Piercing gegen Migräne: Hoffnung oder Hype?

Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die für Betroffene mit erheblichen Einschränkungen im Alltag verbunden sein kann. Neben den quälenden Kopfschmerzen treten oft Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit auf. Die Suche nach wirksamen Behandlungsmethoden ist daher ein zentrales Anliegen vieler Patienten. In den letzten Jahren hat sich ein neuer Trend entwickelt: das Piercing gegen Migräne, insbesondere das sogenannte Daith-Piercing. Doch was steckt wirklich dahinter? Kann ein Piercing tatsächlich Migräne lindern, oder handelt es sich lediglich um einen Hype?

Was ist ein Migräne-Piercing?

Beim Migräne-Piercing, oft auch Daith-Piercing genannt, handelt es sich um ein Ohrpiercing, das durch die Knorpelfalte über dem Gehörgang gestochen wird. Diese Knorpelfalte wird auch Crus Helix genannt. Der Begriff "Daith" leitet sich möglicherweise vom hebräischen Wort "da-at" ab, was übersetzt "Wissen" bedeutet. Die Idee hinter dem Migräne-Piercing beruht auf dem Prinzip der Akupunktur.

Das Prinzip der Akupunktur

Die Akupunktur ist eine traditionelle Behandlungsmethode der chinesischen Medizin, bei der feine Nadeln in bestimmte Punkte des Körpers gesetzt werden, um den Energiefluss anzuregen und Blockaden zu lösen. Diese Punkte befinden sich auf Meridianen, die den Körper durchziehen. Nach der traditionellen chinesischen Medizin ist ein gestörter Energiefluss im Körper für Erkrankungen wie Migräne ursächlich.

Befürworter des Migräne-Piercings argumentieren, dass das Piercing einen Akupunkturpunkt stimuliert, der sich in der Knorpelfalte über dem Gehörgang befindet. Durch den permanenten Druck des Piercings soll dieser Punkt dauerhaft stimuliert und somit die Migräne-Symptome gelindert werden. Es wird angenommen, dass dieser Punkt in Verbindung mit dem Vagusnerv steht, welcher eine wichtige Rolle bei der Schmerzweiterleitung spielt.

Die Platzierung des Piercings

Prinzipiell gibt es keine festen Vorgaben, an welcher Stelle genau das Daith-Piercing gegen Migräne gestochen werden soll. Einige Befürworter empfehlen, das Piercing auf der Seite zu tragen, auf der der Migräneschmerz stärker ist. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Akupunkturpunkte bei jedem Menschen etwas anders liegen können.

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Ein Piercing im vorher vermessenen Bereich des Tragus, Daith oder Forward Helix kann zu einer Dauerstimulation führen und potenziell die Symptomatik verbessern. Die Platzierung war bei einigen Anwendern zu 95 % im Forward Helix Piercing Bereich. Dabei handelt es sich um Knorpelpiercings, die im Ohr liegen und eine Dauerstimulation des Akupunkturpunktes im Ohr erzeugen.

Es gibt auch die Möglichkeit eines Nullpunkt- oder Migräne-Piercings, welches eine Verbesserung bei Spannungskopfschmerz, normal erhöhtem Kopfschmerz, Migräne und Clusterkopfschmerz bewirken soll. Zudem soll es zu einer Entspannung der Nacken-, Schulter- und Kiefermuskulatur, einer Reduktion von nächtlichem Zähneknirschen und einer Verbesserung des Allgemeinbefindens führen. Eventuell kann es auch zu einer Verbesserung neurologischer Befunde kommen. Dieser Akupunkturpunkt liegt entweder im Bereich des Tragus Piercings, des Daith Piercings oder im Bereich des Forward Helix Piercing.

Wissenschaftliche Evidenz und Expertenmeinungen

Die Meinungen zum Migräne-Piercing sind geteilt. Insbesondere aus wissenschaftlicher Sicht wird es nicht als medizinisches Heilmittel anerkannt. Aktuell existieren keine groß angelegten medizinischen Studien, die eine garantierte Wirkung nachweisen. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e. V. (DMKG) rät derzeit von Piercings gegen Migräne ab, da die Gefahr von Entzündungen des Ohrknorpels besteht und derzeit noch keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit vorliegen.

Viele Ärzte und Migräne-Experten stehen dem Daith-Piercing äußerst skeptisch gegenüber. Sie argumentieren, dass vereinzelt positive Erfahrungen eher auf den Placebo-Effekt zurückzuführen sind. Das bedeutet, dass die Schmerzlinderung eher psychische als physische Ursachen hat. Zudem wird darauf hingewiesen, dass ein Piercing einen Dauerreiz darstellt, gegen den der Körper mit der Zeit abstumpfen kann. Infolgedessen ist davon auszugehen, dass ein Migräne-Piercing langfristig ohne Wirkung ist.

Eine für die Migränebehandlung wichtige Forschungslücke soll durch eine Studie geschlossen werden, ob Ohrpiercings die Häufigkeit, Dauer und Stärke von Migräneattacken verringern und die Lebensqualität und Stimmung verbessern können.

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Risiken und Nebenwirkungen

Neben der fraglichen Wirksamkeit birgt das Migräne-Piercing auch gewisse Risiken und Nebenwirkungen. Da das Piercing an einem kleinen, kurvigen Knorpelstück gestochen wird, kann es schwierig sein, es korrekt zu platzieren. Die Heilung kann mehrere Monate dauern, und es besteht ein erhöhtes Risiko für Entzündungen und Infektionen.

Mögliche Nebenwirkungen sind:

  • Infektionen (wie Hepatitis C oder Hepatitis B)
  • Blutungen
  • Narbenbildung
  • Allergische Reaktionen
  • Hautentzündungen (Dermatitis)
  • Verformung der Ohrmuschel

Es ist daher wichtig, sich vor dem Stechen eines Migräne-Piercings gründlich über die Risiken zu informieren und sich an einen erfahrenen und hygienisch arbeitenden Piercer zu wenden.

Alternative Behandlungsmethoden

Unabhängig vom Daith-Piercing gibt es eine Reihe von alternativen Therapien, die bei Migränesymptomen helfen können. Dazu gehören:

  • Akupunktur: Studien haben gezeigt, dass Akupunktur nach den Prinzipien der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) episodisch auftretenden Migräne-Attacken vorbeugen kann.
  • Ohrakupunktur (Aurikulotherapie): Die Ohrakupunktur ist ein Teilgebiet der Akupunktur, bei dem Nadeln oder Samen auf bestimmte Punkte am Ohr gesetzt werden.
  • Meditation: Verschiedene Studien zeigen, dass Achtsamkeitsmeditation helfen kann, die Schmerzintensität zu reduzieren.
  • Biofeedback: Bei diesem Therapieverfahren lernen Patienten, eigentlich unbewusst ablaufende Prozesse im Körper aktiv zu kontrollieren, um sich zu entspannen und die Reaktion auf Stress zu verringern.
  • Ernährungsumstellung: Eine Ernährung, die den Blutzucker stabil hält, kann Migräneanfällen vorbeugen. Die App auf Rezept sinCephalea Migräneprophylaxe bietet die Gelegenheit, die Reaktion des Blutzuckers auf Mahlzeiten zu testen und individuelle Ernährungsempfehlungen zu erhalten.

Es ist ratsam, mit einem Arzt oder Therapeuten über die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten zu sprechen und gemeinsam eine individuelle Therapie zu entwickeln.

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Erfahrungen von Betroffenen

In den sozialen Medien finden sich zahlreiche Erfahrungsberichte von Menschen, die durch ein Migräne-Piercing eine Linderung ihrer Beschwerden erfahren haben. Einige berichten von einer Reduktion der Häufigkeit und Intensität ihrer Migräneattacken, andere von einer Verbesserung ihrer Schlafqualität und einer Reduktion von Spannungen.

Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Berichte subjektiv sind und nicht durch wissenschaftliche Studien belegt sind. Zudem ist es möglich, dass der Placebo-Effekt eine Rolle spielt.

Es gibt aber auch kritische Stimmen. Ohrpiercing führt je nach Lokalisation im ungünstigsten Fall zu einem Verlust des therapeutisch nutzbaren Korrespondenzpunktes (z. B. Auge in der Mitte des Lobulus). Im günstigsten Fall bleiben nach Abklingen der Entzündungsreaktion und Reepithelialisierung des Stichkanals Reste des reflextherapeutischen Punktes erhalten. Dann kann darüber mittels Nadelreiz ggf. ein therapeutischer Reiz ausgelöst werden. Ein liegender Ohrring kann keinen der Nadelung entsprechenden therapeutischen Reiz auslösen. Unterstellt man Piercing dennoch einen therapeutischen Einfluss, dann ist zu berücksichtigen, dass Piercing einen Dauerreiz darstellt, gegen den der Körper abstumpft. Infolgedessen ist es aufgrund des medizinischen Sachverhalts unseriös mit Ohr-Piercing Werbung zu machen.

Was sollte man beachten?

Wer sich für ein Migräne-Piercing interessiert, sollte folgende Punkte beachten:

  • Arzt konsultieren: Vor dem Stechen eines Piercings sollte man einen Arzt konsultieren, um organische Ursachen für die Migräne auszuschließen.
  • Erfahrenen Piercer wählen: Es ist wichtig, sich an einen erfahrenen und hygienisch arbeitenden Piercer zu wenden, der die Akupunkturpunkte kennt und das Piercing korrekt platzieren kann.
  • Risiken abwägen: Man sollte sich über die Risiken und möglichen Nebenwirkungen des Piercings informieren und diese gegen den potenziellen Nutzen abwägen.
  • Realistische Erwartungen haben: Es ist wichtig, realistische Erwartungen an das Piercing zu haben und sich bewusst zu sein, dass es keine garantierte Heilung für Migräne gibt.
  • Nachsorge beachten: Nach dem Stechen des Piercings ist eine sorgfältige Nachsorge wichtig, um Entzündungen und Infektionen zu vermeiden.

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