Übungen zur Läsion des Plexus brachialis: Ein umfassender Leitfaden

Eine Verletzung des Plexus brachialis, auch Armplexusläsion genannt, entsteht meist durch Unfälle und führt zu Beschwerden am Arm, an der Hand sowie in der Hals-Schulter-Region. Der Plexus brachialis ist ein Nervengeflecht, das den Arm und die Hand sowie Teile der Schulter und des Halses versorgt. Armplexusläsionen durch Gewalteinwirkung von außen (Trauma) können nicht nur zu Schmerzen führen, sondern auch zu Störungen der Motorik sowie Missempfindungen oder Taubheit der Haut (Sensibilitätsausfälle). Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten von Plexus brachialis Läsionen, einschließlich spezifischer Übungen und rehabilitativer Maßnahmen.

Was ist der Plexus brachialis?

Der Plexus brachialis ist ein komplexes Nervengeflecht, das aus den Spinalnervenwurzeln C5 bis Th1 besteht. Diese Nervenwurzeln verlassen die Wirbelsäule im Halsbereich und ziehen sich bis in den Arm. Der Plexus brachialis ist für die motorische und sensible Versorgung des Arms, der Schulter und der Hand verantwortlich. Er ermöglicht Bewegungen von der Schulter bis zu den Fingern und überträgt Gefühlswahrnehmungen wie Tastsinn, Temperatur- und Schmerzempfindungen von der Haut des Arms.

Funktion des Plexus brachialis

Der Plexus brachialis spielt eine entscheidende Rolle bei der Steuerung der Muskeln im Arm, in der Schulter und in der Hand. Er ermöglicht eine Vielzahl von Bewegungen und ist unerlässlich für die Feinmotorik der Hand. Zudem übermittelt er sensorische Informationen, die für die Wahrnehmung und Interaktion mit der Umwelt notwendig sind.

Verlauf des Plexus brachialis

Der Plexus brachialis verlässt die Wirbelsäule im Bereich der Halswirbelsäule (C5 bis Th1) und zieht sich paarweise durch den Hals- und Schulterbereich bis in den Arm. Die Nerven, die aus dem Plexus brachialis hervorgehen, werden in vordere und hintere Abschnitte unterteilt, die jeweils spezifische Muskelgruppen und Hautareale versorgen.

Ursachen einer Plexus brachialis Läsion

Eine Plexus brachialis Läsion kann durch verschiedene Ursachen entstehen, wobei traumatische Ereignisse die häufigste Ursache darstellen.

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Traumatische Ursachen

  • Verkehrsunfälle: Insbesondere Motorradunfälle sind eine häufige Ursache für Plexus brachialis Läsionen. Bis zu 80 % aller Fälle entstehen bei Motorradunfällen. Auch andere Verkehrsunfälle können zu Verletzungen des Plexus führen.
  • Sportunfälle: Kontaktsportarten und Extremsportarten bergen ein erhöhtes Risiko für Plexus brachialis Läsionen.
  • Stich- oder Schussverletzungen: In seltenen Fällen können Stich- oder Schussverletzungen den Plexus brachialis direkt schädigen.
  • Geburtsverletzungen: Läsionen des Plexus brachialis bei der Geburt sind extrem selten, können aber durch eine starke Überdehnung oder einen zu starken Zug an der Schulter des Neugeborenen entstehen (Obstetric Brachial Plexus Palsy, OBPP).
  • Iatrogene Läsionen: Manchmal wird die Läsion durch medizinisches Personal verursacht (iatrogene Läsion).

Nicht-traumatische Ursachen

  • Entzündungen: Eine Entzündung der Nerven des Plexus brachialis (Neuritis) kann durch Überlastung, Fehlbelastung oder immunologische Ursachen entstehen (Parsonage-Turner-Syndrom).
  • Kompression: Eine Kompression des Plexus brachialis kann durch verhärtete Muskeln, Verkalkungen oder eine Halsrippe verursacht werden (Thoracic-Outlet-Syndrom).
  • Strahlenschäden: Strahlenschäden am Plexus brachialis können nach onkologischen Bestrahlungen im Hals-, Schulter- oder Thoraxbereich auftreten.
  • Tumore: In seltenen Fällen können Tumore im Bereich des Plexus brachialis zu einer Schädigung der Nerven führen.

Verletzungsmechanismus

Meist entsteht die Verletzung durch Zugkräfte, die zu einer Zerrung bzw. Dehnung von Teilen des Plexus führen. Es ist sogar möglich, dass Nervenwurzeln ausgerissen werden. Welche Muskeln und Hautbereiche betroffen sind, hängt davon ab, welcher Bereich des Armplexus geschädigt ist. Dabei wird zwischen Verletzungen der Primärstränge und Läsionen der Sekundärstränge unterschieden. Bei Verletzungen der Primärstränge, also nah an den Rückenmarkswurzeln, unterscheidet man je nach betroffener Wurzel zwischen oberen Armplexusläsionen (Duchenne-Erb-Läsion) und unteren Armplexusläsionen (Déjerine-Klumpke-Läsion). Mittlere Armplexusläsionen sind selten.

Symptome einer Plexus brachialis Läsion

Die Symptome einer Plexus brachialis Läsion variieren je nach Schweregrad und Lokalisation der Nervenverletzung.

  • Schmerzen: Schmerzen in der Hals-Schulter-Region, die in den Arm ausstrahlen. Neuropathische Schmerzen können chronisch werden.
  • Sensibilitätsstörungen: Missempfindungen, Taubheitsgefühl der Haut im Bereich des Arms, der Schulter oder der Hand, Kribbeln.
  • Motorische Defizite: Koordinationsstörungen, Kraftminderung der Hand oder des Arms, Lähmung (Parese) der betroffenen Muskeln. Die motorischen Defizite können sich auf Koordinationsstörungen beschränken, sie können aber auch bis zur Lähmung (Parese) der betroffenen Muskeln reichen. Je tiefer der verletzte Nervenstrang liegt, umso mehr verlagern sich die Symptome in Richtung der Hand.
  • Muskelreflexe: Abgeschwächte Muskelreflexe wie der Bizepssehnenreflex und der Trizepssehnenreflex.
  • Begleitverletzungen: Häufig liegen Begleitverletzungen vor, wie Knochenbrüche (Frakturen), Schlüsselbeinbruch (Klavikulafraktur) oder Schädel-Hirn-Trauma.

Diagnose einer Plexus brachialis Läsion

Die Diagnose einer Plexus brachialis Läsion ist ein komplexer Prozess, der eine genaue Analyse der motorischen, sensorischen und reflektorischen Funktionen des betroffenen Arms erfordert.

  • Anamnese: Erhebung der Vorgeschichte (z. B. Geburtstrauma, Unfallhergang, Symptome). Im Arztgespräch ist die Frage nach dem Verletzungsmechanismus besonders wichtig.
  • Körperliche Untersuchung: Überprüfung des Bewegungsumfangs, der Reflexe, der Muskelkraft sowie der Sensibilität. Es erfolgt eine Kraftprüfung beider Arme und Hände. Ihre Kraft wird mit einer Zahl von 0-5 bewertet, wobei 0 bedeutet, dass sich ein Muskel gar nicht mehr zusammenzieht (Parese), und 5 für eine normale Muskelkraft steht. Ein Beklopfen (Perkussion) bestimmter Hautbereiche rund um das Schlüsselbein führt zu elektrisierenden, ausstrahlenden Schmerzen (Hoffmann-Tinel-Zeichen).
  • Bildgebende Untersuchungen:
    • Röntgen- oder CT-Bild: Darstellung von Knochenbrüchen (Frakturen) und anderen Begleitverletzungen.
    • MRT des Plexus brachialis (Neurografie): Darstellung der Nervenbahnen.
    • Ultraschall (Nervensonografie): Untersuchung der Armnerven und des Plexus brachialis.
  • Elektrophysiologische Untersuchungen:
    • Elektromyografie (EMG): Messung der elektrischen Muskelaktivität (erst ca. 3 Wochen nach dem Trauma sinnvoll).
    • Elektroneurografie (ENG): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit zur Beurteilung von Schäden der peripheren Nerven.

Behandlung einer Plexus brachialis Läsion

Die Wahl der Therapie bei einer Plexus brachialis Läsion hängt von der Ursache, dem Schweregrad und der betroffenen Nervenregion ab. Ziel der Behandlung ist es, Ihre Schmerzen zu lindern und sensible und motorische Defizite zu verringern. Die Funktionen des Armes und der Hand sollen erhalten werden.

Konservative Behandlung

  • Schmerzmittel: Neuropathische Schmerzen können mit verschiedenen Medikamentengruppen behandelt werden, wie Antidepressiva und Antikonvulsiva.
  • Physiotherapie: Erhalt der Gelenkbeweglichkeit, Muskelaufbau und Verbesserung der Koordination.
  • Ergotherapie: Unterstützung bei Alltagsaktivitäten und Anpassung an die Einschränkungen.
  • Elektrotherapie: Verzögerung von Muskelschwund bis zur Nervenregeneration.
  • Rehabilitationsmaßnahmen: Unterstützung bei der Wiedereingliederung in den Alltag und das Berufsleben.
  • Handorthesen: Moderne Handorthesen können bei Funktionseinschränkungen durch eine Plexusparese eine wichtige Rolle spielen. Sie können Greif-, Halte- und Bewegungsfunktionen übernehmen und erleichtern, die aufgrund einer Plexusparese oder anderer neurologischer Erkrankungen beeinträchtigt sind.

Operative Behandlung

Eine Operation wird etwa dann empfohlen, wenn die Regeneration unter konservativer Behandlung nach ca. 3-6 Monaten nicht ausreicht. Auch wenn eine spontane Reinnervation unmöglich ist, sollten Sie operiert werden. Es sollte außerdem eine Operation gemacht werden, wenn Sie eine offene Plexusläsion erlitten haben oder Blutergüsse (Hämatome) auftreten, die durch ihre Größe das umliegende Gewebe verdrängen.

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Es gibt einige mögliche Operationsverfahren:

  • Freilegung von eingeengtem Nervengewebe (Neurolyse)
  • Verlagerung von gesunden Ästen an beschädigte Äste innerhalb des Plexus (intraplexaler Nerventransfer) bzw. von außerhalb (extraplexaler Nerventransfer)
  • Versetzen eines eigenen Nervenastes aus einem anderen Körperbereich (Autologe Nerventransplantation)
  • Verlagerung von intakten Muskeln zum Funktionserhalt (Ersatzoperation)
  • Nervenrekonstruktion: Gesunde Nerven aus anderen Körperregionen werden mit den geschädigten Plexusnerven verbunden.

Der Zeitpunkt der Operation hängt vom Ausmaß der Verletzung ab. Bei ausgerissenen Nervenwurzeln wird möglichst nach 6-8 Wochen operiert. Wenn keine Nerven durchtrennt sind, sollte die Operation später stattfinden, und zwar nach 3-6 Monaten.

Übungen zur Behandlung und Rehabilitation

Die folgenden Übungen können helfen, die Beweglichkeit und Kraft im Arm und in der Schulter zu verbessern und Schmerzen zu lindern. Es ist wichtig, die Übungen unter Anleitung eines qualifizierten Therapeuten durchzuführen.

  • Schulterkreisen: Stehen Sie aufrecht, die Arme hängen locker an der Seite. Beginnen Sie mit kreisenden Bewegungen der Schultern von hinten nach vorne. Führen Sie die Übung langsam und für ca. 2 Minuten durch. Wechseln Sie dann die Richtung und kreisen Sie die Schultern von vorne nach hinten.
  • Schulterblattziehen: Stehen Sie aufrecht, die Arme hängen locker an der Seite. Ziehen Sie die Schultern seitengleich und vorsichtig nach hinten, bis Sie auf der Vorderseite einen leichten Zug wahrnehmen. Halten Sie diese Position für einige Sekunden und bringen Sie dann die Arme wieder in die Neutralposition.
  • Pendelübungen: Nehmen Sie eine bequeme Position ein, die Arme hängen locker an der Seite. Beginnen Sie langsam, pendelnde Bewegungen mit den Armen durchzuführen, entweder beidseitig oder gegensinnig (ein Arm nach vorne, der andere nach hinten). Führen Sie die Übung für ca. 2 Minuten durch.
  • Wanddehnung: Stellen Sie sich an eine freie Wand und strecken Sie Ihren Arm lang auf Schulterhöhe an ihr aus. Drücken Sie Ihre Schulter gegen die Wand. Drehen Sie Ihren Oberkörper von der Wand weg, bis Sie einen deutlichen Dehnungszug in der Schulter spüren. Achten Sie darauf, dass Ihre Schulter den Kontakt zur Wand behält. Drücken Sie jetzt Ihre Hand und Ihren Ellenbogen einen Moment lang ganz fest gegen die Wand. Dann versuchen Sie, Hand und Ellenbogen zu lösen. Drehen Sie sich mit Ihrem Oberkörper zurück zur Wand (Ausgangsposition). Verändern Sie den Winkel Ihres lang gestreckten Armes, indem Sie ihn etwas höher anheben, damit er über Schulterhöhe liegt. Die Schulter befindet sich weiterhin an der Wand. Drehen Sie Ihren Oberkörper wieder von der Wand weg. Presse wieder Hand und Ellenbogen fest gegen die Wand. Versuchen Sie wieder, sie von ihr zu lösen. Und dann drehen Sie Ihren Oberkörper erneut weiter auf. Für Teil 4 und Teil 5 der Übung strecken Sie Ihren Arm stets etwas höher als zuvor an der Wand entlang aus, die Schulter liegt immer an. Üben Sie sich in der Drehung: Oberkörper wegdrehen, dehnen, pressen, Hand und Ellenbogen versuchen, von der Wand abzuheben, locker lassen und Oberkörper weiter aufdrehen.
  • Light-Osteopressur: Suchen Sie mit Ihren Fingern einen Knochenpunkt: Tasten Sie Ihr Schlüsselbein an der Unterkante entlang nach außen in Richtung Schultergelenk. Bald stoßen Sie auf einen knöchernen Widerstand und Sie sind in einer Ecke. Dann nehmen Sie den Drücker zur Hand und setzen Sie ihn in die Ecke - und zwar genau dorthin an Ihrem Knochen, an dem es wehtut. Drücken Sie sich intensiv und so lange, bis der Druckschmerz nachlässt. Es ist wichtig, dass Sie sich immer am Knochen drücken!

Prävention

Um einer Plexus brachialis Läsion vorzubeugen, sollten Sie in Situationen mit einem entsprechenden Verletzungsrisiko eine Schutzausrüstung tragen (z. B. bei Extremsportarten und beim Motorradfahren).

Prognose

Abhängig vom Schweregrad der Plexusverletzung kann eine spontane Nervenheilung möglich sein (Reinnervation). Die Spontanheilung kann zu besseren funktionellen Ergebnissen führen als eine Operation - selbst wenn die Operation optimal verläuft. Allerdings dauert die Nervenregeneration etwa 2,5-3 Jahre. Bei ausgerissenen Nervenwurzeln kann keine spontane Regeneration stattfinden.

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Insgesamt sind etwa 70 % der Ergebnisse bei oberen Plexusläsionen gut. Bei unteren Plexusläsionen ist die Prognose schlechter. Als Folge einer Plexusläsion können langfristig Defizite der Sensibilität oder Motorik mit einer Funktionseinschränkung zurückbleiben. Neuropathische Schmerzen können chronisch werden.

Fallbeispiele

  • Herr E.: Erlitt durch einen Motorradunfall eine Läsion des P. brachialis. Nach dem Unfall sind Sensibilität und Motorik des ganzen Armes und des Schultergelenkes komplett ausgefallen. Die Versorgung mit einer konfektionierten Wilmer Trageorthese half, der Subluxation der Schulter entgegenzuwirken und den Arm zu lagern. Später erfolgte eine Folgeversorgung mit einer nach Scan gedruckten Unterarmlagerung und eigens gefertigter Schulterbandage.
  • Frau H.: Erlitt vor über 25 Jahren bei einem Motorradunfall eine Läsion des P. brachialis rechts. Die Sensibilität nimmt unterhalb der Schulter ab und ist ab dem Ellenbogen nicht mehr vorhanden. Die komplette Hand- und Ellenbogenmuskulatur ist ohne Funktion. Die Versorgung mit einer Ganzarmororthese zum Fahrradfahren ermöglichte es ihr, wieder auf zwei Rädern unterwegs zu sein.

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