Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF) in der Gesichtsbehandlung: Ein umfassender Überblick

Die Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF) ist eine vielseitige physiotherapeutische Behandlungsmethode, die bei einer Vielzahl von Patienten mit eingeschränktem Bewegungsverhalten Anwendung findet. Ursprünglich in der neurologischen Rehabilitation eingesetzt, hat sich PNF auch in anderen Bereichen der Physiotherapie etabliert, einschließlich der Behandlung von Gesichtsbeschwerden. Dieser Artikel beleuchtet die Grundlagen der PNF, ihre Anwendung im Gesichtsbereich, insbesondere bei Fazialisparesen, und die damit verbundenen Vorteile.

Grundlagen der Propriozeptiven Neuromuskulären Fazilitation

Die PNF ist ein dreidimensionales Behandlungskonzept, das darauf abzielt, natürliche Bewegungsmuster zu fördern und die neuromuskuläre Kontrolle zu verbessern. Der Therapeut stimuliert und aktiviert Gelenke, Muskeln und Sehnen durch "gesunde" Bewegungsmuster gegen einen Widerstand, verstärkt durch Berührung, Druck, Dehnung oder Entspannung. Das zentrale Nervensystem erlernt diese Bewegungsmuster neu, um sie in ein Gesamtbewegungsmuster (wie z. B. das Gehen) zu integrieren, ähnlich wie in der Kindheit.

Die PNF orientiert sich an den vorhandenen Ressourcen des Patienten. Diese werden gezielt zur Verbesserung der Bewegungs- und Haltungskontrolle eingesetzt. Die Therapie verbessert die bewusste und unbewusste Steuerung der Körperhaltung und Bewegung.

Anwendungsbereiche der PNF

PNF wird erfolgreich bei einer Vielzahl von Erkrankungen eingesetzt, darunter:

  • Multiple Sklerose
  • Morbus Parkinson
  • Querschnittslähmung
  • Schädel-Hirn-Trauma
  • Schlaganfall
  • Gesichts-, Mund- und Schluckbeschwerden (inklusive Kieferproblematiken)
  • Gelenkoperationen
  • Sportunfällen
  • Rückenschmerzen

PNF in der Gesichtsbehandlung

Die Anwendung der PNF im Gesichtsbereich zielt darauf ab, die Funktion der Gesichtsmuskulatur zu verbessern, insbesondere bei Patienten mit Fazialisparesen (Gesichtslähmungen). Eine Fazialisparese ist eine medizinische Bezeichnung für eine Gesichtslähmung oder Schwäche der Gesichtsmuskulatur, die durch Probleme im Gesichtsnerv (Nervus facialis) verursacht wird. Die häufigste Ursache ist die Bell'sche Lähmung (idiopathische Fazialisparese), die in der Regel plötzlich und ohne erkennbare Ursache auftritt.

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Die Symptome einer Fazialisparese können von einer leichten Schwäche bis hin zu einer vollständigen Lähmung der Gesichtsmuskulatur reichen. Die Behandlung einer Fazialisparese hängt von der zugrunde liegenden Ursache ab. In einigen Fällen kann die Lähmung spontan heilen, während in anderen Fällen physiotherapeutische Übungen, Medikamente oder in schweren Fällen chirurgische Eingriffe in Betracht gezogen werden können.

Logopädische Relevanz der Fazialisparesen

Die Behandlung von Fazialisparesen ist auch für die Logopädie von Bedeutung, da sie verschiedene Beeinträchtigungen verursachen kann:

  • Fehlende Aktivierung der einseitigen mimischen Muskulatur (z. B. hängender Mundwinkel, fehlendes Stirnrunzeln, fehlender Lippenschluss)
  • Beeinträchtigung der präzisen Artikulation
  • Schluckstörungen
  • Speichel- und Flüssigkeitsaustritt
  • Geschmacksbeeinträchtigungen

Ziele der PNF-Behandlung bei Fazialisparesen

PNF kann auch bei der Behandlung einer Fazialisparese, insbesondere bei der Wiederherstellung der Gesichtsmuskulatur und der Verbesserung der Gesichtsbewegungen, eingesetzt werden. Die PNF-Übungen zielen darauf ab, die Kommunikation zwischen Nerven und Muskeln zu verbessern. Bei einer Fazialisparese ist die Fähigkeit des Gesichtsnervs, die Gesichtsmuskulatur zu steuern, beeinträchtigt. Verbesserte Koordination: PNF-Übungen umfassen häufig diagonale Bewegungsmuster, die dazu beitragen, die Koordination zwischen verschiedenen Muskelgruppen zu fördern. Die gezielte Anwendung von PNF-Techniken kann dazu beitragen, die Muskelkraft in der gelähmten Gesichtsmuskulatur zu steigern. Propriozeption bezieht sich auf die Wahrnehmung der Position und Bewegung des eigenen Körpers im Raum.

Die logopädische Zielsetzung besteht - je nach Ausprägung und Folgeschwierigkeiten für den Patienten - darin, wenn möglich den Nerv zu reaktivieren und damit die Normalisierung der mimischen Muskulatur zu unterstützen, um so das Schlucken und Sprechen des Patienten wieder zu verbessern. Die gezielte Ansteuerung des Nervens anhand eines spezifischen Übungsprogramms soll einer langfristigen Atrophie der Muskulatur vorbeugen.

PNF-Techniken im Gesichtsbereich

Die PNF-Therapie im Gesichtsbereich umfasst verschiedene Techniken, die darauf abzielen, die Gesichtsmuskulatur zu aktivieren und die Beweglichkeit zu verbessern. Dazu gehören:

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  • Diagonale Bewegungsmuster: Charakteristisch sind diagonal verlaufende, funktionelle Bewegungen (ähnlich Ihrer Bewegungen im Alltag - z. B. ein Buch aus dem Regal nehmen), sowie Rotationen (Drehbewegungen).
  • Stimulation der Rezeptoren: Ihr Therapeut setzt zum Beispiel Druck, Zug, Dehnung und/oder Widerstand zur Stimulation Ihrer Rezeptoren ein, um eine Reaktion Ihrer Muskeln zu provozieren. Das kann eine vermehrte Kontraktion (Anspannung) oder Relaxation (Entspannung) sein, die es Ihnen ermöglicht, eine gewünschte Bewegung anzubahnen oder zu erleichtern.
  • Wiederholung von Bewegungsmustern: Eine stetige Wiederholung „verlernter“ Bewegungsmuster, soll die reibungslose Zusammenarbeit aller beteiligten Strukturen (Rezeptoren, Nerven und Muskeln) fördern und stärken.

Studienlage zur PNF bei Fazialisparesen

Die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit der PNF bei Fazialisparesen ist noch begrenzt. Allerdings können in einer 2013 veröffentlichten Untersuchung weitere Hinweise auf den Nutzen einer frühen Physiotherapie bei schwerer Fazialisparese gesehen werden: sie ergab einen signifikanten positiven Effekt auf Schweregrad und Dauer der Rückbildung. In dieser Studie war aber die Fallzahl mit insgesamt 87 Patienten gering (Nicastri et al., 2013). In der Metaanalyse zur Therapie der chronischen Fazialisparese (länger als 9 Monate bestehend) mit Übungsbehandlung konnte nur eine Studie (n=50) ausgewertet werden. Für diese Patientengruppe zeigte sich ein signifikanter Nutzen (Pereira et al., 2011).

Weitere Therapieansätze und Ergänzungen zur PNF

Neben der PNF gibt es weitere Therapieansätze, die bei der Behandlung von Fazialisparesen eingesetzt werden können:

  • Manuelle Therapie: Bei der manuellen Therapie können passive und aktive Techniken zum Einsatz kommen. Ziel ist es, das Zusammenwirken zwischen Gelenken, Nerven und Muskeln wieder herzustellen. Die manuelle Therapie hilft Schmerzen zu beseitigen und Bewegungsstörungen nach einer Verletzung zu lindern.
  • Logopädie: Die Logopädie konzentriert sich auf die Verbesserung der Artikulation, des Schluckens und der Gesichtsmimik.
  • Medical Taping: Das Medical Taping unterstützt den Halte- und Stützapparat ohne dabei die Gelenke und Muskeln ruhig zu stellen. Es beeinflusst Muskeln, Gelenke, Entstauung, und Schmerz positiv, indem es körpereigene Heilungsprozesse nutzt.
  • Klassische Massage: Die klassische Massage dient meist zur Vorbeugung und Behandlung von Verspannungen der Muskulatur. Sie hilft aber auch die Durchblutung zu steigern, verbessert die Ernährung von Haut und Bindegewebe und verbessert das Wohlbefinden.
  • Wärme- und Kältetherapie: Kälte und Wärme sind unsere ursprünglichen Behandlungsmethoden. Diese Maßnahmen beeinflussen die mechanischen Eigenschaften der Gewebe, den Muskeltonus und die Schmerzwahrnehmung. Die Kältetherapie hilft bei Schwellungen, Entzündungen, Reizungen und Schmerzzuständen. Die gereizte Stelle wird mit Eis behandelt. Kälte regt die Muskelaktivität an und lindert der Schmerz. Mit in heißem Wasser getränkten Tüchern bereiten wir Sie auf Massagen oder Krankengymnastik vor. Die feuchte Wärme lässt Muskulatur und erkrankte Atemwege entspannen.
  • Elektrotherapie / Ultraschall: Bei der Elektrotherapie werden Reizströme eingesetzt um Schmerzlinderung, Durchblutungsförderung, Abschwellung der zu behandelnden Partien und eine Muskelspannungsregulation zu erreichen. Ultraschall dient zur gezielten regionalen Erwärmung tiefer gelegener Gewebsschichten. Es wird angewandt bei lokalen Schmerzen, Gewebsverklebungen (Narben) und Muskelverspannungen.

Ablauf einer PNF-Behandlung

Vor Beginn der Therapie untersucht Ihr Therapeut die Einschränkungen Ihrer Körperfunktionen. Am Beginn jeder physiotherapeutischen Behandlung durch PNF steht die „Befundung“ Ihrer Bewegungsfähigkeiten. Die Propriozeptive Neuromuskuläre Facilitation (PNF) ist eine Technik innerhalb der Physiotherapie, die durch Ansteuern verschiedener Rezeptoren im Körper Impulse überträgt. Ziel ist es, eine individuelle, bestmögliche Haltung und Bewegung im Alltag zu generieren und so Voraussetzungen für eine bestmögliche Aktivität und Teilhabe am täglichen Leben zu schaffen.

Die PNF-Übungen sind je nach Anforderung in Rücken-, Seitenlage, sitzend, im Vierfüßlerstand oder während Sie gehen, möglich. Bei einer ärztlichen Verordnung über KG-ZNS (Krankengymnastik bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems/Rückenmarks) ist die neurologische Krankengymnastik nach PNF (neben der Bobath- und Vojtatherapie) eine der möglichen Therapieformen. Ist PNF die richtige Behandlung für Sie, werden Sie bei uns ausschließlich von Physiotherapeuten mit dieser Zusatzausbildung behandelt.

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