Relative Refraktärzeit des Aktionspotentials: Definition und Bedeutung

Die Refraktärzeit ist ein Begriff aus der Neurobiologie, der die Zeitspanne nach einem Aktionspotential bezeichnet, in der eine Zelle weniger oder gar nicht erregbar ist. Sie spielt eine entscheidende Rolle bei der Steuerung der Erregungsleitung in Nerven- und Muskelzellen. Dieser Artikel beleuchtet die Definition, die zugrundeliegenden Mechanismen und die Bedeutung der relativen Refraktärzeit im Kontext des Aktionspotentials.

Das Aktionspotential: Grundlage der Erregungsleitung

Nicht alle Zellen können Aktionspotentiale bilden. Das Aktionspotential ist eine kurzzeitige Änderung des Membranpotentials einer Zelle, die zur Reizweiterleitung dient. Es besteht aus einer Depolarisation (Erregung) und einer Repolarisation (Erholung). Während der De- und Repolarisation fließen Ionen wie Natrium (Na+), Kalium (K+) und Calcium (Ca2+) über die Zellmembran. Diese Ionenbewegungen erzeugen einen elektrischen Strom, der sich entlang der Zelle ausbreiten kann.

Die Phasen des Aktionspotentials

  1. Ruhepotential: Im Ruhezustand hat die Zelle ein negatives Membranpotential von etwa -70 mV. Die Natrium- und Kaliumkanäle sind geschlossen.
  2. Depolarisation: Ein Reiz führt zur Öffnung von Natriumkanälen. Natriumionen strömen in die Zelle, wodurch das Membranpotential positiver wird. Wenn das Membranpotential einen Schwellenwert überschreitet (meist ca. -50 mV), kommt es zu einer lawinenartigen Öffnung weiterer Natriumkanäle.
  3. Repolarisation: Kurz vor dem Erreichen des Potentialmaximums inaktivieren die Natriumkanäle. Kaliumkanäle öffnen sich, und Kaliumionen strömen aus der Zelle. Dadurch sinkt das Membranpotential wieder in Richtung des Ruhepotentials.
  4. Nachhyperpolarisation: In vielen Zellen, besonders in Neuronen, kommt es zu einer Nachhyperpolarisation, bei der das Membranpotential kurzzeitig negativer als das Ruhepotential wird. Dies liegt an der weiterhin erhöhten Kaliumleitfähigkeit.
  5. Wiederherstellung des Ruhepotentials: Die Natrium-Kalium-Pumpe stellt die ursprüngliche Ionenverteilung wieder her, indem sie Natriumionen aus der Zelle und Kaliumionen in die Zelle transportiert.

Das "Alles-oder-Nichts-Gesetz"

Das Aktionspotential folgt dem "Alles-oder-Nichts-Gesetz". Das bedeutet, dass ein Aktionspotential entweder in voller Größe ausgelöst wird, wenn der Schwellenwert überschritten wird, oder gar nicht, wenn der Schwellenwert nicht erreicht wird. Die Stärke des Reizes hat keinen Einfluss auf die Amplitude des Aktionspotentials.

Die Refraktärzeit: Eine vorübergehende Unempfindlichkeit

Nach der Auslösung eines Aktionspotentials ist die Zelle für eine gewisse Zeit weniger oder gar nicht erregbar. Diesen Zeitraum nennt man Refraktärzeit. Sie wird in zwei Phasen unterteilt:

  1. Absolute Refraktärzeit: Während der absoluten Refraktärzeit kann unabhängig von der Stärke des Reizes kein neues Aktionspotential ausgelöst werden. Dies liegt daran, dass sich die Natriumkanäle in einem inaktivierten Zustand befinden und sich nicht öffnen können.
  2. Relative Refraktärzeit: Während der relativen Refraktärzeit kann ein neues Aktionspotential ausgelöst werden, aber nur, wenn der Reiz stärker ist als normal. Dies liegt daran, dass sich einige Natriumkanäle bereits wieder in einem aktivierbaren Zustand befinden, aber das Membranpotential noch nicht vollständig zum Ruhepotential zurückgekehrt ist.

Definition der relativen Refraktärzeit

Die relative Refraktärzeit ist die Phase nach der absoluten Refraktärzeit, in der eine Zelle zwar erregbar ist, aber einen stärkeren Reiz benötigt, um ein Aktionspotential auszulösen. Während dieser Phase ist die Reizschwelle erhöht. Die Amplitude des ausgelösten Aktionspotentials kann geringer sein als normal.

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Mechanismen der relativen Refraktärzeit

Die relative Refraktärzeit beruht auf mehreren Faktoren:

  • Unvollständige Repolarisation: Das Membranpotential hat noch nicht das Ruhepotential erreicht. Um den Schwellenwert für die Auslösung eines Aktionspotentials zu erreichen, ist daher ein stärkerer depolarisierender Reiz erforderlich.
  • Einige Natriumkanäle sind noch inaktiviert: Nicht alle Natriumkanäle haben sich von der Inaktivierung erholt. Die Anzahl der verfügbaren Natriumkanäle ist reduziert, was einen stärkeren Reiz erfordert, um genügend Natriumionen in die Zelle zu bringen und ein Aktionspotential auszulösen.
  • Erhöhte Kaliumleitfähigkeit: Die Kaliumleitfähigkeit ist während der relativen Refraktärzeit noch erhöht. Dies erschwert die Depolarisation der Zelle, da Kaliumionen weiterhin aus der Zelle strömen und das Membranpotential negativ halten.

Bedeutung der relativen Refraktärzeit

Die relative Refraktärzeit hat mehrere wichtige Funktionen:

  • Begrenzung der Frequenz von Aktionspotentialen: Die Refraktärzeiten begrenzen die maximale Frequenz, mit der eine Zelle Aktionspotentiale auslösen kann. Dies ist wichtig, um eine Überstimulation und Schädigung der Zelle zu verhindern. Die Refraktärzeit ist eng mit der Frequenz von Aktionspotentialen verbunden. Die Länge der Refraktärzeit begrenzt die Frequenz von Aktionspotentialen.
  • Unidirektionale Erregungsleitung: Die Refraktärzeit stellt sicher, dass sich das Aktionspotential nur in eine Richtung ausbreitet. Da die Bereiche der Zellmembran, die gerade ein Aktionspotential durchlaufen haben, refraktär sind, kann sich das Aktionspotential nicht zurück ausbreiten. Dieses Prinzip verhindert, dass ein Aktionspotential in die „falsche“ Richtung, also rückwärts, weitergeleitet wird. Denn nur in Vorwärtsrichtung befinden sich aktivierbare Ionenkanäle, die eine Erregung weiterleiten können.
  • Regulation der Erregbarkeit: Die relative Refraktärzeit ermöglicht eine feine Regulation der Erregbarkeit der Zelle. Durch die Variation der Stärke des Reizes kann die Zelle unterschiedlich auf eintreffende Signale reagieren.
  • Schutz vor Arrhythmien: Im Herzen verhindert die lange Refraktärzeit der Herzmuskelzellen, dass es zu unkontrollierten Erregungen und Rhythmusstörungen (Arrhythmien) kommt.

Die Refraktärzeit im Elektrokardiogramm (EKG)

Das Elektrokardiogramm (EKG) ist ein wichtiges Werkzeug in der Kardiologie, um die elektrischen Aktivitäten des Herzens darzustellen. Die Refraktärzeit spielt hier eine wichtige Rolle. Während der überwiegenden Dauer des Aktionspotentials ist die Myokardzelle absolut refraktär gegenüber Stimulation. Auf die absolute Refraktärzeit folgt die relative Refraktärzeit.

Das R-auf-T-Phänomen

Die relative Refraktärzeit fällt mit der Spitze der T-Welle im EKG zusammen. Diese Phase wurde traditionell als vulnerable Phase des Herzzyklus beschrieben, da eine elektrische Stimulation während der relativen Refraktärzeit ein weiteres Aktionspotential erzeugen kann, das zu potenziell lebensbedrohlichen ventrikulären Arrhythmien (Kammerflimmern) führen kann. Dieses Phänomen wird als R-auf-T-Phänomen bezeichnet, da eine ventrikuläre Extrasystole (R-Zacke) in die T-Welle fällt.

Es sollte jedoch angemerkt werden, dass das R-auf-T-Phänomen sehr häufig ist und das Risiko von Kammerflimmern vernachlässigbar ist, es sei denn, es besteht eine elektrische Instabilität in den Ventrikeln (z. B. bei akutem Myokardinfarkt).

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Einflussfaktoren auf die Refraktärzeit

Die Dauer der Refraktärzeit kann von verschiedenen Faktoren beeinflusst werden:

  • Zelltyp: Die Refraktärzeit variiert je nach Zelltyp. Herzmuskelzellen haben beispielsweise eine deutlich längere Refraktärzeit als Nervenzellen.
  • Temperatur: Erhöhte Temperatur verkürzt die Refraktärzeit.
  • Ionenkonzentrationen: Änderungen der extrazellulären Ionenkonzentrationen können die Refraktärzeit beeinflussen.
  • Medikamente: Einige Medikamente können die Refraktärzeit verlängern oder verkürzen.

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