Die Fazialisparese, oder Gesichtslähmung, ist eine Schwäche oder Lähmung der Gesichtsmuskulatur, die meist eine, seltener auch beide Gesichtshälften betreffen kann. Sie kann durch eine Schädigung des Hirnareals, welches die Gesichtsmuskulatur steuert, oder durch eine Schädigung des Gesichtsnervs (Nervus facialis) entstehen. Manchmal tritt sie auch idiopathisch, also ohne erkennbare Ursache, auf. Die Beschwerden können mit der Zeit verschwinden, aber auch dauerhaft bestehen bleiben. Die Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF) ist eine physiotherapeutische Behandlungsmethode, die sich als effektive Technik in der Behandlung von Fazialisparesen etabliert hat.
Was ist Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF)?
PNF bedeutet Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation. Dies ist eine physiotherapeutische Behandlungsmethode, die sich auf die funktionelle Mobilität und neuromuskuläre Kontrolle fokussiert. Ziel ist es, Muskelkraft aufzubauen und die Koordination und Bewegungsfähigkeit zu fördern. Dafür arbeitet PNF mit den natürlichen körperlichen Bewegungsmustern und bezieht die Verknüpfung und Kommunikation zwischen Nerven, Rezeptoren und Muskulatur ein. Die Therapie stimuliert die Rezeptoren in Sehnen, Gelenken und Muskeln, welche dadurch aktiviert werden und die Wahrnehmung der Patient:innen für ihren eigenen Körper steigern.
Die Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF) ist eine therapeutische Technik, die darauf abzielt, die motorische Antwort des Körpers durch Stimulation der Propriozeptoren zu verbessern. PNF umfasst eine Reihe von dehnenden und kontrahierenden Übungen, die in spezifischen Mustern ausgeführt werden, um das neuromuskuläre System zu aktivieren und die motorische Lernfähigkeit zu verbessern.
Anwendungsbereiche der PNF
Die Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation wird primär zu rehabilitativen Zwecken eingesetzt, das heißt, nach operativen Eingriffen, Verletzungen, Unfällen oder neurologischen Beschwerden. Krankheitsbilder, bei denen die PNF Linderungen und Verbesserungen erreichen kann, sind zum Beispiel:
- Parkinson
- Schlaganfall
- Wirbelsäulenbeschwerden
- Operationen
- Sportverletzungen
- Querschnittslähmung
- Gesicht-, Mund- und Schluckbeschwerden (inklusive Kieferproblematiken)
- Schädel-Hirn-Trauma
- Multiple Sklerose
- Muskelschwund
Insbesondere bei Lähmungen der orofazialen Muskulatur, einer häufigen Symptomatik bei neurologischen Erkrankungen, bietet PNF effektive Techniken. Diese Lähmungen haben neben mimisch-ästhetischen Folgen zugleich vielgestaltige Auswirkungen auf die Artikulation und die Ernährung der betroffenen Patienten.
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Ursachen und Symptome der Fazialisparese
Eine Gesichtslähmung kann verschiedene Ursachen haben:
- Peripher: Schädigung des Nervs an sich, z.B. durch:
- Operationen im Verlauf der Gesichtsnerven
- Verletzungen z.B von Schädelbasis, Kiefer oder Felsenbein
- Autoimmunkrankheiten z.B Sjögren-Syndrom
- Krebserkrankungen
- Einengungen im Nervenkanal
- Zentral: Hier liegt eine Funktionsstörung direkt im zuständigen Hirnbereich vor:
- Schlaganfall
- Hirnblutung
- Entzündliche Hirnerkrankung (z.B. Multiple Sklerose)
- Hirntumore
- Sonstige Tumore
Als Folge einer peripheren Fazialisparese tritt die Schwäche oder vollständige Lähmung der mimischen Muskulatur auf. Symptome können sein:
- Mäßig bis stark verschobener Mundwinkel (Schwierigkeiten beim Essen, Trinken oder Sprechen)
- Verminderter oder fehlender Lidschluss (durch Ausfall der Gesichtsmuskulatur) und mögliche Austrocknung des Auges
- Schwäche der Mund- und Wangenmuskulatur
- Herabhängen der Wange
- Beeinträchtigung des Geschmackssinns
- Beeinträchtigung der Speichel- und Tränensekretion
Daher kann beim Trinken Flüssigkeit aus dem betroffenen Mundwinkel herauslaufen. Außerdem können die Patienten die betroffene Seite der Stirn nicht runzeln und das Auge nicht oder nur unvollständig schließen. Durch einen länger anhaltenden inkompletten Lidschluss kann es zu einer Schädigung der Hornhaut des Auges führen. Außerdem kann es zu einer Geschmacksstörung in den vorderen zwei Dritteln der Zunge und verminderter Speichelsekretion in Ruhe kommen. Auch eine erhöhte Geräuschempfindlichkeit auf der kranken Seite ist möglich.
PNF in der Behandlung der Fazialisparese
Die Behandlung mit PNF richtet sich gegen Einschränkungen und Störungen des Bewegungsapparates. Deshalb machen sich die Therapierenden zu Beginn der Therapie ein Bild über den Zustand der Bewegungsfähigkeiten der Patient:innen. Anschließend stellen die Physiotherapeut:innen individuelle PNF-Übungen zusammen, die auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten der einzelnen Personen aufbauen.
In der Logopädie gibt es verschiedene Konzepte zur Behandlung der Fazialisparese. Die Therapie richtet sich nach der Ursache der Erkrankung. Neben Kräftigungsübungen der mimischen Muskeln kann PNF angeboten werden. Dabei erhält die Patientin/der Patient verschiedene Reize: Kälte, Druck, Dehnung, Vibration.
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Die logopädische Zielsetzung besteht - je nach Ausprägung und Folgeschwierigkeiten für den Patienten - darin, wenn möglich den Nerv zu reaktivieren und damit die Normalisierung der mimischen Muskulatur zu unterstützen, um so das Schlucken und Sprechen des Patienten wieder zu verbessern. Die gezielte Ansteuerung des Nervens anhand eines spezifischen Übungsprogramms soll einer langfristigen Atrophie der Muskulatur vorbeugen. Regelmäßige Therapieeinheiten (insbesondere in der Akutphase) und Ausdauer des Patienten in der häuslichen Umsetzung der Übungen stellen hierbei die Grundlagen des Erfolges dar!
PNF-Übungen und -Techniken
Eine gängige Übungsmethode ist das diagonale Bewegungsmuster. Dabei werden die jeweiligen Muskelgruppen in einer diagonalen Form aktiviert, um die Bewegung einfacher werden zu lassen. Weiterhin werden gezielte Rotationsaktivitäten durchgeführt, wobei außerdem die Haltung eine Rolle spielt. Die Therapierenden geben den Patient:innen ebenfalls spezifische Widerstands- und Dehnübungen. Abhängig von den Beschwerden der Betroffenen können diese aktiv absolviert werden, passiv oder mithilfe der Physiotherapeut:innen. Ziel ist es, die Flexibilität zu steigern.
Weitere Behandlungsmethoden
Neben PNF gibt es weitere Behandlungsmethoden für Fazialisparesen, darunter:
- Reizstrombehandlung mit VocaSTIM
- K-Taping für Logopäden
- Neurofunktions!therapie® nach E. Rogge
- Mundmotorische Übungen nach A. Kittel
- Behandlung durch Vibrationsstimulation mit z.B. Novafon, Maspo oder Vibrax
Die Rolle der Logopädie
Die Logopädie ("Sprecherziehung") ist eine medizinische Fachdisziplin, die sich mit Sprach-, Sprech-, Stimm-, Schluck- oder Hörbeeinträchtigungen von Patienten auseinandersetzt und diese behandelt. Die Behandlung von Fazialisparesen hat für die Logopädie Relevanz in mehrfacher Hinsicht:
- Fehlende Aktivierung der einseitigen mimischen Muskulatur: Jegliche mimische Bewegung offenbart das einseitige Handicap (beispielsweise bereits das Lächeln).
- Beeinträchtigung der präzisen Artikulation: Je nach Schwere der Lähmung des Mundwinkels und der Lippen kann die Artikulation äußerst undeutlich und schwer verständlich sein, insbesondere am Telefon.
- Schluckstörungen: Können Mahlzeiten aufgrund einer herabgesetzten Sensibilität, einem Taubheitsgefühl in Lippen, Zunge, Wangen und Gaumen und einer Fehlfunktion im Transport von Nahrung nicht verarbeitet werden, stellt sich nicht selten eine Schluckstörung unterschiedlichen Schweregrades ein.
- Speichel- und Flüssigkeitsaustritt: Aufgrund des häufig einseitig hängenden Mundwinkels kann der Austritt von Speichel oder Flüssigkeit beim Trinken nicht adäquat kontrolliert werden.
- Geschmacksbeeinträchtigungen
Anhand verschiedener Einteilungsscores, wie dem "Sunnybrook Facial Grading System", kann die Schwere der Beeinträchtigung der mimischen Muskulatur durch die Fazialisparese klassifiziert werden. Genaue Beobachtungen verschiedener mimischer Bewegungen sollen Aufschluss über die Abweichung der betroffenen Gesichtshälfte im Vergleich zur gesunden Seite geben. Daneben soll anhand der Beobachtungsskalen bewertet werden, wie hoch der Grad der Mitbewegungen weiterer mimischer Muskeln ist. Dieses Vorgehen hilft dabei, das Ausmaß der fazialen Einschränkungen einzuschätzen und im Verlauf der Therapie Fortschritte klarer herausstellen zu können.
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Evidenzbasierte Forschung
Allerdings können in einer 2013 veröffentlichten Untersuchung weitere Hinweise auf den Nutzen einer frühen Physiotherapie bei schwerer Fazialisparese gesehen werden: sie ergab einen signifikanten positiven Effekt auf Schweregrad und Dauer der Rückbildung. In dieser Studie war aber die Fallzahl mit insgesamt 87 Patienten gering (Nicastri et al., 2013).
In der Metaanalyse zur Therapie der chronischen Fazialisparese (länger als 9 Monate bestehend) mit Übungsbehandlung konnte nur eine Studie (n=50) ausgewertet werden. Für diese Patientengruppe zeigte sich ein signifikanter Nutzen (Pereira et al., 2011).
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