Die rheumatoide Arthritis (RA) ist eine chronische Autoimmunerkrankung, die in Deutschland etwa 1% der Bevölkerung betrifft, wobei Frauen etwa dreimal häufiger betroffen sind als Männer. Diese Erkrankung manifestiert sich primär durch Entzündungen der Gelenke, kann aber auch andere Organe betreffen. Ein weniger bekanntes, aber dennoch relevantes Symptom, das im Zusammenhang mit rheumatoider Arthritis auftreten kann, ist das Taubheitsgefühl. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für Taubheitsgefühle bei rheumatoider Arthritis, die vielfältigen Auswirkungen der Erkrankung und die verfügbaren Diagnose- und Behandlungsansätze.
Was ist rheumatoide Arthritis?
Die rheumatoide Arthritis ist eine chronische, meist an beiden Körperhälften gleichzeitig auftretende Gelenkentzündung, die länger als sechs Wochen anhält. Früher wurde sie auch als chronische Polyarthritis bezeichnet, da im Verlauf der Erkrankung mehr als drei Gelenke gleichzeitig betroffen sind. Moderne Untersuchungsmethoden, wie die Kernspintomographie, können bereits wenige Wochen nach Beginn der Erkrankung erste Gelenkveränderungen feststellen. Es wird empfohlen, mit der Behandlung möglichst innerhalb der ersten drei Monate nach Ausbruch der Erkrankung zu beginnen, da ein früher Therapiebeginn die Schäden durch die Arthritis im weiteren Krankheitsverlauf reduzieren kann. Die rheumatoide Arthritis kann in jedem Lebensalter auftreten, wobei Männer häufiger zwischen dem 65. und 75. Lebensjahr und Frauen zwischen dem 55. und 64. Lebensjahr erkranken.
Als Autoimmunerkrankung greift das Immunsystem bei rheumatoider Arthritis körpereigenes Gewebe an. Die genauen Ursachen für diese Fehlsteuerung sind trotz intensiver Forschung nicht vollständig geklärt. Es besteht eine genetische Veranlagung für die Entwicklung einer rheumatoiden Arthritis. Es gibt wahrscheinlich weitere, größtenteils unbekannte Faktoren, die den Ausbruch der Erkrankung auslösen oder begünstigen können.
Entzündungsprozesse und ihre Auswirkungen
Bei rheumatoider Arthritis stehen die Gelenke im Mittelpunkt des Entzündungsprozesses. Die Entzündung richtet sich gegen das körpereigene Gelenkgewebe, da das Immunsystem nicht mehr zwischen „Fremd“ und „Eigen“ unterscheiden kann. Durch ein komplexes Zusammenspiel zwischen verschiedenen Entzündungszellen und entzündungsvermittelnden Eiweißmolekülen kommt es zunächst zu einer Schleimhautschwellung im entzündeten Gelenk. Die Gelenkschleimhaut beginnt zu wuchern und bildet knorpel- und knochenzerstörende Substanzen. Ohne entzündungshemmende Behandlung werden Gelenkknorpel und Knochen zerstört.
Die rheumatoide Arthritis kann schleichend an den kleinen Finger-, Hand- und Zehengelenken beider Körperseiten beginnen, aber auch abrupt auftreten und zu Beginn nur wenige, auch größere Gelenke einer Seite befallen, wie Knie, Schulter oder Ellenbogen. Meist sind jedoch zuerst die Finger- und Handgelenke beidseits betroffen, wobei die Fingerendgelenke in der Regel ausgespart bleiben. Die Entzündung führt zu einer Schwellung der Gelenkhaut, die sich weich und prallelastisch anfühlt. Auch die Beuge- und Strecksehnen der Finger können sich entzünden. In manchen Fällen werden fast alle Gelenke innerhalb von Wochen oder Monaten befallen, während die Erkrankung in anderen Fällen jahrelang stillzustehen scheint, bevor plötzlich schubweise weitere Gelenke hinzukommen.
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Die rheumatoide Arthritis führt zunächst zu einer Entkalkung des gelenknahen Knochens (Osteoporose). Im weiteren Verlauf wird der Knochen an den Ansatzstellen der Gelenkkapsel zerstört. Nach und nach wird auch der Gelenkknorpel abgebaut. Die fortschreitende Entzündung zerstört die Gelenkflächen, und die Gelenkknochen weichen aus ihrer normalen Stellung, was zu einer Gelenkfehlstellung führt. Zusammen mit den Schmerzen schränkt diese Gelenkfehlstellung die Beweglichkeit des betroffenen und ggf. nachfolgender Gelenke ein.
Taubheitsgefühl als Folge der rheumatoiden Arthritis
Taubheitsgefühl im Zusammenhang mit rheumatoider Arthritis kann verschiedene Ursachen haben. Eine der Hauptursachen ist die Polyneuropathie, eine Nervenschädigung, die durch eine Gefäßentzündung im Bereich der Füße und Beine entstehen kann. Diese Nervenschädigungen gehen mit Fehlempfindungen, Taubheitsgefühl und oft brennenden Schmerzen einher. Eine optimale Behandlung mit sehr niedriger Krankheitsaktivität oder Krankheitsstillstand kann einer rheumatischen Gefäßentzündung und damit einer distalen Polyneuropathie vorbeugen.
Eine weitere mögliche Ursache für Taubheitsgefühl ist das Karpaltunnelsyndrom. Im Handgelenk können durch Gelenk- und Sehnenentzündungen Nerven abgedrückt werden, was zu Missempfindungen, Unempfindlichkeit und Schmerzen führen kann.
Weitere Auswirkungen der rheumatoiden Arthritis auf den Körper
Die rheumatoide Arthritis kann auch andere Organe befallen. In fast der Hälfte der Fälle sind auch andere Organe betroffen, wie z. B.:
- Sicca-Syndrom: Die rheumatoide Arthritis kann die Tränen- und Speicheldrüsen befallen und das Drüsengewebe zerstören. Dieser Verlauf wird auch als Sicca-Syndrom bezeichnet und betrifft etwa ein Drittel der Patienten.
- Gefäßentzündungen: Entzündungen der Gefäßwände können sich in Durchblutungsstörungen äußern, die zu kleinen punktförmigen Wunden, Hautgeschwüren oder großflächigem Absterben von Gewebe führen können.
- Herzinfarktrisiko: Patienten mit rheumatoider Arthritis haben ein erhöhtes Herzinfarktrisiko (koronare Herzkrankheit). Die Arteriosklerose der Herzkranzgefäße ist bedingt durch den entzündlich-rheumatischen Krankheits-Prozess und tritt bei aktiver Gelenkentzündung, bei einer erhöhten Krankheitsaktivität häufiger auf.
- Lungenentzündung: Bei jedem 5. Patient mit rheumatoider Arthritis sind die Lungenbläschen entzündet. Die Entzündung führt zur unter Umständen zunehmenden Fibrose, Lungenverhärtung.
Diagnose der rheumatoiden Arthritis
Die Diagnose der rheumatoiden Arthritis kann insbesondere in den frühen Stadien schwierig sein, da verschiedene Erkrankungen ähnliche Krankheitszeichen aufweisen. Es ist daher empfehlenswert, bei Verdacht einen Rheumatologen aufzusuchen. Um eine rheumatoide Arthritis von anderen Gelenkerkrankungen zu unterscheiden, wird der Rheumatologe eine genaue Krankengeschichte (Anamnese) erheben, einen genauen Gelenkstatus erheben, auf Gelenkschwellungen untersuchen und Laboruntersuchungen sowie bildgebende Verfahren wie Sonographie und Kernspintomographie zur Diagnosestellung einsetzen.
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Wichtige Informationen aus der Krankheitsgeschichte sind:
- Kommt oder kam bei anderen Familienmitgliedern eine rheumatoide Arthritis oder eine andere chronisch-entzündliche Rheumaform vor?
- Wann traten zum ersten Mal Gelenkschwellungen auf?
- Welche Gelenke sind betroffen? Wandert die Erkrankung von Gelenk zu Gelenk? Schreitet die Erkrankung schnell oder langsam voran?
- Treten die Gelenkschmerzen vor allem in Ruhe, nachts oder am frühen Morgen auf?
- Beeinflussen Wärme, Kälte, Bewegungen oder Belastungen die Schmerzen? Ändern sich die Schmerzen während des Tages?
- Gab es besondere Begleitumstände zu Beginn der Erkrankung, z. B. Infektionen, Durchfall, eine Augenentzündung oder andere Erkrankungen?
- Sind gleichzeitig andere Symptome aufgetreten (Kopfschmerz, Fieber, Abgeschlagenheit)?
Darüber hinaus wird der behandelnde Rheumatologe verschiedene Laboruntersuchungen vornehmen, um den Verdacht auf rheumatoide Arthritis zu erhärten. Erhöhte Werte für die Blutsenkungsgeschwindigkeit oder das Entzündungseiweiß C-reaktives Protein (CRP) deuten darauf hin, dass im Körper des Patienten eine Entzündung vorliegt. Ein weiterer wichtiger Blutwert ist der Rheumafaktor. Ein deutlich verlässlicherer Blutwert sind Antikörper gegen so genannte citrullinierte Peptide (z.B. anti-CCP Antikörper, anti-Vimentin Antikörper und anti-CEP1 Antikörper), sogenannte Anti Cytoplasmatische Antikörper (ACPA).
Verschiedene bildgebende Verfahren ermöglichen dem Rheumatologen darüber hinaus, den Zustand der Gelenke zu beurteilen. Eine wichtige Technik ist die Gelenkuntersuchung mit Ultraschall, die so genannte Gelenksonografie. Damit kann der Arzt Flüssigkeitsansammlungen in größeren Gelenken sowie Gelenkentzündungen in kleinen Gelenken erkennen, die von außen unter Umständen nicht sichtbar sind. Auch Rheuma-typische Knochenschäden und Gelenkzerstörungen kommen so zum Vorschein. Röntgenaufnahmen von Händen und Füßen machen Gelenkzerstörungen sehr gut sichtbar. Eine Technik, die sich in den letzten eineinhalb Jahrzehnten gemeinsam mit dem Ultraschall zur Standardmethode für die Früherkennung der rheumatoiden Arthritis entwickelt hat, ist die Kernspin- oder Magnetresonanztomografie (MRT). Sie zeigt Veränderungen im Gelenk bereits im Frühstadium der Erkrankung.
Behandlung der rheumatoiden Arthritis
Früher wurde die Therapie der rheumatoiden Arthritis oft erst sehr spät begonnen. Heute weiß man, dass bei Patienten mit rheumatoider Arthritis die Gelenkzerstörung innerhalb der ersten zwei Jahre der Erkrankung am stärksten fortschreitet. Die Erfolgsaussichten einer Behandlung sind am größten, wenn in den ersten drei Monaten nach Krankheitsbeginn mit einer wirksamen Behandlung, in der Regel einer sogenannten Basistherapie begonnen wird.
Neue Behandlungsmöglichkeiten, insbesondere mit den Biologika, gehen mit einer deutlich erniedrigten Rate an Erkrankungen durch Herzgefäße einher. Sie scheinen einen Schutzfaktor vor entsprechenden Herzerkrankungen darzustellen und senken die Sterberate an Herzinfarkten. Neben dem rheumatischen Entzündungsprozess, haben auch die Einnahme von nichtsteroidalen Antirheumatika und Kortison einen Anteil an der erhöhten Häufigkeit von Herzgefäß-Erkrankungen und Herzinfarkten bei der rheumatoiden Arthritis.
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Entzündungen, Blutungen und Geschwüre der Magen- und Darmschleimhaut sind häufig eine Folge einer Behandlung mit nichtsteroidalen Antirheumatika. In der Regel kann diese Magenschädigung durch eine Einnahme eines Magenschutzmittels, von sogenannten Protonenpumpen-Hemmern verhindert werden.
Polyneuropathie erkennen und behandeln
Ein Gefühl, als würden Ameisen über die Beine laufen, Schmerzen oder fehlendes Temperaturempfinden in Händen oder Füßen - diese Symptome können Anzeichen für eine Polyneuropathie sein. Der Zusatz „Poly“ drückt aus, dass nicht nur ein einzelner Nerv, sondern mehrere Nerven oder ganze Nervenstrukturen geschädigt sind. Dadurch werden bei Betroffenen Reize zwischen Nerven, Rückenmark und Gehirn nicht mehr richtig weitergeleitet. Diese Funktionsstörung löst die typischen Beschwerden wie Schmerzen, Missempfindungen, Gefühlsstörungen oder Muskelschwäche aus.
Eine neurologische Facharztpraxis ist die richtige Anlaufstelle bei Polyneuropathie. Betroffene können sich aber auch an den Hausarzt oder die Hausärztin wenden - diese erstellen eine Verdachtsdiagnose und überweisen zu einem Neurologen oder einer Neurologin. Um festzustellen, ob tatsächlich eine Polyneuropathie vorliegt, findet zuerst ein Gespräch statt. Dabei erkundigt sich der Mediziner oder die Medizinerin nach der Krankengeschichte und nach den vorliegenden Beschwerden. Auch eine körperliche Untersuchung ist wichtig. Dabei prüft der Mediziner oder die Medizinerin, ob Muskeln gelähmt oder geschwächt sind. Einschränkungen beim Reizempfinden oder eine Beeinträchtigung der Reflexe können bei der körperlichen Untersuchung ebenfalls auffallen. Um den Ursachen auf den Grund zu gehen und um herauszufinden, welche Nerven wie stark geschädigt sind, gibt es zahlreiche Untersuchungsmethoden.
Bei einer Polyneuropathie gibt es verschiedene Behandlungsansätze: Um weitere Schäden zu verhindern und um die Beschwerden zu lindern, wird die zugrunde liegende Ursache beseitigt oder behandelt. Liegt etwa eine unbehandelte Diabeteserkrankung vor, muss der Blutzucker richtig eingestellt werden. Alkoholabhängige Menschen profitieren von einer Suchttherapie. Bei einem Vitaminmangel können Betroffene durch Ernährungsumstellungen einen Ausgleich schaffen. Führen Infektionen oder Entzündungen zu den Nervenschäden, können Antibiotika oder Kortison sinnvoll sein. Eine begleitende Schmerztherapie verschafft Betroffenen Linderung. Zum Einsatz kommen Antidepressiva und bestimmte Medikamente, die ursprünglich für Epilepsien entwickelt wurden (Antikonvulsiva). Je nach vorliegender Nervenschädigung können weitere Behandlungsansätze hilfreich sein, etwa Physio- oder Ergotherapie - sie unterstützen bei ungünstigen Bewegungsabläufen oder Gleichgewichtsstörungen sowie bei der Regeneration akuter Polyneuropathien. Spezielle Schienen, sogenannte Orthesen, helfen Betroffenen mit Muskellähmungen dabei, Hände und Füße beweglich zuhalten.
Leben mit rheumatoider Arthritis und Polyneuropathie
Eine Polyneuropathie bedeutet manchmal eine Einschränkung der Lebensqualität. Diese Tipps können das Wohlbefinden steigern und Risiken minimieren: Menschen mit Diabetes kontrollieren am besten regelmäßig ihren Blutzucker und nehmen ärztlich verordnete Medikamente ein. Eine Polyneuropathie an Beinen oder Füßen erhöht das Risiko für Fußgeschwüre - eine regelmäßige Kontrolle auf Wunden ist also wichtig. Menschen mit Polyneuropathie können bei Schmerzen und Missempfindungen von verschiedenen Angeboten wie Aquagymnastik oder Gehtraining profitieren.
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