Tinnitus, das lästige Klingeln oder Pfeifen im Ohr, betrifft Millionen von Menschen und kann zu erheblichen Beeinträchtigungen im Alltag führen. Die Symptome reichen von einfachem Unbehagen bis hin zu Schlafmangel, sozialer Isolation, Angstzuständen, Depressionen und einer verminderten Lebensqualität. Die Forschung der letzten Jahre hat sich intensiv mit den Ursachen und möglichen Behandlungen von Tinnitus auseinandergesetzt, wobei ein besonderer Fokus auf der Regeneration von Nervenzellen liegt.
Tinnitus: Mehr als nur ein Ohrgeräusch
Tinnitus ist ein weit verbreitetes Phänomen. Bis zu 80 % der Gesamtbevölkerung hatten im Verlauf ihres Lebens schon einmal Symptome wie Ohrensausen oder ähnliche Ohrgeräusche. Bei manchen Menschen verschwinden die Geräusche nach kurzer Zeit wieder. Halten derartige Ohrgeräusche allerdings über längere Zeit an oder treten immer wieder auf, sprechen Ärzte von einem Tinnitus. Die Bezeichnung leitet sich von dem lateinischen Verb tinnire ab, was so viel wie „klingeln“ oder „klimpern“ bedeutet.
Die komplexe Entstehung von Tinnitus
Die Entstehung von Tinnitus ist komplex und multifaktoriell. Lange Zeit wurde angenommen, dass Tinnitus eine Folge von Hörverlust ist, wobei das Gehirn versucht, den Hörverlust durch eine Erhöhung seiner Aktivität auszugleichen. Neuere Forschungen zeigen jedoch, dass auch Menschen mit normalem Gehör von Tinnitus betroffen sein können.
Die Rolle des Hörnervs und des Gehirns
Eine Studie von Mass Eye and Ear ergab, dass Patienten mit normalen audiometrischen Schwellenwerten eine signifikante Schädigung des Hörnervs aufweisen können, die als cochleäre Synaptopathie oder verborgener Hörverlust bezeichnet wird. Dies deutet darauf hin, dass Tinnitus durch einen Verlust an Nervengewebe des Hörnervs ausgelöst werden kann, selbst bei Menschen mit normalem Gehör.
Die Forschung hat sich zunehmend auf das Gehirn als Ursprungsort von Tinnitus konzentriert. Einer weit verbreiteten Theorie zufolge entsteht Tinnitus durch Umbauvorgänge im Gehirn: Die noch intakten Frequenzen im normalen Hörbereich werden in der Hörrinde überrepräsentiert - das Klingeln entsteht. Neben der Hörrinde könnten auch limbische Regionen zur negativen emotionalen Färbung des Klingelns im Ohr beitragen.
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Das Remapping-Modell und seine Grenzen
Die Remapping-Theorie besagt, dass bei einer Schädigung der Haarzellen im Innenohr die entsprechenden Neuronen in der Hörrinde keinen oder nur geringen auditiven Input erhalten. Dadurch sinkt ihre hemmende Wirkung auf die Nachbarn, die angrenzende Frequenzen repräsentieren. Diese Frequenzen werden daraufhin in der Hörrinde überrepräsentiert und bilden nun das lästige Ohrgeräusch ohne eine externe Schallquelle.
Allerdings ist unklar, ob die Hirn-Reorganisation eine kausale Voraussetzung des Tinnitus ist oder eher ein Kompensationsversuch. Eine Studie an Ratten mit Tinnitus zeigte, dass die hemmende synaptische Übertragung in der Hörrinde reduziert war, und zwar genau in den Gebieten, die keinen auditiven Input mehr erhielten. Dies könnte eine Strategie sein, um den neuronalen Aktivitätslevel konstant zu halten und trotz des fehlenden Inputs nicht untätig zu bleiben.
Die Bedeutung des limbischen Systems
Andere Forscher betrachten eine umgebaute Hörrinde zwar für eine notwendige Bedingung von Tinnitus, aber nicht für eine ausreichende. Das limbische System, insbesondere der mediale präfrontale Cortex, ist normalerweise in der Lage, die Tinnitus-Signale aus dem auditorischen Cortex zu unterdrücken. Bei Tinnitus-Patienten ist jedoch das Volumen dieser Hirnregion vermindert, was bedeutet, dass der Schalter für die Rauschunterdrückung im limbischen System nicht richtig funktioniert.
Ein Netzwerkmodell des Tinnitus
Einige Forscher vermuten, dass mehrere Netzwerke im Gehirn zum Klingeln im Ohr beitragen. Bei den verschiedenen „Typen“ von Tinnitus-Patienten seien jeweils unterschiedliche Netzwerke im Gehirn gleichzeitig aktiv. So nehmen Betroffene die Übererregung des auditorischen Systems erst bewusst wahr, wenn diese mit Aktivitäten in Aufmerksamkeitsnetzwerken im frontalen und parietalen Bereich verbunden sei. Das Salience-Netzwerk kodiert die Bedeutung des Tinnitussignals, während das limbische System für die emotional negative Färbung sorgt. Zudem spielt das Gedächtnisnetzwerk um den Hippocampus eine entscheidende Rolle, insbesondere beim chronischen Tinnitus.
Das Erlanger Modell zur Entstehung von Tinnitus
Ein internationales Forschungsteam unter der Führung von Dr. Achim Schilling und Dr. Patrick Krauss vom Neurowissenschaftlichen Labor der Hals-Nasen-Ohren-Klinik ‒ Kopf- und Halschirurgie des Uniklinikums Erlangen hat Prozesse im Gehirn identifiziert, die zur Entwicklung eines neuen Modells für die Entstehung und Chronifizierung von Tinnitus beitragen. Die Erkenntnisse entstanden durch die Zusammenarbeit von experimentellen Neurowissenschaften mit der Computational Neuroscience, wobei auch Prinzipien aus der KI- Forschung einbezogen wurden.
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Das Team identifizierte in seiner Arbeit das Zusammenspiel zweier zentraler Prozesse, das Phantomwahrnehmungen wie den Tinnitus auslöst. Der erste Prozess ermöglicht dem Gehirn, basierend auf vorhandenem Wissen zukünftige Wahrnehmungen vorherzusagen. Dieser Prozess wird prädiktive Codierung genannt. Der zweite Prozess steigert die Aktivität von Nervenzellen entlang der Hörbahn durch Hinzufügen von neuronalem Rauschen, um schwache Signale, sprich: leise Geräusche, besser wahrzunehmen. Durch ein Zusammenspiel dieser beiden Prozesse kann es dazu kommen, dass das Gehirn das selbst generierte Rauschen als realen Ton interpretiert, obwohl es sich nur um ein „Verstärkersignal“ handelt. Hierdurch lässt sich die Phantomwahrnehmung von Tönen beim Tinnitus erklären. Das neue Modell erklärt auch, warum Tinnitus oft mit einer Überempfindlichkeit gegenüber leisen Tönen einhergeht, die als Hyperakusis bezeichnet wird: Das Gehirn verstärkt die schwachen Signale.
Behandlungsansätze für Tinnitus
Da zumindest chronischer Tinnitus als nicht heilbar gilt, zielen viele Therapien darauf ab, die subjektive Wahrnehmung des nervigen Klingelns zu beeinflussen.
Tinnitus-Retraining
Das Tinnitus-Retraining ist eine Behandlung, die auf mehreren Bausteinen aufbaut und die neben Hörtherapie auch Aufklärung und Beratung über die Erkrankung und psychologische Betreuung beinhaltet. Ziel ist, dass sich die Betroffenen an den Tinnitus gewöhnen und ihn in ihrem Alltag beherrschen. Beim Retraining geht es darum, eine Verbesserung der Lebensqualität zu erzielen, - eine Heilung verspricht es gar nicht.
Biofeedback
Beim Biofeedback wird Tinnitus-Patienten der Spannungszustand ihrer Muskeln oder Muskelgruppen rückgemeldet und sie sollen versuchen, die Muskeln anhand dieses Feedbacks zu entspannen. Gelingt dies, lässt sich bei einigen Tinnitus-Patienten auch das Ohrgeräusch vermindern.
Medikamentöse Behandlungen
Obwohl es keine medikamentöse Therapie gibt, die Tinnitus vollständig beseitigt, können bestimmte Medikamente helfen, die Symptome zu lindern. In der Akutphase des Tinnitus werden häufig Infusionen mit durchblutungsfördernden Substanzen eingesetzt. Bei chronischem Tinnitus können Antidepressiva oder angstlösende Medikamente helfen, die psychischen Begleiterscheinungen zu behandeln.
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Ginkgo Biloba
Studien zufolge verbessert Ginkgo die Durchblutung im Innenohr und fördert die Regeneration der kleinsten Blutgefäße, wenn diese zum Beispiel durch Entzündung, Alterungsprozesse oder hohe Blutfettwerte geschädigt wurden. Für die durchblutungsfördernde Wirkung wird die hohe Konzentration an Flavonoiden und Terpenoiden der Ginkgo-Blätter verantwortlich gemacht. Die verstärkte Durchblutung soll die Regeneration von Nervenzellen fördern, wenn deren Schädigung zu Ohrgeräuschen führte.
Die aktuelle Version von 2021 gibt Patientinnen und Ärztinnen eine Übersicht über die aktuellen evidenzbasierten Behandlungsmöglichkeiten des Tinnitus. Auch Ginkgo wird in der Leitlinie umfassend besprochen, da zu dieser Pflanze viele klinische Studien vorliegen. Deren Qualität ist nach Meinung der Leitlinienautoren jedoch nicht einheitlich: Ältere Studien konnten zwar eine Überlegenheit von Ginkgo gegenüber einem Placebo bei Tinnitus feststellen. Andere Studien und deren Auswertungen zeigten hingegen keinen Nutzen von Ginkgo bei Tinnitus.
Hörgeräte
Häufig liegt bei Ohrgeräuschen in den betroffenen Frequenzbereichen eine Hörminderung vor. Diese führt dazu, dass Umweltgeräusche nicht mehr richtig wahrgenommen werden und das Tinnitus-Geräusch die Überhand gewinnt. Eine HNO-ärztliche Untersuchung und der angefertigte Hörtest decken dies auf und ermöglichen in vielen Fällen die unverbindliche Erprobung eines modernen Hörgerätesystems während des Reha-Aufenthaltes. Oft können durch die Anpassung eines solchen Hörgerätesystems eine Verbesserung des Sprachverstehens und ergänzend eine gute Teilverdeckung des Tinnitus erreicht werden.
Weitere Therapieansätze
Neben den genannten Behandlungen gibt es noch weitere Therapieansätze, die bei Tinnitus eingesetzt werden können:
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Diese Therapie zielt darauf ab, belastende Gedanken oder Verhaltensweisen zu erkennen und schrittweise zu ändern.
- Musiktherapie: Musik kann helfen, die Aufmerksamkeit vom Tinnitus abzulenken und Entspannung zu fördern.
- Entspannungstechniken: Progressive Muskelrelaxation, autogenes Training oder Meditation können helfen, Stress abzubauen und die Symptome des Tinnitus zu lindern.
Die Bedeutung der Regeneration von Nervenzellen
Die Forschung zur Regeneration von Nervenzellen im Zusammenhang mit Tinnitus ist vielversprechend. Wenn es gelingt, beschädigte Nervenzellen im Innenohr oder im Gehirn zu regenerieren, könnte dies zu einer deutlichen Verbesserung der Symptome führen oder sogar eine Heilung ermöglichen.
Zukünftige Forschungsrichtungen
Die Tinnitus-Forschung konzentriert sich zunehmend auf die Entwicklung neuer Therapieansätze, die auf die Regeneration von Nervenzellen abzielen. Dazu gehören:
- Gentherapie: Die Gentherapie könnte eingesetzt werden, um die Produktion von Wachstumsfaktoren zu stimulieren, die das Wachstum und die Regeneration von Nervenzellen fördern.
- Stammzelltherapie: Stammzellen könnten in das Innenohr oder das Gehirn transplantiert werden, um beschädigte Nervenzellen zu ersetzen.
- Pharmakologische Ansätze: Es werden neue Medikamente entwickelt, die die Regeneration von Nervenzellen fördern oder die Aktivität von Nervenzellen im Gehirn modulieren.
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