Die Reittherapie, auch Hippotherapie genannt, ist eine spezielle Form der Physiotherapie, die den Umgang mit Pferden und deren Bewegungen nutzt, um Menschen mit verschiedenen Erkrankungen zu helfen. Besonders bei Multipler Sklerose (MS) hat sich die Hippotherapie als vielversprechende ergänzende Behandlungsmethode erwiesen. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Studien und Erkenntnisse zur Reittherapie bei MS, ihre Wirkungsweise und die Herausforderungen bei der Kostenübernahme.
Einführung in die Reittherapie bei MS
Viele MS-Patienten berichten von positiven Erfahrungen mit der Hippotherapie. Die Therapieform soll das Gleichgewicht, die Bewegungsfähigkeit und die Koordination verbessern. Die Hippotherapie wird als eine "Ein-Patient-ein-Pferd" Physiotherapie-Behandlung mit und auf dem Pferd charakterisiert. Dabei reagieren die Patienten im Rahmen ihrer motorischen Fähigkeiten auf die Bewegungen des Pferdes, ohne aktiv reiten zu müssen.
Wirkungsweise der Hippotherapie
Die Schrittweise eines Pferdes entspricht in vieler Hinsicht der des Menschen. Die Bewegung des Pferderückens trainiert die Muskulatur des Beckens und des gesamten Rumpfes, die für das Gehen notwendig ist. Die primären Ziele der Hippotherapie sind die Regulierung des Muskeltonus (Reduktion der Spastizität) und der Atmung, die Kräftigung der Rumpfmuskulatur, die Verbesserung der Gleichgewichtskontrolle und der Koordination sowie des Gangs.
Inga Nelle, Leiterin des PRZ, bemerkt, dass die Bewegungsimpulse des schreitenden Pferdes „durch den Rumpf bis in die Schultern hinein“ bei der Klientin zu sehen sind. Christian Büning von der Kölner Sporthochschule probierte die Therapie selbst aus und bestätigte, dass insbesondere die Beckenmuskulatur beansprucht wird.
Aktuelle Studien zur Hippotherapie bei MS
MS-HIPPO-Studie
Eine bedeutende Studie zur Hippotherapie bei MS ist die "MS-HIPPO"-Studie, eine multizentrische, randomisierte, kontrollierte Studie. Sie konnte 2017 auf Evidenzstufe 1b nachweisen, dass die Hippotherapie positive Effekte auf MS-Symptome hat. An der Studie nahmen 70 Erwachsene mit MS teil, die unter Spastik der unteren Extremitäten und körperlichen Beeinträchtigungen litten. Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe absolvierte drei Monate lang einmal wöchentlich eine Hippotherapie, während die andere Gruppe keine Reittherapie erhielt.
Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt
Die Ergebnisse zeigten, dass sich das Gleichgewichtsgefühl in beiden Gruppen verbesserte, jedoch deutlich stärker in der Hippotherapie-Gruppe. Nach zwölf Wochen erzielten die reitenden Probanden sechs Punkte mehr auf der Berg-Balance-Skala (BBS) als vor der Therapie, während die Nichtreiter nur 2,9 Punkte mehr erreichten. Besonders profitierten Patienten mit einem EDSS-Wert von mindestens 5, die etwa 200 Meter ohne Hilfe und Pause gehen können. Auch Fatigue, Spastik und das Lebensgefühl verbesserten sich bei den Reitern stärker als ohne die Bewegung auf dem Ross.
MS-HIPPO II-Studie
Um die Ergebnisse der MS-HIPPO-Studie zu vertiefen, wurde im Jahr 2024 die deutschlandweite „MS Hippo II-Studie“ gestartet. Die multizentrische, randomisiert-kontrollierte Studie wird von der Deutschen Sporthochschule Köln in Kooperation mit dem Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport durchgeführt und von verschiedenen Stiftungen gefördert.
Die Studie MS HIPPO II wird im Zeitraum 01.01.2024 bis 30.06.2026 durchgeführt. Eingeschlossen werden Patienten, die mithilfe eines Zufallsverfahren in eine „Interventionsgruppe“ und eine „Kontrollgruppe“ aufgeteilt werden. Die Interventionsgruppe erhält 12 Einheiten à 30 Minuten Hippotherapie als Ergänzung zur gewohnten individuellen Standardtherapie. Im Rahmen der Studie werden verschiedene Testaufgaben auf einer Druckverteilungsplatte erfasst und anhand eines EEG Systems die Gehirnaktivität der Studienteilnehmenden erfasst.
Teilnahmebedingungen für MS HIPPO II:
- Bestätigte Multiple Sklerose mit Spastizität der unteren Gliedmaßen
- Ein EDSS-Score zwischen 4,5 und 6
- Mindestens 18 Jahre alt und geschäftsfähig
- Zeit, um an 12 Hippotherapie-Einheiten teilzunehmen
- Die Möglichkeit, selbstorganisiert und zuverlässig zu den Terminen zu fahren
BALANCE-Studie
Eine weitere Studie, die am Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim durchgeführt wurde, untersuchte die Auswirkungen einer Reittherapie im Vergleich zu einem Gleichgewichts- und Kräftigungstraining auf Gleichgewicht, Gehfähigkeit, Fatigue und Lebensqualität bei schubförmiger und sekundär chronisch progredienter MS. Die Teilnehmer wurden sportmedizinisch untersucht, um den aktuellen persönlichen Leistungsstand zu ermitteln. Anschließend begann eine zwölfwöchige Trainingsphase, wobei die eine Gruppe eine Reittherapie erhielt und die andere Gruppe ein internetbetreutes Heimtraining absolvierte.
Weitere Forschung und Pilotstudien
In Vorbereitung auf die große Hippotherapiestudie wurden bereits 2007 und 2009 zwei Pilotstudien mit Multiple Sklerose Patienten durchgeführt. Diese Studien dienten dazu, die Machbarkeit und die potenziellen Effekte der Hippotherapie genauer zu untersuchen.
Lesen Sie auch: Wie man MS vorbeugen kann
Das Zentrum für Therapeutisches Reiten Johannisberg e.V. führte ebenfalls Pilotstudien durch, die als Grundlage für die Planung der MS-HIPPO-Studie dienten.
Positive Auswirkungen der Hippotherapie
Die bisherigen Studien und Erfahrungsberichte deuten auf vielfältige positive Auswirkungen der Hippotherapie bei MS hin:
- Verbesserung des Gleichgewichts: Die rhythmischen Bewegungen des Pferdes schulen das Gleichgewicht und die Körperwahrnehmung.
- Reduktion von Spastik: Die Hippotherapie kann den Muskeltonus regulieren und Spastiken reduzieren.
- Verringerung von Fatigue: Viele Patienten berichten von einer Reduktion der Fatigue und einer Steigerung der Ausdauer.
- Steigerung der Lebensqualität: Die Therapie kann das allgemeine Wohlbefinden und die Lebensqualität verbessern.
- Kräftigung der Rumpfmuskulatur: Die Bewegungen auf dem Pferd trainieren die Rumpfmuskulatur, was besonders für Rollstuhlfahrer von Bedeutung ist.
- Verbesserung der Koordination und des Gangs: Die Hippotherapie kann die Koordination verbessern und den Gang stabilisieren.
- Positive psychische Effekte: Der Kontakt zum Pferd und die Erfolgserlebnisse während der Therapie können sich positiv auf die Psyche auswirken.
Anna Jacob-Wallraf beschreibt, dass sie sich nach dem Ritt „ganz schön wackelig“ fühle, aber auch, dass die Bewegungsimpulse des Pferdes bis in die Schultern hinein zu spüren seien. Monika Boosen berichtet von Amy Hubbard, die nach einer Hippotherapie in den USA wieder gehen konnte.
Herausforderungen und Kritik
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es auch Herausforderungen und Kritikpunkte:
- Mangelnde wissenschaftliche Evidenz: Obwohl die MS-HIPPO-Studie positive Effekte nachweisen konnte, wird die Hippotherapie von einigen Krankenkassen noch nicht als ausreichend wissenschaftlich belegt angesehen.
- Kostenübernahme: Die Kosten für die Hippotherapie werden in der Regel nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, was für viele Patienten eine finanzielle Belastung darstellt.
- Individuelle Unterschiede: Nicht jeder Patient profitiert gleichermaßen von der Hippotherapie. Die Therapie muss individuell auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Patienten abgestimmt werden.
Renate Ehlen, die selbst an MS erkrankt ist und auf den Rollstuhl angewiesen ist, kritisiert, dass die Krankenkassen die Kostenübernahme ablehnen, obwohl die Hippotherapie längst einen Platz in verschiedenen Reha-Maßnahmen für MS-Kranke eingenommen hat.
Lesen Sie auch: MS und Rückenschmerzen: Ein Überblick
Die Rolle des Therapeuten und des Pferdes
Die Hippotherapie erfordert ein qualifiziertes Team aus Therapeuten und speziell ausgebildeten Pferden. Die Therapeuten müssen über fundierte Kenntnisse in der Physiotherapie und der Reittherapie verfügen. Die Pferde müssen ruhig, ausgeglichen und gut trainiert sein.
Sarah Porath erklärt, dass sich bei der Therapie oft eine Freundschaft zwischen Mensch und Tier entwickelt. Pferde sind sehr sensible Herdentiere, die die Reaktionen und Stimmungslagen ihrer Artgenossen und auch der Patienten genau wahrnehmen. Es ist schon vorgekommen, dass ein Pferd die Erschöpfung eines Reiters erkannt hat und stehen geblieben ist.
tags: #reittherapie #bei #multiple #sklerose