Psychologische Veränderungen und Nervenzellen bei Multipler Sklerose

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die im jungen Erwachsenenalter auftritt und weltweit etwa 2,3 Millionen Menschen betrifft. Frauen sind dabei doppelt so häufig betroffen wie Männer. Neben den körperlichen Symptomen können im Krankheitsverlauf auch neuropsychiatrische Auffälligkeiten auftreten, darunter Depressionen, Angststörungen, kognitive Defizite und Persönlichkeitsveränderungen. Diese psychologischen Veränderungen sind eng mit den entzündlichen Prozessen und den daraus resultierenden Schädigungen der Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark verbunden.

Verlaufsformen der Multiplen Sklerose

Die Multiple Sklerose manifestiert sich in verschiedenen Verlaufsformen, die sich in ihrem Fortschreiten und ihren Symptomen unterscheiden:

  • Schubförmig remittierende MS (RRMS): Dies ist die häufigste Verlaufsform, die durch Schübe gekennzeichnet ist, in denen neue Symptome auftreten oder sich bestehende verschlimmern. Diese Schubphasen können Tage bis Wochen dauern, gefolgt von Remissionen, in denen die Symptome nachlassen oder verschwinden. Die Dauer der Remissionen variiert stark.

  • Sekundär progrediente MS (SPMS): Diese Verlaufsform entwickelt sich oft Jahre nach der Diagnose der RRMS. Die Schübe treten seltener auf, und die Symptome verschlechtern sich langsam und kontinuierlich, was zu einer allmählichen Beeinträchtigung der körperlichen und geistigen Funktionen führt.

  • Primär progrediente MS (PPMS): Eine seltenere Form, die sich durch einen schleichenden und progressiven Verlauf auszeichnet. Die Symptome nehmen von Beginn an stetig zu, ohne Schübe oder ausgeprägte Remissionen. Betroffen sind häufig Menschen, die erst später im Leben diagnostiziert werden.

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  • Progressive rezidivierende MS (PRMS): Eine seltene und herausfordernde Form mit kontinuierlicher Verschlechterung der Symptome von Beginn an, wobei gelegentlich Schubphasen auftreten können. Diese Schübe sind oft weniger ausgeprägt und schwerer vorhersehbar.

Psychische Symptome bei Multipler Sklerose

Psychische Symptome sind ein häufiges Begleitphänomen der Multiplen Sklerose. Zu den häufigsten psychischen Symptomen gehören:

  • Depressionen: Depressionen treten häufig bei Menschen mit MS auf und können durch die Belastung durch die Krankheit selbst, den Verlust von Körperfunktionen, soziale Auswirkungen oder neurologische Veränderungen im Gehirn verursacht werden.

  • Angststörungen: Angststörungen, wie generalisierte Angststörungen, Panikstörungen oder soziale Ängste, können ebenfalls bei MS auftreten. Die Unsicherheit über den Krankheitsverlauf, die Sorge um körperliche Beeinträchtigungen und die Auswirkungen der Erkrankung auf das alltägliche Leben können Ängste verstärken.

  • Müdigkeit (Fatigue): Fatigue ist ein häufiges und beeinträchtigendes Symptom bei MS, das sich durch anhaltende Schwäche und schnelle Erschöpfbarkeit auszeichnet. Müdigkeit und Schlafstörungen können ein Teil der Depressionssymptomatik sein, aber auch ohne Depressionen auftreten.

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  • Kognitive Beeinträchtigungen: Kognitive Einschränkungen, wie Gedächtnis- und Konzentrationsschwierigkeiten, Problemlösungsdefizite und verlangsamtes Denken, können ebenfalls auftreten. Diese können für die Betroffenen eine zusätzliche emotionale Belastung darstellen.

  • Wesensveränderungen: Wesensveränderungen, wie emotionale Labilität und Stimmungsschwankungen, können im Rahmen einer MS-Erkrankung auftreten. Das Denkmuster und die Denkgeschwindigkeit können sich verändern, wobei tatsächliche Wesensveränderungen selten sind.

Neuropsychologische Testung bei MS

Die neuropsychologische Testung spielt eine wichtige Rolle bei der Beurteilung kognitiver Veränderungen bei MS. Sie hilft, Klarheit zu schaffen und Veränderungen einzuleiten. Im Rahmen einer solchen Testung werden verschiedene Funktionsbereiche erfasst:

  • Aufmerksamkeitsstörungen: Verarbeitungs- und Reaktionsgeschwindigkeit, Aufmerksamkeitsteilung, Fokussierung und Ablenkbarkeit.

  • Gedächtnisstörungen: Unmittelbare und längerfristige Merkfähigkeit für neue Ereignisse und Fakten, Arbeitsgedächtnis.

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  • Exekutive Störungen und Verhalten: Logisches Denken, Planen und Organisieren, Impulskontrolle, kreatives Denken, Antrieb, Reizbarkeit.

  • Affektive und emotionale Komponenten: Krankheitseinsicht, Krankheitsverarbeitung, Emotionsverarbeitung, Depressivität, Ängste.

  • Visuelle Wahrnehmung und Visuokonstruktion: Räumliche Orientierung, Bewegungs-, Farb- und Formsehen, Objekterkennung, Distanzschätzung.

  • Belastbarkeit/Fatigue: Nach alltäglichen Verrichtungen vorschnell eintretende Erschöpfung, die die Fortsetzung von körperlicher Leistung oder Konzentration beeinträchtigt oder beendet.

Ursachen für psychische Probleme

Die Ursachen für psychische Probleme bei MS sind vielfältig und können sowohl durch die MS selbst als auch durch andere Faktoren bedingt sein. Zu den möglichen Ursachen gehören:

  • Entzündliche Läsionen im Gehirn: Entzündliche Läsionen in bestimmten Bereichen des Gehirns, insbesondere im frontotemporalen und periventrikulären Bereich, können die funktionelle Konnektivität beeinträchtigen und zu psychotischen Symptomen führen.

  • Neuroinflammation: Entzündliche Prozesse im Gehirn können die Entwicklung von psychiatrischen Symptomen beeinflussen, auch wenn die Erkrankung subklinisch, also symptomfrei, verläuft.

  • Psychosoziale Faktoren: Soziale, psychologische und biologische Faktoren, wie Lebensumstände oder eine genetische Veranlagung, können ebenfalls eine Rolle bei der Entstehung psychischer Erkrankungen spielen.

  • Medikamente: Einige Medikamente zur Behandlung von MS können psychische Probleme auslösen. In diesem Fall sollte eine Umstellung auf eine andere medikamentöse Therapie in Betracht gezogen werden.

Therapie psychischer Symptome

Die Behandlung psychischer Symptome bei MS umfasst in der Regel eine Kombination aus medikamentöser Therapie und Psychotherapie. Antidepressiva und Anxiolytika können zur Behandlung von Depressionen und Angststörungen eingesetzt werden. Psychotherapie kann helfen, die Belastung durch die Krankheit zu bewältigen, soziale Kompetenzen zu verbessern und Strategien zur Stressbewältigung zu entwickeln.

Bedeutung der Diagnose

Die Erstdiagnose einer chronischen Erkrankung wie MS ist für die meisten Betroffenen ein Schock. Die Einschränkungen im gewohnten Lebensalltag, in Partnerschaft, Familie und Beruf werden als schwierig und bedrohlich erlebt. Die Anpassung an die Krankheit und das Leben mit MS scheinen aus eigener Stärke nicht machbar. Es ist wichtig, dass Betroffene und ihre Angehörigen frühzeitig Unterstützung suchen, um mit den psychischen Belastungen der Erkrankung umzugehen.

Neuroinflammation und psychische Symptome

Eine Studie von Neurologin Dr. Rossi und Kollegen untersuchte, ob entzündliche Prozesse bei MS die Entwicklung psychiatrischer Symptome beeinflussen, auch wenn die Erkrankung subklinisch verläuft. Die Ergebnisse zeigten, dass Schub-Patienten stärkere Ängste und depressive Symptome aufwiesen als Patienten, deren Erkrankung gerade nicht aktiv war. Je geringer die aktive Entzündung der Nervenbahnen, desto geringer waren auch die Ängste und Depressionen. Die Stimmungsstörungen gingen auch mit symptomfreien Entzündungen einher, was darauf hindeutet, dass Veränderungen im psychologischen Profil der Patienten eine entzündliche Aktivierung der MS früher erkennen lassen können.

Innovationen in der MS-Therapie

In der MS-Therapie werden derzeit große Fortschritte erzielt, da die Pathomechanismen der Erkrankung immer besser verstanden werden. Hoffnung auf innovative Therapieoptionen machen aktuell besonders zwei Studien aus Deutschland. Eine Arbeit des Forschungsteams um Prof. Dr. Lucas Schirmer, Prof. Dr. Dr. Sven Meuth und Prof. Dr. David Rowitch konnte zeigen, dass bestimmte Kaliumkanäle der Nervenbahnen offensichtlich eine bedeutsame Funktionsstörung aufweisen. Darüber hinaus wurden im vergangenen Jahr unter anderem auch neue Erkenntnisse im Bereich Mikrobiom und MS veröffentlicht.

Leben mit Multipler Sklerose

Das Leben mit Multipler Sklerose erfordert eine Anpassung an die Krankheit und das Erlernen von Strategien zur Bewältigung der Symptome und der psychischen Belastungen. Es ist wichtig, sich реалістичні Ziele zu setzen, Unterstützung von Familie, Freunden und Selbsthilfegruppen zu suchen und eine positive Einstellung zu bewahren.

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