Pflege eines Menschen mit Hemiplegie: Tipps und Konzepte für den Alltag

Eine Hemiplegie, oft Folge eines Schlaganfalls, stellt Betroffene und ihre Angehörigen vor große Herausforderungen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Pflege eines Menschen mit Hemiplegie, einschließlich praktischer Tipps, bewährter Konzepte wie Bobath und Vojta, sowie Informationen zu Hilfsmitteln und Unterstützungsmöglichkeiten.

Einführung in die Hemiplegie und ihre Auswirkungen

Eine Lähmung, insbesondere eine Halbseitenlähmung (Hemiplegie), kann das Leben von Betroffenen und ihren Familien von einem Moment auf den anderen verändern. Sie entsteht meist durch Schädigungen im Gehirn, beispielsweise durch einen Schlaganfall, und führt zu einer eingeschränkten oder aufgehobenen Bewegungsfähigkeit einer Körperhälfte. Neben den physischen Einschränkungen sind auch psychische Auswirkungen wie Frustration, Angst und Depression häufig. Daher ist es wichtig, die Pflege ganzheitlich zu betrachten und sowohl körperliche als auch seelische Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Das Bobath-Konzept: Ein umfassender Ansatz zur Rehabilitation

Das Bobath-Konzept ist ein wichtiger Bestandteil der Rehabilitation von Menschen mit Hemiplegie. Es basiert auf der Annahme, dass das Gehirn lebenslang lernfähig ist und neue Verknüpfungen bilden kann. Durch wiederholte Übungen und Bewegungsabläufe sollen intakte Hirnareale die Funktionen der geschädigten Bereiche übernehmen.

Prinzipien des Bobath-Konzepts:

  • Individuelle Anpassung: Die Therapie wird individuell auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Patienten zugeschnitten.
  • Alltagsintegration: Übungen werden in den Tagesablauf integriert, um die Selbstständigkeit in alltäglichen Situationen zu fördern.
  • Aktive Mitarbeit: Der Patient wird aktiv in die Therapie einbezogen und zu selbstständigen Bewegungen ermutigt.
  • Wiederholungen: Stetige Wiederholungen von Bewegungsmustern programmieren die Nervenbahnen um und fördern die Mobilität.

Lagerung nach Bobath:

Die Lagerung nach Bobath ist ein wichtiger Aspekt der Pflege bei Hemiplegie. Sie dient dazu, den Muskeltonus zu regulieren, die Körperwahrnehmung zu verbessern und Kontrakturen vorzubeugen. Es gibt verschiedene Lagerungspositionen, die je nach Bedarf eingesetzt werden können:

  • Lagerung auf der betroffenen Seite: Stimuliert die beeinträchtigten Körperpartien und ermöglicht die aktive Nutzung der nicht betroffenen Seite.
  • Lagerung auf der nicht betroffenen Seite: Fördert die Entspannung des Muskeltonus und ermöglicht dem Patienten, seine Lage aktiv mitzugestalten.
  • Stabiles Sitzen im Bett oder Stuhl: Hilft bei geringer Rumpfstabilität, das Körpergefühl zu verbessern und den Kreislauf zu trainieren.

Wichtig bei jeder Lagerung ist eine relativ harte Unterlage, um den Auflagedruck zu stimulieren und eine stabile Position zu gewährleisten.

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Mobilisation und Waschen nach Bobath:

Die Mobilisation nach Bobath, auch Transfer genannt, beinhaltet die aktive Einbeziehung des Patienten in sämtliche Positionswechsel. Einfache unterstützende Bewegungsabläufe, wie das Aufsetzen im Bett, fördern die Selbstständigkeit.

Das Waschen nach Bobath ist eine weitere Möglichkeit, die Körperwahrnehmung zu fördern. Dabei wird stets von der gesunden zur kranken Seite hin gearbeitet.

Ziele des Bobath-Trainings:

Ziel eines jeden Bobath-Trainings ist es, dass die Patienten trotz ihrer Erkrankung so viel Selbstständigkeit wie möglich zurückerlangen. Geeignet für die Gestaltung des ADL-Trainings (Activities of Daily Living) sind neben der Körperpflege, das An- und Ausziehen, die Nahrungsaufnahme, aber je nach Mobilität auch der eigenständige Toilettengang.

Ergänzende Therapieansätze: Vojta-Therapie

In der Altenpflege kann die Krankengymnastik nach Vojta eine gute Ergänzung zum Bobath-Konzept sein. Hierbei aktivieren Physiotherapeuten die natürlichen menschlichen Bewegungsmuster über verschiedene Druckpunkte. Dadurch lassen sich Symptome wie beispielsweise Spastizität lindern und Bewegungsniveaus verbessern. Der Unterschied zu Bobath: Vojta soll angeborene Bewegungsmuster aktivieren, Bobath schafft neue Verknüpfungen im Gehirn.

Praktische Tipps für die Pflege im Alltag

Die Pflege eines Menschen mit Hemiplegie erfordert eine Anpassung der Wohnumgebung und der täglichen Abläufe. Hier sind einige praktische Tipps:

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Zimmergestaltung und Hilfsmittel:

  • Stimulation der betroffenen Seite: Die Zimmergestaltung sollte so gewählt werden, dass die gelähmte Seite so oft wie möglich stimuliert wird. Alle Verrichtungen sollten von der hemiplegischen/gelähmten Seite ausgeführt werden.
  • Sicherheit: Rutschige Bodenbeläge vermeiden, Haltegriffe im Badezimmer anbringen, Toilettenhöhe anpassen.
  • Anpassung des Bettes: Bei starker Immobilität ein höhenverstellbares Pflegebett ausleihen.
  • Sitzgelegenheiten: Stabile Stühle mit Rückenlehne bevorzugen.
  • Tisch: Einen ausreichend großen Tisch vor der Sitzgelegenheit platzieren, damit der Patient den betroffenen Arm darauf abstützen kann.
  • Hilfsmittel: Röhrenförmige Griffverdickungen für Stifte oder Schlüssel, Anti-Rutsch-Unterlagen für den Tisch, individuell angepasster Rollstuhl.

Körperpflege:

  • Mundpflege: Bei Gesichtslähmung besonders auf die Mundhygiene achten, da die geschädigte Seite oft vernachlässigt wird.
  • Hautpflege: Regelmäßige Hautpflege, um Druckstellen (Dekubitus) vorzubeugen.
  • Inkontinenz: Bei anfänglicher Inkontinenz ein gezieltes Toilettentraining durchführen.

An- und Ausziehen:

  • Betroffene Seite zuerst: Das Anziehen beginnt mit der betroffenen Seite. Der Patient sollte am besten auf einem Stuhl sitzen, um mehr Sicherheit und Freiraum für Bewegung zu haben.
  • Kleidung: Bequeme Kleidung aus Naturmaterialien mit leichten Öffnungs- und Schließmechanismen wählen. Hilfsmittel wie Knöpfhilfen können das Anziehen erleichtern.

Ernährung:

  • Schluckbeschwerden: Bei Schluckbeschwerden pürierte Speisen verabreichen.
  • Verstopfung: Verstopfung vermeiden, da starkes Pressen den Patienten erneut gefährden kann.

Kommunikation:

  • Sprachstörungen: Bei Sprachstörungen (Aphasien) in kurzen, einfachen Sätzen langsam sprechen und den Patienten zum Sprechen anregen. Bewusst sein, dass der Betroffene durch seine Sprachstörung nicht automatisch geistig beeinträchtigt ist.

Motivation und Teilhabe:

  • Selbstständigkeit fördern: Den Betroffenen so viel wie möglich selbstständig erledigen lassen, auch wenn es länger dauert.
  • Teilnahme am Familienleben: Den Kranken weitgehend am normalen Familienleben teilnehmen lassen und ihm wenn möglich, sogar kleinere Aufgaben im Haushalt übertragen.
  • Interessen wecken: Alte oder neue Interessen wecken beziehungsweise erhalten, um einer Resignation vorzubeugen.

Die Rolle der Angehörigen und professionellen Pflegekräfte

Damit das Bobath-Konzept funktioniert, müssen alle an der Pflege beteiligten Personen an einem Strang ziehen. Angehörige, Pflegekräfte, Therapeuten und Ärzte sollten zusammenarbeiten, um den Patienten während des gesamten Tagesablaufs an die Übungen heranzuführen.

Angehörigenschulungen und -beratung:

Angehörige sollten sich in speziellen Schulungen und Beratungen auf die Pflege vorbereiten. Hier lernen sie unter anderem die richtige Lagerungstechnik, Hebetechniken und den Umgang mit Hilfsmitteln.

Ambulante Pflegedienste:

Ein ambulanter Pflegedienst kann die Familie bei der Pflege unterstützen und hinsichtlich Kosten- und Antragsverfahren bei der Kranken- und Pflegekasse beraten.

Selbsthilfegruppen:

Selbsthilfegruppen bieten Patienten und Angehörigen eine Plattform zum Austausch von Erfahrungen, zur gegenseitigen Unterstützung und zur Gewinnung von praktischen Tipps.

Pflegegrad und finanzielle Unterstützung

Menschen mit einer Lähmung haben Anspruch auf einen Pflegegrad und damit auf Leistungen der Pflegeversicherung. Der Pflegegrad wird durch eine Begutachtung des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) festgestellt.

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Leistungen der Pflegeversicherung:

  • Pflegegeld: Für die selbst organisierte Pflege durch Angehörige oder andere Personen.
  • Pflegesachleistungen: Für die Inanspruchnahme eines ambulanten Pflegedienstes.
  • Tages- und Nachtpflege: Für die teilstationäre Betreuung in einer Pflegeeinrichtung.
  • Vollstationäre Pflege: Für die dauerhafte Betreuung in einem Pflegeheim.
  • Hilfsmittel und Wohnraumanpassung: Für die Anschaffung von Hilfsmitteln und die Anpassung der Wohnumgebung.

Psychosoziale Aspekte der Pflege

Die Pflege eines Menschen mit Hemiplegie ist nicht nur körperlich, sondern auch psychisch eine große Herausforderung. Es ist wichtig, die psychischen Bedürfnisse des Patienten zu berücksichtigen und ihm Unterstützung anzubieten.

Mögliche psychische Auswirkungen:

  • Depressionen: Häufige Folge der Einschränkungen und des Verlusts der Selbstständigkeit.
  • Angst: Angst vor Stürzen, Komplikationen oder dem Verlust der Kontrolle.
  • Frustration: Frustration über die eigenen Unfähigkeiten und die Abhängigkeit von anderen.
  • Soziale Isolation: Rückzug aus dem sozialen Leben aufgrund von Scham oder Schwierigkeiten bei der Teilnahme an Aktivitäten.

Unterstützungsmöglichkeiten:

  • Psychotherapie: Zur Behandlung von Depressionen, Angstzuständen und anderen psychischen Problemen.
  • Seelsorge: Für religiöse oder spirituelle Unterstützung.
  • Gesprächsgruppen: Zum Austausch mit anderen Betroffenen und Angehörigen.
  • Aktivitäten und Hobbys: Zur Förderung der Lebensfreude und zur Aufrechterhaltung sozialer Kontakte.

Sexualität und Partnerschaft nach einem Schlaganfall

Ein Schlaganfall kann auch Auswirkungen auf die Sexualität und Partnerschaft haben. Es ist wichtig, offen über diese Themen zu sprechen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn nötig.

Mögliche Probleme:

  • Veränderung der sexuellen Bedürfnisse und Leistungsfähigkeit.
  • Praktische Probleme aufgrund von körperlichen Einschränkungen.
  • Verunsicherungen und Missverständnisse zwischen den Partnern.

Unterstützungsmöglichkeiten:

  • Ärzte und Therapeuten: Für Beratung und Behandlung von sexuellen Problemen.
  • Paartherapie: Zur Verbesserung der Kommunikation und zur Lösung von Konflikten.

Reisen mit Hemiplegie

Auch mit Hemiplegie ist es möglich, zu reisen. Eine gute Vorbereitung ist jedoch wichtig, um die Reise so angenehm und sicher wie möglich zu gestalten.

Vorbereitung:

  • Rücksprache mit dem Arzt: Klären, welche Belastungen möglich sind und welche Vorkehrungen getroffen werden müssen.
  • Medikamente: Ausreichend Medikamente einpacken.
  • Barrierefreiheit: Auf eine behindertengerechte Ausstattung des Hotels achten.
  • Sprachführer: Einen Sprachführer mit wichtigen Sätzen einpacken.

Autofahren nach einem Schlaganfall

Ob Autofahren nach einem Schlaganfall möglich ist, hängt von den individuellen Einschränkungen ab. Eine gründliche Untersuchung ist erforderlich, um die Fahrtauglichkeit festzustellen.

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