Methadon in der Krebsbehandlung: Hoffnung oder Hirngespinst? Der Fall Sabine Kloske und die Forschung von Claudia Friesen

Die Diagnose Krebs ist ein Schock. Wenn dann noch die Prognose schlecht ist, scheint alle Hoffnung verloren. Doch immer wieder gibt es Berichte von Patienten, die trotz aussichtsloser Lage überleben und sogar gesund werden. Ein Medikament, das in diesem Zusammenhang immer wieder genannt wird, ist Methadon.

Der Fall Sabine Kloske

Sabine Kloske erhielt vor einigen Jahren die Diagnose Glioblastom, ein bösartiger Hirntumor. Die Ärzte gaben ihr eine Lebenserwartung von maximal 15 Monaten. Kloske entschied sich, begleitend zur Chemotherapie, Methadon einzunehmen. Heute, mehr als zwei Jahre später, ist sie tumorfrei. "Mir geht es hervorragend, ich bin jetzt seit 20 Monaten tumorfrei und eigentlich dürfte es mich gar nicht mehr geben", sagt sie selbst.

Die Entdeckung von Claudia Friesen

Die Ulmer Molekularbiologin Claudia Friesen entdeckte vor einigen Jahren zufällig, dass Methadon in Kulturen Leukämiekrebszellen abtöten kann. In Kombination mit dem Chemotherapeutikum Temodal bildeten sich Tumore, wie etwa hier im Gehirn, zurück. Metastasen, wie hier in der Leber, verschwanden. Es sei immer das Gleiche geschehen. Diese Entdeckung weckte Hoffnungen bei vielen Krebspatienten.

Wie Methadon Krebszellen abtöten könnte

Methadon ist ein synthetisch hergestelltes Opioid, das seit dem Zweiten Weltkrieg als Schmerzmittel zugelassen ist. Claudia Friesen fand heraus, dass Krebszellen auf ihrer Oberfläche Opioid-Rezeptoren ausbilden, an die Methadon andocken kann. Dockt der Wirkstoff an, öffnet die Zelle Kanäle für das Krebsmedikament, das dann in das Innere einströmen kann. Auf der anderen Seite aktiviert das Zytostatikum die Krebszelle, vermehrt Oberflächenrezeptoren für Methadon zu produzieren. Somit wird die Wirkung verstärkt, gesunde Zellen werden nicht angegriffen und bleiben unversehrt.

Die Forscher konnten zudem feststellen, dass Methadon das Zytostatikum länger in der Krebszelle eingeschlossen lässt, da es die ausschleusende Pumpe inaktiviert. Laut Studien konnte der Erfolg einer Chemotherapie um 90 Prozent gesteigert werden. Würde demnach Methadon als Booster des Krebsmedikamentes eingesetzt, wäre eine geringere Dosis des Zytostatikums nötig. Patienten würden weniger Nebenwirkungen erfahren.

Lesen Sie auch: Auswirkungen von Sport auf das Gehirn

Methadon wird in der Tumortherapie zur Schmerzbehandlung um den Faktor zehn geringer dosiert als in der Substitutionstherapie, daher sind die Nebenwirkungen gering. Ein entsprechendes Fertigarzneimittel gibt es in Deutschland nicht. Apotheken stellen die einprozentige Lösung selbst her. Das preisgünstige Präparat kann im Off-Label-Use außerhalb der zugelassenen Indikationen eingesetzt werden.

Die Kontroverse um Methadon

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es auch Kritik an der Verwendung von Methadon in der Krebsbehandlung. Hirntumorspezialist Wolfgang Wick vom Universitätsklinikum Heidelberg rät Patienten explizit davon ab, Methadon einzunehmen. "Mir sind keine Fälle bekannt, bei denen Patienten eine relevante Besserung der Erkrankung, die dann auch belegbar ist, durch Methadon erhalten haben", sagt er.

Auch andere Experten warnen vor dem Einsatz von Methadon, da ein Nutzen noch nicht belegt sei, Neben- oder Wechselwirkungen aber zu befürchten seien. Sie bemängeln, dass es noch keine klinischen Studien mit großen Fallzahlen gibt, die die Wirksamkeit von Methadon belegen.

Die Rolle der Medien

Die Medien haben eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der Informationen über Methadon gespielt. Insbesondere die Berichte über den Fall Sabine Kloske haben dazu beigetragen, dass viele Krebspatienten Hoffnung schöpfen. Allerdings gibt es auch Kritik an der Art und Weise, wie die Medien über Methadon berichten. So wird beispielsweise bemängelt, dass die Berichte oft zu positiv sind und die Risiken von Methadon nicht ausreichend thematisieren.

Die ethische Frage

Die Frage, ob man Krebspatienten Methadon geben sollte, ist auch eine ethische Frage. Einerseits haben die Patienten das Recht auf eine bestmögliche Behandlung. Andererseits dürfen sie nicht durch unbewiesene Therapien gefährdet werden. Es ist daher wichtig, dass die Patienten umfassend über die Risiken und Nutzen von Methadon aufgeklärt werden, bevor sie sich für oder gegen eine Behandlung entscheiden.

Lesen Sie auch: Neurodegenerative Erkrankungen verstehen

Die Forderung nach mehr Forschung

Viele Experten fordern mehr Forschung zu Methadon. Sie sind der Meinung, dass das Medikament ein großes Potenzial hat, das aber erst noch bewiesen werden muss. "Warum sollen Ärzte in fortgeschrittenen Situationen der Erkrankung nicht Methadon einsetzen? Und dann dieses Ergebnis dokumentieren und einer zentralen Institution weitermelden. Wir haben so viele Unikliniken, so viele Institutionen, warum wird jetzt nicht begonnen intensiv zu forschen?", fragt ein Mediziner.

Claudia Friesen selbst sagt: "Wir wollen Methadon als Unterstützer und Verstärker der konventionellen Chemotherapie in den klinischen Alltag einbringen. Methadon erhöht den Therapieerfolg signifikant, überwindet Resistenzen und greift gesunde Zellen nicht an."

Methadon als Hoffnungsträger

Trotz der Kontroverse bleibt Methadon für viele Krebspatienten ein Hoffnungsträger. Sie hoffen, dass das Medikament ihnen helfen kann, den Krebs zu besiegen oder zumindest ihre Lebensqualität zu verbessern. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese Hoffnung in Zukunft bestätigen wird.

Lesen Sie auch: Demenzforschung und Umdenken: Sabine Bode

tags: #sabine #kloske #hirntumor