Die Begriffe "psychische Störung" und "Nervenkrankheit" werden oft im allgemeinen Sprachgebrauch synonym verwendet, obwohl sie unterschiedliche medizinische Bereiche betreffen. Um diese Unterscheidung zu verstehen, ist es wichtig, die historischen Wurzeln und die heutige Praxis der Neurologie und Psychiatrie zu betrachten.
Historische Entwicklung und Trennung der Fachgebiete
Früher waren die medizinischen Fachgebiete Neurologie und Psychiatrie in Deutschland unter dem Begriff "Nervenheilkunde" zusammengefasst. Dies spiegelte die damalige Vorstellung wider, dass viele Erkrankungen des Nervensystems sowohl körperliche als auch seelische Auswirkungen haben können. Mit der Zeit entwickelten sich jedoch beide Bereiche zu eigenständigen Disziplinen. Heute sind Neurologie und Psychiatrie zwei separate Fachgebiete, sowohl im Klinikbereich als auch in der Forschung. Dennoch gibt es weiterhin "Nervenärzte", die eine Doppelapprobation in beiden Fächern besitzen und somit ein breites Spektrum an Erkrankungen behandeln können.
Die Neurologie: Erkrankungen des Nervensystems
Die Neurologie befasst sich mit Erkrankungen des Nervensystems, also des Gehirns, des Rückenmarks und der peripheren Nerven. Diese Erkrankungen können strukturelle Schäden oder Funktionsstörungen des Nervensystems umfassen.
Funktionelle neurologische Störungen
Ein wichtiger Aspekt der Neurologie sind funktionelle neurologische Störungen. Diese äußern sich in Symptomen wie Lähmungserscheinungen (Paresen) oder Taubheitsgefühlen, die oft unerwartet auftreten, insbesondere in Situationen hoher seelischer Belastung. Im Gegensatz zu strukturellen Schäden des Nervensystems liegt bei funktionellen Störungen keine organische Ursache vor.
Symptome und Diagnose
- Motorische Paresen: Diese reichen von vorübergehender Unsicherheit in der Bewegungskontrolle bis hin zu schweren Lähmungen. Typisch sind ein plötzlicher Beginn und ein wechselhafter Verlauf.
- Funktionelle Gefühlsstörungen: Diese können in Kombination mit motorischen Störungen oder als eigenständiges Symptom auftreten. Oft ist eine Körperhälfte betroffen (funktionelle Hemihypästhesie) oder ein ganzer Arm oder ein ganzes Bein.
Die Diagnose einer funktionellen Schwäche oder Lähmung erfolgt in der Regel anhand des charakteristischen klinischen Erscheinungsbildes. Gelegentlich werden zusätzliche bildgebende oder elektrophysiologische Verfahren eingesetzt, um eine Schädigung des Nervensystems auszuschließen. Es handelt sich jedoch nicht um eine reine Ausschlussdiagnose.
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Ursachen und Risikofaktoren
Die Ursache funktioneller neurologischer Störungen liegt in einer Fehlanpassung, die jenseits der bewussten Kontrolle stattfindet. Psychische Risikofaktoren wie Depressionen, Angststörungen oder traumatische Erfahrungen können eine Rolle spielen. Es ist auch möglich, dass Menschen mit bereits bestehenden neurologischen Ausfällen aufgrund einer anderen Krankheit zusätzlich funktionelle Ausfälle entwickeln.
Behandlung
Zur Behandlung motorischer und sensibler funktioneller Störungen haben sich sowohl physiotherapeutische als auch psychotherapeutische Verfahren bewährt. Ohne spezifische Behandlung ist der Verlauf funktioneller Lähmungen in etwa der Hälfte der Fälle chronisch.
Neuropathische Schmerzen
Ein weiteres wichtiges Thema in der Neurologie sind neuropathische Schmerzen, auch Nervenschmerzen genannt. Diese entstehen als direkte Folge einer Schädigung von "Gefühlsfasern" des Nervensystems. Im Gegensatz zu anderen Schmerzarten entstehen die Schmerzimpulse nicht mehr im Bereich der Nervenendigungen in den Geweben des Körpers.
Diagnose
Für den Nachweis neuropathischer Schmerzen ist es wichtig, Verteilungsmuster, Stärke und Qualität der Schmerzen zu erheben. Typische Merkmale sind:
- Brennender, bohrender, einschießender oder stechender Charakter
- Auftreten in Ruhe
- Auslösung durch leichte Berührungsreize (Allodynie)
- Verstärkte Schmerzempfindlichkeit nach anderen schmerzauslösenden Reizen (Hyperalgesie)
Eine schmerzhafte Nervenschädigung ist anzunehmen, wenn die Schmerzausbreitung und eine begleitende Gefühlsstörung dem Versorgungsgebiet eines Gefühlsnervs entsprechen.
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Mögliche Auslöser
- Bandscheibenvorfall
- Polyneuropathie (z.B. im Rahmen von Diabetes mellitus)
- Gürtelrose (Herpes zoster)
- Nervenquetschungen oder -durchtrennungen im Rahmen von Unfällen oder Operationen
- Phantomschmerzen nach Amputationen
- Engpass-Syndrome (z.B. Karpaltunnel-Syndrom)
Behandlung
Die Behandlung von Nervenschmerzen gestaltet sich oft schwierig. Ziel ist es, die Beschwerden zu lindern, bis sich die geschädigten Nerven zumindest weitgehend erholt und neu aufgebaut haben. Die Therapie basiert auf einer individuell abgestimmten Behandlung mit Medikamenten, die den Nervenschmerz über unterschiedliche Wirkmechanismen lindern. Ergänzend können nicht-medikamentöse Verfahren wie physikalische Maßnahmen, Ergotherapie und Psychotherapie eingesetzt werden.
Die Psychiatrie: Psychische und Verhaltensstörungen
Die Psychiatrie befasst sich mit der Diagnose, Behandlung und Prävention von psychischen und Verhaltensstörungen. Diese Störungen können sich auf verschiedene Bereiche des menschlichen Erlebens und Verhaltens auswirken, wie z.B. Denken, Fühlen, Wahrnehmung, Gedächtnis, Stimmung, Antrieb und soziale Interaktion.
Klassifikation psychischer Störungen
Psychische und Verhaltensstörungen werden in der Regel anhand international anerkannter Klassifikationssysteme wie dem ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) diagnostiziert. Der ICD-10 teilt psychische Störungen in verschiedene Kategorien ein:
- Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen (F00-F09): Hier liegt die Ursache in einer zerebralen Krankheit, einer Hirnverletzung oder einer anderen Schädigung, die zu einer Störung der Hirnfunktion führt.
- Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen (F10-F19): Diese Störungen sind durch den Konsum von Alkohol, Drogen oder Medikamenten bedingt.
- Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen (F20-F29): Das wichtigste Krankheitsbild dieser Gruppe ist die Schizophrenie, die sich in psychotischen Phasen äußert, in denen der Bezug zur Wirklichkeit verloren geht.
- Affektive Störungen (F30-F39): Diese Störungen äußern sich in Veränderungen der Stimmung oder der Affektivität, die entweder der Depression zuzuordnen sind oder einem Stimmungshoch.
- Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen (F40-F48): Zu dieser Gruppe gehören Angststörungen, Zwangsstörungen, Belastungsreaktionen und somatoforme Störungen, bei denen sich psychische Belastungen in körperlichen Symptomen äußern.
- Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren (F50-F59): Typische Krankheitsbilder dieser Gruppe sind u. a. Essstörungen wie Anorexie und Bulimie.
- Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (F60-F69): Die Störungen sind meist länger anhaltend und können Folge sozialer Erfahrungen im frühen Verlauf der individuellen Entwicklung sein. Ein Beispiel ist das Borderline-Syndrom.
- Intelligenzstörung (F70-F79): Die Krankheiten dieser Gruppe beruhen auf einer Störung der psychischen Entwicklung.
- Entwicklungsstörungen (F80-F89): Die Störungen beginnen im Kleinkindalter oder in der Kindheit und gehen einher mit einer Einschränkung der Entwicklung bzw. Verzögerung von Funktionen, die mit der biologischen Reifung des zentralen Nervensystems (ZNS) verknüpft sind.
- Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend (F90-F98): Zu dieser Gruppe gehören z.B. ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und Autismus-Spektrum-Störungen.
Ursachen und Risikofaktoren
Psychische und Verhaltensstörungen sind multifaktorielle Erkrankungen, d.h. sie entstehen durch das Zusammenspiel verschiedener biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Zu den Risikofaktoren gehören:
- Genetische Veranlagung: Einige psychische Störungen haben eine erbliche Komponente.
- Biochemische Faktoren: Störungen im Gehirnstoffwechsel können eine Rolle spielen.
- Psychische Belastungen: Traumatisierende Erlebnisse, Stress und soziale Belastungen können das Risiko erhöhen.
- Frühe Kindheitserfahrungen: Vernachlässigung, Missbrauch und andere negative Erfahrungen in der Kindheit können langfristige Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben.
- Substanzmissbrauch: Der Konsum von Alkohol, Drogen und Medikamenten kann psychische Störungen auslösen oder verstärken.
Behandlung
Die Behandlung psychischer Störungen umfasst in der Regel eine Kombination aus verschiedenen Ansätzen:
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- Psychotherapie: Verschiedene psychotherapeutische Verfahren wie Verhaltenstherapie, kognitive Therapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und systemische Therapie können helfen, psychische Probleme zu bewältigen und das Verhalten zu verändern.
- Medikamentöse Behandlung: Psychopharmaka können eingesetzt werden, um Symptome wie Depressionen, Angstzustände, Psychosen oder Schlafstörungen zu lindern.
- Soziotherapie: Soziotherapeutische Maßnahmen unterstützen Betroffene bei der Bewältigung des Alltags und der sozialen Integration.
- Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, verloren gegangene Fähigkeiten wiederzuerlangen und den Alltag besser zu bewältigen.
- Klinische Behandlung: In schweren Fällen kann eine stationäre Behandlung in einer psychiatrischen Klinik erforderlich sein.
Akute Belastungsreaktion (Nervenzusammenbruch)
Ein "Nervenzusammenbruch" ist ein Begriff aus der Alltagssprache, der in der Fachsprache als akute Belastungsreaktion bezeichnet wird. Gemeint ist damit eine vorübergehende, aber extreme Reaktion auf ein ebenso extremes Ereignis. Diese Reaktion tritt meist wenige Minuten nach dem Auslöser ein.
Ursachen
Die Ursachen, die eine Belastungsreaktion auslösen können, sind sehr vielfältig. Jedes Ereignis, das ein Trauma auslösen kann, kann auch einen Nervenzusammenbruch zur Folge haben. Ein schwerer Unfall oder Körperverletzung, Krieg oder kriegsähnliche Ereignisse wie ein Terroranschlag, Flucht, Vertreibung, Gewalt oder eine Naturkatastrophe - all diese Dinge können sich auf die Psyche eines Menschen auswirken.
Symptome
Die typischen Anzeichen sind:
- Sprachlosigkeit
- Veränderte Wahrnehmung, bei der Betroffene sich selbst oder ihr Umfeld als fremd empfinden
- Einengung des Bewusstseins, Gedanken kreisen unaufhörlich um die auslösende Situation
- Nacherleben der Situation in Form von Alpträumen und Flashbacks
- Lücken in der Erinnerung
- Überreizung, die sich in Schlaf- und Konzentrationsstörungen oder auch Schreckhaftigkeit zeigt
- Stimmungsschwankungen zwischen Aggression, Wut, Angst, Panik, Trauer, Weinen und Lachen
- Körperliche Reaktionen wie Schweißausbrüche, Herzrasen, Blässe und Übelkeit
Hilfe
Umso wichtiger ist schnelle, professionelle Unterstützung im Falle ihres Eintretens. Anlaufstellen dafür sind zum Beispiel eine psychiatrische Praxis oder Klinik, der bundesweite Bereitschaftsdienst, die Telefonseelsorge oder die Nummer gegen Kummer für Jugendliche und Kinder.
Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Obwohl Neurologie und Psychiatrie unterschiedliche Schwerpunkte haben, gibt es auch Überschneidungen und Gemeinsamkeiten. So können organische Nervenkrankheiten mit psychischen Störungen einhergehen, und umgekehrt können psychische Belastungen neurologische Symptome verursachen.
Unterschiede:
- Neurologie: Fokus auf strukturelle und funktionelle Erkrankungen des Nervensystems.
- Psychiatrie: Fokus auf psychische und Verhaltensstörungen, die das Denken, Fühlen, Verhalten und die soziale Interaktion beeinträchtigen.
Gemeinsamkeiten:
- Beide Fachgebiete befassen sich mit Erkrankungen, die das Gehirn und das Nervensystem betreffen.
- Es gibt Überschneidungen in den Symptomen und Behandlungsansätzen.
- Eine enge Zusammenarbeit zwischen Neurologen und Psychiatern ist oft erforderlich, um eine umfassende Versorgung der Patienten zu gewährleisten.
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