Methadon, ein seit Jahrzehnten in der Drogensubstitution eingesetztes Opioid, rückt zunehmend in den Fokus der Krebsforschung. Die Entdeckung, dass Methadon im Laborversuch Krebszellen abtöten kann, hat Hoffnungen auf eine effektivere Krebstherapie geweckt. Gleichzeitig gibt es Bedenken hinsichtlich der langfristigen Einnahme von Methadon, insbesondere bei älteren Menschen, und deren möglichen Auswirkungen auf die kognitive Gesundheit. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Forschungsergebnisse zu Methadon in der Krebs- und Alzheimerbehandlung, die potenziellen Risiken und Nebenwirkungen sowie die Herausforderungen bei der Umsetzung klinischer Studien.
Methadon in der Krebsforschung: Ein Hoffnungsschimmer?
Die Forschung von Frau Dr. Friesen von der Universität Ulm hat gezeigt, dass Methadon eine interessante Wirkung auf Tumorzellen haben kann. Im Vergleich zu normalen Zellen besitzen Tumorzellen deutlich mehr Rezeptoren für Opiate, zu denen auch Methadon gehört. Als Dr. Friesen die Wirkung von Methadon bei Leukämiezellen untersuchte, beobachtete sie, dass diese Krebszellen in kurzer Zeit abstarben.
Der Mechanismus: Apoptoseinduktion in Tumorzellen
Im Laborversuch zeigte Methadon auch ohne andere Substanzen eine apoptoseauslösende Wirkung auf Tumorzellen. Das bedeutet, dass es das natürliche Selbstmordprogramm der Zellen aktiviert. Allerdings ist die Wirkung von Methadon als Monotherapie bei metastasierten Prozessen vermutlich zu schwach. Im Laborversuch wirkt Methadon am besten in Kombination mit einer zytotoxischen Chemotherapie.
Wirkverstärkung in Kombination mit Chemotherapie
Im Labor zeigte sich eine Wirksteigerung vor allem bei bestimmten Chemotherapeutika, darunter:
- Taxane (z.B. Paclitaxel)
- Platinverbindungen
- Anthrazykline (z.B. Doxorubicin, Epirubicin)
- Topoisomerasehemmer (Irinotecan, Etoposid)
- Pyrimidinanaloga
Angesichts der oft unbefriedigenden Ergebnisse bei metastasierten Tumoren, bei denen Chemotherapien oft nur vorübergehend wirken, könnte Methadon möglicherweise dazu beitragen, Chemotherapien von Anfang an effektiver zu gestalten.
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Klinische Studien und ihre Grenzen
Es gibt eine kleine Glioblastom-Studie, die in erster Linie Sicherheit und Verträglichkeit untersucht, sowie die progressionsfreie Überlebenszeit, also wie lange der Patient keinen Rückfall zeigt. Eine weitere Studie wurde 2017 von der Charité in Berlin veröffentlicht. Dort wurde aber nur die Verträglichkeit einer Methadontherapie bei Hirntumorpatienten untersucht.
Ein großes Problem ist jedoch, dass es vermutlich nie zu umfassenden klinischen Studien kommen wird, da es sich um eine nicht-patentierbare Substanz handelt und somit keine Geldgeber für die Finanzierung größerer Studien vorhanden sind. Deswegen ist auch nicht mit einem Eingang der Substanz in die onkologischen Leitlinien zu rechnen.
Anwendung und Dosierung von Methadon
Verschreibung und Einnahme
Normalerweise wird der Arzt Methadon als Schmerzmittel verschreiben, da es dafür zugelassen ist. In Ausnahmefällen kann auch ein sogenannter individueller Heilversuch durchgeführt werden, auch wenn keine Schmerzen vorliegen. Dazu ist jeder Arzt berechtigt.
Verwendet wird das Methadon-Hydrochlorid (D,L-Methadon). Dieses muss von der jeweiligen Apotheke für den Patienten als Tropflösung hergestellt werden. Fertigpräparate sind nicht geeignet, da die Dosierung individuell angepasst werden muss.
Die Tropfen werden morgens und abends unverdünnt eingenommen und am besten mit der Zunge kurz im Mund verteilt. Methadon wird über die Dauer einer chemotherapeutischen Krebsbehandlung eingenommen.
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Normalerweise sollte der Patient das Methadon persönlich in Empfang nehmen. Ausnahmsweise kann es aber eine andere Person, die mit einer entsprechenden Vollmacht ausgestattet ist, abholen.
Wichtige Hinweise zur Einnahme
Methadon darf laut Dr. Friesen nicht mit anderen Opiaten, wie z.B. Morphin, Tilidin, Fentanyl, Tramadol kombiniert werden. Auch sogenannte nicht-steroidale Antiphlogistika, wie Aspirin, Paracetamol, Diclofenac, Novalgin, Celecoxib etc., sollten vermieden werden.
Anfangs können Schwindel, Übelkeit, Erbrechen und Schläfrigkeit auftreten. Eventuell muss dann die Dosis reduziert werden. Nach etwa 4 Wochen gewöhnt sich das Gehirn an das Methadon. Meistens besteht aber eine mehr oder weniger ausgeprägte Verstopfung, die z.B. durch eine ballaststoffreiche Ernährung und die Einnahme von Quellmitteln behandelt werden kann.
Risiken und Nebenwirkungen von Methadon
Es wird behauptet, Methadon könne lebensgefährliche Wirkungen haben. Wie jede Arznei kann auch Methadon bei falscher Anwendung gefährlich sein. Allerdings verwendet man Methadon seit Jahrzehnten zur Drogensubstitution in einer mehr als 10fach höheren Dosierung als zur Schmerztherapie und es sind keine lebensgefährlichen Wirkungen darunter beschrieben. Im Gegenteil, die Methadongabe gilt als sicher und die damit Substituierten können z.B. Auto fahren oder einer normalen Arbeit nachgehen.
Langzeittherapie und neurologische Auswirkungen
Ein Fallbericht aus den USA beschreibt einen 40-jährigen Patienten, der aufgrund chronischer Rückenschmerzen seit mehr als fünf Jahren eine Erhaltungstherapie mit Methadon erhalten hatte. Bei ihm traten plötzlich Bewusstseinsstörungen, Schwäche in den Beinen und Harninkontinenz auf. Im Hirn-MRT zeigten sich multiple kleine vermeintliche Infarktareale der weißen Substanz im Bereich von Basalganglien, Globus pallidum und bilateral subkortikal.
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Die behandelnden Ärzte interpretierten die Veränderungen als zystische Enzephalomalazie, die auch schon in anderen Fällen unter der Langzeittherapie mit Methadon beschrieben worden waren. Verschiedene neurotoxische Effekte einer Langzeitgabe von Methadon sind in der Literatur beschrieben, darunter kognitive Störungen einschließlich Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen, Einschränkungen bei Lernfähigkeit und exekutiven Funktionen.
Die Autoren des Fallberichts empfehlen, Patienten unter einer Langzeittherapie mit Methadon auf diese möglichen Konsequenzen hinzuweisen und die Therapie sorgfältig abzuwägen.
Methadon und Demenzrisiko bei älteren Menschen
Eine israelische Studie hat gezeigt, dass Menschen zwischen 75 und 80 Jahren ein 39 Prozent höheres Risiko haben, bei Opioid-Medikation eine Demenz zu entwickeln. Die Forscher vermuten, dass Opioide bei älteren Menschen möglicherweise einen übermäßigen Zellabbau fördern, was zu neurodegenerativen Erkrankungen beiträgt.
Methadon in der Alzheimerbehandlung: Ein indirekter Ansatz
Obwohl Methadon selbst nicht direkt zur Behandlung von Alzheimer eingesetzt wird, gibt es indirekte Überlegungen, die im Zusammenhang mit Alzheimer relevant sind.
Gebrechlichkeit und Begleiterkrankungen bei Alzheimer
Viele Alzheimer-Patienten leiden auch unter Gebrechlichkeit oder funktionellen Beeinträchtigungen. Sie sind chronisch weniger belastbar und haben weniger Kraftreserven, was sie anfälliger für weitere Erkrankungen, Behinderungen oder Stürze macht. Verschiedene körperliche Einschränkungen und Beschwerden wie Schwindel, Schmerzen und Verdauungsstörungen können zeitgleich auftreten und die Lebensqualität weiter beeinträchtigen.
Eine Studie des Universitätsklinikums Ulm hat gezeigt, dass ältere gebrechliche Alzheimer-Patienten in den meisten klinischen Studien zur medikamentösen Therapie von Alzheimer und Demenz nicht ausreichend berücksichtigt werden. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass Antidementiva am besten verträglich sind und zur signifikanten Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten führen. Antidepressiva sollten nur nach harter Indikation gegeben werden, während Antikonvulsiva und Antipsychotika in dieser Patientengruppe Nebenwirkungen verursachen, deren gewünschte Wirkung durch die aktuelle Analyse nicht endgültig bewertet werden kann.
Opioidkonsum und Demenzrisiko bei älteren Menschen
Wie bereits erwähnt, gibt es Hinweise darauf, dass Opioidkonsum bei älteren Menschen das Demenzrisiko erhöhen könnte. Dies ist besonders relevant, da viele ältere Menschen aufgrund von chronischen Schmerzen Opioide einnehmen. Daher ist es wichtig, den Opioidkonsum bei älteren Menschen kritisch zu hinterfragen und alternative Schmerztherapien in Betracht zu ziehen.
Methadon bei älteren Drogenabhängigen mit Demenz
Die Zahl älterer Drogenabhängiger nimmt stetig zu, und viele von ihnen leiden schon in relativ jungen Jahren an Demenz oder anderen Alterserkrankungen. Manche Betroffene bekommen beispielsweise eine Heroin-Ersatztherapie mit Methadon. «Damit müssen sie auch im Altenheim weiter versorgt werden», sagte Löhner. Es gebe zwar immer wieder Fälle, bei denen das Methadon langsam abgesetzt werden kann. Doch es gebe auch chronisch Abhängige.
Bei Drogenabhängigen spreche man schon ab dem 40. Lebensjahr von «älter», denn sie hätten oft bereits alterstypische Krankheiten wie eine beginnende Demenz oder Arthrose. Viele ältere Konsumenten kämpfen gleich mit mehreren Krankheiten.