Die Alzheimer-Krankheit, die häufigste Form der Demenz, betrifft weltweit Millionen von Menschen und stellt eine enorme Herausforderung für Betroffene, Angehörige und Gesundheitssysteme dar. Obwohl es bisher keine Heilung gibt, mehren sich die Anzeichen für einen Wendepunkt in der Behandlung. Neue Medikamente, die in anderen Ländern bereits zugelassen sind, versprechen, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Gleichzeitig rücken auch Therapieansätze aus Russland wieder in den Fokus, die möglicherweise neue Wege in der Behandlung eröffnen könnten.
Aktuelle Entwicklungen bei Alzheimer-Medikamenten
In den USA, Japan, Südkorea und China sind bereits zwei neue Medikamente gegen Alzheimer auf dem Markt: Lecanemab (Handelsname Leqembi) und Donanemab. Diese Medikamente zielen darauf ab, Amyloid-Plaques im Gehirn zu entfernen, die als eine der Hauptursachen für die Alzheimer-Krankheit gelten. Studien haben gezeigt, dass Lecanemab und Donanemab den Krankheitsverlauf um etwa 30 Prozent verlangsamen können.
EMA empfiehlt Zulassung von Lecanemab unter Vorbehalten
Die europäische Arzneimittelaufsicht EMA hat Lecanemab zunächst abgelehnt, ihre Entscheidung aber nach einem Einspruch des Herstellers revidiert. Nun empfiehlt die EMA die Zulassung von Lecanemab, allerdings nur für einen eingeschränkten Personenkreis. Die Empfehlung gilt für Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung oder leichter Alzheimer-Demenz, bei denen die Substanz getestet wurde. Außerdem soll die Zulassung auf Patienten beschränkt werden, bei denen das Apolipoprotein E4-Gen (ApoE4) nicht doppelt vorliegt, da bei diesen Patienten gehäuft schwere Nebenwirkungen auftreten können.
Richard Dodel, ein Alzheimer-Experte von der Universität Duisburg-Essen, begrüßt die Entscheidung der EMA, betont aber, dass das Medikament die Krankheit nicht heilen kann, sondern den Krankheitsverlauf lediglich um ein knappes halbes Jahr aufhalten kann.
Donanemab noch in der Prüfung
Donanemab, ein ähnliches Präparat wie Lecanemab, befindet sich noch in der Prüfung durch die EMA. Eine Entscheidung wird im Februar erwartet. Donanemab hat einen etwas anderen Angriffsmechanismus als Lecanemab, greift aber im Prinzip an derselben Stelle an: Beta-Amyloide, die sich bei Alzheimer bilden, werden durch die Antikörper aufgelöst.
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Herausforderungen und Kosten
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es auch Herausforderungen und Bedenken im Zusammenhang mit den neuen Medikamenten. Die hohen Kosten und die komplexe Anwendung erschweren den weltweiten Zugang zu den Medikamenten. Eine Behandlung mit Lecanemab kostet beispielsweise 26.000 Euro pro Jahr, hinzu kommen die begleitende Diagnostik und Versorgung, die die Kosten auf 40.000 Euro im Jahr erhöhen können.
Darüber hinaus warnen Experten vor möglichen Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen und Blutungen. Die EMA betont, dass zwingend Maßnahmen zur Risikominimierung erforderlich sind, wie z.B. regelmäßige MRT-Scans vor und während der Behandlung.
Therapieansätze aus Russland: Dimebon und Galantamin
Neben den neuen Medikamenten aus den USA und anderen Ländern rücken auch Therapieansätze aus Russland wieder in den Fokus. Insbesondere zwei Substanzen sind hier von Interesse: Dimebon und Galantamin.
Dimebon: Ein Hoffnungsträger mit ungewisser Zukunft
Dimebon, ein ursprünglich als Heuschnupfenmittel entwickelter Wirkstoff, wurde in Russland seit 1983 zur Behandlung von Allergien eingesetzt. Studienergebnisse deuteten darauf hin, dass Dimebon auch als Alzheimer-Medikament geeignet sein könnte. In einer klinischen Studie zeigte Dimebon eine Verbesserung der kognitiven Leistung bei Alzheimer-Patienten mit milder bis moderater Form der Erkrankung.
Allerdings verlief eine spätere multinationale Studie mit Latrepirdin, dem Nachfolger von Dimebon, enttäuschend. Die Patienten, die den Wirkstoff erhielten, schnitten weder in ihren kognitiven Leistungen noch hinsichtlich ihrer Selbstständigkeit im Alltag besser ab als die Patienten, die ein Placebo erhielten. Die Zukunft von Dimebon als Alzheimer-Medikament ist daher ungewiss.
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Galantamin: Ein natürlicher Wirkstoff aus dem Schneeglöckchen
Galantamin ist ein natürlicher Wirkstoff, der aus verschiedenen Pflanzen gewonnen wird, darunter das Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) und verwandte Arten. Galantamin wirkt als Cholinesterase-Hemmer, indem es den Abbau des Neurotransmitters Acetylcholin im synaptischen Spalt inhibiert. Acetylcholin spielt eine wichtige Rolle bei Gedächtnis und Kognition. Durch die Erhöhung der Acetylcholin-Konzentration im Gehirn kann Galantamin die kognitiven Funktionen bei Alzheimer-Patienten verbessern.
Galantamin wurde im Jahr 2000 zugelassen und wird seitdem zur Behandlung der Alzheimer-Demenz eingesetzt. Es ist in verschiedenen Ländern unter dem Handelsnamen Reminyl® erhältlich.
Ethnobotanische Wurzeln der Galantamin-Forschung
Die Entdeckung von Galantamin als Wirkstoff gegen Alzheimer hat interessante ethnobotanische Wurzeln. In den 1950er Jahren untersuchten russische Wissenschaftler die traditionelle Verwendung von Schneeglöckchen in der Volksmedizin. Sie fanden heraus, dass Schneeglöckchen eine acetylcholinesterasehemmende Wirkung haben und dass Extrakte aus Schneeglöckchen zur Behandlung von Poliomyelitis eingesetzt wurden. Diese Erkenntnisse führten zur Isolierung und Erforschung von Galantamin als Medikament gegen Alzheimer.
Galantamin-Quellen und Produktionsherausforderungen
Galantamin kann aus verschiedenen Pflanzen gewonnen werden, darunter Galanthus nivalis, Galanthus woronowii, Narcissus spp. und Leucojum aestivum. Allerdings ist die Ausbeute an Galantamin aus diesen Pflanzen gering, was die Produktion des Medikaments erschwert. In den 1990er Jahren lag der Preis für ein Kilogramm Galantamin bei circa 40.000 US-Dollar.
Um die Versorgung mit Galantamin sicherzustellen, wurden verschiedene Strategien entwickelt, darunter der Anbau von Galantamin-reichen Pflanzen und die Entwicklung synthetischer Verfahren zur Herstellung von Galantamin.
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Weitere Substanzen und Therapieansätze aus Russland
Neben Dimebon und Galantamin gibt es weitere Substanzen und Therapieansätze aus Russland, die im Zusammenhang mit der Behandlung von neurologischen Erkrankungen, einschließlich Demenz, untersucht wurden. Dazu gehören:
- Mebikar (Temgicoluril): Ein Anxiolytikum, das in Lettland und Russland nicht nur bei Angstzuständen und neurotischen Störungen, sondern auch als Mittel bei ADHS und zur Rauchentwöhnung verwendet wird.
- Cinnarizin: Ein Calciumkanalblocker zur Behandlung von Durchblutungsstörungen und Gleichgewichtsproblemen.
- Vinpocetin: Ein halbsynthetischer Stoff, der bei zerebrovaskulären Störungen und Demenz angewendet wird.
- Ceraxon (Citicolin): Ein Mittel, das bei neurologischen Indikationen wie Schlaganfall eingesetzt wurde.
- Gliatilin (L-Alpha Glycerylphosphorylcholin): Eine Vorstufe von Cholin, die im Körper in Acetylcholin umgewandelt werden kann und zur Behandlung neurologischer Erkrankungen eingesetzt wird.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Substanzen bei der Behandlung von Demenz nicht abschließend belegt sind und weitere Forschung erforderlich ist.
Präventive Maßnahmen zur Reduzierung des Demenzrisikos
Neben der medikamentösen Behandlung gibt es auch eine Reihe von präventiven Maßnahmen, die das Risiko für neurologische Erkrankungen, einschließlich Alzheimer-Demenz, reduzieren können. Dazu gehören:
- Viel körperliche Aktivität: Regelmäßige Bewegung fördert die Durchblutung des Gehirns und kann das Risiko für Demenz reduzieren.
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten ist wichtig für die Gesundheit des Gehirns.
- Ausreichend Schlaf: Schlafmangel kann das Risiko für Demenz erhöhen.
- Sozialkontakte pflegen und soziale Isolation vermeiden: Soziale Interaktion stimuliert das Gehirn und kann das Risiko für Demenz reduzieren.
- Schädigende Stoffe (z.B. Alkohol, Drogen und Tabak) vermeiden: Diese Stoffe können das Gehirn schädigen und das Risiko für Demenz erhöhen.
- Volkskrankheiten gut kontrollieren (z.B. Bluthochdruck, Diabetes): Diese Erkrankungen können das Risiko für Demenz erhöhen.
Herz- und Gefäßerkrankungen erhöhen Demenzrisiko
Kardiologen warnen zudem vor drei häufigen Herzerkrankungen, die das Demenzrisiko deutlich erhöhen: Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die American Heart Association (AHA) hat in einer wissenschaftlichen Erklärung den Zusammenhang zwischen Herz-Erkrankungen und der Gehirngesundheit hervorgehoben.
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