Spastische Tetraplegie: Definition, Ursachen, Symptome und Therapie

Die spastische Tetraplegie ist eine schwere Form der Querschnittlähmung, die durch eine Schädigung des Rückenmarks im Halswirbelbereich verursacht wird. Dies führt zu einer Lähmung aller vier Extremitäten (Arme und Beine) sowie des Rumpfes. Die Erkrankung ist oft mit erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität verbunden und erfordert eine umfassende multidisziplinäre Betreuung.

Einführung in die Querschnittlähmung

Eine Querschnittlähmung entsteht durch eine Schädigung des Rückenmarks, die die Übertragung von Nervenimpulsen zwischen Gehirn und Körper unterbricht. Die Schädigung kann unfallbedingt oder durch Erkrankungen verursacht werden. In Deutschland leben schätzungsweise 130.000 Menschen mit einer Querschnittlähmung, wobei die Tendenz erkrankungsbedingter Fälle zunimmt.

Ursachen der Querschnittlähmung

Die Ursachen einer Querschnittlähmung lassen sich in zwei Hauptkategorien einteilen:

  • Traumatische Ursachen: Hierzu gehören Wirbelsäulenbrüche, die durch Unfälle, Stürze oder Sportverletzungen entstehen. Diese führen zu einer direkten Schädigung des Rückenmarks.
  • Nicht-traumatische Ursachen: Diese umfassen Tumore, degenerative Veränderungen der Wirbelsäule (z. B. Bandscheibenvorfälle, Spinalkanalstenose), Entzündungen (z. B. Multiple Sklerose) und Durchblutungsstörungen des Rückenmarks.

Definition der Tetraplegie

Die Tetraplegie, auch Quadriplegie oder Tetraparalyse genannt, ist eine Form der Querschnittlähmung, bei der alle vier Extremitäten betroffen sind. Sie entsteht durch eine Schädigung des Rückenmarks im Halswirbelbereich (C1 bis C7). Der Begriff setzt sich aus den griechischen Wörtern "tetra" (vier) und "plege" (Lähmung) zusammen.

Tetraparese vs. Tetraplegie

Es ist wichtig, zwischen Tetraparese und Tetraplegie zu unterscheiden. Bei der Tetraparese handelt es sich um eine inkomplette Lähmung, bei der noch Restfunktionen in den Extremitäten vorhanden sind. Im Gegensatz dazu ist die Tetraplegie eine komplette Lähmung, bei der jegliche Bewegung und Sensibilität unterhalb der Verletzungsstelle verloren gehen.

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Ursachen der Tetraplegie

Die häufigste Ursache für eine Tetraplegie ist eine Verletzung der Halswirbelsäule, die in etwa 60 Prozent der Fälle durch ein Trauma verursacht wird. Häufige Ursachen für solche Verletzungen sind:

  • Verkehrsunfälle: Unfälle im Straßenverkehr sind eine bedeutende Ursache für traumatische Tetraplegien.
  • Sportunfälle: Sportliche Aktivitäten, insbesondere solche mit hohem Risiko für Stürze oder Zusammenstöße, können zu Verletzungen der Halswirbelsäule führen.
  • Weitere Ursachen: Tumore, Entzündungen, Erb- oder Infektionskrankheiten können ebenfalls eine Tetraplegie verursachen. In einigen Fällen kann die Ursache idiopathisch sein, d.h. ohne erkennbare Ursache entstehen.

Symptome und Verlauf der spastischen Tetraplegie

Die Symptome einer Tetraplegie hängen von der Höhe und dem Ausmaß der Rückenmarkschädigung ab. Grundsätzlich gilt: Je höher die Schädigung, desto schwerwiegender sind die Auswirkungen.

Motorische und sensorische Ausfälle

  • Lähmung der Extremitäten: Betroffene können ihre Arme und Beine nicht oder nur eingeschränkt bewegen.
  • Sensibilitätsverlust: Das Empfinden für Schmerz, Druck, Temperatur und Berührung ist unterhalb der Verletzungsstelle reduziert oder vollständig aufgehoben.
  • Einschränkung der Wahrnehmung: Klienten verlieren meist die Sensibilität für Schmerz, Druck oder auch Temperaturunterschiede. Ihre Wahrnehmung ist dadurch stark eingeschränkt. Sie spüren zum Beispiel die Stellung der eigenen Beine nicht und merken es auch nicht, wenn sie Stuhlgang haben.

Auswirkungen auf innere Organe

  • Funktionsstörungen der Blase und des Darms: Die Kontrolle über die Blasen- und Darmentleerung kann beeinträchtigt sein, was zu Inkontinenz oder Verstopfung führen kann.
  • Sexuelle Funktionsstörungen: Die sexuelle Funktion kann ebenfalls beeinträchtigt sein.
  • Störungen des autonomen Nervensystems: Dies kann zu Problemen mit der Regulation von Körpertemperatur, Blutdruck und Herzfrequenz führen. Auch das Schwitzen ist in den meisten Fällen nicht mehr möglich, da das Nervensystem, das diese Funktion reguliert, nur noch eingeschränkt funktionsfähig ist.
  • Atemprobleme: Bei Schädigungen oberhalb des vierten Halswirbels (C4) kann es zu einer Lähmung des Zwerchfells kommen, was eine künstliche Beatmung erforderlich macht.

Spastik

Ein weiteres häufiges Symptom der Tetraplegie ist die Spastik. Sie resultiert aus einer Schädigung des zentralen Nervensystems und führt zu einer erhöhten Muskelspannung und unkontrollierten Muskelkontraktionen.

  • Erhöhter Muskeltonus: Die Muskeln sind dauerhaft angespannt, was zu Steifigkeit und Bewegungseinschränkungen führt.
  • Unwillkürliche Muskelzuckungen: Es können unkontrollierte Muskelzuckungen auftreten, die schmerzhaft sein können.
  • Fehlhaltungen: Die Spastik kann zu Fehlstellungen der Gelenke und Gliedmaßen führen.

Weitere Komplikationen

  • Druckgeschwüre (Dekubitus): Durch den Sensibilitätsverlust und die eingeschränkte Beweglichkeit können Druckgeschwüre entstehen, insbesondere an Stellen, an denen Knochen nah unter der Haut liegen.
  • Osteoporose: Die fehlende Belastung der Knochen kann zu Osteoporose führen, was das Risiko von Knochenbrüchen erhöht.
  • Schmerzen: Neuropathische Schmerzen sind häufig und können schwer zu behandeln sein.
  • Psychische Belastungen: Die Tetraplegie ist eine erhebliche Belastung für die Betroffenen und kann zu Angstzuständen, Depressionen und sozialer Isolation führen.

Diagnose der spastischen Tetraplegie

Die Diagnose einer Tetraplegie erfolgt in der Regel durch eine Kombination aus:

  • Klinischer Untersuchung: Beurteilung der motorischen und sensorischen Funktionen.
  • Neurologischer Untersuchung: Systematische Untersuchung zur Abschätzung des neurologischen Schadens mittels des ISNCSCI-Untersuchungsbogens (International Standard for Neurological Classification of Spinal Cord Injury).
  • Bildgebenden Verfahren: MRT (Magnetresonanztomographie) oder CT (Computertomographie) zur Beurteilung des Rückenmarks und der Wirbelsäule.
  • Elektrophysiologischen Tests: Untersuchung der Nervenleitgeschwindigkeit.

Therapie und Nachsorge

Die Therapie der spastischen Tetraplegie ist komplex und erfordert ein interdisziplinäres Team aus Ärzten, Pflegekräften, Therapeuten und anderen Fachleuten. Ziel der Behandlung ist es, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern, Komplikationen zu vermeiden und die Selbstständigkeit so weit wie möglich zu fördern.

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Akutversorgung

  • Stabilisierung der Vitalfunktionen: Sicherstellung der Atmung, des Kreislaufs und anderer lebenswichtiger Funktionen.
  • Behandlung von Begleitverletzungen: Versorgung von Verletzungen der Wirbelsäule und anderer Körperteile.
  • Frühzeitige Rehabilitation: Beginn der physiotherapeutischen und ergotherapeutischen Maßnahmen zur Erhaltung der Beweglichkeit und Muskelkraft.

Rehabilitation

Die Rehabilitation ist ein zentraler Bestandteil der Behandlung und umfasst:

  • Physiotherapie: Verbesserung der Beweglichkeit, Muskelkraft und Koordination.
  • Ergotherapie: Unterstützung bei alltäglichen Aktivitäten wie Anziehen, Essen und Körperpflege.
  • Logopädie: Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen.
  • Psychologische Betreuung: Hilfe bei der emotionalen Verarbeitung der Erkrankung und der Anpassung an die veränderten Lebensumstände.
  • Sozialberatung: Unterstützung bei Fragen zu finanziellen Hilfen, Wohnraumanpassung und beruflicher Integration.

Medikamentöse Therapie

  • Spastik-Management: Einsatz von Medikamenten wie Baclofen, Tizanidin oder Botulinumtoxin zur Reduktion der Muskelspannung und Verbesserung der Beweglichkeit.
  • Schmerztherapie: Behandlung von neuropathischen Schmerzen mit Schmerzmitteln, Antidepressiva oder Antikonvulsiva.
  • Behandlung von Komplikationen: Medikamentöse Therapie von Blasenfunktionsstörungen, Verstopfung, Druckgeschwüren und anderen Komplikationen.

Hilfsmittelversorgung

  • Rollstühle: Anpassung eines geeigneten Rollstuhls (manuell oder elektrisch) zur Verbesserung der Mobilität.
  • Orthesen und Schienen: Unterstützung der Gelenke und Korrektur von Fehlstellungen.
  • Kommunikationshilfen: Einsatz von technischen Hilfsmitteln zur Unterstützung der Kommunikation, insbesondere bei Beeinträchtigung der Sprechfähigkeit.
  • Anpassung des Wohnraums: Barrierefreie Gestaltung des Wohnraums zur Erleichterung der Selbstständigkeit.

Langzeitversorgung und Nachsorge

  • Regelmäßige ärztliche Kontrollen: Überwachung des Gesundheitszustands und Anpassung der Therapie bei Bedarf.
  • Lebenslange Rehabilitation: Fortsetzung der physiotherapeutischen und ergotherapeutischen Maßnahmen zur Erhaltung derFunktionen und Vermeidung von Komplikationen.
  • Selbsthilfegruppen: Austausch mit anderen Betroffenen und Unterstützung durch Selbsthilfegruppen.
  • Psychosoziale Unterstützung: Fortsetzung der psychologischen Betreuung zur Bewältigung der emotionalen Belastungen.

Spastik-Therapie im Detail

Die Behandlung der Spastik ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie der spastischen Tetraplegie. Ziel ist es, die Muskelspannung zu reduzieren, Schmerzen zu lindern und dieFunktionalität zu verbessern.

Nicht-medikamentöse Therapie

  • Physiotherapie: Dehnübungen, passive Bewegungen und aktive Übungen zur Verbesserung der Beweglichkeit und Reduktion der Spastik.
  • Ergotherapie: Anpassung von Hilfsmitteln und Training vonAlltagsaktivitäten zur Verbesserung der Selbstständigkeit.
  • Kälteanwendungen: Kühlung der betroffenen Muskeln zur Reduktion der Spastik.
  • Lagerung: Korrekte Lagerung zur Vermeidung von Fehlstellungen und Druckgeschwüren.
  • Elektrostimulation: Anwendung von elektrischen Strömen zur Stimulation der Muskeln und Nerven.
  • Robotik: Einsatz von Robotern zur Unterstützung der Bewegungstherapie.

Medikamentöse Therapie

  • Orale Medikamente: Baclofen, Tizanidin, Dantrolen und Diazepam sind Medikamente, die oral eingenommen werden und die Muskelspannung reduzieren können.
  • Botulinumtoxin (BoNT): Injektion von BoNT in die betroffenen Muskeln zur gezielten Reduktion der Spastik.
  • Intrathekale Baclofen-Therapie (ITB): Implantation einer Pumpe zur kontinuierlichen Abgabe von Baclofen in den Nervenwasserraum des Rückenmarks.

Chirurgische Therapie

  • Dorsale Rhizotomie: Selektive Durchtrennung von Nervenfasern im Rückenmark zur Reduktion der Spastik.
  • Sehnenverlängerung: Chirurgische Verlängerung von Sehnen zur Korrektur von Fehlstellungen.

Forschung und Zukunftsperspektiven

Die Forschung im Bereich der Querschnittlähmung und spastischen Tetraplegie schreitet stetig voran. Es gibt vielversprechendeAnsätze in der regenerativen Medizin, der Neurotechnologie und der Rehabilitation, die Hoffnung auf zukünftige Therapien geben.

  • Stammzelltherapie: Transplantation von Stammzellen zur Regeneration des geschädigten Rückenmarks.
  • Neuroprothesen: Entwicklung von Implantaten, die die Funktion des Rückenmarks teilweise ersetzen können.
  • Exoskelette: Einsatz vonrobotergestützten Exoskeletten zur Unterstützung der Bewegung.

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