Rotatorischer Nystagmus: Ursachen, Diagnose und Behandlungsansätze

Der rotatorische Nystagmus, eine Form des Augenzitterns, ist durch unwillkürliche, rhythmische Bewegungen der Augen gekennzeichnet, die eine rotatorische Komponente aufweisen. Diese Bewegungen können erhebliche Auswirkungen auf das Sehvermögen und das Gleichgewicht haben und die Lebensqualität der Betroffenen beeinträchtigen. Umfassende Informationen über die Ursachen, Diagnosemethoden und verfügbaren Behandlungsansätze sind entscheidend, um den Betroffenen eine optimale Versorgung zu gewährleisten.

Einführung in den Nystagmus

Unter Nystagmus (aus dem Griechischen von nystázein, was einnicken bedeutet) versteht man ein unwillkürliches Augenzittern, das aus langsamen und schnellen Augenbewegungen besteht. Dabei unterscheidet man zwischen Pendelnystagmus (langsame Augenbewegungen) und Rucknystagmus (langsame und schnelle Bewegung). Der Nystagmus kann physiologisch (natürlich) oder pathologisch (krankhaft) sein. Physiologische Formen dienen der Blickstabilisierung, während pathologische Formen auf zugrunde liegende Erkrankungen hinweisen können.

Das sensomotorische System und der vestibulookuläre Reflex (VOR)

Für einen intakten Gleichgewichtssinn ist das sensomotorische System zuständig, dessen zentraler Bestandteil der vestibulookuläre Reflex (VOR) ist. Dieser Reflex ermöglicht durch die Informationsübertragung vom Labyrinth über den Nervus vestibularis zu Kerngebieten im Hirnstamm und letztlich den Augenmuskeln eine Haltungsregulation, Blickstabilisierung und Orientierung im Raum. Funktionsstörungen dieses Systems können zu Schwindel (Vertigo) und Beeinträchtigungen des Gleichgewichtssinnes führen.

Ursachen des rotatorischen Nystagmus

Die Ursachen für rotatorischen Nystagmus sind vielfältig und können sowohl angeborene als auch erworbene Faktoren umfassen.

Angeborene Ursachen

Frühkindliche Nystagmusformen entstehen in der Regel während der Entwicklung der Fixation und Okulomotorik innerhalb der ersten drei Lebensmonate. Ursächlich ist eine gestörte Reifung des Fixations- und Folgebewegungssystems, welche zu einer Fixationsinstabilität mit beständigem Abdriften der Augen führt. Zu den angeborenen Formen gehören:

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  • Frühkindlicher idiopathischer Nystagmus: Hierbei sind verschiedene Vererbungsmodi möglich, wobei der X-chromosomale Nystagmus mit Mutationen des FRMD7-Gens am häufigsten ist.
  • Sensorik-Defekt-Nystagmus: Dieser tritt im Zusammenhang mit einer beidseitigen afferenten Störung auf. Ursächlich ist eine Instabilität der okulomotorischen Steuerung aufgrund des Afferenzdefekts.
  • Nystagmus latens: Dieser ist Teil des frühkindlichen Schielsyndroms und wird durch mangelhaftes Binokularsehen hervorgerufen.
  • Spasmus nutans: Diese seltene Form manifestiert sich erst Ende des ersten Lebensjahres.

Erworbene Ursachen

Erworbene Nystagmusformen können durch verschiedene Erkrankungen und Einflüsse verursacht werden:

  • Neurologische Erkrankungen: Veränderungen von Hirnstamm oder Kleinhirn, Multiple Sklerose, Morbus Parkinson und andere neurologische Erkrankungen können zu Nystagmus führen.
  • Gleichgewichtsstörungen: Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans, wie z. B. die Neuropathia vestibularis (akuter einseitiger teilweiser oder vollständiger Vestibularisausfall) oder Morbus Menière, können rotatorischen Nystagmus verursachen.
  • Ischämie: Durchblutungsstörungen im Hirnstamm können ebenfalls eine Ursache sein.
  • Entzündungen: Entzündungen im Gehirn können ebenfalls ursächlich sein.
  • Tumoren: Tumore im Gehirn können ebenfalls ursächlich sein.
  • Metabolische Störungen: Stoffwechselstörungen können ebenfalls ursächlich sein.
  • Traumata: Traumata im Gehirn können ebenfalls ursächlich sein.
  • Medikamente und Drogen: Ototoxische Medikamente (ohrgiftige) oder Drogen wie Ecstasy können rotatorischen Nystagmus auslösen.
  • Kopfverletzungen: Kopfverletzungen können zu Schädigungen des Gehirns oder des Nervensystems führen, was zu Nystagmus führen kann. Es kann auch ein Ergebnis von Schäden an den Augenmuskeln oder dem Innenohr sein, die durch eine Kopfverletzung verursacht werden.
  • Schlaganfall: Nystagmus kann eine Folge eines Schlaganfalls sein. In einigen Fällen tritt der Nystagmus direkt nach einem Schlaganfall auf, in anderen Fällen kann er erst Wochen oder Monate später auftreten.
  • HWS: Nystagmus kann auch durch eine Halswirbelsäulenverletzung verursacht werden. Wenn die Halswirbelsäule geschädigt wird, können sich bestimmte Muskeln des Nackens zusammenziehen und Druck auf das visuelle System ausüben.

Weitere Faktoren

  • Stress: Stress kann eine Vielzahl von körperlichen und emotionalen Symptomen verursachen, einschließlich Augenzittern.
  • Mangel an Nährstoffen: Bestimmte Nährstoffe wie Vitamin B12, Folsäure und Jod sind für die Funktion des Nervensystems und des Gehirns notwendig. Wenn diese Nährstoffe nicht in ausreichenden Mengen vorhanden sind, kann das zu Funktionsstörungen des Nervensystems führen.
  • Genetische Faktoren: Einige Gene beeinflussen direkt die Struktur und Funktion der Augenmuskeln, andere die Funktion des zentralen Nervensystems, beides kann Nystagmus beeinflussen oder verursachen kann.
  • Gehirnerschütterung: Durch eine Gehirnerschütterung kann es zu einer Schädigung des Gleichgewichtsorganes im Innenohr oder des Gleichgewichtszentrums im Gehirn kommt.
  • Albinismus: Albinismus ist eine genetische Erkrankung, die zu einer Fehlfunktion der Melaninproduktion führt, was zu einer Abnahme der Pigmentierung der Haut, der Haare und der Augen führt. Einige Fälle von Albinismus sind mit einem Nystagmus verbunden.

Symptome des rotatorischen Nystagmus

Die Symptome des rotatorischen Nystagmus können je nach Ursache und Ausprägung variieren. Typische Symptome sind:

  • Unwillkürliches Augenzittern: Die Augen bewegen sich unkontrolliert und rhythmisch, oft mit einer rotatorischen Komponente.
  • Verminderte Sehschärfe: Die ständigen Augenbewegungen können es erschweren, ein scharfes Bild zu erzeugen.
  • Schwindel: Insbesondere bei vestibulären Ursachen kann Schwindel auftreten.
  • Übelkeit und Erbrechen: Diese Symptome können in Verbindung mit Schwindel auftreten.
  • Oszillopsie: Die Umgebung wird als schwankend oder zitternd wahrgenommen.
  • Kopfzwangshaltung: Betroffene nehmen möglicherweise eine bestimmte Kopfhaltung ein, um die Symptome zu minimieren.
  • Fallneigung und Gangstörungen: Störungen des Gleichgewichts können zu Unsicherheiten beim Gehen führen.
  • Doppelbilder: Durch die gestörte Blickstabilisierung können Doppelbilder auftreten.

Diagnose des rotatorischen Nystagmus

Die Diagnose des rotatorischen Nystagmus umfasst verschiedene Schritte:

Anamnese

Eine ausführliche Anamnese ist wichtig, um Informationen über die Art des Schwindels, die Zeitdauer, modulierende Faktoren und zusätzliche Symptome zu erhalten. Fragen nach Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme und Drogenkonsum sind ebenfalls relevant.

Klinische Untersuchung

Die klinische Untersuchung umfasst:

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  • Allgemeiner Status: Beurteilung des allgemeinen Zustands des Patienten.
  • Kreislaufsituation: Messung des Blutdrucks und Auskultation des Herzens.
  • Halswirbelsäule: Untersuchung der Halswirbelsäule.
  • Neurologische Untersuchung: Erhebung des Reflexstatus, Sensibilitätsprüfung, Romberg-Stehversuch, Unterberger-Tretversuch, Diadochokinese und Finger-Nase-Versuch.
  • HNO-ärztliche Untersuchung: Spiegeluntersuchung, Untersuchung auf Nystagmus einschließlich Lagerungs-Provokation und horizontaler Kopfimpulstest.

Untersuchung mit Frenzelbrille

Die Frenzelbrille dient der Augenvergrößerung und verhindert gleichzeitig die Fixierung von Gegenständen im Raum, wodurch spontane Augenbewegungen besser sichtbar werden.

Videonystagmographie (VNG)

Die Videonystagmographie ist eine wichtige Methode zur objektiven Aufzeichnung und Analyse von Augenbewegungen. Dabei wird eine Videomaske mit integrierter Kamera verwendet, um die Pupillenbewegungen unter Verdunkelung (Aufhebung der optischen Fixation) zu verfolgen. Folgende Tests werden durchgeführt:

  • Registrierung eines Spontannystagmus: Prüfung, ob ein Nystagmus ohne Kopf- oder Körperbewegungen vorhanden ist.
  • Optokinetische Reizung: Bewegung eines Streifenmusters vor den Augen bei fester Kopfhaltung.
  • Rotatorische Reizung: Auslösung eines rotatorischen Nystagmus mittels eines Drehstuhls.
  • Lage- und Lagerungsprobe: Prüfung auf Nystagmen bei unterschiedlichen Kopf- bzw. Körperpositionen. Die dynamische Lagerungsprobe nach Hallpike-Dix ist eine Methode, bei der durch einen Lagewechsel ein Nystagmus ausgelöst wird.

Apparative Untersuchungen

  • Elektronystagmographie (ENG) mit kalorischer Prüfung: Diese Untersuchung wird durchgeführt, wenn der Kopfimpulstest keinen sicheren Befund erbrachte. Sie dient der Überprüfung der Funktion des horizontalen Bogengangs.
  • Bildgebung (MRT): Bei Hinweisen auf eine zentrale Genese des Schwindels ist eine Bildgebung des Schädels indiziert.
  • Vestibulär evozierte myogene Potenziale (VEMPs): Diese Untersuchung überprüft die Funktion des Sakkulus.

Differentialdiagnosen

Wichtige Differentialdiagnosen zum rotatorischen Nystagmus sind:

  • Zentrale Ursachen: Kleinhirninfarkte, Multiple Sklerose, Akustikusneurinom oder Läsionen der vestibulären Nervenkerne.
  • Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS)
  • Morbus Menière

Behandlung des rotatorischen Nystagmus

Die Behandlung des rotatorischen Nystagmus zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Konservative Therapie

  • Optische Hilfsmittel: Brillen oder Kontaktlinsen können die Sehschärfe verbessern. Kontaktlinsen haben den Vorteil, dass sie sich mit dem Auge bewegen und in jedem Blickwinkel zentriert sind.
  • Medikamentöse Therapie: Medikamente wie Botulinumtoxin (Botox) oder Baclofen können die Frequenz und Stärke der Augenbewegungen reduzieren. Allerdings ist die Wirkung oft nur vorübergehend. Antivertiginosa sollten nur in den ersten Tagen bei schwerer Übelkeit und Erbrechen gegeben werden, um die zentrale Kompensation eines Vestibularausfalls nicht zu verzögern.
  • Vestibuläres Training: Physiotherapie mit vestibulären Trainingsprogrammen kann die gestörte Blickstabilisation verbessern und den vestibulookulären Reflex (VOR) neu einrichten.

Kausale Therapie

Die kausale Therapie richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache des Nystagmus. Bei einer Neuritis vestibularis kann beispielsweise eine Behandlung mit Glukokortikosteroiden (z.B. Methylprednisolon) die Erholung der peripher vestibulären Funktion verbessern.

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Operative Therapie

  • Operationen an den Augenmuskeln: Diese können das Augenzittern vermindern oder eine Kopfzwangshaltung korrigieren.
  • Parallelverschiebung nach Kestenbaum: Bei dieser Operation werden die Augen so verschoben, dass das Zittern der Augen beim Geradeausblicken aufhört.
  • Artifizielle Divergenz nach Cüppers: Diese Methode wird bei weniger starkem Augenzittern angewendet, das vor allem bei Betrachtung von Objekten in unmittelbarer Nähe auftritt.

Weitere Ansätze

  • Biofeedback-Training: Diese Methode kann Patienten helfen, ihre Augenbewegungen bewusst zu steuern und das unbewusste Augenzittern abzuschwächen.
  • Psychologische Unterstützung: Psychologisch geschulte Spezialisten oder Selbsthilfegruppen können Betroffenen helfen, mit den persönlichen und sozialen Auswirkungen des Nystagmus umzugehen.
  • Änderungen am Lebensstil: Den Konsum von Alkohol, Koffein und anderen Stimulanzien zu reduzieren.

Verlauf und Prognose

Der Verlauf des rotatorischen Nystagmus hängt von der Ursache und der Wirksamkeit der Behandlung ab. Angeborene Formen sind oft nicht heilbar, aber die Symptome können gelindert werden. Bei erworbenen Formen kann der Nystagmus abklingen, wenn die auslösende Erkrankung geheilt ist. In einigen Fällen kann es zu einer spontanen Besserung kommen, während in anderen Fällen eine langfristige Behandlung erforderlich ist. Eine vollständige Restitution der Gleichgewichtsfunktion tritt in 40-50% der Fälle ein, während 20-30% der Betroffenen nur eine partielle Restitution erreichen.

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