Wenn sich Menschen in großen Gruppen zusammenfinden, sei es bei Konzerten oder Festivals, kann es vorkommen, dass Einzelne aus der Reihe tanzen. Alkohol, Drogen und das ausgeschüttete Dopamin können dazu führen, dass rationales Denken in den Hintergrund tritt. Auf Reddit tauschen sich Nutzer in Threads wie "What’s the strangest thing you’ve seen at a concert?" über schockierende Erlebnisse aus. Doch es gibt auch andere, weniger exzessive Wege, wie Musik unser Gehirn beeinflusst. Binaurale Beats, bestimmte Frequenzen, die einen spürbaren Effekt auf das Gehirn haben sollen, werden oft mit positiven Effekten wie gesteigerter Konzentration, tiefer Entspannung und verbessertem Schlaf in Verbindung gebracht.
Musik ist ein mächtiges Werkzeug, das unsere Stimmung beeinflussen kann. Pulsierender Bass kann Ekstase auslösen, während sanfte Mozart-Sonaten Ruhe und Entspannung fördern. Rockmusik setzt Energie frei, und Rap kann unser Selbstbewusstsein stärken. Die Wirkung von Musik auf unser Gemüt ist faszinierend und geheimnisvoll.
Binaurale Beats: Was steckt dahinter?
Binaurale Beats sind ein Bereich der Musik, der großes Potenzial für Konzentration und Fokus zu haben scheint. Der Physiker Heinrich Wilhelm Dove beschrieb das Phänomen bereits 1839, doch erst in den 70er Jahren erlangte es in den USA neue Relevanz. Radiomoderator Robert Monroe gründete das Monroe Institut und arbeitete an Audiotechniken zur Gehirnstimulation.
Der Begriff "binaural" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet "mit beiden Ohren". Bei binauralen Beats nehmen das linke und rechte Ohr unterschiedliche Frequenzen wahr, die meist innerhalb einer Spanne von 5 bis 20 Hertz (Hz) liegen. Das Gehirn versucht, diese tonale Differenz auszugleichen und erzeugt einen eigenen Ton, eine auditive Halluzination, die als binauraler Beat bezeichnet wird.
Durch den Einsatz von binauralen Beats soll das Gehirn in einen bestimmten Zustand versetzt werden, der durch die Frequenzdifferenz entsteht. Geringe Frequenzen versetzen das Gehirn in einen Ruhezustand, während höhere Frequenzen die Konzentration fördern. Wenn sich das Gehirn an bestimmte Frequenzen gewöhnt hat, beginnt es, eigene Gehirnwellen in derselben Frequenz zu erzeugen, wodurch der gewünschte Effekt eintritt. Die Frequenzen, die das Gehirn erreichen, sind dabei unabhängig von der Hörbarkeit der Beats. Selbst wenn die konkreten Beats in einem Bereich liegen, den wir nicht bewusst hören können, können sie die neuronale Aktivität im Gehirn beeinflussen.
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Ein weiterer Faktor, der die Wirkung von binauralen Beats beeinflussen kann, ist der psychologische Aspekt. Wenn jemand glaubt, dass binaurale Beats wirken, kann das die Erfahrung und das Ergebnis verstärken. Es ist jedoch nicht ganz klar, ob die gewünschten Effekte bei Menschen, die das Hören von binauralen Beats zum ersten Mal probieren, sofort einsetzen. Dr. erklärt, dass sich das Gehirn erst daran gewöhnen muss und empfiehlt 1 bis 3 Tage Eingewöhnungszeit.
Gehirnwellen und ihre Frequenzen
Die meisten menschlichen Organe geben elektrische Signale ab, die mit Hilfe von Untersuchungen gemessen werden können. Für das Gehirn wird eine EEG verwendet, bei der Elektroden auf dem Kopf platziert werden, um Gehirnwellen mit unterschiedlichen Frequenzen zu messen. Je nach Gehirnaktivität werden unterschiedliche Frequenzen messbar.
Beim Schlafen haben die Gehirnwellen eine andere Frequenz als bei der Arbeit. Durch das Hören von binauralen Beats passen sich die Gehirnwellen an, um synchronisierte elektrische Aktivitäten in derselben Frequenz auszuführen. Bei 10 Hz binauralen Beats arbeiten die Gehirnwellen also auch auf einer 10 Hz Frequenz.
Es ist wichtig zu beachten, dass sich die angegebenen Frequenzen auf die Gehirnwellen beziehen, während die Audiodateien der binauralen Beats auf die Frequenzdifferenz zwischen den beiden Tönen abzielen. Zum Beispiel könnte ein binauraler Beat aus einem Ton mit 150 Hz im rechten Ohr und 155 Hz im linken Ohr entstehen, was eine Differenz von 5 Hz ergibt.
Die verschiedenen Frequenzen der Gehirnwellen und ihre zugehörigen Zustände sind:
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- Delta-Wellen (0,5 bis 3,5 Hz): Tiefschlaf
- Theta-Wellen (4 bis 7 Hz): Müdigkeit, kurz vorm Schlafen
- Alpha-Wellen (8 bis 13 Hz): Entspannter Wachzustand, der noch aufmerksam ist (Spazierengehen, Lesen, Tagträumen)
- Beta-Wellen (14 bis 30 Hz): Waches Bewusstsein, Konzentration, aktive Denkprozesse (Alltag, soziale Interaktionen)
- Gamma-Wellen (über 30 Hz): Fokussiertes Arbeiten, erhöhte Aufmerksamkeit, hohe Produktivität, kreatives Denken
Welche Frequenzen wirken am besten?
Grundsätzlich lohnt es sich, sich an den fünf genannten Gehirnwellen zu orientieren. Durch das Abspielen von binauralen Beats im jeweiligen Frequenzbereich soll das Gehirn in diesen Zustand versetzt werden, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Möchte man zum Beispiel besser einschlafen, sind Theta- und Delta-Wellen ideal.
Eine Studie aus 2020 kam zu dem Schluss, dass 40Hz das Lernen verbessert, da durch binaurale Beats Aufmerksamkeitslücken abgeschwächt werden. Der amerikanische Neurowissenschaftler Andrew Huberman empfiehlt 40Hz für mehr Fokus und Konzentration. Dabei erfordert mentale Konzentration laut ihm ein ähnliches Aufwärmen wie bei körperlichen Aktivitäten. Neurochemikalien wie Epinephrin, Adrenalin, Acetylcholin und Dopamin lassen sich dazu allmählich ansteigen.
Alternativen zu binauralen Beats: Hintergrundrauschen
Der Klang eines kräftigen Regenschauers an einem milden Sommertag oder das Rauschen der Wellen am Mittelmeer haben oft eine beruhigende Wirkung. Ähnlich wie binaurale Beats sollen solche Klänge helfen, den Fokus zu steigern, Entspannung zu fördern und Stress abzubauen.
Es gibt verschiedene Arten von "Noise":
- White Noise: Die bekannteste Art von Rauschen, die vor allem in der Musikproduktion weit verbreitet ist. Es ist auch die wissenschaftlich am meisten erforschte Art von Noise.
- Brown Noise: Ist eine leichtere Art von White Noise, die eine tiefere Qualität vorweist. Vor allem in den letzten Jahren hat sich im Internet, etwa auf Reddit, eine große Gemeinschaft gebildet, die Brown Noise-Klänge würdigt. Dabei gibt es zahlreiche Berichte von Menschen mit ADHS, die durch das Rauschen von größerer geistiger Ruhe und Fokus berichteten. Eine Studie die in der Cambridge University Press veröffentlicht wurde, erklärt den Nutzen für ADHS-Patienten.
- Pink Noise: Pinkes Rauschen ist eine sanftere Version von White Noise, bei der niedrige Frequenzen etwas lauter abgespielt werden. Da hohe Töne herausgefiltert werden, dient es vor allem für Entspannung und sogar als Einschlafhilfe.
Ob diese Arten von Rauschen direkt zur Konzentration führen ist allerdings weiterhin umstritten. Es hilft laut Huberman vielmehr für den Übergang in den konzentrierten Zustand.
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Die Qual der Wahl: Wo finde ich die richtigen Sounds?
Das Internet bietet eine riesige Fülle von Sounds, die das gestiegene Interesse für Mediation, Mindfullness und Yoga abbilden. Mediationsapps wie ‘Headspace’, Spotify-Playlisten mit binauralen Beats und stundenlange YouTube-Videos versprechen dabei den Geist zu beruhigen, Stress abzubauen und die Leistungsfähigkeit zu steigern. Bei der großen Menge an Material gibt es allerdings auch entsprechend große qualitative Unterschiede.
Außerdem sind bei vielen Audio bzw. Videos mit binauralen Beats Hintergrundgeräusche hinzugefügt worden - etwa Klänge aus der Natur oder ruhige Musik. Das kann die Gesamtwirkung verstärken und eine entspanntere Atmosphäre schaffen, die als angenehm empfunden wird. Die Wahrnehmung ist hier jedoch sehr individuell, weshalb jeder die “richtigen” Sounds für sich finden sollte.
Ein Problem von binauralen Beats mit Hintergrundmusik ist allerdings die Lautstärke und das Mischverhältnis. Wenn die Hintergrundgeräusche zu laut sind, werden die binauralen Beats überdeckt.
Eine gute Quelle für binaurale Beats, Meditationsmusik, White Noise und vieles mehr ist die kostenfreie Homepage mynoise. Auf der Webseite ist bei allen Sounds ein Equalizer eingebaut, durch den bestimmte Frequenzen lauter oder leiser geschaltet werden können. Auf YouTube, im App-Store und auf Spotify gibt es zahlreiche kostenfreie Möglichkeiten, wobei dort auf die angegebene Hertz-Zahl geachtet werden sollte.
Das Monroe Institut und die Hemi-Sync Technologie
Robert Monroe gründete 1974 ‘The Monroe Institute’ (TMI), eine gemeinnützige Bildungs- und Forschungsorganisation im US-Bundesstaat Virginia. Dabei widmet sich die Organisation dem Ziel, das menschliche Bewusstsein zu erforschen. Das erfolgreichste Programme der Organisation ist das Gateway-Programm, an dem bereits über 20.000 Menschen teilgenommen haben. Selbst die CIA zeigte Interesse daran und förderte das Projekt mit Geld.
Fundamental gesehen dienen die “Gatewaytapes” als Trainingssystem, um mehr Stärke, Fokus und Stimmigkeit zu erzeugen. Das System basiert dabei auf den Effekten von binauralen Beats, bei denen die linke und rechte Gehirnhälfte synchronisiert werden. Dabei wird auf die Hemi-Sync Technologie gesetzt.
Kritik und wissenschaftliche Evidenz
Obwohl es durchaus einige vielversprechende Studien zu binauralen Beats gibt, ist deren Wirkung in der Wissenschaft weiterhin umstritten. Manchen Studien, etwa vom Monroe Institut, werden wirtschaftliche statt wissenschaftliche Interessen vorgeworfen. Kritik gibt es auch an den Methoden und fehlenden Peer-Reviews.
Bei einer Studie mit Fußballern wurden binaurale Beats im Delta-Wellen-Bereich abgespielt, um eine Veränderung der Schlafqualität zu erkennen. Dabei wurden 15 Sportlern acht Wochen binaurale Beats unter 5 Hz zugespielt. Nach jeder Nacht haben sie dann einen Fragebogen zur Schlafqualität und Motivation beantwortet. Die Kontrollgruppe, die nicht mit den Beats beschallt wurde, füllte ebenso die gleichen Fragebögen aus.
In einer Studie im wissenschaftlichen Magazin eNeuro (2020) wurde untersucht, wie binaurale Beats die Gehirnaktivität und die Verbindung zwischen Gehirnarealen beeinflussen. Dabei kommt die Studie zu der Aussage, das binaurale Beats die Gehirnaktivität steuern und je nach Frequenz entweder entspannend oder aktivierend wirken können. Allerdings variieren die Effekte deutlich von Person zu Person.
Eine Studie zu binaural Beats bei Menschen mit ADHS kam ebenso zu ermutigenden Ergebnissen. Einer Gruppe wurden binaural Beats vorgespielt, die eine Differenz von 15 Hz zwischen linken und rechtem Ohr zu verzeichnen hatten. Der Kontrollgruppe wurden auf beiden Ohren die selben Frequenzen vorgespielt. Im Fazit schreiben die Forscher: “BB (binaural beats) scheint die subjektive Lernleistung und den Schweregrad der ADHS-Symptome zu verbessern. In einer größeren randomisierten und kontrollierten Studie aus dem Jahr 2011 untersuchte Trusted Source den Einsatz von binauralen Beats bei 291 Patienten, die in die Notaufnahme eines Krankenhauses eingeliefert wurden.
Eine EEG-Studie untersuchte die Wirkung verschiedener Frequenzen, darunter 15 Hz und 40 Hz binaurale Beats, ein purer 240Hz Ton sowie Entspannungsmusik auf die mentale Ermüdung der Beteiligten. Probanden führten Aufgaben zur mentalen Ermüdung durch, während sie eine dieser Frequenzen hörten. Es zeigte sich, dass 15 Hz binaurale Beats die Gehirnnetzwerk-Konnektivität verbesserten und das Arbeitsgedächtnis stabil hielten, während 240 Hz-Töne mentale Ermüdung verstärkten. Es gab jedoch keine signifikanten Leistungsunterschiede zwischen den Gruppen.
Binaurale Beats vs. Meditation: Ein Vergleich
Einfach auf ‘Play’ drücken und ohne großen Aufwand die Vorteile der Meditation bekommen? So einfach geht es jedoch nicht. Die binauralen Beats helfen zwar dabei, unsere Gedanken zu unterbrechen bzw. nicht zu Ende zu denken, indem unser Geist stattdessen mit einer Frequenz beschäftigt ist. Daher ist es im Gegensatz zur Mediation nicht notwendig, die “Leere” durch unser Handeln bzw.
Es bleibt allerdings die Frage, ob Effekte die durch Meditieren entstehen können - etwa das Lernen von Disziplin und die Akzeptanz des Moments - auch alleine durch das Hören von binauralen Beats erreicht werden können.
Dopamin, Musik und Sucht: Ein komplexes Zusammenspiel
Das Hormon Dopamin wird immer dann ausgeschüttet, wenn unser Tun Wohlbefinden und Lustgefühle auslöst. Musik hat die Fähigkeit, sich in unseren Überlebensmechanismus einzuklinken - ein bisschen wie Kokain. Musik hat die tolle Fähigkeit, sich in unseren Überlebensmechanismus einzuklinken - ein bisschen wie Kokain. Aber alle Drogen wirken sich anders auf unser Dopaminsystem aus. Wir wissen, dass dein Gehirn mit Dopamin geflutet wird, wenn du Kokain, Amphetamin und solche Drogen nimmst.
Es ist das gleiche, was mit Musik und Drogen passiert. Du brauchst sie nicht zum Überleben, aber sie können sich in unsere Überlebenssysteme einklinken. Das Positive an Musik ist, dass sie das Leben einer Person nicht gefährdet. Es ist also besser für mich zu sagen, dass ich klassische Musik mag und nicht die Beatles. Wir haben dieses tiefgreifende Bedürfnis, uns mit einer bestimmten Gruppe zu identifizieren. Und Musik ist ein sehr wichtiges Werkzeug dazu.
Manche sind Mitglied in einem Opernclub und gehen zusammen in die Oper. Andere gehen ins Fußballstadion und singen zusammen Fangesänge. Unsere Gehirne sind unterschiedlich. Wir sind innendrin genau so unterschiedlich wie von draußen. Musik wurde schon als Foltermittel eingesetzt. In Guantanamo haben sie zum Beispiel den Gefangenen in Dauerschleife Heavy Metal vorgespielt. Das war kulturell und biologisch für die Betroffenen sehr unangenehm.
Musik als Medizin: Rhythmus und Bewegung bei Parkinson
Musik als Medizin zu nutzen, hat eine lange Tradition. Schon seit der Steinzeit versuchen Menschen, Krankheiten mit Musik und Rhythmus zu heilen. Altägyptische Papyrusrollen priesen die Heilkraft der Musik ebenso wie das Alte Testament der Bibel. Im Mittelalter musste jeder angehende Arzt auch Musik studieren.
Wir empfinden Musik und Rhythmus als wohltuend, wohl auch weil wir selbst Rhythmus sind. Wir atmen rhythmisch, laufen rhythmisch und unser Herz schlägt mal in einem schnelleren, mal in einem langsameren Takt. Auch unser Gehirn schwingt und wummert in einem wellenförmigen Rhythmus, einem Auf und Ab der elektrischen Aktivität, über die die Nervenimpulse weitergegeben werden.
Die Neurowissenschaftlerin Jessica Grahn von der University of Western Ontario erforscht den Zusammenhang zwischen Gehirn und Musik. Grahn beschäftigt sich mit Fragen wie: Warum lässt uns mancher Rhythmus fast automatisch mit den Fingern schnipsen, mit den Füßen wippen oder Kopf und Körper hin- und herbewegen? Wie kommt es überhaupt, dass wir im Gehörten ein regelmäßiges zeitliches Muster, einen Grundschlag erfassen können und warum kann das für Menschen mit Bewegungsstörungen nützlich sein?
Diese Fähigkeit ist hochkomplex und erfordert das Zusammenspiel vieler verschiedener Hirnregionen. Sie verbindet Menschen aller Kulturen, die sich trommelnd, singend, tanzend zum Rhythmus bewegen. Gleichzeitig ist die Fähigkeit entwicklungsgeschichtlich sehr alt. Manche Tiere bewegen sich rhythmisch zur Musik. Kinder können sich manchmal schon zu einem Rhythmus bewegen, bevor sie überhaupt laufen können.
Rhythmische Bewegungen synchron zum gehörten Grundschlag gelingen nur, wenn wir den Grundschlag, den Beat, erfassen. Hören wir einen Rhythmus oder ein Musikstück zum ersten Mal und entdecken den Beat, schwingen Teile unseres Gehirns mit ein, die Schlagfrequenz wird quasi verinnerlicht. Wir können wegen der Regelmäßigkeit weitere Beats voraussagen, bevor sie überhaupt zu hören sind und den Körper dazu bewegen.
Um herauszubekommen, welche Hirnareale dabei eigentlich aktiv sind, nutzt Jessica Grahn die Magnetresonanztomographie. Testpersonen werden in den Hirnscanner geschoben und ihnen verschiedene Rhythmen vorgespielt. Auf die akustischen Signale reagiert das Hörzentrum in der Hirnrinde, der so genannte auditive Cortex. Zusätzlich sind aber auch Regionen unterhalb der Hirnrinde aktiv: das Kleinhirn, der Thalamus und die Basalganglien, die wie das Kleinhirn an der Bewegung und dem Bewegungsgedächtnis beteiligt sind.
Selbst wenn die Probanden sich nicht zur Musik bewegen, sind die Bewegungsregionen in den Basalganglien aktiv. Je stärker der eingespielte Beat, desto stärker reagieren die Basalganglien. Es tut sich also etwas im Bewegungszentrum des Gehirns, allein beim Hören eines Rhythmus oder von Musik. Genau dies versucht man bei Therapie von Menschen mit Parkinson zu nutzen.
Parkinson und die heilende Kraft des Rhythmus
Parkinson ist eine Krankheit, die mehr oder weniger schnell voranschreitet. Zu Beginn sterben Nervenzellen in einer Hirnregion, der „Substantia nigra“ im Mittelhirn der Betroffenen ab. Diese Zellen produzieren den Neurotransmitter Dopamin. Mit ihrem Niedergang ist immer weniger Dopamin im Gehirn verfügbar. Das betrifft besonders die Regionen, die für das Erlernen und Ausführen von Bewegungen verantwortlich sind, die Basalganglien. Die Bereiche also, die wichtig sind für das Erkennen von Rhythmus und das Ausführen rhythmischer Bewegungen.
Parkinson-Patienten haben genau damit Probleme. Es fällt ihnen schwer, gleichmäßig zu laufen, mit beiden Beinen gleich große Schritte zu machen, flüssig und schnell zu gehen. Sich vom Sofa zu erheben, um eine Tasse Kaffee aus der Küche zu holen, kann für Menschen mit Parkinson eine echte Herausforderung sein. Sich zu erheben und in Bewegung zu setzen, fällt schwer, typisch ist ein „Einfrieren“ von Bewegungen.
Musik oder rhythmische Impulse können bei einigen Parkinson-Patienten nun kleine Wunder vollbringen. Flüssigere und schnellere Bewegungen sind möglich. Ungefähr 20% reagieren so positiv wie der betroffene Mann, dessen Amateurvideo Grahn auf dem Vortrag einspielt. Menschen mit einem ohnehin guten Rhythmusgefühl profitierten besser, so die Forscherin. Menschen, denen es schwer falle, Rhythmen zu erkennen, helfe die Musik aber ebenfalls. Dann nämlich, wenn sie aufgefordert würden, sich schlichtweg an der Musik zu freuen.
Noch völlig unklar ist, wie genau der Rhythmus die Patienten in Bewegung setzt. Sicher spielen die Basalganglien bei dem therapeutischen Effekt des Beat eine Rolle. Womöglich sorgen die Freude an der Musik und das „Sich-in-Einklang-Bringen“ und damit verbundene Glücksgefühle für einen Dopamin-Kick oder einen Anstieg anderer Neurotransmitter im Gehirn, was die Bewegungen erleichtert.
Die Kombination von Musik und Bewegung macht glücklich. Musik und die Synchronisierung von Bewegung stärkt die soziale Bindung. Das regt offenbar das Belohnungssystem im Gehirn an, dessen Hauptakteur das Dopamin ist, der Neurotransmitter also, an dem es bei Parkinson mangelt. Sogar das Verhalten ändert sich nach solchen Gemeinschaftserlebnissen, im Test zeigen Studienteilnehmer eine größere Hilfsbereitschaft.
Musik setzt in Bewegung
Musik bewegt Menschen innerlich und äußerlich. Sein Beispiel zeigt auch, wie stark das scheinbar greifbare, messbare Körperliche mit der oft so schwer greifbaren seelischen Komponente unseres Daseins verwoben ist. Körperliche und seelische Vorgänge bedingten sich gegenseitig: „Jede tief empfundene Angst oder Freude findet einen körperlichen Ausdruck. Und im Gegenzug lassen sich durch eine bestimmte Mimik und Körperhaltung entsprechende Gefühle erzeugen“, schreibt Braun.
In der Psychotherapie würden die Sinne als Zugänge zur Seele zunehmend entdeckt, die Wirkungen von Kunst- und Musiktherapie gelten weitgehend als gesichert. Die moderne Forschung habe für das unauflösliche Miteinander zwischen Körper und Geist einen neuen Begriff gefunden: Embodiment. Körperliche Zustände beeinflussten psychische Zustände und umgekehrt. Rhythmus und Musik sind solch eine verbindende Brücke, eine heilsame Brücke nicht nur für Parkinson-Patienten sondern für jeden von uns.
Das Phänomen des "Song-Repeat": Warum wir Lieder in Dauerschleife hören
Viele Menschen kennen das Phänomen, dass sie bestimmte Lieder immer wieder hören, bis sie sie nicht mehr leiden können. Dieses Verhalten ist auf die Wirkung von Musik auf das Belohnungszentrum unseres Gehirns zurückzuführen. Musik kann das Belohnungssystem unseres Gehirns beeinflussen, ähnlich wie Essen oder Sex. Das Belohnungssystem ist das biologische System, das uns für lebenswichtige Dinge belohnt. Wegen des Belohnungssystems ist Musik das künstlerische Produkt, das wir wohl am häufigsten wiederverwenden.
Es ist schwer zu erklären, aber wir wissen, dass Musik unser Belohnungssystem anspricht. Wie genau sie das tut, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch - Musik “berauscht” manche Menschen viel mehr als andere. Es gibt einige wenige Menschen, denen Musik absolut gar nichts bringt. Man kann zeigen, dass sie in ihren Belohnungszentren absolut keine Reaktionen hervorruft. Diese Personen verstehen nicht, warum andere Menschen Zeit mit Musik verbringen. Aber dann gibt es Menschen, die eine Gänsehaut bekommen, wenn sie Musik hören, die ihnen gefällt. Wir wissen, dass das vom Dopamin gesteuert wird - der natürlichen Droge des Hirns.
Wenn du etwas ein paar Mal gehört hast, landet es irgendwann am anderen Ende des Spektrums und wir hören auf, beim Hören etwas Neues zu lernen. Unser biologisches System reagiert hypersensibel auf so etwas. Vielleicht ist dein Spektrum etwas weitläufiger als das deiner Freunde. Das heißt, es dauert länger, bis dein Gehirn gemerkt hat, dass du eigentlich nichts mehr dazulernst.
Sucht und Musik: Eine Gratwanderung
Sucht wird verstanden als das zwanghafte Verlangen nach bestimmten Substanzen oder Verhaltensweisen, die Missempfindungen vorübergehend lindern und erwünschte Empfindungen auslösen. Der Konsum von Suchtmitteln kann die körperliche und seelische Gesundheit gefährden und schädigen, auch ohne dass eine Sucht bzw. Abhängigkeit vorliegt. Der Drang, die Wirkung des Suchtmittels zu erleben, wird übermächtig. Dieser „Suchtdruck“ ist Kern der seelischen Seite von Abhängigkeit, ein weiteres zentrales Merkmal ist der Kontrollverlust. Neben der seelischen Abhängigkeit gibt es bei den verschiedenen Suchtmitteln auch eine körperliche Abhängigkeit. Der Körper reagiert auf die ständige Zufuhr des Suchtmittels mit einer Anpassung des Stoffwechsels. Es werden zunehmend größere Mengen „vertragen“ und die Dosis muss erhöht werden, um noch die gewünschte Wirkung zu erzielen.
Seelische Abhängigkeit ist der unbezwingbare Drang, sich die Substanz zu beschaffen und einzunehmen. Zunächst geht es darum, Wohlbefinden zu erreichen, später geht es nur noch um die Beseitigung der im Entzug auftretenden Missstimmung und Niedergeschlagenheit. Seelische Entzugszeichen sind Unruhe, Getriebenheit, Gereiztheit, Angst, depressive Verstimmungen bis hin zu Selbstmordgedanken, Schlaflosigkeit, u.a. Daneben gibt es weitere substanzspezifische Symptome.
Das Risiko für eine Suchtentwicklung steigt, wenn Suchtmittel leicht erhältlich sind und der Gebrauch von Alkohol und Tabak in der Familie oder am Arbeitsplatz alltäglich ist. Der Gebrauch von Suchtmitteln ist eine Möglichkeit, schnell Entspannung und Entlastung zu finden. Besonders gefährdet, von Suchtmitteln abhängig zu werden, sind Menschen, die unter schweren Belastungen leiden. Ebenso können schwierige soziale und familiäre Situationen, den Weg zur Sucht ebnen.