerschaft als zusätzlicher Risikofaktor

Eine Schwangerschaft erhöht das Schlaganfallrisiko zusätzlich. Zwischen 1994 und 2007 stieg die Schlaganfallinzidenz bei schwangeren Frauen pränatal von 15 auf 22 pro 100.000. Bei Schwangeren mit Migräne ist die Schlaganfallrate um ein Vielfaches erhöht.

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Stillen als Schutzfaktor?

Eine Studie hat gezeigt, dass Frauen, die mindestens einmal in ihrem Leben gestillt haben, ein um zwölf Prozent geringeres Risiko für einen Schlaganfall haben als Frauen, die nie gestillt haben. Dieser Effekt war besonders deutlich bei Frauen, die insgesamt zwölf Monate oder länger gestillt haben. Stillen reduziert auch das Risiko für andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Prävention und Empfehlungen

Um das Schlaganfallrisiko zu minimieren, insbesondere bei Frauen mit Migräne, sind folgende Maßnahmen wichtig:

  • Kontrolle und Behandlung traditioneller Risikofaktoren: Bluthochdruck, Diabetes, erhöhte Blutfette, Übergewicht, Bewegungsmangel und Rauchen sollten konsequent behandelt werden.
  • Vorsicht bei hormonellen Kontrazeptiva: Frauen mit Migräne mit Aura sollten keine Antibabypille einnehmen und auf keinen Fall rauchen. Die Pille sollte einen Östrogengehalt von weniger als 30 Mikrogramm haben.
  • Beratung bei familiärer Schlaganfall-Belastung: Betroffene sollten sich zu alternativen Verhütungsmethoden beraten lassen.
  • Risikominimierung vor einer Schwangerschaft: Übergewicht und Bluthochdruck sollten bereits bei Kinderwunsch minimiert werden. In bestimmten Fällen kann die Einnahme von Medikamenten zur Vorbeugung einer Schwangerschaftsvergiftung (Präeklampsie) sinnvoll sein.
  • Aufmerksame Beobachtung während der Schwangerschaft: Ärzte sollten bei Schwangeren mit Migräneanamnese bei vaskulären Symptomen sorgfältige Aufmerksamkeit aufwenden, um mögliche Komplikationen frühzeitig zu vermeiden.

Migränebehandlung in spezialisierten Schmerzkliniken

Für Menschen mit Migräne und anderen chronischen Schmerzerkrankungen gibt es spezialisierte Therapieangebote, wie beispielsweise in der Neurologisch-verhaltensmedizinischen Schmerzklinik Kiel. Dort werden unter anderem Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen und andere Kopfschmerzformen behandelt.

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