Die Neuroborreliose ist eine seltene, aber schwerwiegende Folge einer Borreliose-Infektion, die durch Zeckenstiche übertragen wird. Sie entsteht, wenn sich die Borrelien-Bakterien im Körper ausbreiten und das Nervensystem befallen. Die Erkrankung kann sich durch vielfältige Symptome äußern, darunter brennende Nervenschmerzen, Taubheitsgefühl, Lähmungen und sogar Hirnhautentzündung. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung mit Antibiotika sind entscheidend, um bleibende Schäden zu vermeiden.
Was ist Borreliose und Neuroborreliose?
Die Borreliose, auch Lyme-Borreliose oder Lyme-Krankheit genannt, ist eine bakterielle Infektionskrankheit, die durch Zeckenstiche übertragen wird. Auslöser der Lyme-Borreliose ist eine Infektion mit dem Bakterium Borrelia burgdorferi. Sie kann zu einer ringförmigen Rötung an der Einstichstelle (Erythem) und grippeähnlichen Beschwerden führen. Haben die Bakterien (Borrelien) bereits das Gehirn beziehungsweise das Nervensystem oder die Gelenke angegriffen, können in der Folge Lähmungserscheinungen und Nervenschmerzen (Lyme-Neuroborreliose) oder eine Herzmuskelentzündung (Lyme-Karditis) auftreten.
Die Neuroborreliose ist eine Verlaufsform der Lyme-Borreliose und tritt auf, wenn die Borrelien das Nervensystem befallen. Dies geschieht bei etwa drei Prozent der von Borreliose betroffenen Menschen. Die Bakterien setzen sich vor allem an den Nervenwurzeln im Bereich des Rückenmarks fest.
Ursachen und Risikofaktoren
Übertragung durch Zeckenstiche
Borrelien werden nur durch Zeckenstiche auf den Menschen übertragen. Das bedeutet, dass die Erkrankung nicht von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Zecken haben einen Stechrüssel, durch den sie Blut saugen. Dabei können Krankheitserreger in die Blutbahn von Menschen und Tieren gelangen. Somit ist ein Zeckenstich und nicht - wie umgangssprachlich oft behauptet - ein Zeckenbiss für eine Borreliose verantwortlich.
In Deutschland tragen je nach Region um die 30 Prozent aller Zecken Borrelien in sich. Allerdings führt nicht jeder Stich einer befallenen Zecke automatisch zur Ansteckung. Das Übertragungsrisiko steigt, je länger die Zecke am Körper sitzt und Blut saugt.
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Risikofaktoren
Personen, die sich häufig in der Natur aufhalten, insbesondere in Wäldern und Wiesen, haben ein höheres Risiko, von Zecken gestochen zu werden und somit an Borreliose zu erkranken. Zecken halten sich auf Grashalmen, an Buschzweigen und im Unterholz auf. Von dort werden sie abgestreift und wandern auf der Haut in weitere Körperregionen. Zecken können auch durch Wildtiere und Haustiere, die sich im Freien aufhalten, weitergegeben werden.
Das Risiko einer Borrelieninfektion steigt mit jeder Blutmahlzeit einer Zecke. Zecken durchlaufen drei Entwicklungsstadien: von der Larve mit drei Beinpaaren über die Nymphe bis hin zur ausgewachsenen (adulten) Zecke mit jeweils vier Beinpaaren. In den ersten beiden Stadien sind Zecken besonders klein. Sie können mit Leberflecken verwechselt und daher leicht übersehen werden.
Symptome der Neuroborreliose
Die Symptome einer Neuroborreliose können vielfältig sein und sich individuell unterschiedlich äußern. Sie treten meist wenige Wochen bis Monate nach dem Zeckenstich auf, können sich aber auch schleichend über Monate bis Jahre entwickeln.
Frühsymptome
Ein frühes Anzeichen einer Borreliose-Infektion kann die sogenannte Wanderröte (Erythema migrans) sein. Dabei handelt es sich um eine ringförmige Hautrötung, die sich um die Einstichstelle bildet und langsam nach außen ausbreitet. Die Wanderröte tritt bei etwa 90 Prozent aller Krankheitsfälle auf und kann zwischen 3 und 30 Tagen nach dem Zeckenstich auftreten.
Weitere mögliche Frühsymptome sind:
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- Grippeähnliche Beschwerden wie Fieber, Muskel- und Gelenkschmerzen, Lymphknotenschwellungen und Müdigkeit
- Hautveränderungen wie knötchenartige oder blaurote Schwellungen der Haut an Ohren, Brustwarzen oder im Genitalbereich (vor allem bei Kindern)
Symptome der Neuroborreliose
Die Neuroborreliose äußert sich durch eine Vielzahl neurologischer Symptome, die durch die Entzündung der Hirn- und Rückenmarksnerven verursacht werden. Zu den typischen Symptomen gehören:
- Brennende Nervenschmerzen: Diese treten meist nachts auf und können vom Rückenmark in andere Körperregionen ausstrahlen. Einige Betroffene beschreiben die Schmerzen als bohrend, beißend oder reißend. Normale Schmerzmittel helfen bei dieser Art von Schmerzen nicht oder kaum.
- Gesichtslähmung: Häufig kommt es zu einer ein- oder beidseitigen Lähmung des Gesichtsnervs (Fazialisparese). Bei einer Gesichtslähmung hängen die Mundwinkel herunter, die Betroffenen können ihre Stirn nicht mehr runzeln und ihre Augen - beziehungsweise ein Auge - nicht mehr schließen. Eine beidseitige Gesichtslähmung ist im Allgemeinen sehr selten und ein sicheres Anzeichen für eine Neuroborreliose.
- Muskelschwäche und Lähmungen: In einigen Fällen kann es zu Muskelschwäche und Lähmungen an Armen und Beinen kommen.
- Taubheitsgefühl: Entzündliche Nervenreizungen können zu Taubheitsgefühl in verschiedenen Körperregionen führen.
- Seh- und Hörstörungen: In seltenen Fällen können auch die Nerven, die für das Sehen und Hören verantwortlich sind, betroffen sein und zu entsprechenden Störungen führen.
- Hirnhautentzündung (Meningitis): Insbesondere bei Kindern kann sich die Neuroborreliose in Form einer Hirnhautentzündung äußern. Mögliche Anzeichen für eine Hirnhautentzündung sind Fieber, Kopfschmerzen, ein steifer Nacken, Licht- und Geräuschempfindlichkeit, Übelkeit, Verwirrtheit und Bewusstseinsstörungen.
Spätsymptome
In seltenen Fällen kann sich eine chronische Neuroborreliose entwickeln, die sich durch folgende Symptome äußern kann:
- Entzündung des Zentralnervensystems (Gehirn und Rückenmark)
- Gangstörungen
- Blasenstörungen
- Kognitive Beeinträchtigungen
- Verändertes Gemüt
Eine weitere mögliche Spätfolge der Borreliose ist die Acrodermatitis chronica atrophicans, eine chronische Hautentzündung, die vor allem bei älteren Frauen auftritt. Betroffen sind typischerweise die Gliedmaßen. Die Erkrankten bemerken etwa Hautveränderungen wie Rötungen, Schwellungen oder rissige Stellen. Zudem stellen sie Anzeichen für Nervenschäden bei sich fest. Zu den möglichen Symptomen gehören Taubheitsgefühle, Kribbeln und Brennen sowie ein verstärktes Schmerzempfinden.
Diagnose
Die Diagnose der Neuroborreliose kann aufgrund der vielfältigen Symptome und des oft unklaren Zeckenstichs schwierig sein. Folgende Untersuchungen werden in der Regel durchgeführt:
- Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten, insbesondere ob ein Zeckenstich stattgefunden hat oder ob sich der Patient in einem Risikogebiet aufgehalten hat.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht den Patienten auf typische Anzeichen einer Borreliose, wie die Wanderröte oder andere Hautveränderungen.
- Blutuntersuchung: Im Blut werden Antikörper gegen Borrelien nachgewiesen. Allerdings bedeutet der Nachweis von Antikörpern nicht zwangsläufig, dass eine akute Neuroborreliose vorliegt, da Antikörper auch nach einer überstandenen Infektion noch vorhanden sein können.
- Liquoruntersuchung (Lumbalpunktion): Bei Verdacht auf eine Neuroborreliose wird eine Lumbalpunktion durchgeführt, bei der Nervenwasser (Liquor) aus dem Rückenmarkskanal entnommen und untersucht wird. Im Liquor werden ebenfalls Antikörper gegen Borrelien sowie Entzündungszeichen (erhöhte Anzahl von weißen Blutkörperchen und erhöhtes Eiweiß) nachgewiesen. In unklaren Fällen kann das Protein CXCL13 im Liquor bestimmt lassen. Es ist bei einer Neuroborreliose fast immer erhöht.
- Magnetresonanztomografie (MRT): In bestimmten Fällen, insbesondere bei Verdacht auf eine Entzündung von Hirngefäßen, kann eine MRT des Gehirns durchgeführt werden.
Behandlung
Die Neuroborreliose wird mit Antibiotika behandelt. In der Regel werden Doxycyclin oder Ceftriaxon über einen Zeitraum von zwei bis drei Wochen verabreicht. Welches Antibiotikum der Arzt im Einzelfall für die Neuroborreliose-Therapie auswählt, hängt von den individuellen Gegebenheiten ab. Eine Rolle spielt unter anderem, wie alt der Patient ist, ob er bekanntermaßen allergisch auf eines der Antibiotika reagiert oder ob eine Schwangerschaft vorliegt. So dürfen beispielsweise schwangere Frauen und Kinder unter neun Jahren nicht mit Doxycyclin behandelt werden.
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Bei einer akuten Neuroborreliose läuft die Behandlung über 14 Tage, bei der chronischen Form über 14 bis 21 Tage.
Eine frühzeitige Behandlung mit Antibiotika ist entscheidend, um bleibende Schäden zu vermeiden. In den meisten Fällen heilt die Neuroborreliose folgenlos ab.
Begleitende Maßnahmen
Zusätzlich zur Antibiotikatherapie können begleitende Maßnahmen eingesetzt werden, um die Symptome zu lindern und die Genesung zu unterstützen:
- Schmerzmittel: Bei starken Schmerzen können Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol eingenommen werden.
- Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, Muskelschwäche und Lähmungen zu verbessern.
- Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen,Alltagsaktivitäten wieder selbstständig auszuführen.
- Logopädie: Bei Sprachstörungen kann Logopädie helfen.
- Psychologische Unterstützung: Eine psychologische Betreuung kann bei der Bewältigung der Erkrankung und ihrer Folgen hilfreich sein.
Prognose
Die Prognose der Neuroborreliose ist in der Regel gut, wenn die Erkrankung frühzeitig erkannt und behandelt wird. Viele Patienten erholen sich vollständig von der Infektion. In einigen Fällen können jedoch bleibende Schäden zurückbleiben, wie z.B. Empfindungsstörungen, Lähmungserscheinungen, Schmerzen, Gangunsicherheit oder Schwindel.
Vorbeugung
Es gibt keine Impfung gegen Borreliose. Daher ist es wichtig, Zeckenstiche zu vermeiden. Folgende Maßnahmen können helfen, das Risiko eines Zeckenstichs zu verringern:
- Geeignete Kleidung tragen: Bei Aufenthalten im Wald oder auf Wiesen sollten lange Hosen, langärmlige Oberteile und geschlossene Schuhe getragen werden. Die Hosenbeine sollten in die Socken gesteckt werden. Helle Kleidung ist vorteilhaft, da Zecken auf ihr leichter zu erkennen sind.
- Zeckenabweisende Mittel verwenden: Vor dem Aufenthalt im Freien können zeckenabweisende Mittel (Repellents) auf die Haut aufgetragen werden.
- Körper nach Zecken absuchen: Nach dem Aufenthalt im Freien sollte der Körper gründlich nach Zecken abgesucht werden, insbesondere in den Kniekehlen, Leisten, Achseln, hinter den Ohren und am Haaransatz.
- Zecken schnell entfernen: Zecken sollten so schnell wie möglich entfernt werden. Dazu eignet sich am besten eine Zeckenzange oder Zeckenkarte. Die Zecke sollte am Kopfbereich möglichst nah der Haut gefasst und langsam und gerade herausgezogen werden. Auf keinen Fall sollte die Zecke vorher mit Öl oder Cremes beträufelt oder gequetscht werden, da dies die Freisetzung von Erregern begünstigen kann. Nach dem Entfernen der Zecke sollte die Stichstelle desinfiziert werden.
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