Schweinehirn-Implantate und Multiple Sklerose Forschung: Eine umfassende Analyse

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die vor allem junge Erwachsene betrifft. In Deutschland sind schätzungsweise 140.000 Menschen an MS erkrankt. Die Erkrankung verläuft in der Regel in Schüben, die mit Sehstörungen, Lähmungen oder Gleichgewichtsstörungen einhergehen und zu dauerhaften Behinderungen führen können. Die Ursachen der MS sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Die Forschung konzentriert sich auf das Verständnis der Entstehung und des Fortschreitens der MS, die Entwicklung neuer Medikamente und die Verbesserung der Patientenversorgung.

Der Zusammenhang zwischen Darmkeimen und MS

In der Vergangenheit wurden Darmkeime wiederholt mit der Krankheit in Verbindung gebracht. Der Neurologe John Kurtzke bemerkte, dass es auf den Färöer-Inseln vor der Ankunft britischer Truppen im Zweiten Weltkrieg keine MS-Erkrankungen gab, während sie in Schweden, Island und Dänemark relativ häufig waren. Kurtzke vermutete, dass die britischen Soldaten neue gastrointestinale Erreger eingeschleppt haben. Ein weiteres Indiz fanden Cook und Dowling auf den dänischen Färöer-Inseln. Auf der Inselgruppe, die seit 1900 frei von MS war, wurden zwischen 1943 und 1960 27 Fälle bekannt. Forscher des National Institute of Health im US-Bundesstaat Maryland berufen sich auch auf die Färöer-Krankheitsfälle. Für eine solche Theorie spricht auch, dass auf den mit Dänemark verbundenen Färöer-Inseln im Nordatlantik erstmals acht bis zwölf Jahre nach der Besetzung durch die englische Armee im Zweiten Weltkrieg MS-Erkrankungen beobachtet wurden. Da keiner der neu Erkrankten die Insel zuvor verlassen hatte, liegt die Besetzung der Insel durch die englischen Soldaten als indirekte Ursache nahe, die etwas mitgebracht haben müssen, das dann auch bei den Einheimischen zum Auftreten von MS-Erkrankungen führte (England = Land mit hohem MS-Risiko).

Gescheiterte Versuche mit Schweinehirn-Implantaten

In der Vergangenheit gab es Versuche, MS mit Schweinehirn-Implantaten zu behandeln. Diese Methode wurde jedoch als wissenschaftlich nicht anerkannt betrachtet. Düsseldorfs Regierungspräsident Achim Rohde sah sich zu dieser Erlaubnis einer wissenschaftlich »nicht anerkannten Behandlungsmethode«, wie es in der Presseerklärung hieß, durch die »große Zahl verzweifelter Hilferufe von MS-Kranken, ihren Angehörigen, Freunden und Bekannten« veranlasst. Der ungewöhnliche Schritt sei, so heißt es weiter, »nach gründlicher Prüfung« erfolgt. »Schweinehirn: ein Flop«, schrieb das Ärztemagazin »Selecta« über die Ergebnisse des ersten Jelesic-Gastspiels. In der Praxis eines Chirurgen in Pfullingen bei Reutlingen hatte Jelesic im Sommer 1981 insgesamt 14 Implantationen (Stückpreis: 500 Mark) vorgenommen. Im Januar 1982 behandelte der Jugoslawe in Ennepetal bei Dortmund wieder 24 MS-Kranke. Wieder gab es Komplikationen: Ein Patient erlitt eine doppelseitige Gesichtslähmung, bei einem norwegischen Patienten kam es nach der Implantation zu einem ausgedehnten Stammhirnschaden. Um die in Düsseldorf »zu behandelnden Kranken vor weiteren Schäden« zu bewahren, will Regierungspräsident Rohde dem jugoslawischen Heiler »verschiedene Auflagen« erteilen. MS-Experten, wie der Göttinger Neurologe Helmut Bauer von der Informations- und S.146 Beratungsstelle der Multiple-Sklerose-Gesellschaft, mahnen denn auch zur Vorsicht. »Schwere Komplikationen bereits bei einer kleinen Anzahl von Behandelten«, so Professor Bauer, seien »eine erschreckende Warnung«. Solche Warnungen wird es wohl geben, solange die Krankheit nicht ursächlich behandelt werden kann und die Betroffenen »damit zum idealen Opfer für Scharlatane« ("Selecta") werden.

Aktuelle Forschungsergebnisse und Therapieansätze

Blutgerinnungssystem und MS

Ein möglicher Durchbruch bei der Erforschung der Auslöser der Multiplen Sklerose (MS) könnte die Entdeckung eines Zusammenhangs zwischen dem Blutgerinnungssystem und der Entstehung von MS sein. Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen (UDE) konnten in Zusammenarbeit mit Kollegen der Universität Münster diesen Zusammenhang nachweisen. Sie fanden heraus, dass ein bestimmter Bestandteil des Blutgerinnungssystems, der Blutgerinnungsfaktor XII (FXII), für die MS-Entstehung mitverantwortlich ist.

Die Forscher hatten festgestellt, dass der FXII-Spiegel im Blut von MS-Patienten während eines akuten Krankheitsschubes besonders hoch ist. MS-kranke Mäuse ohne FXII-Gen entwickelten deutlich weniger neurologische Ausfallsymptome im Vergleich zu MS-Mäusen mit dem FXII-Gen. Bei ersteren bildeten sich weniger Interleukin-17A produzierende T-Zellen, die eine zentrale Rolle in der MS-Entstehung spielen. Darüber hinaus ließ sich belegen, dass FXII das Immunsystem bei MS über ganz bestimmte sogenannte Antigen-präsentierende Zellen aktiviert, die Dendritischen Zellen.

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Ein vielversprechender Therapieansatz könnte die Hemmung von FXII durch eine neuartige Substanz (das Protein Infestin-4) sein, das ursprünglich aus einer blutsaugenden Raubwanze gewonnen wurde. Die Blockade des FXII mittels Infestin-4 war auch dann noch wirksam, wenn die neurologischen Symptome bereits ausgebrochen waren.

Propionat als neue Therapieoption

Eine weitere neue Therapieoption bei Multipler Sklerose (MS) hat Prof. Aiden Haghikia, Leitender Oberarzt in der Neurologie, mit seinem Forschungsteam entwickelt: Durch die Verabreichung einer Fettsäure, dem so genannten Propionat, zeigten sich in Studien positive Effekte.

Haghikia stellte fest, dass kurzkettige Fettsäuren im Körper die Produktion sogenannter regulatorischer T-Zellen anregen, die Entzündungen im Körper regulieren. Am experimentellen Modell fand man heraus, dass vor allem eine bestimmte kurzkettige Fettsäure - die Propionsäure bzw. Propionat - zu einem Anstieg antientzündlicher Immunzellen und damit zu einem milderen Verlauf der MS-Erkrankung führt. Bei MS-Patienten wurde nicht nur ein Mangel an Propionsäure festgestellt, sondern auch eine Bakterienflaute im Darm. Durch die Gabe von Propionsäure als Nahrungsergänzung stieg die Zahl der regulatorischen, antientzündlichen Immunzellen bereits nach 14 Tagen deutlich an.

Aus den Ergebnissen dieser und weiterer Studien können die MS-Forscher Betroffenen mittlerweile auch klare Ernährungsempfehlungen geben: eine überwiegend vegetarische, ballaststoffreiche Diät, die reich an Hülsenfrüchten und Gemüse ist und auf Ei und Fisch als Proteinquellen setzt.

Neurotechnologie zur Wiederherstellung der Bewegungsfähigkeit

Mithilfe eines Hirnchips und weiterer Implantate können gelähmte Affen wieder gehen. Das System überbrückt die zerstörten Leitungsbahnen im Rückenmark und schafft so eine Verbindung zwischen dem Gehirn und dem Bein - und zwar völlig kabellos.

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Die Hirn-Wirbelsäule-Schnittstelle besteht aus mehreren Bestandteilen: Ein Hirnimplantat zeichnet die elektrische Aktivität der für das Gehen verantwortlichen Nervenzellen im Motorkortex auf und schickt das Aktivitätsmuster kabellos an einen Computer. Über spezifische Algorithmen erstellt dieser daraus ein Stimulationsprotokoll, das an einen Taktgeber im Lendenbereich geschickt wird.

Die Forscher testeten die Neuroprothese unter anderem an zwei Rhesus-Affen, bei denen jeweils ein Bein aufgrund einer gezielten Durchtrennung des Rückenmarks gelähmt war. Ein Video zeigt, wie eines der Tiere sich auf einem Laufband fortbewegt. Ist die Schnittstelle ausgeschaltet, bleibt das gelähmte Bein bewegungslos oder das Tier zieht es unter den Körper.

Ob die vorgestellte Schnittstelle auch bei vollständig querschnittsgelähmten Menschen funktioniert, ist allerdings unklar. Anders als bei den Affen in der Studie seien beim Menschen in der Regel beide Beine gelähmt, die Verletzungen am Rückenmark viel großflächiger.

Magnetresonanztomografie (MRT) zur Untersuchung von MS

Die Magnetresonanztomografie (MRT) ist zu einem wichtigen Werkzeug für die Beurteilung von Patienten mit Multipler Sklerose (MS) geworden, welches in der Diagnose und Kontrolle eingesetzt wird, aber auch um die Mechanismen der Entstehung und Fortschreiten von MS zu untersuchen.

Eine neue spektroskopische MRT Methode wurde entwickelt, welche zum ersten Mal eine hochaufgelöste Bildgebung des chemischen Stoffes myo-Inositol (mIns) im Gehirn erlaubt hat. Diese neue mIns-sensitive MRT-Methode könnte Zugang zu einem mächtigen Bildgebungs-Biomarker für zukünftige wissenschaftliche Studien und klinische Anwendung erlauben. Erste Pilotdaten in MS Patienten zeigen, dass mIns Bildgebung ein mächtiges Bildgebungswerkzeug für Mikrogliaaktivierung (Entzündung) werden könnte.

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