Primäre, sekundäre und schubförmige Multiple Sklerose: Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die durch Entmarkungsherde und diffuse neuronale Zerstörung gekennzeichnet ist. Der Krankheitsverlauf ist sehr variabel und kann sich bei jedem Patienten anders darstellen. Grundsätzlich werden drei Hauptformen der MS unterschieden: die schubförmig-remittierende MS (RRMS), die sekundär progrediente MS (SPMS) und die primär progrediente MS (PPMS). Obwohl die Symptome je nach Betroffenem sehr unterschiedlich ausfallen können, lassen sich diese drei Formen der MS grundsätzlich unterscheiden.

Einführung in die Multiple Sklerose

Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheiden angreift, die die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark schützen. Diese Schädigung der Myelinscheiden führt zu einer gestörten Signalübertragung zwischen dem Gehirn und anderen Körperteilen, was eine Vielzahl neurologischer Symptome verursachen kann. Die MS wird als Autoimmunerkrankung betrachtet. Dies bedeutet, dass das Immunsystem fälschlicherweise Teile des eigenen Körpers angreift, in diesem Fall das Zentrale Nervensystem (ZNS). Die exakte Ursache ist trotz intensiver weltweiter Forschung noch nicht entschlüsselt.

Die Symptome, der Schweregrad oder die Dauer der Schübe, die Zeitabstände zwischen den Schüben und die Beeinträchtigungen, die eventuell zurückbleiben, sind bei jedem Menschen ein wenig anders.

Verlaufsformen der Multiplen Sklerose

Mediziner unterscheiden drei Arten der MS. Diese Verlaufsformen werden im Einzelnen noch unterschieden - je nachdem, wie aktiv bzw. nicht aktiv die MS-Erkrankung ist und ob sie fortschreitet oder nicht, d. h. Seit 2013 werden die Verlaufsformen anhand der Kriterien Aktivität und Progression näher differenziert.

Schubförmig-remittierende Multiple Sklerose (RRMS)

Die schubförmig-remittierende MS (RRMS) ist die häufigste Form der MS und betrifft etwa 85-90 % der Patienten zu Beginn der Erkrankung. Für etwa 90 Prozent der Patient:innen beginnt die MS-Erkrankung mit einzelnen, deutlich voneinander abgrenzbaren Schüben. Bei dieser Form der MS treten Schübe auf, in denen sich die Symptome verschlimmern oder neue Symptome auftreten. Zwischen den Schüben kommt es zu einer teilweisen oder vollständigen Remission, in der sich die Symptome wieder bessern oder ganz verschwinden. Bei dieser Form der MS können sich die schubbedingten Symptome vollständig oder teilweise zurückbilden - d. Einzelne Schübe werden mit einer Stoßtherapie (Kortison) behandelt.

Lesen Sie auch: Was Sie über primäre vs. sekundäre Demenz wissen sollten

Die RRMS ist durch Schübe gekennzeichnet, in denen plötzlich neue Symptome auftreten oder bestehende sich verschlimmern. Diese Schubphasen können Tage bis Wochen andauern. Anschließend folgt meist eine Remission, in der die Symptome wieder nachlassen oder ganz verschwinden. Die Dauer der Remission kann von Wochen bis zu Jahren reichen. Der Verlauf der schubförmig remittierenden MS ist unvorhersehbar und es gibt keine klaren Muster oder Zeitintervalle zwischen den Schüben. Manche Betroffene erleben nur wenige Schübe im Leben, andere deutlich mehr. Die genauen Auslöser sind unklar, doch Stress, Infektionen und Umweltfaktoren könnten eine Rolle spielen.

Von einer aktiven RRMS spricht man, wenn sich Krankheitsaktivität zeigt. Das bedeutet, dass die Betroffenen gerade einen Schub erleben und/oder die Magnetresonanztomografie (MRT) neue oder sich vergrößernde Läsionen zeigt oder aber Kontrastmittel-aufnehmende Läsionen (aktive Entzündungsherde) zu erkennen sind. Im Zeitintervall zwischen zwei Schüben spricht man von einer inaktiven Phase der schubförmig remittierenden MS. Dagegen liegt ein hochaktiver Verlauf vor, wenn: ein Schub zu einem schweren, den Alltag beeinträchtigenden Defizit nach Ausschöpfen der Schub-Therapie geführt hat und/oder die Betroffenen sich von den ersten beiden Schüben schlecht erholen und/oder sehr oft Schübe auftreten (hohe Schubfrequenz) und/oder die Betroffenen im ersten Jahr eine Behinderung im Ausmaß von mindestens 3,0 Punkten auf der sogenannten EDSS-Skala (Expanded Disability Status Scale) entwickeln und/oder im ersten Krankheitsjahr die sogenannte Pyramidenbahn von der Krankheitsaktivität betroffen ist (Nervenfaserbündel, das motorische Signale vom Gehirn zum Rückenmark leitet).

Sekundär progrediente Multiple Sklerose (SPMS)

Nach einigen Jahren kann die RRMS bei einem Teil der Erkrankten in eine sekundär progrediente MS (SPMS = Secondary Progressive MS) übergehen. Bei der sekundär progredienten Multiple Sklerose (SPMS) handelt es sich um eine Übergangsphase, die oft Jahre nach der Diagnose der schubförmig remittierenden MS beginnt. Ungefähr jeder dritte MS-Patient in Deutschland hat die MS-Verlaufsform SPMS oder befindet sich im Übergang zur SPMS. Wesentliches Merkmal der SPMS ist eine langsam fortschreitende Krankheitsverschlechterung, die oft nicht gleich bemerkt wird. Etwa 10 bis 15 % der MS-Erkrankten erfahren von Beginn an eine kontinuierliche Verschlechterung ihrer Beschwerden, ohne dass sie Schübe haben.

Bei der SPMS gehen die Schübe zurück, und die neurologischen Funktionen verschlechtern sich kontinuierlich. Es treten keine typischen Schübe mehr auf, stattdessen verschlechtern sich die Symptome langsam und kontinuierlich. Dies kann zu einer allmählichen Beeinträchtigung der körperlichen und geistigen Funktionen führen. Es ist wichtig zu betonen, dass der Übergang von der schubförmig remittierenden MS zur sekundär progredienten MS nicht bei allen Betroffenen eintritt. Manche bleiben viele Jahre in der RRMS-Phase, während andere früher oder später in die SPMS übergehen. Da der Verlauf meist schleichend ist, wird die Diagnose oft erst rückblickend gestellt.

Allerdings gibt es oft auch bei dieser sekundär (chronisch) progredienten MS Krankheitsphasen, in denen das Fortschreiten der Erkrankung vorübergehend stoppt. Außerdem kommt es während des fortschreitenden Krankheitsverlaufs manchmal auch zu zusätzlichen Schüben. Demnach lässt sich bei einer SPMS mit den Begriffen „aktiv“ und „progredient“ der Verlaufstyp genauer charakterisieren. Unter „Aktivität“ versteht man das Auftreten von Schüben und/oder eine MRT-Aktivität (wie bei der schubförmig remittierenden MS). Mit „Progression“ ist eine schub-unabhängige und objektiv messbare Zunahme der Behinderung in einem definierten Zeitraum gemeint.

Lesen Sie auch: Diagnose und Behandlung primärer idiopathischer Epilepsie

Somit gibt es folgende Verlaufstypen der sekundär progredienten MS:

  • Aktiv und progredient: mit Schüben und/oder MRT-Aktivität sowie schub-unabhängiger Zunahme der Behinderung
  • Aktiv und nicht progredient: mit Schüben und/oder MRT-Aktivität, aber ohne schub-unabhängige Zunahme der Behinderung
  • Nicht aktiv und progredient: ohne Schübe und/oder MRT-Aktivität, aber mit schub-unabhängiger Zunahme der Behinderung
  • Nicht aktiv und nicht progredient: ohne Schübe und/oder MRT-Aktivität und auch ohne schub-unabhängige Zunahme der Behinderung

Primär progrediente Multiple Sklerose (PPMS)

Oder die MS beginnt gleich als fortschreitende Form (PPMS = Primary Progressive MS) ohne erkennbare Schübe. Die primär progrediente Multiple Sklerose (PPMS) ist eine seltenere Verlaufsform, die sich durch einen schleichenden und progressiven Verlauf auszeichnet. Diese Verlaufsform der MS ist selten und betrifft ca. 10 Prozent der MS-Patient:innen. Bei diesen Menschen verschlimmern sich die Symptome bereits von Beginn der Erkrankung an kontinuierlich (primär). Einzelne Schübe sind meist nicht erkennbar und bleibende Beeinträchtigungen nehmen stetig zu. Bei der PPMS nehmen die Symptome von Beginn an stetig zu, ohne dass Schübe oder ausgeprägte Remissionen auftreten. Betroffen sind häufig Menschen, die erst später im Leben, meist nach dem 40. Lebensjahr, diagnostiziert werden. Die Beschwerden können vielfältig sein und hängen von den jeweils betroffenen Bereichen des zentralen Nervensystems ab. Durch das fortschreitende Krankheitsbild fällt es vielen Betroffenen schwer, ihren Alltag uneingeschränkt zu bewältigen.

Als primär progredient (oder primär chronisch-progredient) bezeichnen Mediziner den Multiple-Sklerose-Verlauf, wenn sich die Symptome und der Krankheitszustand von Anfang an schleichend verschlechtern. Vereinzelt treten zusätzlich Schübe auf. Außerdem gibt es auch hier zum Teil Krankheitsphasen, in denen die Erkrankung gewissermaßen stillsteht und nicht fortschreitet. Somit unterscheidet man auch bei diesem Multiple-Sklerose-Verlauf die Verlaufstypen aktiv und progredient / aktiv und nicht progredient / nicht aktiv und progredient / nicht aktiv und nicht progredient - also die gleichen Verlaufstypen wie bei sekundär progredienter MS (siehe oben).

Progressive rezidivierende MS (PRMS)

Eine seltene und besonders herausfordernde Form ist die progressive rezidivierende Multiple Sklerose (PRMS). Dieser Verlaufstyp zeichnet sich durch eine kontinuierliche Verschlechterung der Symptome von Beginn an aus, wobei jedoch gelegentliche Schubphasen auftreten können. Diese Schübe unterscheiden sich von denen der schubförmig remittierenden MS, da sie meist weniger ausgeprägt und schwerer vorhersehbar sind. Das erschwert sowohl die Diagnose als auch die Behandlung.

Diagnose der Multiplen Sklerose

Die Verdachtsdiagnose Multiple Sklerose ergibt sich primär aus der Anamnese und Klinik. Bei einem Anhalt auf eine entzündlich-demyelinisierende Erkrankung des zentralen Nervensystems folgen Laboruntersuchungen und bildgebende Verfahren. Zeitliche und örtliche Disseminationen von Läsionen im ZNS (dissemination in time = DIT, dissemination in space = DIS) werden mittels Magnetresonanztomographie (MRT) nachgewiesen. Darüber hinaus finden sich spezifische labordiagnostische Befunde, beispielsweise liquorspezifische oligoklonale Banden.

Lesen Sie auch: Funktionen der Sinneszellen

Multiple Sklerose ist eine Ausschlussdiagnose; das heißt, die Symptomatik kann durch keine andere, bessere Diagnose als MS erklärt werden. Die Diagnose wird üblicherweise nach den international anerkannten McDonald-Kriterien gestellt.

Anamnese und körperliche Untersuchung

Zunächst sollten Hinweise auf zurückliegende Schübe und Symptome ermittelt werden. Fragen werden beispielsweise zu somatischen und psychischen Beschwerden, psychosozialen Belastungen sowie vorherigen oder bestehenden neuronalen Ausfällen und familiären MS-Diagnosen gestellt. Daneben folgt eine klinische Objektivierung zentraler neurologischer Defizite.

Häufige Befunde bei der klinischen Untersuchung sind:

  • Marburg-Trias: temporale Abblassung der Sehnervenpapillen, Paraspastik und das Fehlen von Bauchhautreflexen
  • Lhermitt’sches Zeichen (positives Nackenbeugezeichen): elektrisierende Missempfindungen bei Vornüberbeugen des Kopfes entlang der Wirbelsäule von kranial nach kaudal
  • Sensibilitätsausfälle
  • dysmetrische Zeigeversuche
  • positives Babinski-Zeichen und gesteigerte Muskeleigenreflexe als Hinweise einer Schädigung des 1. Motoneurons

Bildgebende Verfahren

Neben der klinischen Symptomatik muss für die Diagnose MS der Nachweis einer zeitlichen und räumlichen Dissemination von Läsionen im ZNS erbracht werden. Das geeignetste Verfahren dafür ist die MRT-Untersuchung.

Labordiagnostik

Eine Untersuchung der Liquorflüssigkeit ist neben der Bildgebung ein wichtiger paraklinischer Befund und wesentlicher Bestandteil der Differentialdiagnostik. Bei PPMS gilt die Liquordiagnostik nach den McDonald-Kriterien als obligat. Untersucht werden Zellzahl und Differenzialzellbild, Laktat, Albumin- und Ig-Quotienten nach Reiber sowie liquorspezifische oligoklonale Banden.

Symptome der Multiplen Sklerose

Die Symptome der Multiplen Sklerose sind vielfältig und hängen von der Lokalisation der Entzündungsherde im ZNS ab. Da die Läsionen ubiquitär im ZNS lokalisiert sein können, kann so gut wie jedes neurologische Symptom in unterschiedlicher Ausprägung auftreten. Die Anzeichen Multipler Sklerose entwickelt sich oft zunächst schubweise. Das bedeutet, dass neue Symptome auftreten oder sich bestehende verschlimmern und dann wieder vollständig oder teilweise zurückgehen. Die Symptome beginnen häufig zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr mit einem Gipfel um das 30. Lebensjahr. Die Erkrankung tritt selten vor dem 20. Lebensjahr und nach dem 60. Lebensjahr auf.

Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Optikusneuritis: Sehstörungen, Augenschmerzen, Visusminderung, Farbsinnstörung
  • Störungen der Okulomotorik: Doppelbilder, Augenmuskelparesen, Pupillenstörungen
  • Affektion anderer Hirnnerven: Fazialisparese, Trigeminusneuralgie
  • Motorische Störungen: zentrale Paresen, Spastik, Ataxie
  • Sensibilitätsstörungen: Parästhesien, Hypästhesien, Dysästhesie
  • Zerebelläre Symptome: Intentionstremor, Nystagmus, skandierende Sprache
  • Vegetative Symptome: Miktionsstörungen, Störungen der Sexualfunktion
  • Kognitive Veränderungen: Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
  • Affektive Veränderungen: Depressionen, inadäquate Euphorie
  • Fatigue: Erschöpfung, Müdigkeit
  • Schmerzen: Kopfschmerzen, neuropathische Schmerzen, muskuloskelettale Schmerzen

Viele MS-Betroffene leiden (je nach Dauer der Erkrankung) an kognitiven Defiziten, manifesten Depressionen, Schmerzen, Spastiken und starker Erschöpfung (Fatigue).

Therapie der Multiplen Sklerose

Die Therapie der Multiplen Sklerose zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Häufigkeit und Schwere der Schübe zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Die Therapie der Multiplen Sklerose kann in drei Haupttherapiesäulen unterteilt werden: Die Schubtherapie dient der raschen Rückbildung der Symptome, die bei einem Schub auftreten. Üblicherweise wird zuerst eine Hochdosistherapie mit Glucocorticoiden, speziell Methylprednisolon, für 3 bis 5 Tage direkt in die Vene verabreicht. Falls die Symptome nicht ausreichend zurückgehen, kann die Dosis erhöht werden. Wenn diese Therapie nicht anschlägt, kann als Alternative eine Apheresetherapie in Betracht gezogen werden. Die verlaufsmodifizierende Therapie zielt darauf ab, den Verlauf der MS positiv zu beeinflussen. Hierzu gehört die Reduktion der Häufigkeit von Schüben, die Verringerung der Krankheitsaktivität (dies wird oft mittels Magnetresonanztomographie, kurz MRT, überwacht) und das Verlangsamen des Krankheitsfortschritts. Die verwendeten Medikamente können in zwei Hauptklassen unterteilt werden: Immunmodulatoren, die das Immunsystem modifizieren, und Immunsuppressiva, die das Immunsystem unterdrücken. Bei der Auswahl der geeigneten Therapie spielen Faktoren wie die Form des MS-Verlaufs, die Krankheitsaktivität, Begleiterkrankungen und die Vorlieben des Patienten bezüglich der Verabreichungsform des Medikaments eine Rolle. Es ist wichtig zu beachten, dass diese Medikamente in der Regel nicht kombiniert werden sollten. Die symptomatische Therapie fokussiert sich auf die Linderung von Symptomen, die durch MS hervorgerufen werden. Hierzu zählen physische Therapieformen wie Physiotherapie und Ergotherapie, aber auch Sprachtherapie (Logopädie) und Psychotherapie. Weiterhin können Medikamente gegeben werden, um spezielle Symptome zu behandeln, wie zum Beispiel Spasmen (plötzliche Muskelanspannungen). Hier kommen oft Wirkstoffe wie Baclofen, Tizanidin oder Cannabinoide zum Einsatz.

Schubtherapie

Bei einem akuten MS-Schub wird in der Regel eine hochdosierte Kortisontherapie (Stoß- oder Pulstherapie) eingesetzt, um die Entzündungsaktivität im ZNS rasch einzudämmen und die Schub-Symptome zurückzudrängen. Dies wird gegebenenfalls mit hochdosiertem Kortison erfolgen. Diese schnelle Therapie wird auch als Stoß- oder Pulstherapie bezeichnet. Sie kann rasch die Entzündungsaktivität im ZNS eindämmen und damit die Schub-Symptome zurückdrängen.

Verlaufsmodifizierende Therapie

Um das unterschwellig laufende Entzündungsgeschehen im Zentralnervensystem zu verringern, werden verschiedene verlaufsmodifizierende Medikamente eingesetzt. Welche der verlaufsmodifizierenden Therapien für Sie infrage kommt, wird Ihre Neurologin bzw.

Die aktuellen Leitlinien zur Diagnose und Therapie der MS der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) gliedern die Multiple Sklerose in fünf (statt wie bisher drei) Verlaufsformen. Ihr aktuelles Therapieschema teilt die verfügbaren zugelassenen Medikamente zur Behandlung eines Multiple Sklerose-Verlaufs in drei Wirksamkeitskategorien statt in das bisherige Stufentherapieschema Basistherapie milder/moderater Verlauf und Eskalationstherapie (hoch-)aktiver Verlauf ein. Die Wahl des passenden Medikamentes hängt von der Verlaufsform der MS, der Krankheitsaktivität, den Nebenwirkungen und der Anwendungsform eines Medikamentes, den Patientenvorlieben, dem Alter und nicht zuletzt den Begleiterkrankungen ab. D.h., es wird nach der Diagnose einer MS nicht in jedem Fall mit einem Medikament der Wirkstoffkategorie I begonnen, sondern es kann z.B. auch gleich ein Medikament der Wirkstoffkategorie II oder III zum Einsatz kommen. Ebenso ist es abhängig vom Verlauf der MS möglich, von einem Medikament z.B. der Wirkstoffkategorie III wieder zu einem Medikament der Wirktoffkategorie I oder II zu wechseln.

Wirksamkeitskategorie I: In diese Kategorie gehören Wirkstoffe, die eine relative Verringerung (Reduktion) der Schubrate im Vergleich zu Plazebo von 30-50% haben. Dazu zählen: Beta-Interferon 1a und 1b einschließlich Peg-Interferon, Dimethylfumarat, Diroximelfumarat, Glatiramerazetat und Teriflunomid.

Wirksamkeitskategorie II: In diese Kategorie gehören Wirkstoffe, die eine relative Verringerung (Reduktion) der Schubrate im Vergleich zu Plazebo von 50-60% haben. Dazu zählen: Cladribin, Fingolimod, Ozanimod, Ponesimod und Siponimod.

Wirksamkeitskategorie III: In diese Kategorie gehören Wirkstoffe, die eine Verringerung (Reduktion) der Schubrate um mehr als 60% im Vergleich zu Plazebo oder mehr als 40% im Vergleich zu Substanzen der Kategorie 1 haben. Dazu zählen: Alemtuzumab, Natalizumab, Ocrelizumab, Ofatumumab und Ublituximab.

Symptomatische Therapie

Symptome wie beispielsweise Blasenstörungen, Spastik, Schmerzen o. a., werden mit unterschiedlichen Therapieansätzen behandelt. Die symptomatische Therapie zielt darauf ab, die verschiedenen Symptome der MS zu lindern und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Dazu gehören:

  • Physiotherapie: zur Verbesserung der Beweglichkeit, Kraft und Koordination
  • Ergotherapie: zur Anpassung des Wohnraums und zur Erlernung von Kompensationsstrategien
  • Logopädie: zur Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen
  • Psychotherapie: zur Bewältigung von Depressionen, Angstzuständen und anderen psychischen Problemen
  • Medikamente: zur Behandlung von Spastik, Schmerzen, Blasenstörungen, Fatigue und anderen Symptomen

Stammzelltherapie

Es gibt Studien, die die Wirksamkeit einer Stammzelltherapie bei der Multiplen Sklerose untersuchen. Hirbei wird durch die Hämatopoetische Stammzelltransplantation (HSCT) das Immunsystem eines Patienten „zurückgesetzt“ wird.

Leben mit Multipler Sklerose

MS ist eine entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die je nach Verlaufsform schneller oder langsamer voranschreiten kann. Ob dies überhaupt geschieht oder in welchem Ausmaß bzw. Wie genau der Verlauf der MS aussieht, lässt sich nicht mit Sicherheit vorhersagen. Bei jedem ist dies ein wenig anders: Symptome, Schweregrad oder Dauer der Schübe, Zeitabstände zwischen den Schüben, Beeinträchtigungen, die eventuell zurückbleiben. So gibt es Menschen, die nach der MS-Diagnose manchmal über mehrere Jahre keine nennenswerten Beschwerden oder Behinderungen haben. Die Erkrankung kann das Leben der Betroffenen und ihrer Familien stark beeinflussen. Es ist wichtig, sich über die Erkrankung zu informieren, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Pseudo-Schübe

Der Name sagt es schon: Es ist kein echter Schub, fühlt sich aber so an und kann bei allen Verlaufsformen der MS auftauchen. Typisch ist: Ein „Pseudo-Schub“bei MS dauert oft nur wenige Stunden und kann durch Stress, Hitze oder auch sportliche Extrembelastung ausgelöst werden. Auch fieberhafte Infekte oder mit Schmerzen verbundene Erkrankungen gehen manchmal mit einem Pseudo-Schub einher.

Benigne und maligne MS

Mit einer „benignen und damit gutartigen MS“ ist meist eine Form der MS gemeint, die über viele Jahre ohne oder nur mit milden Symptomen einhergeht. Mit einem malignen, d. h.

Im Zusammenhang mit dem Multiple-Sklerose-Verlauf ist manchmal die Rede von „benigner MS“, also „gutartiger“ MS. Dieser Begriff wird in der Fachwelt uneinheitlich verwendet. Einer Definition zufolge liegt eine benigne MS dann vor, wenn bei den Betroffenen 15 Jahre nach Krankheitsbeginn noch alle neurologischen Systeme voll funktionsfähig sind. Langzeit-Untersuchungen ergaben allerdings, dass es in den meisten Fällen im weiteren Verlauf doch noch zu einem erheblichen Fortschreiten der Erkrankung mit bleibenden Behinderungen kommt. Das Gegenstück zu einer benignen MS ist die maligne MS - also eine Multiple Sklerose, die sehr schnell (fulminant) voranschreitet und innerhalb kurzer Zeit zu schwerwiegender Behinderung oder sogar zum Tod führt. Das ist etwa bei der akuten malignen MS (Typ Marburg) der Fall. Diese seltene Verlaufsform der Multiplen Sklerose wird auch „Marburg-Variante der MS“ oder „Marburg-Erkrankung“ genannt. Es treten hier akut massive Schäden (Läsionen) an den Myelinscheiden der Nervenzellfortsätze an mehreren Stellen in der weißen Substanz des Gehirns auf. Innerhalb von Wochen bis Monaten entwickeln die Betroffenen schwere Behinderungen oder versterben. Dieser aggressive Multiple-Sklerose-Verlauf tritt hauptsächlich bei jüngeren Menschen auf.

Lebenserwartung bei Multipler Sklerose

Die Prognose von Menschen mit Multipler Sklerose hat sich in den letzten Jahrzehnten verbessert: Die Lebenserwartung ist durch die Erkrankung oft nicht wesentlich verkürzt. Viele Betroffene leben jahrzehntelang mit der Erkrankung. Ein maligner (bösartiger), also besonders schwerer Multiple-Sklerose-Verlauf endet allerdings manchmal nach wenigen Monaten tödlich. Das ist aber selten. Häufiger sterben Menschen mit MS an Komplikationen wie Lungenentzündung oder Uro-Sepsis (von den Harnwegen ausgehende Blutvergiftung). Auch Suizide kommen bei ihnen häufiger vor als in der Normalbevölkerung.

Prinzipiell ist zu bedenken: Es gibt viele Faktoren, die einen Einfluss auf die Gesundheit und die Lebenserwartung haben - bei Menschen mit Multipler Sklerose ebenso wie bei Gesunden. Dazu gehören zum Beispiel starker Tabak- und Alkoholkonsum, geringer Bildungsstand oder soziale und psychische Belastungen sowie Stress, zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit oder Scheidung. Der individuelle Verlauf und die Prognose der Erkrankung hängen also von vielen Faktoren ab und sind daher individuell sehr unterschiedlich. Auch ein Experte oder eine Expertin ist deshalb nicht in der Lage, eine genaue Vorhersage zum Multiple-Sklerose-Verlauf und zur Lebenserwartung bei einzelnen Betroffenen zu machen.

tags: #primare #sekundar #multiple #sklerose