Rückenmark-Reflexe: Definition, Funktion und Bedeutung

Das Rückenmark spielt eine zentrale Rolle im Nervensystem. Es dient als Verbindung zwischen dem Gehirn und dem peripheren Nervensystem und leitet Informationen in beide Richtungen weiter. Eine wesentliche Funktion des Rückenmarks ist die Steuerung von Reflexen. Reflexe sind schnelle, unwillkürliche Reaktionen auf bestimmte Reize und dienen oft dem Schutz des Körpers.

Reflexe: Unwillkürliche Reaktionen auf Reize

Ein Reflex ist eine automatisch ablaufende Reaktion auf einen Reiz. Diese Reaktionen sind unwillkürlich und können nicht bewusst gesteuert werden. Der Körper reagiert blitzschnell auf einen Reiz, wobei unter ähnlichen Bedingungen immer die gleiche Reaktion erfolgt.

Arten von Reflexen

Es gibt verschiedene Arten von Reflexen, die nach unterschiedlichen Kriterien eingeteilt werden können.

Angeborene vs. Erworbene Reflexe

Eine grundlegende Unterscheidung ist die zwischen angeborenen (unbedingten) und erworbenen (bedingten) Reflexen.

  • Unbedingte Reflexe: Diese Reflexe sind erblich bedingt und angeboren. Sie sind von Geburt an vorhanden oder entwickeln sich im Laufe der Reifung. Unbedingte Reflexe können jedoch im Laufe des Lebens ihre Funktion verlieren. Ein Beispiel ist der Lidschlussreflex, der die Augen vor Fremdkörpern schützt.
  • Bedingte Reflexe: Diese Reflexe entstehen durch Lernvorgänge und sind somit erfahrungsbedingt. Sie basieren auf der klassischen Konditionierung, bei der ein neutraler Reiz mit einem unbedingten Reiz verknüpft wird, bis der neutrale Reiz allein die Reaktion auslöst. Ein bekanntes Beispiel sind die Pawlowschen Reflexe.

Eigenreflexe vs. Fremdreflexe

Eine weitere Unterscheidung basiert auf dem Ort von Rezeptor und Effektor.

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  • Eigenreflexe: Bei Eigenreflexen liegen Rezeptor und Effektor im selben Organ. Ein typisches Beispiel ist der Kniesehnenreflex.
  • Fremdreflexe: Bei Fremdreflexen liegen Rezeptor und Effektor in unterschiedlichen Organen. Beispiele hierfür sind der Lidschlussreflex, der Hustenreflex und der Niesreflex.

Frühkindliche Reflexe

Neugeborene Kinder und Säuglinge besitzen eine Vielzahl von Reflexen, die sich aufgrund ihrer anderen Lebenslage von denen eines erwachsenen Menschen unterscheiden. Diese frühkindlichen Reflexe sind angeboren und verlieren sich im Laufe der Entwicklung nach den ersten Lebensmonaten. Sie dienen unter anderem dem Selbstschutz oder der Ernährung des Säuglings.

Beispiele für frühkindliche Reflexe sind:

  • Saugreflex: Babys saugen automatisch an allem, was ihre Lippen berührt. Dies dient der Erleichterung des Stillvorgangs.
  • Suchreflex: Bei Berührung des Mundwinkels dreht das Baby den Kopf auf die berührte Seite.
  • Greifreflex: Bei Berührung der Handflächen oder Fußsohlen greift das Baby automatisch zu.
  • Moro-Reflex (Umklammerungsreflex): Bei überraschender Rückenlage strecken Kinder Arme und Finger, führen sie anschließend wieder zum Körper und ballen die Fäuste.
  • Schwimmreflex: Im Wasser macht das Baby bei horizontaler Lagerung schwimmähnliche Bewegungen.
  • Babinski-Reflex: Beim Bestreichen der äußeren Fußsohle streckt der Säugling die Großzehe und macht mit den restlichen Zehen eine gegenläufige Bewegung.

Diese Reflexe werden im Rahmen der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchung regelmäßig untersucht. Das Auftreten oder Ausbleiben bestimmter Reflexe kann Hinweise auf den Entwicklungsstand und mögliche neurologische Probleme geben.

Der Reflexbogen

Der Ablauf eines Reflexes kann in Form eines Reflexbogens dargestellt werden. Dieser umfasst die folgenden Komponenten:

  1. Rezeptor: Eine Sinneszelle (z.B. Muskelspindel) nimmt einen Reiz (physikalisch oder chemisch) wahr.
  2. Afferentes Neuron: Eine sensible Nervenfaser leitet das Signal vom Rezeptor zum Reflexzentrum im zentralen Nervensystem (Rückenmark) weiter.
  3. Reflexzentrum: Im Rückenmark erfolgt die Umschaltung auf das efferente Neuron. Bei monosynaptischen Reflexen erfolgt die Verschaltung über eine einzige Synapse, bei polysynaptischen Reflexen sind mehrere Synapsen beteiligt.
  4. Efferentes Neuron: Eine motorische Nervenfaser (Motoneuron) leitet das Signal vom Rückenmark zum Effektor.
  5. Effektor: Ein Muskel oder eine Drüse führt aufgrund der Erregung eine Reaktion aus, wodurch der Reflex entsteht.

Das Gehirn ist bei der Reiz-Reaktionskette nicht direkt beteiligt, was die schnelle und automatische Ausführung des Reflexes ermöglicht.

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Beispiele für wichtige Reflexe

Kniesehnenreflex (Patellarsehnenreflex)

Der Kniesehnenreflex ist ein monosynaptischer Eigenreflex, der durch einen Schlag auf die Sehne des Oberschenkelstreckers (Musculus quadriceps femoris) ausgelöst wird. Der adäquate Reiz für den Kniesehnenreflex ist die Dehnung des Oberschenkelstreckers. Dies führt zu einer Kontraktion des Muskels und einem Vorschnellen des Unterschenkels. Die Hemmung des Oberschenkelbeugers spielt eine wichtige Rolle bei diesem Reflex. Nur durch diese Entspannung kann das Zusammenziehen des Oberschenkelstreckers zum Vorschnellen des Unterbeins führen.

Der Kniesehnenreflex wird über den Nervus femoralis vermittelt. Die sensiblen Neurone (Afferenzen) leiten den Reiz zum Rückenmarkssegment L2-L4 weiter. Dort wird die Erregung auf die motorischen Nervenfasern (Efferenzen) umgeschaltet und im Nervus femoralis zurück zur Muskelfaser geleitet, wo eine Kontraktion ausgelöst wird.

Der Kniesehnenreflex kommt z.B. zum Einsatz, wenn man an einer Treppenstufe hängen bleibt, da man die Höhe zu gering eingeschätzt hat oder ein Stein im Weg liegt, an dem der Fuß gestoppt wird. Ohne Nachzudenken schnellt der Unterschenkel nach vorne!

Bizepssehnenreflex

Beim Bizepssehnenreflex wird ein Finger des Untersuchers auf die Bizepssehne in der Ellenbeuge gelegt und dieser dann angeschlagen. Dadurch beugt sich der Unterarm.

Trizepssehnenreflex

Für den Trizepssehnenreflex schlägt der Untersucher auf die genannte Sehne am äußeren Ellenbogen, wodurch der Unterarm gestreckt wird.

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Achillessehnenreflex

Hierbei wird der Fuß leicht gestreckt und auf die Achillessehne am hinteren unteren Ende des Unterschenkels oder auf den Fußballen geschlagen. Dies bewirkt ein Abklappen des Fußes nach unten.

Klinische Bedeutung der Reflexprüfung

Die Untersuchung von Reflexen ist ein wichtiger Bestandteil der neurologischen Untersuchung. Veränderungen der Reflexe können auf Erkrankungen des Nervensystems hinweisen.

  • Abgeschwächte oder fehlende Reflexe: Können auf Schädigungen des peripheren Nervensystems, der Muskeln oder des Rückenmarks hindeuten.
  • Übersteigerte Reflexe: Können auf Schädigungen des zentralen Nervensystems (Gehirn oder Rückenmark) hindeuten.

Die Reflexprüfung wird in der Regel mit einem Reflexhammer durchgeführt, mit dem auf die Sehnen verschiedener Muskeln geklopft wird. Die Reaktion des Muskels wird beurteilt und mit der Gegenseite verglichen.

Reflexepilepsie

Als Reflexepilepsie bezeichnet man eine recht seltene Erkrankung des Gehirns, bei der auf bestimmte Signale oder Reize mit einem Krampfanfall reagiert wird. Häufig sind visuelle Reize die Auslöser einer Reflexepilepsie: bei immer wiederkehrendem Lichteinfall (z.B. Stroboskop), besonders hellem oder flackerndem Licht und auch bei sehr schnell wechselnden Bildern. Doch auch andere Leistungen, wie zum Beispiel Lesen, Rechnen oder auch das Hören einer bestimmten Melodie kommen als Trigger infrage. Die Ursache hierbei liegt in einer Fehlschaltung bestimmter Nervenbahnen, sodass es zu einer ungewollten Aktivität im Gehirn der Betroffenen kommt und diese dann in Form eines Krampfes reagieren.

Therapie durch Reflexlokomotion (Vojta-Therapie)

Durch therapeutische Anwendung der Reflexlokomotion können elementare Bewegungsmuster bei Patienten mit geschädigtem Zentralnervensystem und Bewegungsapparat - zumindest in Teilbereichen - wieder erreicht werden, d.h. sie werden wieder zugänglich. Bei der Vojta-Therapie übt der Therapeut beim Patienten, der sich in Bauch-, Rücken- oder Seitenlage befindet, einen gezielten Druck auf bestimmte Körperzonen aus. Ziel der Vojta-Therapie ist die Wiederherstellung der Alltagskompetenz des Patienten.

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