Gehirn Unterschiede zwischen Frau und Mann: Eine umfassende Analyse

Die Frage, ob es wesentliche Unterschiede zwischen dem Gehirn von Männern und Frauen gibt, ist seit langem Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Debatten. Während frühere Annahmen von deutlichen Unterschieden ausgingen, zeigen neuere Forschungsergebnisse ein komplexeres Bild. Dieser Artikel untersucht die aktuellen Erkenntnisse zu diesem Thema und berücksichtigt sowohl anatomische als auch funktionelle Aspekte.

Einführung

Die Diskussion über Geschlechtsunterschiede im Gehirn ist nicht nur von wissenschaftlichem Interesse, sondern hat auch gesellschaftliche Relevanz. Es ist wichtig zu verstehen, inwieweit biologische Faktoren und soziale Einflüsse das Denken und Verhalten von Männern und Frauen prägen.

Anatomische Unterschiede

Gehirngröße und -struktur

Männliche Gehirne sind im Durchschnitt etwa elf Prozent größer als weibliche Gehirne. Dieser Größenunterschied erklärt einige der beobachteten strukturellen Unterschiede. So haben größere Gehirne proportional mehr weiße Substanz und sind stärker innerhalb der Gehirnhälften vernetzt. Allerdings sind diese Unterschiede nicht die Art von "sexuellem Dimorphismus", die Neurowissenschaftler normalerweise interessiert.

Bei Männern ist die rechte Gehirnhälfte anders strukturiert als bei Frauen, was sich in einer besseren räumlichen Orientierung äußern kann. Weibliche Gehirne haben dagegen mehr Bereiche mit besonders dicht gepackten Nervenzellen, ihre Gehirnhälften sind besser vernetzt, und ihre Großhirnrinde weist mehr Furchen auf. Die Reifung des Gehirns beginnt bei Mädchen früher als bei Jungen.

Graue und weiße Substanz

Eine Studie, die Hirnscans von fast 1000 Erwachsenen auswertete, ergab, dass Frauen mehr graue Hirnsubstanz im Stirnhirn und den Scheitellappen haben, während Männer mehr Volumen in einigen hinteren und seitlichen Arealen des Cortex aufweisen, darunter auch dem primären Sehzentrum. Die Regionen, in denen das Volumen der grauen Hirnsubstanz bei Männern größer ist, sind meist an der Objekterkennung und der Verarbeitung von Gesichtern beteiligt.

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Subkortikale Strukturen

Strukturelle Geschlechtsunterschiede in subkortikalen Strukturen, wie insbesondere dem Hypothalamus, werden mit Geschlechtsunterschieden in sexuellem und reproduktivem Verhalten in Verbindung gebracht.

Neuronale Unterschiede

Im Neokortex zeigt das männliche Gehirn 15,5 % mehr Neurone als das weibliche. Außerdem weist der männliche Kortex in allen vier Hirnlappen eine höhere Anzahl und Dichte von Neuronen auf sowie ein größeres kortikales Volumen. Die kortikale Komplexität ist dagegen stärker bei Frauen ausgeprägt.

Konnektivität

Eine frühere Studie behauptete, dass Männer und Frauen unterschiedlich stark vernetzte Gehirnhälften haben. Demnach haben Jungen eine stärkere Vernetzung innerhalb der Gehirnhälften, während Mädchen eine größere Vernetzung zwischen den Gehirnhälften aufweisen. Es wurde spekuliert, dass dies Frauen besser im Multitasking macht und Männer besser darin, sich auf eine Sache zu fokussieren. Neuere Forschungen legen jedoch nahe, dass die unterschiedliche Vernetzung der beiden Gehirnhälften bei Männern und Frauen auf die Größe des Gehirns zurückzuführen ist.

Funktionelle Unterschiede

Sprachliche und räumliche Fähigkeiten

Im Durchschnitt sind Männer besser im räumlichen Vorstellungsvermögen und Frauen sind sprachlich stärker. Dies ist jedoch meist auf mehr Übung zurückzuführen. Denn wäre die Größe des Gehirns verantwortlich für diese Unterschiede, dann müssten kleine Männer aufgrund ihres kleineren Gehirns besser sein, was sprachliche Fähigkeiten angeht.

Emotionen

Die Amygdala spielt eine entscheidende Rolle beim Erleben von Emotionen. Forscherinnen waren also überzeugt, dass sich da ein Geschlechterunterschied zeigen müsste, das passte einfach sehr gut in ihr Weltbild. In einer Meta-Analyse fand sich aber kein Geschlechterunterschied mehr, sobald der Größenunterschied zwischen den Gehirnen beachtet wurde.

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Neurosexismus

In der Vergangenheit wurde der Begriff "Neurosexismus" benutzt, wenn Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Gehirnen als Erklärung für die Unterlegenheit von Frauen angeführt wurden.

Sexualhormone

Sowohl bei Männern als auch bei Frauen finden sich die Sexualhormone Östrogen, Progesteron und Testosteron im Gehirn. Nur die Level sind bei den Geschlechtern unterschiedlich. Östradiol, ein Östrogen, soll zum Beispiel neuroprotektiv sein, also das Gehirn schützen. In einer Studie zeigte sich zum Beispiel, dass sich höhere Östradiol-Level von Frauen in der Menopause positiv auf die Gedächtnisleistung auswirken. Tierstudien haben außerdem gefunden, dass eine höhere Östrogenkonzentration vor neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer schützt.

Entgegen der weit verbreiteten Annahme führen höhere Level an Testosteron auch nicht dazu, dass sich die kognitiven Fähigkeiten verbessern. Nur eine Evidenz zeigt sich konsistent: dass Testosteron den Sexualtrieb verstärkt.

Geschlechtsangleichung

Vor den geschlechtsangleichenden Maßnahmen wurde das räumliche Vorstellungsvermögen untersucht, indem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer etwa beurteilen sollten, ob dreidimensionale Figuren identisch waren. Bei diesen Aufgaben schneiden Männer im Durchschnitt besser ab als Frauen. Und tatsächlich waren vor der Hormonbehandlung Mann-zu-Frau-Transgender bei beiden Aufgaben etwas besser als Frau-zu-Mann-Transgender. Nach einer dreimonatigen Behandlung mit Hormonen des gewünschten Geschlechts war dieser Effekt verschwunden, und nach einem Jahr Hormonbehandlung hatte sich die Situation umgekehrt: Die Frau-zu-Mann-Transgender waren nun beim Figurendrehen etwas besser als die Mann-zu-Frau-Transgender.

Die Rolle von Umwelt und Erziehung

Viele Wissenschaftler sind davon überzeugt, dass die Gesellschaft und die Erziehung einen so großen Einfluss auf das Denken ausüben, dass die biologische Voraussetzung fast bedeutungslos sei. Kinder lernen schon sehr früh den Unterschied zwischen Männern und Frauen. Kleinkinder können männliche und weibliche Gesichter und Stimmen unterscheiden. Das Geschlecht ist ein wichtiger Teil der Sprache und bestimmt auch, wie wir mit Kindern sprechen. Wir haben verschiedene Wörter, die wir bei der Kommunikation mit Jungen und Mädchen benutzen. Wir haben einen anderen Ton, andere Gesten und andere Erwartungen an Mädchen und Jungen. Und das heißt, die Kinder machen schon sehr früh sehr unterschiedliche Erfahrungen. Daraus resultieren meiner Meinung nach sehr viele Geschlechterunterschiede.

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Die Bedeutung von Gliazellen

In den Neurowissenschaften gewinnen geschlechtersensible Forschungsansätze zunehmend an Bedeutung - nicht zuletzt, weil zahlreiche neurologische und psychiatrische Erkrankungen bei Frauen und Männern unterschiedlich häufig auftreten, sich im Verlauf unterscheiden oder unterschiedlich auf Therapien ansprechen. Gliazellen steuern den Stoffwechsel im Gehirn und reagieren dabei auch auf Hormone. Es bestehen signifikante Unterschiede in der Gliazellfunktion zwischen weiblichen und männlichen Individuen. Diese Unterschiede haben tiefgreifende Auswirkungen auf die Neuroplastizität, die Gehirnfunktion und die Entstehung neuropsychiatrischer sowie neurodegenerativer Erkrankungen.

Das Gehirn als Mosaik

Laut Joel bestehen Gehirne aus einzigartigen "Mosaiken" von Merkmalen. Manche Merkmale kommen häufiger bei Frauen vor als bei Männern. Andere bei Männern häufiger als bei Frauen. Und dann gibt es noch solche, die sowohl bei Frauen als auch bei Männern vorkommen.

Aktuelle Forschung und Meta-Analysen

Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2021 mit dem Titel "Dump the Dimorphism" analysierte hunderte Studien aus drei Jahrzehnten der Hirnforschung. Eine der Schlussfolgerungen lautet: Das menschliche Gehirn ist nicht "sexuell dimorph".

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