Liebe ist ewig? Die Rolle von Dopamin und die Wissenschaft der dauerhaften Beziehungen

Was treibt uns im Leben an? Diese Frage beschäftigt die Menschheit seit Anbeginn der Zeit. Die Anthropologin Helen Fisher hat sich intensiv mit der Thematik der Liebe und Partnerschaft auseinandergesetzt und liefert faszinierende Einblicke in die komplexen Mechanismen, die in unserem Gehirn ablaufen, wenn es um Liebe geht.

Dopamin: Mehr als nur ein Glückshormon

Lange Zeit wurde Dopamin als reines "Lustmolekül" oder "Glückshormon" betrachtet. Neuere Erkenntnisse zeigen jedoch, dass Dopamin vor allem dann ausgeschüttet wird, wenn etwas Unerwartetes oder Überraschendes geschieht. Es ist also nicht nur die Belohnung selbst, sondern die Belohnung für ein überraschendes Ergebnis, das wir so nicht erwartet haben. Diese "erfreulichen Irrtümer" erhöhen unser Dopamin-Level und machen uns glücklicher.

Ein Beispiel: Wenn wir eine Gehaltserhöhung von zehn Prozent erwarten und dann 15 Prozent bekommen, wird bei uns Dopamin ausgeschüttet. Jens Corssen, ein deutscher Verhaltenspsychologe, erklärt das Phänomen so: Verliebtheit ist ein Gefühl, Liebe dagegen eine Haltung. Er teilt die Ansicht von Helen Fisher, dass Verliebtheit nach einigen Monaten schwindet und etwas anderes an ihre Stelle treten muss.

Dopamin ist also ein wichtiger Motivator. Ohne Dopamin würden wir morgens nicht einmal aus dem Bett kommen, da wir keinen Trieb und kein Verlangen nach Mehr hätten. Dopamin ist der maßgebliche Treiber des Fortschritts, denn es geht darum, mehr zu erlangen - mehr Macht, mehr Konsum, mehr von mehr.

Die Schattenseite des Dopamins

Dopamin kennt kein Gewissen und keine Moral. Wenn wir unser Verlangen nicht kontrollieren lernen, leben wir nur in der Zukunft oder in vermeintlich verpassten Chancen. Nehmen wir zum Beispiel die Kaufreue. Dopamin hat uns eingeredet, dass wir dieses Auto, diese Uhr oder genau diese Tasche unbedingt für unser Glück brauchen. Das System des Verlangens ist evolutionsbedingt mächtiger als das des Mögens. Um ein gutes Leben zu führen, müssen wir jedoch dieses Gleichgewicht wahren.

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Das Dopamin-Kontrollsystem: Die Zähmung des Verlangens

Die Evolution hat uns ein weiteres System geschenkt, um Dopamin in Schach zu halten: das Dopamin-Kontrollsystem. Dopamin muss zukunftsgerichtet gezähmt werden, wenn der Mensch über das pure Verlangen hinaus etwas planen und mit hoher Beharrlichkeit umsetzen können möchte. Selbstwirksamkeit spielt hier eine entscheidende Rolle. Mit ihr können wir Meisterschaft erlangen oder zumindest die Fähigkeit, in einer spezifischen Dimension die größtmögliche Belohnung herauszuholen. Dabei pressen wir aus den bestehenden Ressourcen das Maximale an Dopamin heraus.

Die Wissenschaft der Liebe: Jenseits des Dopamins

Helen Fisher hat beobachtet, was sich in den Köpfen von Verliebten, Verheirateten und Verlassenen abspielt, wenn man sie per Magnetresonanztomografie (MRT) durchleuchtet. Ihre Forschung zeigt, dass Liebe eher durchs Gehirn als durch Herz oder Magen geht.

Die Bedeutung der Partnerschaft

Sozialpsychologen betrachten die Liebe oft als eine Rechenaufgabe. Eine Beziehung ist für sie ein Austausch von Investition und Gewinn. Die einen glauben, das wichtigste Kriterium für Zufriedenheit sei ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis für den einzelnen Partner, die anderen glauben, dass glücklich ist, wer kriegt, was er meint zu verdienen. Andere Qualitäten, die nur für die Personen selbst Vorteile bringen, etwa ihr Aussehen und ihr Sozialstatus, haben keinen so großen Einfluss. Nachweislich steht sie in Zusammenhang mit der Zufriedenheit und dem Gefühl der Sicherheit in der Partnerschaft.

Kommunikation und Wertschätzung

Auch Kritik am Partner kann richtig eingesetzt als ein Liebesbeweis wahrgenommen werden. John Gottman aus Seattle sieht die Voraussetzungen für eine gute Partnerschaft gegeben, wenn das Verhältnis von Lob und Kritik fünf zu eins beträgt. Dem anderen zu signalisieren, man wäre ihm weit überlegen, wirke sich negativ auf das Zusammenleben aus. „In vielen Untersuchungen hat man herausgefunden, dass die Trennungswahrscheinlichkeit eines Paares steigt, wenn Paare verächtlich miteinander reden, sich provozieren und destruktiv Kritik üben“, sagt der Psychologe Guy Bodemann von der Université de Fribourg in der Schweiz. „Ob eine Ehe glückt oder nicht, das kann man lernen“, so der Scheidungsforscher. „Das hängt von dem Kommunikationsverhalten oder der partnerschaftlichen Unterstützung ab.“

Ausbrechen aus der Routine

Ein weiteres Rezept, die Liebe lebendig zu halten, besteht darin, aus der Routine des Alltags auszubrechen und gemeinsam Herausforderungen zu meistern. „Neues, Spannendes, Aufregendes unternehmen lässt das Adrenalin steigen und bringt die Leidenschaft auf Trab“, sagt die amerikanische Anthropologin Helen Fisher. Abwechslung und immer wieder Abwechslung stimuliert das Lustzentrum im Gehirn und hält die romantische Stimmung aufrecht, so Fisher.

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Die Rolle von Oxytocin

Nach dem anfänglichen Rauschzustand, der durch Dopamin ausgelöst wird, spielt vor allem das Hormon Oxytocin eine größere Rolle. Es vermittelt Geborgenheit und Vertrauen, reduziert Stress, Anstrengung und Aggression. Das sind die Vorzüge einer langfristigen Beziehung. Doch: Mit dem Wechsel von leidenschaftlichen Begegnungen zu vertrauter Zweisamkeit kommen viele Menschen oft nicht klar.

Arbeit an der Liebe

Liebe ist nach Aussagen von Wissenschaftler:innen und Therapeut:innen oft vor allem eins: Arbeit. Eine glückliche Beziehung steht nicht von Anfang an fest und ist danach unzerstörbar. Der Mathematiker John Gottman versuchte, das Funktionsprinzip einer Liebe in Zahlen zu fassen - nüchterne Wissenschaft für das emotionalste Thema. Am Ende seiner Studien kam er auf das Verhältnis 5:1, das Paaren Erfolg versprechen soll. Auf die Art und Weise des Miteinanders scheint es anzukommen, zu diesem Schluss kommen auch andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Offenheit und Vertrauen, selbst in schwierigen Phasen, scheinen Beziehungen zu stärken.

Freiräume und gemeinsame Erlebnisse

Die Liebesforscherin Helen Fisher hat auch einen sehr praktischen Tipp für Paare: Sie sollen aus ihrem Alltag ausbrechen, ihre Routinen immer mal wieder über Bord werfen und gemeinsam Neues und Aufregendes erleben. Auch nach Jahrzehnten kann dies Paare weiter zusammenschweißen. Ein gemeinsames Erleben kann ihnen dabei helfen, sich nicht zu verlieren oder auseinanderzuleben. Dabei sollten Paare trotzdem auf Freiräume achten.

Beziehungsphasen: Ein wissenschaftlicher Blick

Die Frage, ob Beziehungen zyklischen oder linearen Mustern folgen, beschäftigt Forscher seit Jahrzehnten. Eine Studie der Universität Jena mit über 1.965 Paaren über sieben Jahre hinweg bestätigt: Beziehungsphasen sind durchaus vorhersagbar - und diese Vorhersagbarkeit kann Paaren helfen, ihre Partnerschaft proaktiv zu gestalten.

Modelle der Beziehungsphasen

Fishers Drei-Phasen-Modell:

  1. Lust (Sexualtrieb): Angetrieben durch Sexualhormone, motiviert dieser Zustand Individuen, sexuelle Vereinigung zu suchen.
  2. Anziehung (Romantische Liebe/Verliebtheit): Gekennzeichnet durch Euphorie, obsessive Gedanken an den Partner und hohe Spiegel von Dopamin und Noradrenalin. Diese Phase ist typischerweise intensiv, aber zeitlich begrenzt.
  3. Bindung (Kameradschaftliche Liebe): Gekennzeichnet durch Ruhe, Sicherheit, Geborgenheit und emotionale Vereinigung, vermittelt durch Oxytocin und Vasopressin.

Abrams'/Browns Vier-Phasen-Modell:

  1. Euphorische Phase ("Flitterwochenphase"): Intensive Liebe, Aufregung, Idealisierung des Partners, hohe Dopaminspiegel.
  2. Frühe Bindungsphase: Nachlassende Euphorie, tieferes Verständnis, Integration von positiven und negativen Aspekten, Aktivierung des ventralen Pallidums, steigende Oxytocin- und Vasopressin-Werte.
  3. Krisenphase ("Sieben-Jahres-Juckreiz"): Entscheidender Wendepunkt, Lebensphasenübergänge, individuelle Entwicklung, externe Stressfaktoren.
  4. Tiefe Bindungsphase: Ruhe, Sicherheit, tiefes gegenseitiges Kennen, Vertrauen in Krisenbewältigung.

Die Neurobiologie des Verliebtseins

Wenn wir uns verlieben, durchläuft unser Gehirn dramatische Veränderungen. Schlüssel-Gehirnregionen wie das ventrale tegmentale Areal (VTA) und der Nucleus accumbens sind bis zu 2,5-mal stärker aktiv als im Ruhezustand. Dopamin führt zu Euphorie und laserartiger Fokussierung auf den Partner, Noradrenalin sorgt für Herzklopfen und Serotonin sinkt, was obsessive Gedanken an den Partner erklärt.

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Der Übergang in die mittlere Phase

Nach der anfänglichen Euphorie normalisieren sich die Dopamin- und Noradrenalinwerte, während Oxytocin und Vasopressin dominant werden. In der frühen Bindungsphase (Jahre 1-5) findet eine realistische Partnerwahrnehmung statt, positive und negative Aspekte werden integriert und gemeinsame Routinen werden aufgebaut. Die Art der ersten großen Konflikte ist der stärkste Prädiktor für Langzeitstabilität.

Die reife Phase: Tiefe Bindung und langfristige Erfüllung

Paare, die die mittleren Herausforderungen erfolgreich meistern, können in eine außergewöhnliche Phase tiefer Bindung eintreten. Diese bietet das Potenzial für die erfüllendste Form menschlicher Verbindung.

Charakteristika reifer Liebe:

  • Tiefes gegenseitiges Kennen
  • Bewusste Wertschätzung
  • Sichere emotionale Basis
  • Geteilte Lebensgeschichte
  • Balance von Autonomie und Verbundenheit
  • Resiliente Konfliktlösungsmuster

Studien zeigen, dass intensive romantische Liebe keineswegs zwangsläufig verblassen muss. Das Gehirn kann sowohl Leidenschafts- als auch Bindungsaktivierung parallel aufrechterhalten.

Stabilisierende Faktoren außergewöhnlicher Langzeitbeziehungen:

  • Positive Illusionen
  • Gemeinsame Bedeutungssysteme
  • Adaptive Beziehungsstrategien
  • Neuroplastische Partnerschaft
  • Die Macht gemeinsamer Narrative

Langfristige Leidenschaft: Die Wissenschaft dauerhafter Romantik

  • Novelty Injection: Alle 2-3 Monate völlig neue gemeinsame Erfahrungen
  • Mutual Individuation: Aktive Unterstützung persönlicher Ziele
  • Physiological Synchrony: Tägliche 6-Sekunden-Umarmungen
  • Erotic Intelligence: Bewusste, kommunikative Sexualität

Die "Big 5" der Beziehungs-Exzellenz

  1. Daily Appreciations: Tägliche Wertschätzung
  2. Growth Partnership: Vierteljährliche "Beziehungs-Boards" über Ziele
  3. Intimacy Practices: Wöchentliche tiefe Gespräche über innere Welten
  4. Ritual Creation: Unantastbare, regelmäßige Zeit für die Beziehung

Vorsicht vor dem Toxischen

Manche Menschen sind so erpicht darauf, Liebe zu finden, dass sie »Red Flags« übersehen. Was sind Anzeichen einer toxischen Beziehung? Hier hilft uns wieder Helen Fisher mit Hinweisen, vor denen wir auf der Hut sein sollten. Dazu gehört z.B. »Love Bombing«. Dabei wirst Du von deinem/r Partner:in regelrecht mit Komplimenten erdrückt und auf ein Podest gehoben. Auch übertriebene Gesten gehören zum Love Bombing, wie z.B. immer die Rechnung im Restaurant zu bezahlen. Das tun toxische Partner:innen nicht aus wahrer Liebe, sondern um ihre eigenen Ziele zu erreichen und gut dazustehen.

Die Bindungstheorie

Die Bindungstheorie ist eine der bekanntesten und am besten untersuchtesten Theorien in der Psychologie. Der amerikanische Psychiater und Neurowissenschaftler Amir Levine hat dazu ein spannendes Buch geschrieben: »Warum wir uns immer in den Falschen verlieben«. [5]

Die 3 Bindungsstile

In der Bindungstheorie werden drei Haupt-Bindungsstile unterschieden, wie Menschen Intimität in romantischen Beziehungen wahrnehmen und darauf reagieren, die bereits in der Kindheit entstehen und die wir im Erwachsenenleben weiter ausbilden: sicher, ängstlich und vermeidend. Grundsätzlich fühlen sich sichere Menschen mit Intimität wohl und sind normalerweise warmherzig und liebevoll.

Ängstliche Menschen sehnen sich nach Intimität, sind oft mit ihren Beziehungen beschäftigt und neigen dazu, sich um den Partner übermäßig zu sorgen.

Vermeidende Menschen setzen Intimität mit einem Verlust an Unabhängigkeit gleich und versuchen ständig, Nähe zu minimieren.

Alle Menschen in unserer Gesellschaft, ob sie gerade erst eine Beziehung begonnen haben oder seit vierzig Jahren verheiratet sind, fallen in eine dieser Kategorien oder, seltener, in eine Kombination.

Nicht alle Bindungsstile sind kompatibel

Je nach Bindungsstil von dir selbst und deinem/r Partner:in könnt ihr besser oder schlechter zusammenpassen. Schwer kompatibel sind z.B Beziehungen, in denen ein Part ängstlich ist und der andere vermeidend. Ängstliche und vermeidende Personen funktionieren am besten in Beziehungen mit sicheren Menschen.

Deine Partnerschaft formt dich - der Michelangelo-Effekt

Die Beeinflussung eines nahestehenden Menschen ist nicht nur ein Nebeneffekt einer Partnerschaft, sondern in gewisser Weise notwendiger Teil davon. Wir werden von denen geprägt, die wir lieben. Das ist der Michelangelo-Effekt. [6] Er beschreibt, dass enge Partner:innen sich gegenseitig formen, indem sie ihre Fähigkeiten und Charaktereigenschaften ausprägen und sich gegenseitig bei der Verfolgung ihrer individuellen Ziele unterstützen.

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