Die Hebbsche Synapse: Eine einfache Erklärung des Lernens im Gehirn

Die Hebbsche Regel, benannt nach Donald O. Hebb, ist ein fundamentales Konzept in den Neurowissenschaften, das beschreibt, wie Lernen und Gedächtnis auf zellulärer Ebene im Gehirn funktionieren. Sie bietet einen Rahmen, um zu verstehen, wie synaptische Verbindungen zwischen Neuronen durch Erfahrung und Aktivität verstärkt oder geschwächt werden. Dieser Artikel zielt darauf ab, die Hebbsche Synapse und die zugehörige Regel auf einfache und verständliche Weise zu erklären.

Grundlagen: Neuronen und Synapsen

Um die Hebbsche Regel zu verstehen, ist es wichtig, zunächst die grundlegende Struktur und Funktionsweise von Neuronen und Synapsen zu betrachten.

  • Neuronen (Nervenzellen): Neuronen sind die grundlegenden Informationseinheiten des Gehirns und des Nervensystems. Sie empfangen, verarbeiten und leiten elektrische und chemische Signale weiter. Ein Neuron besteht typischerweise aus einem Zellkörper (Soma), Dendriten und einem Axon.
  • Dendriten: Dies sind verzweigte Fortsätze des Zellkörpers, die Signale von anderen Neuronen empfangen.
  • Axon: Ein langer, dünner Fortsatz, der Signale an andere Neuronen oder Zielzellen weiterleitet. Das Axon kann sich stark verzweigen und somit viele Verbindungen zu anderen Nervenzellen aufbauen.
  • Synapsen: Synapsen sind die Kontaktstellen zwischen Neuronen, an denen die Signalübertragung stattfindet. Sie sind keine direkten Verbindungen, sondern spezialisierte Strukturen, in denen elektrische Signale in chemische Signale umgewandelt werden. Die Kommunikation erfolgt über Neurotransmitter, die von einem Neuron freigesetzt werden und an Rezeptoren des anderen Neurons binden.

Das Hebbsche Prinzip: "What fires together, wires together"

Die Hebbsche Regel, oft zusammengefasst mit dem Satz "What fires together, wires together", beschreibt, dass die synaptische Verbindung zwischen zwei Neuronen gestärkt wird, wenn diese Neuronen gleichzeitig aktiv sind. Donald O. Hebb beschrieb diese Idee erstmals 1949 in seinem Buch "The Organization of Behavior". Er postulierte, dass, wenn das Axon eines Neurons (A) wiederholt oder anhaltend ein anderes Neuron (B) erregt und dadurch zur Auslösung von Aktionspotentialen in Neuron B beiträgt, dies zu Stoffwechseländerungen und Wachstum in einer oder beiden Zellen führt. Dadurch kommt es langfristig zu einer verstärkten Konnektivität und Beeinflussung zwischen diesen Neuronen (Hebb-Synapse).

Einfacher ausgedrückt: Wenn zwei Neuronen wiederholt gleichzeitig feuern, wird die Verbindung zwischen ihnen stärker. Dies erleichtert die zukünftige Übertragung von Signalen zwischen diesen Neuronen. Umgekehrt wird die Verbindung geschwächt, wenn zwei Neuronen nicht gleichzeitig aktiv sind.

Synaptische Plastizität als Grundlage des Lernens

Die Hebbsche Regel ist eng mit dem Konzept der synaptischen Plastizität verbunden. Synaptische Plastizität bezieht sich auf die Fähigkeit von Synapsen, ihre Stärke im Laufe der Zeit als Reaktion auf Aktivität zu verändern. Diese Veränderung der synaptischen Stärke ist entscheidend für Lernen und Gedächtnis.

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Die Hebbsche Regel postuliert einen allgemeinen Mechanismus für synaptische Plastizität. Von diesem nimmt man an, dass er der Verdrahtung von Netzwerken und der Entstehung von Zellverbänden zugrunde liegt.

Langzeitpotenzierung (LTP) und Langzeitdepression (LTD)

Zwei wichtige Formen der synaptischen Plastizität, die mit der Hebbschen Regel in Verbindung stehen, sind die Langzeitpotenzierung (LTP) und die Langzeitdepression (LTD).

  • Langzeitpotenzierung (LTP): LTP ist eine langanhaltende Verstärkung der synaptischen Übertragung nach wiederholter Stimulation. Sie gilt als ein zellulärer Mechanismus für das Lernen und Gedächtnis. Während der LTP erhöhen Frequenz und Dauer der synaptischen Aktivität die Effektivität der synaptischen Übertragung dauerhaft. Forschung zeigt, dass LTP von der Freisetzung von Neurotransmittern und dem Einstrom von Calcium-Ionen in die postsynaptische Zelle abhängt. Dieser Calcium-Einstrom aktiviert Enzyme, die strukturelle und funktionelle Veränderungen in den Synapsen herbeiführen.
  • Langzeitdepression (LTD): LTD ist eine langanhaltende Schwächung der synaptischen Übertragung nach schwacher oder unkorrelierter Stimulation. Sie dient dazu, irrelevante oder unnötige synaptische Verbindungen zu entfernen und das Netzwerk zu optimieren.

Beispiele für die Hebbsche Regel im Alltag

Die Hebbsche Regel ist nicht nur eine theoretische Idee, sondern lässt sich auch in vielen alltäglichen Lernprozessen beobachten.

  • Spracherwerb: Beim Erlernen einer neuen Sprache werden die neuronalen Verbindungen für die neuen Wörter und grammatikalischen Regeln durch wiederholte Verwendung gestärkt. Je öfter man ein Wort hört oder benutzt, desto stärker wird die Verbindung im Gehirn und desto leichter fällt es, sich an das Wort zu erinnern und es zu verwenden.
  • Musikinstrument lernen: Beim Üben eines Musikinstruments werden die neuronalen Verbindungen für die spezifischen Bewegungen und Tonfolgen gestärkt. Durch wiederholtes Üben werden die Bewegungen flüssiger und die Musikstücke leichter zu spielen.
  • Gesichtserkennung: Wenn man das Gesicht eines Freundes immer wieder sieht, verstärken sich die synaptischen Verbindungen, die mit der Gesichtserkennung verbunden sind. Dadurch kann man die Person leichter und schneller identifizieren.
  • Klassische Konditionierung: Ein klassisches Beispiel ist Pawlows Hund, der lernte, Futter mit dem Klang einer Glocke zu assoziieren. Durch die wiederholte gleichzeitige Darbietung von Futter und Glocke wurden die neuronalen Verbindungen zwischen den Repräsentationen von Futter und Glocke gestärkt, so dass der Hund schließlich schon beim Klang der Glocke Speichel produzierte.

Anwendungen der Hebbschen Regel

Die Hebbsche Regel hat nicht nur unser Verständnis vom Lernen im Gehirn erweitert, sondern auch zu verschiedenen Anwendungen in anderen Bereichen geführt.

  • Künstliche Intelligenz (KI): Die Hebbsche Regel ist ein wichtiger Baustein für künstliche neuronale Netze, die in der KI verwendet werden. Algorithmen basieren auf der Stärkung und Schwächung von Verbindungen in neuronalen Netzen. Diese Netze lernen, Muster zu erkennen und Aufgaben zu lösen, indem sie die Verbindungen zwischen künstlichen Neuronen basierend auf der Hebbschen Regel anpassen.
  • Neuronale Rehabilitation: Die Hebbsche Regel wird in der neuronalen Rehabilitation eingesetzt, um verloren gegangene Fähigkeiten nach neurologischen Verletzungen wiederherzustellen. Durch gezieltes Training und Stimulation werden die neuronalen Verbindungen, die für die verlorenen Fähigkeiten verantwortlich sind, wieder gestärkt.
  • Pädagogik: Die Hebbsche Regel kann verwendet werden, um effektive Lehr- und Lernstrategien zu entwickeln. Indem man Lerninhalte auf eine Weise präsentiert, die die gleichzeitige Aktivierung relevanter Neuronen fördert, kann man das Lernen erleichtern und das Behalten der Informationen verbessern.

Kritik und Weiterentwicklungen der Hebbschen Regel

Obwohl die Hebbsche Regel ein grundlegendes Prinzip ist, gibt es auch Kritik und Weiterentwicklungen. Eine Herausforderung besteht darin, dass die ursprüngliche Formulierung der Hebbschen Regel nicht vollständig erklärt, wie das Gehirn verhindert, dass synaptische Verbindungen unbegrenzt stark werden. Dies könnte zu einer Überaktivierung des Gehirns führen.

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Um dieses Problem zu lösen, wurden verschiedene Mechanismen vorgeschlagen, wie z.B. die synaptische Skalierung, bei der die Stärke aller Synapsen eines Neurons proportional angepasst wird, um die Gesamtaktivität des Neurons in einem bestimmten Bereich zu halten.

Eine weitere wichtige Weiterentwicklung ist die Spike-Timing Dependent Plasticity (STDP), bei der die zeitliche Abfolge der neuronalen Aktivität eine wichtige Rolle spielt. Präsynaptische vor postsynaptischen Spikes führen zu synaptischer Potenzierung, während die umgekehrte Reihenfolge der Ereignisse zu synaptischer Depression führt.

Homöostatische Strukturplastizität als robustere Umsetzung der Hebbschen Regel

Júlia Gallinaro, Nebojša Gašparović und Stefan Rotter vom Bernstein Center Freiburg haben ein Szenario beschrieben und analysiert, das eine weniger komplizierte und robustere Umsetzung der Hebbschen Regel nahelegt. Der Ausgangspunkt ist, dass jedes Neuron sich selbst im Blick hat, indem es wie ein Thermostat funktioniert, bei dem Temperatur durch Aktivität ersetzt wird: Ist die Aktivität des Neurons zu hoch, wird die Anzahl der eigenen ein- und ausgehenden erregenden Synapsen reduziert. Ist die Aktivität zu niedrig, werden neue erregende Synapsen angelegt. Die Eliminierung von bestehenden und die Bildung neuer Kontakte im Netzwerk erfolgt ansonsten nach dem Zufallsprinzip. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass Neuronen, die gemeinsam feuern, sich schließlich auch miteinander verdrahten - und zwar ohne dass sie ihre eigenen Korrelationen mit anderen explizit überwachen müssten. In Computersimulationen funktioniert diese auf homöostatischer Strukturplastizität basierende Regel sehr gut.

Die Rolle von Donald O. Hebb

Donald Olding Hebb (1904-1985) war ein kanadischer Psychologe, der einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis des Lernens und der neuronalen Organisation geleistet hat. Seine 1949 formulierte Hebbsche Regel gilt als eine der wichtigsten Theorien in den Neurowissenschaften und hat unser Verständnis von Lernen, Gedächtnis und synaptischer Plastizität maßgeblich beeinflusst.

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