Psychopathen im Gehirnscan: Die Suche nach den Wurzeln des Bösen

Die Faszination für das Böse, das Düstere und Unvorstellbare zieht sich seit Jahrhunderten durch die Menschheitsgeschichte. Aktuell sorgt „Night Stalker“ auf Netflix für Gänsehaut und Fassungslosigkeit - die blutige Geschichte von einem Serienmörder, der Mitte der 1980er-Jahre Los Angeles in Angst und Schrecken versetzt hat. Das große Rätsel bei vielen berühmten Serienkillern und grausamen Verbrechern ist die Frage: Wie kann es dazu kommen? Was läuft da schief bei diesen Menschen, die kein Mitgefühl und keine Schuld empfinden, die Straftaten begehen, deren Grausamkeit wir uns gar nicht ausmalen können? Die Hirnforschung hat mittlerweile herausgefunden, dass sich die Gehirne von Schwerstverbrechern im Hirn-Scan in einigen wesentlichen Punkten von denen anderer Menschen unterscheiden. Das bedeutet: Ein Teil des Bösen ist angeboren.

Das Psychopathen-Gehirn im Visier der Forschung

Forscher nutzen die Kernspintomographie, um Hirnvorgänge zu studieren und zu ergründen, was im Kopf von gewalttätigen Menschen vorgeht. Professor Niels Birbaumer von der Uni Tübingen ist einer dieser Forscher. Er erklärt: „Wir sehen ganz klar Unterschiede im Gehirn von kriminellen, soziopathischen und psychopathischen Gewalttätern und Soziopathen im Vergleich zu anderen Gehirnen. Es gibt ein Netzwerk von Hirn-Arealen, das bei ihnen schlichtweg nicht aktiv ist. Zum Beispiel die Amygdala im zentralen Teil unseres Hirns, die für Angst, Angstvermeidung und Schuldgefühle zuständig ist.“

Im Hirn-Scan werden die Probanden verschiedenen Bildern oder Videos ausgesetzt. Diese lösen in der Regel Reaktionen im Gehirn und Gefühle der Furcht aus, die man im MRT in Form von aufleuchtenden Bereichen erkennen kann. Bei einem großen Teil von Schwersttätern sind diese Reaktionen anders bzw. kaum vorhanden. Das bedeutet: Die Areale, die für Emotionen, Empathie und Angst zuständig sind, bleiben auf den Bildern dunkel.

Psychopathische Menschen haben demnach eine Sache gemeinsam: „Keine Angst vor negativen Konsequenzen ihres Handels. Das zeigt sich ganz deutlich“, erklärt der Psychologe. Experten gehen davon aus, dass dies eine Ursache sein kann, weshalb manche Menschen kriminelles und gewalttätiges Verhalten an den Tag legen, ohne Rücksicht auf andere.

Hirnareale unter der Lupe

Die Forschung konzentriert sich auf bestimmte Hirnareale, die bei Psychopathen Veränderungen aufweisen. Dazu zählen:

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  • Amygdala: Verantwortlich für Angst, Angstvermeidung und Schuldgefühle. Bei Psychopathen oft weniger aktiv.
  • Orbitofrontaler Kortex: Spielt eine Schlüsselrolle bei der Bewertung von Handlungsfolgen und beim sozialen Lernen.
  • Ventromedialer präfrontaler Kortex: Teil des Empathie-Netzwerks.
  • Basalganglien und Thalamus: Filtern Handlungsimpulse und bilden eine Art inneres Bremssystem.
  • Hirnstamm (Pons): Beteiligt an der Emotionsregulation.
  • Insulärer Kortex: Ermöglicht das Spüren von Angst und körperlichen Reaktionen in gefährlichen Situationen.
  • Frontallappen: Bereiche im Frontallappen, der Teil des Gehirns, der hinter unserer Stirn liegt, und Bereiche des Schläfenlappens sind für Angst und Aggression, Impulskontrolle, Verlangen und moralisches Verhalten zuständig.

Die veränderte Aktivität oder das geringere Volumen in diesen Arealen könnte erklären, warum Psychopathen Schwierigkeiten haben, Empathie zu empfinden, ihre Impulse zu kontrollieren und die Konsequenzen ihres Handelns abzuschätzen.

Die Rolle des Cingulums

In einer Studie wurde bei Straftätern mit hohen PCL-Werten eine reduzierte Aktivität im orbitofrontalen und im ventromedial präfrontalen Kortex festgestellt, aber überraschenderweise auch eine verstärkte Aktivität im vorderen Cingulum. Das Team vermutet, dass die Funktion des Cingulums komplexer ist als angenommen. Möglicherweise wird auch bei Psychopathen ein Teil des Empathie-Netzwerkes angeschoben, der Stimulus wird aber nur kognitiv und nicht emotional verarbeitet.

Genetische Veranlagung vs. Soziales Umfeld

Ob jemand zum Gewalttäter oder Serienkiller wird, hängt aber mit verschiedenen Faktoren zusammen. Wissenschaftler sind sich mittlerweile einig, dass es ein Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung und dem sozialen Umfeld ist. Die Rede ist von rund 40 Prozent genetischer Disposition und circa 60 Prozent Sozialisation.

Ein Beispiel dafür, dass die Gene zwar einen Nährboden für antisoziales und gewalttätiges Verhalten bieten können, dass das aber nicht zwangsläufig zu abweichendem Verhalten führt, ist der US-amerikanische Neurowissenschaftler und Psychiatrieprofessor James Fallon. Er hat bei seiner Forschung durch Zufall entdeckt, dass seine Hirnaktivität denen von Gewalttätern sehr ähnelt. Der Unterschied zu den meisten Gewaltverbrechern: Fallon ist sehr behütet, geborgen und im liebevollen Umfeld aufgewachsen. Dieses Glück haben nicht alle.

Krieger-Gene und ihre Bedeutung

In einer Langzeitstudie aus Neuseeland, die mehr als 1.000 Kinder seit den 1970er-Jahren begleitet hat, wurde festgestellt, dass Jungen, die in einem gewalttätigen Umfeld aufwachsen, als Erwachsene ebenfalls dazu neigen, Gewalt anzuwenden. Im Jahr 2002 haben sich britische Genetiker das Erbgut von einigen Studienteilnehmern vorgenommen. Bei den gewalttätigen Männern waren eine Handvoll Gene verändert - Gene, die in den Stoffwechsel des Gehirns eingreifen. Wenn sie nicht richtig funktionieren, können sie das Gehirn indirekt verändern und so möglicherweise zu aggressivem Verhalten führen. Im Fachjargon werden sie "Warrior genes", also Krieger-Gene genannt.

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James Fallon entdeckte in seinem Erbgut gleich mehrere Krieger-Gene. „Es sind die gleichen Areale, die auch bei vielen Mördern nicht richtig funktionieren. Mein Gehirn sieht genauso aus wie das von den Mördern, die ich begutachtet habe. Und dazu noch die Risikogene." Trotz dieser genetischen Veranlagung wurde Fallon nicht kriminell, was die Bedeutung eines positiven Umfelds unterstreicht.

Risikofaktoren und Schutzfaktoren

Risikofaktoren, die die Entwicklung von Psychopathie begünstigen, sind: Chaotische Familienverhältnisse, Missbrauch, Armut, keine konsequente Erziehung oder extrem strenge Erziehung. Ein zugewandtes, respektvolles, konsequentes und liebevolles Umfeld sind viel prägender als jede genetische Disposition.

Psychopathie erkennen und behandeln

Professor Birbaumer betont: „Nein! Auch erfahrene Spezialisten sehen es einem Menschen nicht an, ob er oder sie böse ist oder etwas Psychopatisches in ihm bzw. ihr schlummert. Und nicht jeder Psychopath ist ein böser Mensch. Nur, weil ich die Veranlagung habe, heißt das nicht, dass ich ein Serienmörder werde. Die Erziehung und das Umfeld kann das alles relativieren.“

Die Schwierigkeit der Diagnose

Eine Psychopathie zu diagnostizieren, ist bislang nicht einfach. Neben einer langen Liste von Gesetzeskonflikten stehen Persönlichkeitsmerkmale im Vordergrund. Ein Schritt in diese Richtung könnten bildgebende Verfahren wie funktionelle MRT sein. Maßgeblich sind aber vor allem fehlendes Mitgefühl und die Unfähigkeit, sich in die Lage anderer zu versetzen. Mit speziellen Interviews können Experten den Grad der Psychopathie ermitteln. Auch Niels Birbaumer von der Universität Tübingen führt regelmäßig solche Interviews. Das schwierigste dabei war, die Verbrecher für die Studie zu gewinnen.

Biofeedback als Therapieansatz

Wenn Gewaltverbrecher keine Angst empfinden können, dann müssen sie eben wieder lernen, Angst zu empfinden. Birbaumers Trainingsansatz heißt Biofeedback. Die Methode ist ganz einfach. Der Proband liegt in einem Kernspintomografen. Dort wird seine Hirntätigkeit gemessen und ihm gleichzeitig vorgespielt, auf einem Bildschirm. Der Proband sieht zum Beispiel einen roten Punkt, und dieser Punkt wird immer größer, je aktiver das Hirnareal ist - also je besser es durchblutet wird.

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Vor vier Jahren hat das Team aus Tübingen zum ersten Mal psychopathische Sexualstraftäter darauf trainiert, die Inselregion im Gehirn gezielt zu aktivieren. Davor und danach mussten sich die Männer Bilder anschauen: Schöne von kleinen Kindern und hübschen Landschaften, aber auch schreckliche von schweren Unfällen und verstümmelten Menschen. Und tatsächlich: Die Probanden reagierten auf einmal deutlich sensibler auf die Bilder.

Erfolgreiche Psychopathen und die Grenzen der Forschung

James Fallon zählt zu den sogenannten erfolgreichen Psychopathen, von denen Niels Birbaumer sagt, das seien die gefährlichsten. Mit ihrem Charme, ihrer Skrupellosigkeit und ihrem Mut zum Risiko schaffen sie es in die Chefetagen von Konzernen, in die Politik. Den kriminellen Psychopathen sind sie einen entscheidenden Schritt voraus.

Es gibt auch "erfolgreiche" Psychopathen in ehrbaren Berufen, die nicht zu Verbrechern werden. Entgegen landläufiger Meinung können Psychopathen nämlich durchaus moralisch richtig und falsch unterscheiden. Was ihnen vor allem fehlt, ist Mitgefühl, Reue und ein Schuldbewusstsein.

Die Bedeutung der Kompensation

"Untersuchungen zufolge haben ungefähr 20 bis 25 Prozent der Normalbevölkerung Veränderungen im Gehirn, ohne dass die irgendwas haben. Manche können die Fehlfunktionen ihres Gehirns offenbar ausgleichen, manche nicht. Deshalb wird es nie möglich sein, allein anhand eines Hirnscans das Verhalten eines Menschen zu beurteilen." Andererseits: Wenn es generell möglich ist, die Fehlfunktionen im Gehirn zu kompensieren, dann können Schwerverbrecher das vielleicht auch. Sie können es lernen.

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