Die Rolle des präfrontalen Kortex bei Empathiestudien

Der präfrontale Kortex, obwohl nur von der Größe einer Billardkugel, spielt eine entscheidende Rolle für das menschliche Verhalten und insbesondere für unser Einfühlungsvermögen. Studien haben gezeigt, dass Schädigungen dieses Hirnareals die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, stark beeinträchtigen können.

Die Anatomie und Funktion des präfrontalen Kortex

Der präfrontale Kortex (PFC) ist der vorderste Teil des Frontallappens im Gehirn von Säugetieren. Er ist an komplexen kognitiven Prozessen wie Entscheidungsfindung, Planung und sozialem Verhalten beteiligt. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass der PFC auch eine wichtige Rolle bei der Empathie spielt.

Empathie und der präfrontale Kortex: Eine Studie

Eine Studie des Rotman Forschungsinstituts der Universität Toronto in Kanada unter der Leitung von Donald Stuss untersuchte die Fähigkeit von Patienten mit einer Präfrontalcortex-Schädigung, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. In dem Experiment saßen die Testpersonen einem Versuchsleiter an einem Tisch gegenüber, der durch einen Vorhang getrennt werden konnte. Vor dem Versuchsleiter standen zwei Kaffeetassen, unter denen er einen kleinen Ball versteckte. Neben der Testperson und dem Versuchsleiter saß jeweils ein Assistent.

Der Vorhang wurde zugezogen und der Ball versteckt. Anschließend wurde der Vorhang wieder geöffnet, und der Proband musste raten, unter welcher Tasse sich der Ball befand. Die Assistenten sollten dabei helfen. Einer der Assistenten, der neben dem Probanden saß, hatte jedoch nicht gesehen, unter welcher Tasse der Versuchsleiter den Ball versteckt hatte.

Die Ergebnisse zeigten, dass Patienten mit einer Präfrontalcortex-Schädigung Schwierigkeiten hatten, sich in die andere Person hineinzuversetzen. Insbesondere diejenigen, bei denen die rechte Hirnhälfte betroffen war, ließen sich von dem Assistenten, der neben ihnen saß, in die Irre führen. Sie konnten nicht erkennen, dass der Assistent ebenfalls nichts gesehen hatte und genauso auf das Raten angewiesen war wie sie selbst.

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Empathie: Die "Theorie des Geistes"

Die Fähigkeit der Empathie, auch "Theorie des Geistes" genannt, ist für den Menschen von entscheidender Bedeutung. Autistischen Menschen fehlt diese Fähigkeit beispielsweise, was gravierende Folgen hat. Verschiedene Forschungsteams widmen sich diesem Phänomen auch in Tierversuchen. An der Universität Parma wurden "Spiegelzellen" entdeckt, die aktiv sind, wenn ein Affe eine Armbewegung ausführt. Erstaunlicherweise feuerten die gleichen Zellen auch, wenn der Affe diese Bewegung bei einem anderen Affen sah. Forscher spekulieren, dass Spiegelzellen ein erster Schritt zur Fähigkeit sein könnten, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Empathie und Psychopathie

Psychopathen geben uns noch immer viele Rätsel auf. Sie gelten als rücksichtslos, furchtlos und gefühlskalt. Einige Forscher vermuten, dass Psychopathen zwar einen Teil der Empathie-Netzwerke im Gehirn aktivieren, der Stimulus aber nur kognitiv und nicht emotional verarbeitet wird. Eine Studie mit psychopathischen Gefängnisinsassen unter fMRT zeigte, dass die kognitive Fokussierung auf ein anderes Ziel das limbische System bremst, wenn Bedrohungsreize auftreten. Konzentrieren sich Psychopathen jedoch darauf, können sie ihr Empathie-Netzwerk aktivieren.

Mirror-Touch-Synästhesie: Eine extreme Form der Empathie

Einige Menschen erleben eine extreme Form der Empathie, die als Mirror-Touch-Synästhesie bezeichnet wird. Betroffene spüren am eigenen Körper, was sie bei anderen sehen, beispielsweise Berührungen oder Schmerzen. Die britischen Neurowissenschaftler um Michael Banissy erforschen die Mirror-Touch-Synästhesie, um genauer zu untersuchen, was beim Mitfühlen im Gehirn passiert.

Studien mit bildgebenden Verfahren haben gezeigt, dass bei Mirror-Touch-Synästheten Teile des Gehirns überaktiviert sind, die auch bei der Verarbeitung von Berührungen und Schmerzen eine Rolle spielen. Dies deutet auf eine Schwierigkeit hin, zwischen den Repräsentationen des Selbst und des Anderen zu unterscheiden.

Die Rolle des temporoparietalen Übergangs

Der rechte temporoparietale Übergang (TPJ) ist eine Hirnregion, die wahrscheinlich für das Selbst-Bewusstsein und die Unterscheidung zwischen Ich und Anderen zuständig ist. Neurowissenschaftler haben festgestellt, dass Mirror-Touch-Synästheten und Schmerz-Mitfühlende weniger graue Substanz in dieser Region aufweisen.

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Experimente mit transkranieller Magnetstimulation, bei der der TPJ kurzzeitig blockiert wird, haben gezeigt, dass die Probanden zum Teil das Gefühl dafür verlieren, wo die Grenzen ihres eigenen Körpers verlaufen. Ihre Selbstwahrnehmung ist messbar gestört.

Emotionale Empathie vs. kognitives Mentalisieren

Emotionale Empathie und kognitives Mentalisieren sind zwei Wege, die zu den Gefühlen unseres Gegenübers führen. Emotionale Empathie bezieht sich auf die Fähigkeit, die Gefühle anderer spontan abzubilden und zu teilen, während kognitives Mentalisieren die Fähigkeit beschreibt, sich in die Perspektive des anderen hineinzuversetzen und dessen Gedanken und Überzeugungen zu verstehen.

Studien haben gezeigt, dass Menschen, die schwere Körperverletzungen begangen haben, eine weniger stark ausgeprägte Fähigkeit zur emotionalen Empathie aufweisen, während ihre Fähigkeit, sich in andere einzudenken, nicht beeinträchtigt ist. Auf der anderen Seite geht man davon aus, dass Menschen mit Autismus Schwierigkeiten mit dem Mentalisieren haben.

Stress und der präfrontale Kortex

Ist das Gehirn gestresst, können wir unsere Potenziale kaum entfalten. Der präfrontale Cortex, der für vorausschauendes Handeln, Empathie, Kreativität und Impulskontrolle zuständig ist, wird durch Stress beeinträchtigt.

Affect Labelling, das heißt, Gefühle in Worte zu fassen, kann helfen, die Erregung im Gehirn zu reduzieren und den Zugriff auf die höheren kognitiven Fähigkeiten zurückzuerlangen. Auch das Gefühl von Verbundenheit und Zugehörigkeit zu anderen Menschen ist wichtig, um Stress abzubauen und die Leistungsbereitschaft zu steigern.

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Empathie bei Ärzten

Ärzte entwickeln im Laufe ihrer beruflichen Laufbahn einen Schutzmechanismus, der verhindert, dass ihnen das Leiden ihrer Patienten zu nahe kommt. Mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie konnte gezeigt werden, dass bei Ärzten bestimmte Regionen im Stirnhirn, genauer im medialen und superioren präfrontalen Kortex und in der rechten temporoparietalen Verbindung, vermehrt Signale zeigen, wenn sie mit dem Leiden ihrer Patienten konfrontiert werden. Dies deutet auf eine starke kognitive Kontrolle des natürlichen Mitgefühls hin.

Veränderungen der Empathie im Laufe des Lebens

Ein noch recht junger Zweig der Lebensspannenpsychologie interessiert sich dafür, wie sich die Fähigkeit, andere zu verstehen, im Laufe des Lebens verändert. Während sich die Empathie von der Geburt bis ins junge Erwachsenenalter herausbildet, gibt es Hinweise darauf, dass die kognitive Empathie im höheren Erwachsenenalter abnehmen kann.

Allerdings sind ältere Menschen oft sehr zufrieden mit ihren sozialen Beziehungen, was darauf hindeutet, dass sie möglicherweise andere Fähigkeiten nutzen, um Defizite in der Emotionserkennung zu kompensieren. So können sie beispielsweise Kontext und erworbenes Wissen über nahestehende Personen nutzen, um deren Gefühle zu erschließen. Auch das emotionale Mitschwingen scheint dem Alter zu trotzen.

Fazit

Der präfrontale Kortex spielt eine entscheidende Rolle für die Empathie. Studien haben gezeigt, dass Schädigungen dieses Hirnareals die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, stark beeinträchtigen können. Die Forschung zur Empathie ist jedoch komplex und es gibt noch viele offene Fragen. Zukünftige Studien sollten längsschnittliche Designs verwenden, um die Entwicklung der Empathie im Laufe des Lebens besser zu verstehen. Es ist auch wichtig, die Motivation und den Kontext zu berücksichtigen, wenn man die Empathiefähigkeiten verschiedener Personengruppen vergleicht.

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