Scaleni-Druck auf Nerven: Ursachen, Symptome und Behandlung

Das Skalenussyndrom, auch bekannt als Thoracic-Outlet-Syndrom (TOS), ist ein Zustand, der durch Druck auf Nerven und/oder Blutgefäße im Bereich zwischen dem unteren Hals und dem oberen Brustkorb verursacht wird. Dieses Syndrom kann verschiedene Ursachen haben und sich durch unterschiedliche Symptome äußern, abhängig davon, welche Strukturen betroffen sind.

Was ist das Skalenussyndrom?

Das Skalenussyndrom ist eine Unterform des Thoracic-Outlet-Syndroms (TOS). Es tritt auf, wenn die Nerven und Blutgefäße zwischen dem Schlüsselbein (Clavicula) und der ersten Rippe eingeklemmt werden. Dies kann zu Schmerzen in den Schultern und im Nacken führen. Außerdem können betroffene Patienten ein Taubheits- und Kribbelgefühl in den Fingern spüren. Die Beschwerden entstehen oft durch sich wiederholende Bewegungen der Schulter und ihrer Muskulatur oder infolge von Sportverletzungen. Manchmal kann auch eine zusätzliche Rippe ursächlich sein.

Anatomie der Skalenusmuskeln

Die Skalenusmuskeln (Musculi scaleni) sind eine Gruppe von drei Muskeln, die sich auf jeder Seite des Halses befinden. Sie verbinden die Halswirbelsäule seitlich mit der ersten und zweiten Rippe. Diese Muskeln gehören zur Atemhilfsmuskulatur, weil sie die Rippen bei tiefem Einatmen anheben. Weiterhin helfen sie beim Beugen und Drehen des Halses. Die drei Muskeln sind:

  • Musculus scalenus anterior (vorderer Treppenmuskel): Er entspringt an den Tubercula anteriora der Processus transversi vom 3. bis 6. Halswirbel.
  • Musculus scalenus medius (mittlerer Treppenmuskel): Er entspringt an den Tubercula posteriora der Processus transversi vom 3. bis 7. Halswirbel.
  • Musculus scalenus posterior (hinterer Treppenmuskel): Er entspringt an den Tubercula posteriora der Processus transversi vom 5. bis 7. Halswirbel.

Zwischen dem vorderen und dem mittleren Skalenusmuskel und von unten durch die 1. Rippe begrenzt befindet sich die hintere Skalenuslücke. Durch diese verlaufen Nerven (Plexus brachialis) und Blutgefäße (A. subclavia). Wird diese Lücke durch eine Halsrippe oder eine Verdickung des Skalenusmuskels verengt, kommt es zum Druck auf Nerven und Gefäße, die Folge sind z. B. Schmerzen und Missempfindungen in Schulter, Arm und Hand sowie Durchblutungsstörungen.

Ursachen für Skalenussyndrom und TOS

Eine Vielzahl von Faktoren kann zu einer Kompression der Nerven und Blutgefäße im Thoracic Outlet führen. Dazu gehören:

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  • Anatomische Variationen: Eine zusätzliche Rippe (Halsrippe), Fehlbildungen der ersten Rippe oder Muskelhypertrophie können den Raum im Thoracic Outlet verengen.
  • Traumata: Schleudertrauma, Schlüsselbeinfrakturen oder andere Verletzungen im Hals- und Schulterbereich können zu Narbengewebe und Verklebungen führen, die die Nerven und Gefäße komprimieren.
  • Haltungsschäden: Eine schlechte Körperhaltung, insbesondere ein Rundrücken oder nach vorne gezogene Schultern, kann den Druck auf die Strukturen im Thoracic Outlet erhöhen.
  • Wiederholte Bewegungen: Überkopfarbeiten, Sportarten mit wiederholten Arm- und Schulterbewegungen (z. B. Schwimmen, Volleyball, Gewichtheben) oder monotone Tätigkeiten am Computer können die Muskeln überlasten und zu Verspannungen führen, die die Nerven und Gefäße einklemmen.
  • Psychosoziale Faktoren: Stress, Depressionen und andere psychosoziale Faktoren können zu Muskelverspannungen und einer flachen Atmung führen, was das Skalenussyndrom verstärken kann.
  • Tumore und Raumforderungen: Selten können Tumore im Halsbereich oder andere Raumforderungen Druck auf die Nerven und Gefäße ausüben.

Symptome des Skalenussyndroms und TOS

Die Symptome des Skalenussyndroms und des TOS können je nach den betroffenen Strukturen variieren. Es werden drei Hauptformen unterschieden:

  • Neurogenes TOS (Nervenkompression): Dies ist die häufigste Form. Sie betrifft den Plexus brachialis, ein Nervengeflecht, das die Arme und Hände versorgt. Symptome können sein:
    • Schmerzen im Nacken, der Schulter, dem Arm und der Hand
    • Taubheitsgefühl, Kribbeln oder "Ameisenlaufen" im Arm und in den Fingern (oft ulnar betont, d.h. an der Innenseite des Arms und in den kleinen Finger und Ringfinger ausstrahlend)
    • Schwächegefühl oder schnelle Ermüdung im Arm und in der Hand
    • Verminderte Griffkraft, Feinmotorikstörungen (z. B. Fallenlassen von Gegenständen)
    • Muskelatrophie in der Hand (insbesondere im Thenarbereich, dem Daumenballen) bei länger bestehender Kompression
    • Die Symptome verstärken sich oft bei Überkopfarbeiten, beim Heben der Arme oder nachts.
  • Venöses TOS (Venenkompression): Diese Form betrifft die Vena subclavia, die Unterschlüsselbeinvene. Symptome können sein:
    • Schwellung des Arms oder der Hand
    • Bläulich-livide Verfärbung der Haut
    • Spannungsgefühl oder Schweregefühl im Arm
    • Sichtbare, hervortretende Venen im Schultergürtelbereich
    • Beschwerden in Ruhe und bei Belastung
    • In schweren Fällen: Armvenenthrombose (Paget-von-Schrötter-Syndrom)
  • Arterielles TOS (Arterienkompression): Dies ist die seltenste, aber gefährlichste Form. Sie betrifft die Arteria subclavia, die Unterschlüsselbeinarterie. Symptome können sein:
    • Blasse oder kalte Hand
    • Pulsabschwächung bei bestimmten Armpositionen
    • Schmerzen oder Müdigkeit bei Belastung (Minderdurchblutung)
    • Eventuell Gefäßgeräusche (Strömungsgeräusch)
    • In schweren Fällen: Ischämie der Finger, Ulzerationen oder sogar Gangrän
    • Aneurysmenbildung mit dem Risiko von Embolien

Diagnose des Skalenussyndroms und TOS

Die Diagnose des Skalenussyndroms und des TOS kann schwierig sein, da die Symptome oft unspezifisch sind und sich mit anderen Erkrankungen überschneiden können. Eine sorgfältige Anamnese und körperliche Untersuchung sind entscheidend.

Anamnese

Der Arzt wird nach der Art, Lokalisation und Auslöser der Beschwerden fragen. Wichtig sind auch Informationen über Vorerkrankungen, Traumata, berufliche Belastungen und sportliche Aktivitäten.

Körperliche Untersuchung

Die körperliche Untersuchung umfasst:

  • Inspektion: Beurteilung der Körperhaltung, Asymmetrien, Hautfarbe und -temperatur, Schwellungen und vermehrte Venenzeichnung.
  • Palpation: Abtasten der Skalenusmuskeln, des Schlüsselbeins, der Rippen und des neurovaskulären Bündels (Nerven und Gefäße) auf Druckschmerzhaftigkeit, Myogelosen (Muskelverhärtungen) und Anomalien (z. B. Halsrippe).
  • Neurologische Untersuchung: Prüfung der Motorik, Sensibilität und Reflexe in den Armen und Händen.
  • Gefäßuntersuchung: Beurteilung der Pulse an Handgelenk und Ellenbogen, Auskultation (Abhören) auf Strömungsgeräusche.

Provokationstests

Es gibt verschiedene Provokationstests, die durchgeführt werden können, um die Symptome auszulösen oder zu verstärken und so die Diagnose zu unterstützen. Einige Beispiele sind:

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  • Adson-Test: Der Patient dreht den Kopf zur betroffenen Seite und atmet tief ein, während der Arzt den Radialispuls (Puls an der Handgelenkinnenseite) tastet. Eine Abschwächung oder ein Verschwinden des Pulses kann auf eine Kompression der Arteria subclavia hindeuten.
  • AER-Test (Abduktions-Elevantions-Rotations-Test): Beide Arme werden im Ellenbogengelenk gebeugt und rechtwinklig vom Körper abduziert bzw. eleviert. Die Handflächen werden nach außen rotiert und Faustschlussübungen durchgeführt. Pathologische Erscheinungen können sein: Abblassen oder Blauverfärbung der Extremität, Schmerzen, Schwäche und Kribbelparästhesien.
  • Elvey-Test (Neurodynamischer Test): Hierbei werden beide Arme gestreckt in Schulterhöhe abduziert und die Handflächen dorsal flektiert. Als weiteres sensibilisierendes Manöver erfolgt die Lateralflexion der HWS zur Gegenseite.

Apparative Diagnostik

Ergänzend zu Anamnese und körperlicher Untersuchung können verschiedene apparative Untersuchungen durchgeführt werden, um die Diagnose zu sichern und andere Erkrankungen auszuschließen:

  • Röntgenaufnahme: Zur Beurteilung von knöchernen Strukturen (z. B. Halsrippe, Fehlstellung der 1. Rippe, Frakturen des Schlüsselbeins).
  • Doppler- und Duplexsonographie: Ultraschalluntersuchung zur Beurteilung der Blutgefäße und des Blutflusses in den Arterien und Venen der Arme.
  • Angiographie (CT-Angiographie oder MR-Angiographie): Bildgebung der Blutgefäße mit Kontrastmittel, um Engstellen, Aneurysmen oder Thrombosen darzustellen.
  • Elektroneurographie (ENG): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit, um Nervenschädigungen festzustellen.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Bildgebung zur Darstellung von Weichteilen, Muskeln, Nerven und Blutgefäßen. Kann helfen, andere Ursachen für die Symptome auszuschließen (z. B. Bandscheibenvorfall).

Behandlung des Skalenussyndroms und TOS

Die Behandlung des Skalenussyndroms und des TOS richtet sich nach der Ursache, der Art und dem Schweregrad der Symptome. In den meisten Fällen wird zunächst eine konservative Therapie versucht.

Konservative Therapie

  • Physiotherapie: Die Physiotherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung. Sie umfasst:
    • Manuelle Therapie zur Lösung von Engpässen (z. B. Mobilisation der 1. Rippe)
    • Neurodynamische Techniken zur Verbesserung der Gleitfähigkeit der Nerven
    • Haltungs- und Bewegungsschulung für Alltag und Beruf (z. B. Aufrichtung des Brustkorb, Korrektur von Schulterposition und Kopfhaltung, Arbeitsplatzanpassung)
    • Kräftigung der Halsmuskulatur, der Scapula-Stabilisatoren (Muskeln, die das Schulterblatt stabilisieren) und der Rückenmuskeln
    • Dehnung verkürzter Strukturen (z. B. Pectoralis-Muskeln, Scalenii-Muskeln)
    • Atem- und Entspannungstechniken zur Entlastung der Engpassregion
    • Individuell angepasste Übungen für zu Hause zur langfristigen Beschwerdefreiheit
  • Medikamente:
    • Schmerzmittel (z. B. NSAR wie Ibuprofen oder Diclofenac) zur Linderung von Schmerzen und Entzündungen
    • Muskelrelaxantien zur Entspannung der Muskeln
    • Injektionen mit Kortikosteroiden in die Skalenusmuskeln können bei starken Schmerzen und Entzündungen helfen.
    • Bei venösem TOS können gerinnungshemmende Medikamente (Blutverdünner) eingesetzt werden, um die Bildung von Blutgerinnseln zu verhindern oder aufzulösen.
  • Ergonomische Maßnahmen:
    • Anpassung des Arbeitsplatzes, um eine gute Körperhaltung zu fördern und repetitive Bewegungen zu reduzieren.
    • Vermeidung von Tätigkeiten, die die Symptome verschlimmern.
    • Regelmäßige Pausen, um Muskelverspannungen zu vermeiden.
  • Selbstmassage: Triggerpunkt-Selbstmassage der Scaleni kann helfen, Verspannungen zu lösen und Schmerzen zu lindern.

Operative Therapie

Eine Operation ist in der Regel nur erforderlich, wenn die konservative Therapie nicht ausreichend wirksam ist oder wenn schwere Komplikationen wie eine arterielle Kompression oder eine Armvenenthrombose vorliegen. Ziel der Operation ist es, die Kompression der Nerven und Gefäße zu beseitigen. Dies kann durch verschiedene Verfahren erreicht werden:

  • Resektion der ersten Rippe: Die Entfernung der ersten Rippe schafft mehr Platz für die Nerven und Gefäße.
  • Skalenektomie: Die Durchtrennung oder Entfernung der Skalenusmuskeln kann den Druck auf die Nerven und Gefäße verringern.
  • Entfernung einer Halsrippe: Falls eine Halsrippe vorhanden ist, wird diese entfernt.
  • Gefäßrekonstruktion: Bei arteriellen Komplikationen kann eine Gefäßrekonstruktion erforderlich sein, um die Durchblutung wiederherzustellen.

Die Operation kann offen oder minimalinvasiv (videoassistierte thorakoskopische Chirurgie, VATS) durchgeführt werden.

Prognose

Die Prognose des Skalenussyndroms und des TOS ist in der Regel gut, wenn die Erkrankung frühzeitig erkannt und behandelt wird. Mit einer konsequenten konservativen Therapie können die meisten Patienten eine deutliche Besserung ihrer Symptome erreichen. In einigen Fällen ist jedoch eine Operation erforderlich, um die Kompression der Nerven und Gefäße zu beseitigen.

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Was kann man selbst tun?

Es gibt verschiedene Maßnahmen, die man selbst ergreifen kann, um die Beschwerden des Skalenussyndroms und des TOS zu lindern:

  • Achten Sie auf eine gute Körperhaltung: Vermeiden Sie es, lange in einer gekrümmten Haltung zu sitzen oder zu stehen.
  • Machen Sie regelmäßige Pausen: Stehen Sie auf, bewegen Sie sich und dehnen Sie Ihre Muskeln, wenn Sie lange sitzen oder stehen müssen.
  • Vermeiden Sie repetitive Bewegungen: Wenn Sie Tätigkeiten ausüben, die repetitive Bewegungen erfordern, versuchen Sie, diese zu reduzieren oder zu vermeiden.
  • Stärken Sie Ihre Muskeln: Kräftigungsübungen für die Hals-, Schulter- und Rückenmuskulatur können helfen, die Körperhaltung zu verbessern und die Muskeln zu entlasten.
  • Dehnen Sie Ihre Muskeln: Dehnübungen für die Hals-, Schulter- und Brustmuskulatur können helfen, Verspannungen zu lösen und die Beweglichkeit zu verbessern.
  • Entspannen Sie sich: Stress kann die Symptome des Skalenussyndroms und des TOS verschlimmern. Versuchen Sie, Stress abzubauen, z. B. durch Entspannungsübungen, Yoga oder Meditation.
  • Schlafen Sie in einer guten Position: Schlafen Sie auf dem Rücken oder auf der Seite mit einem Kissen, das Ihren Nacken ausreichend stützt. Vermeiden Sie es, auf dem Bauch zu schlafen.
  • Wenden Sie Wärme oder Kälte an: Wärme kann helfen, Muskelverspannungen zu lösen, während Kälte Entzündungen reduzieren kann.

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