Populäre Theorien schreiben der rechten und linken Hirnhälfte jeweils spezifische Leistungen zu und teilen danach auch die Stärken und Schwächen der Geschlechter ein. Doch ganz so einfach ist es nicht. Dieser Artikel beleuchtet die Funktionen und Potenziale der rechten Gehirnhälfte, räumt mit gängigen Mythen auf und zeigt, wie man ihre Aktivität im Alltag stärken kann.
Die angebliche Dominanz der linken Gehirnhälfte in der westlichen Welt
In der westlichen Welt wird meist die linke Gehirnhälfte stärker gefordert als die rechte. Das halbe Gehirn eines jeden Schulkindes bleibt buchstäblich ungenutzt. Schon in der Volksschule werden wir mit einer akademischen Diät aus Lesen, Schreiben, Rechnen und Grammatik gefüttert. Schulische Fortschritte werden durch Klassenarbeiten ermittelt, die nahezu ausschließlich auf die Denkvorgänge der linken Gehirnhälfte zugeschnitten sind.
Aufgaben und Fähigkeiten der rechten Gehirnhälfte
Die rechte Gehirnhälfte steuert mehr die Intuition, Kreativität, Symbole und Gefühle. Die rechte Gehirnhälfte ist zuständig für Körpersprache, Bildersprache und Intuition. Sie ist kreativ und spontan und interessiert sich für Neugier, Spielen und Risiko. Die rechte Gehirnhälfte besitzt den Überblick und verarbeitet Informationen ganzheitlich. Sie kontrolliert die Körpersprache, Mimik und Gestik und steuert Bewegungen und physische Aktivität sowie künstlerische Leistungen und Erlebnisse wie Musik, Zeichnen und Malen.
Diese Gehirnhälfte wird durch Metaphern aktiviert, durch die beim Zuhörer eigene, dazu passende Bilder, Symbole, Melodien oder Gerüche entstehen können. Die rechte Gehirnhälfte ist für Raumwahrnehmung, Phantasie und Gewohnheiten zuständig. Die rechte Gehirnhälfte weist noch eine Besonderheit auf, sie kann keine Verneinungen entschlüsseln.
Mythen und Realität über die rechte Gehirnhälfte
Viele Mythen ranken sich um die Unterschiede zwischen der linken und rechten Gehirnhälfte. Besonders verbreitet ist die Theorie einer “left-brained” versus “right-brained” Persönlichkeit. Das meiste davon ist nicht wissenschaftlich fundiert. Die rechte Gehirnhälfte sei konzeptuell, holistisch, intuitiv, non-verbal, und einfallsreich.
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Zahlreiche Studien scheiterten bei dem Versuch, diese pauschale Behauptung zu bestätigen. Vielmehr deuten sie im Wesentlichen darauf hin, dass für kognitive Aktivitäten, wie Musik, Mathematik und logische Schlussfolgerungen, beide Hirnhälften zuständig sind.
Der Ballerina-Test: Was er wirklich aussagt
Es gibt sogar Online-Tests, die vorgeben, feststellen zu können, ob jemand “left-brained” oder “right-brained” ist, also eher “mit links oder rechts denkt”. Zum Beispiel können Neugierige sich die Animation einer drehenden Ballerina-Tänzerin ansehen und entscheiden, ob sie die Pirouette als Links- oder Rechtsdrehung wahrnehmen. Daraus werden dann Schlüsse über die Persönlichkeit gezogen. Was steckt dahinter? Jedenfalls keine wissenschaftlichen Forschungsergebnisse.
Tatsächlich ist die Animation intensiv untersucht in neurowissenschaftlichen Studien. Sie zeigen, dass die rechte Gehirnhälfte stärker involviert ist in die Verarbeitung von menschlichen Bewegungen als die linke. Das könnte erklären, wieso die Drehung von vielen als Rechtsdrehung (d.h., im Uhrzeigersinn) wahrgenommen wird. Diese Interpretation ist allerdings umstritten.
Außerdem wurde gezeigt, dass einige Menschen bewusst beeinflussen können, ob sich die Ballerina für sie links- oder rechtsherum dreht. Die wahrgenommene Drehrichtung sagt also nichts darüber aus, ob jemand “mehr links oder rechts denkt”. Die rechte Hirnhälfte aktiviert sich bei den meisten Menschen verstärkt, egal in welche Richtung sich die Tänzerin dreht. Forscher:innen haben entdeckt, dass diese Momente des Richtungswechsels mit spezifischen Fluktuationen in der Aktivität des rechten Scheitellappens zusammenfallen. Schlüsse über die Persönlichkeit lassen sich aus der Wahrnehmung der Tänzerin übrigens leider auch nicht ziehen.
Emotionen und die rechte Gehirnhälfte: Eine differenzierte Betrachtung
Heute wird stattdessen ein Zusammenhang zwischen einer Dominanz der rechten Hirnhälfte und Emotionen wissenschaftlich diskutiert - allerdings nur negativer Emotionen!Auf der Suche nach der Ursache für Depressionen haben Forscher:innen die Valenzhypothese vorgeschlagen. Die Idee ist, dass eine Hyperaktivität der rechten Gehirnhälfte dazu führe, dass negative Gefühle stärker verarbeitet werden, pessimistische Gedanken auftauchen und unkonstruktive Denkmuster entstehen. Aktivität in der rechten Hirnhälfte sei außerdem verknüpft mit Selbstreflektion, die bei depressiven Patient:innen häufig intensiver ist als bei gesunden Menschen. Die rechte Hirnhälfte spielt auch eine wichtige Rolle bei der Anpassung unseres Erregungszustands. Das könnte erklären, wieso depressive Menschen häufig an Schlafproblemen leiden.
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Neglect: Wenn die rechte Gehirnhälfte ausfällt
Die rechte Gehirnhälfte ist hauptverantwortlich für einen Großteil der Wahrnehmung von linksseitigen Sinneseindrücken und Bewegung unserer linken Körperhälfte. Daher führt eine Schädigung in der rechten Hirnhälfte zu Beeinträchtigungen in der Aufmerksamkeit für die linke Hälfte der Umwelt, genannt linksseitiger Neglect.Die linke Gehirnhälfte wiederum steuert (die meisten) Bewegungen und Wahrnehmungen der rechten Körperhälfte. Trotzdem folgt auf eine Schädigung der linken Gehirnhälfte nur selten ein rechtsseitiger Neglect. Forscher:innen schließen daraus, dass die rechte Gehirnhälfte eine Dominanz hat für die Ausrichtung unserer Aufmerksamkeit und zwar sowohl nach links als auch nach rechts.
Die Zusammenarbeit beider Gehirnhälften
Für ein ausgewogenes Miteinander der beiden Hemisphären gilt es, die Tätigkeit der rechten Gehirnhälfte aktiv zu stärken. Um exzellente und kreative Denkleistungen zu erbringen, müssen beide Gehirnhälften des Großhirns gut zusammenarbeiten und sich ergänzen. Einige Wissenschaftler vermuten, dass erfolgreiche und kreative Menschen besonders gut zwischen der linken und der rechten Gehirnhälfte kommunizieren können. Um das Gedächtnis zu verbessern, müssen Synapsen verstärkt werden. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, ist die Verbindung zwischen systematischem Denken und Intuition. Die Großhirnrinde ist verantwortlich für die Vernetzung der beiden Gehirnhälften.
Vernetzung verbessern
Um die Zusammenarbeit und Synchronisation beider Gehirnhälften zu stärken, gibt es verschiedene Möglichkeiten:
- Multisensorische Aktivitäten: Durchführen von Tätigkeiten, die mehrere Sinne ansprechen und somit beide Gehirnhälften gleichzeitig aktivieren.
- Kinesiologische Übungen: Übungen, die die Koordination zwischen beiden Gehirnhälften verbessern sollen.
- Lernen durch Visualisierung und Assoziation: Das Gehirn durch verschiedene Lern- und Denkprozesse zu fordern und zu trainieren, um eine bessere Vernetzung der gespeicherten Informationen zu erreichen.
Die Rolle der Kindheit und Bildung
Kinder lernen zunächst mit der rechten Hemisphäre, d.h. eigentlich mit den Qualitäten, welche später der rechten Gehirnhälfte zugeschrieben werden. Beide Hemisphären spezialisieren sich erst parallel mit der Entwicklung einer dominanten Hand beim Kind. "Sachliche" und eher inhaltlose oder abstrahierte Zeichen und Symbole kann das Kind erst relativ spät lernen. Leider wurde die Bedeutung der rechten Hemisphäre oft aufgrund von Rollenklischees abgewertet: Frauen denken kreativ und ganzheitlich, künstlerisch usw., wohingegen Männer es schaffen, analytisch, objektiv und linear vorzugehen. Unsere Schulen vermitteln "linkslastig" Wissen, welches abfragbar ist. Wir brauchen aber beide Formen des Lernens; nur so nützen wir alle Möglichkeiten unseres Gehirns. Neben starken Bewegungserlebnissen können die Phantasie und die Musik sozusagen für spätere nüchterne Lerninhalte "eingespannt" werden.
Gehirntraining und Lateralisierung
Neurowissenschaftler:innen untersuchen funktionelle Asymmetrien der Gehirnhälften, sogenannte Lateralisierungen. Sie messen die Dominanz einer Seite für eine bestimmte Funktion. Beide Gehirnhälften sind immer aktiv, und Gehirntraining von nur einer Hirnhälfte ein Mythos. Das Gehirntraining von NeuroNation spricht daher immer beide Gehirnhälften an!
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Aufmerksamkeit trainieren
Es klingt verlockend: Spezifisch die rechte Gehirnhälfte trainieren, um die Aufmerksamkeit zu steigern. Trainings, die vorgeben, nur die rechte Gehirnhälfte anzusprechen, sind aber nicht wissenschaftlich fundiert. Obwohl die rechte Gehirnhälfte eine Dominanz für räumliche Aufmerksamkeit hat, arbeiten im gesunden Gehirn die Hälften immer zusammen.Ihre Aufmerksamkeit zu trainieren ist aber trotzdem möglich.
Die Bedeutung der Forschung und individuellen Unterschiede
Funktionsaufteilung von Mensch zu Mensch verschieden. Doch diese so genannte Lateralisation, also die Tendenz, dass Hirnregionen Funktionen eher in der linken oder rechten Hirnhälfte verarbeiten, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgeprägt - und zwar nicht nur bei den wenigen, bei denen das Gehirn spiegelverkehrt zu dem der Mehrheit spezialisiert ist. Selbst bei diejenigen, bei denen die Funktionen im Gehirn prinzipiell klassisch angeordnet sind, ist die Asymmetrie unterschiedlich stark ausgeprägt. Frühere Studien hatten gezeigt, dass sich das wiederum auf die Fähigkeiten selbst auswirken kann.
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