Die Anatomie des Mittelfingers: Sehnen, Bänder und Nerven

Die menschliche Hand ist ein Wunderwerk der Natur, ein komplexes und feingliedriges Instrument, das uns ermöglicht, die Welt zu ertasten, zu begreifen und zu gestalten. Ihre Muskeln und Gelenke ermöglichen vielfältige und präzise Bewegungen, während die Kraftverteilung optimal ist, um sowohl fest zuzupacken als auch filigrane Aufgaben zu bewältigen. Dieser Artikel widmet sich der detaillierten Anatomie des Mittelfingers, wobei der Fokus auf Sehnen, Bändern und Nerven liegt.

Die Hand: Ein Überblick

Die Hand ist ein vielseitiges Werkzeug des menschlichen Körpers, das Geschicklichkeit und Kommunikation verkörpert. Sie besteht aus insgesamt 27 Einzelknochen: 8 Handwurzelknochen, 5 Mittelhandknochen und 14 Fingerknochen, die durch Gelenke und Bänder miteinander verbunden sind. Damit befindet sich etwa ein Viertel aller Knochen des menschlichen Körpers in den Händen. Die rechte Hand wird von der linken, die linke Hand von der rechten Hirnhälfte kontrolliert.

Die Hand wird durch zwei Hauptschlagadern an der Daumen- und Kleinfingerseite mit Blut versorgt. Diese Arterien bilden auf Höhe der Handfläche je einen Bogen, wodurch die Hand über eine doppelte Schleife mit sauerstoffreichem Blut versorgt wird. Aus diesen Bögen entspringen die Gefäßäste für die einzelnen Finger.

Knochen und Gelenke des Mittelfingers

Der Mittelfinger, wie auch Zeigefinger, Ringfinger und kleiner Finger, besteht aus drei Einzelknochen, den sogenannten Fingergliedern oder Phalangen:

  • Grundphalanx (Phalanx proximalis): Sie bildet die Basis des Fingers und ist mit dem Mittelhandknochen (Os metacarpale III) verbunden.
  • Mittelphalanx (Phalanx media): Sie liegt zwischen Grund- und Endphalanx.
  • Endphalanx (Phalanx distalis): Sie bildet die Spitze des Fingers und trägt den Fingernagel.

Diese drei Phalangen sind durch zwei Gelenke miteinander verbunden:

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  • ** proximales Interphalangealgelenk (PIP-Gelenk):** Das Gelenk zwischen Grund- und Mittelphalanx.
  • distales Interphalangealgelenk (DIP-Gelenk): Das Gelenk zwischen Mittel- und Endphalanx.

Zusätzlich bildet das Grundgelenk (Metacarpophalangealgelenk, MCP-Gelenk) die Verbindung zwischen dem Mittelhandknochen und der Grundphalanx.

Muskulatur und Sehnen des Mittelfingers

Die Bewegung des Mittelfingers wird durch ein komplexes Zusammenspiel von Muskeln und Sehnen ermöglicht. Die Muskeln, die die Finger bewegen, liegen zum größten Teil im Unterarm und erreichen die Fingergelenke über lange Sehnen. Man unterscheidet zwischen intrinsischen und extrinsischen Muskeln:

  • Extrinsische Muskeln: Diese Muskeln haben ihren Ursprung im Unterarm und setzen über lange Sehnen an den Fingerknochen an. Sie sind für die Beugung und Streckung der Finger verantwortlich. Zu den wichtigsten extrinsischen Muskeln für den Mittelfinger gehören:
    • Musculus flexor digitorum profundus: Er ist der tiefe Fingerbeuger und setzt an der Endphalanx an. Er ermöglicht die Beugung des Endgelenks.
    • Musculus flexor digitorum superficialis: Er ist der oberflächliche Fingerbeuger und setzt an der Mittelphalanx an. Er ermöglicht die Beugung des Mittelgelenks.
    • Musculus extensor digitorum: Er ist der Strecker der Finger und setzt an der Dorsalaponeurose an. Er ermöglicht die Streckung der Finger.
  • Intrinsische Muskeln: Diese Muskeln liegen innerhalb der Hand und ermöglichen feinere Bewegungen der Finger, wie das Spreizen und Zusammenführen. Zu den intrinsischen Muskeln, die auf den Mittelfinger wirken, gehören:
    • Mm. lumbricales: Sie beugen die Fingergrundgelenke und strecken gleichzeitig die Mittel- und Endgelenke.
    • Mm. interossei dorsales: Sie spreizen die Finger ab (Abduktion).
    • Mm. interossei palmares: Sie führen die Finger zusammen (Adduktion).

Das Ringbandsystem

Jede Beugesehne verläuft durch einen Sehnenkanal, der durch die sogenannten Ringbänder verstärkt wird. Dieser Kanal kann durch Entzündungen oder Überlastung zu eng werden. Die Ringbänder (Vaginae fibrosae digitorum manus) sind eine Verstärkung der Beugesehnenscheiden, die die Sehnen stabilisieren und führen. Die wichtigsten Ringbänder, A2 und A4, verhindern biomechanisch das Einschnüren der Beugesehnen. Eine Verengung des Ringbandes A1 kann einen Schnappfinger verursachen.

Die Funktion der Ringbänder besteht in der engen Führung der Beugesehnen an das Knochenskelett, um damit einer optimalen Kraftübertragung und Beweglichkeit der Finger zu gewährleisten. Dabei spielt das A-2-Ringband als längstes biomechanisch die wichtigste Rolle. Die Kreuzbänder verhindern den Kollaps und erlauben die Ausdehnung der Sehnenscheide bei digitalen Bewegungen. Sie erleichtern die Annäherung der Ringbänder während der maximalen Beugung.

Die Dorsalaponeurose

Auch bekannt als Streckaponeurose der Hand und/oder der Finger, umfasst die Dorsalaponeurose die Sehnen der Extensoren der Finger. Sie ist eine Sehnenhaube auf dem Handrücken, die sich über die Finger erstreckt und an den Phalangen befestigt ist. Sie ermöglicht die Streckung der Finger.

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Nervenversorgung des Mittelfingers

Die Nervenversorgung des Mittelfingers erfolgt hauptsächlich durch den Nervus medianus und den Nervus ulnaris. Diese Nerven sind für die sensible Wahrnehmung (Tasten, Schmerz, Temperatur) und die motorische Steuerung der Muskeln verantwortlich.

  • Nervus medianus (Mittelnerv): Er ist für die Bewegung der Daumenballenmuskeln und der restlichen Zwischenfingermuskeln zuständig. Er ist zudem verantwortlich für die Wahrnehmung von Hautreizen an der Handinnenfläche, an Daumen, Zeige- und Mittelfinger sowie an der Haut des Ringfingers, die an den Mittelfinger grenzt.
  • Nervus ulnaris (Ellennerv): Er bewegt die Muskeln des Kleinfingerballens, die Zwischenknochenmuskeln der Mittelhand, den Muskel, der den Daumen heranführt (Adduktor) und zwei der Zwischenfingermuskeln. Außerdem leitet der Nerv die Hautempfindungen aus dem Bereich über dem kleinen Finger und der angrenzenden Seite des Ringfingers.

Der Nervus radialis ist hauptsächlich für die Streckung der Hand und Finger zuständig und innerviert daher nicht direkt die Muskeln des Mittelfingers. Jedoch kann eine Schädigung des Nervus radialis indirekt die Funktion des Mittelfingers beeinträchtigen, da die Streckung der Hand für eine optimale Funktion der Fingerbeuger notwendig ist.

Klinische Aspekte

Die komplexe Anatomie des Mittelfingers macht ihn anfällig für verschiedene Verletzungen und Erkrankungen. Dazu gehören:

  • Frakturen: Knochenbrüche der Phalangen können durch direkte Gewalteinwirkung oder Stürze entstehen.
  • Verletzungen der Sehnen: Sehnenrisse oder -entzündungen können die Beweglichkeit des Fingers einschränken. Eine Knotenbildung der Beugesehnen direkt proximal des Sehnenscheideneingangs führt zur mechanischen Reizung des A1-Ringbandes mit konsekutiver Stenose. Die Gleitfähigkeit der Beugesehnen ist gestört, es kommt zu einem springenden Phänomen (Schnappfinger).
  • Nervenkompressionen: Das Karpaltunnelsyndrom, bei dem der Nervus medianus im Handgelenk eingeengt wird, kann zu Taubheitsgefühlen und Schmerzen im Mittelfinger führen.
  • Arthrose: Der Verschleiß der Gelenkknorpel kann zu Schmerzen und Bewegungseinschränkungen führen. Heberden-Knoten (DIP) und Bouchard-Knoten (PIP) sind typische Anzeichen von Arthrose.
  • Rheumatoide Arthritis: Die synoviale Proliferation führt zu Skeletterosion, Zerstörung der kapsulären Bandstrukturen und Veränderungen der Sehnenstruktur und -funktion. Schwanenhalsdeformität und Knopflochdeformität sind mögliche Folgen.
  • Dupuytren-Kontraktur: Veränderung der Hohlhand durch Schrumpfung der Palmaraponeurose, Streckdefizit der Finger (v.a. des Ringfingers).

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