Der Sehnerv, auch Nervus opticus genannt, ist eine lebenswichtige Struktur für unser Sehvermögen. Er besteht aus etwa einer Million Nervenfasern und verbindet das Auge mit dem Gehirn, um visuelle Informationen zu übertragen. Eine Schädigung des Sehnervs kann zu einer Vielzahl von Sehstörungen bis hin zur Erblindung führen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten von Sehnervschädigungen, um Betroffenen und Interessierten ein umfassendes Verständnis zu ermöglichen.
Anatomie und Funktion des Sehnervs
Der Sehnerv ist etwa vier bis fünf Zentimeter lang und erstreckt sich vom Auge bis zum Gehirn. Genauer gesagt verläuft er von der Netzhaut im Auge, wo er die visuellen Reize aufnimmt, über den Augapfel und durch den knöchernen Sehnervenkanal. Von dort aus führt der Sehnerv in den visuellen Cortex, der Teil der Großhirnrinde ist.
Die Hauptaufgabe des Sehnervs besteht darin, die auf die Netzhaut treffenden elektrischen Impulse zum Sehzentrum in der Großhirnrinde weiterzuleiten. Dort werden die Informationen zu einem Bild verarbeitet, was uns ermöglicht, unsere Umgebung visuell wahrzunehmen. Auge und Gehirn sind komplexe Organe, die für eine korrekte Funktion im Sehprozess interagieren müssen.
Symptome einer Sehnervschädigung
Die Beschwerden, die bei einer Erkrankung des Sehnervs auftreten können, hängen von der Art der Erkrankung und dem Ausmaß der Schädigung ab. Mögliche Symptome sind:
- Sehstörungen: Ein Schaden am Sehnerv kann zu Sehstörungen führen, die sich in Form von verschwommenem Sehen, Doppeltsehen, Ausfällen im Gesichtsfeld oder Farbsehstörungen äußern können. Im schlimmsten Fall kann eine Erkrankung des Sehnervs zur Erblindung führen.
- Schmerzen im Auge: Eine Erkrankung des Sehnervs, wie zum Beispiel eine Sehnervenentzündung (Optikusneuritis), kann mit Schmerzen im Auge einhergehen. Die Schmerzen können unterschiedlich stark sein und auch in anderen Teilen des Gesichts wahrgenommen werden.
- Müdigkeit der Augen: Eine Schädigung des Sehnervs kann auch dazu führen, dass das Auge anstrengender arbeiten muss, um die visuellen Reize zu verarbeiten. Das kann zu Müdigkeit und Schmerzen in den Augen führen.
- Kopfschmerzen: Einige Erkrankungen des Sehnervs können zu Kopfschmerzen führen. Auch hier können die Schmerzen unterschiedlich stark ausgeprägt sein.
Es ist wichtig zu beachten, dass Sehstörungen oder Augenschmerzen zahlreiche Ursachen haben können. Eine frühzeitige ärztliche Untersuchung ist entscheidend, um die genaue Ursache zu ermitteln und eine geeignete Behandlung einzuleiten.
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Ursachen von Sehnervschädigungen
Zahlreiche Erkrankungen können eine Schädigung des Sehnervs zur Folge haben. Hier sind einige der häufigsten Ursachen:
Glaukom (Grüner Star)
Das Glaukom ist eine der Hauptursachen für Sehnervschädigungen. Es handelt sich um eine Gruppe von Augenerkrankungen, die durch einen erhöhten Augeninnendruck verursacht werden. Dieser Druck kann zu Schädigungen am Sehnerv und zu Sehstörungen führen.
- Offenwinkelglaukom: Die häufigste Form, bei der der Abfluss des Kammerwassers behindert ist, was zu einem allmählichen Anstieg des Augeninnendrucks führt.
- Normaldruckglaukom: Schäden am Sehnerv treten trotz normalen Augeninnendrucks auf, möglicherweise aufgrund von Durchblutungsstörungen.
- Engwinkelglaukom (Winkelblockglaukom): Eine seltene Form, bei der eine plötzliche Blockade des Kammerwinkels zu einem raschen Anstieg des Augeninnendrucks führt, was einen Notfall darstellt.
- Sekundäre Glaukome: Entstehen als Folge anderer Erkrankungen oder äußerer Faktoren wie Diabetes mellitus oder angeborene Fehlbildungen des Auges.
Optikusneuritis (Sehnervenentzündung)
Die Optikusneuritis ist eine Entzündung des Sehnervs, die zu einer plötzlichen Sehminderung, Dunkelsehen und Störung des Farbsehens führen kann. Schmerzen neben oder hinter dem Auge, besonders beim Bewegen der Augen, sind charakteristische Symptome. Die häufigste Ursache ist Multiple Sklerose (MS).
Anteriore ischämische Optikusneuropathie (AION)
Die AION ist eine häufige Ursache für eine plötzliche Sehverschlechterung bei Patienten über fünfzig. Die Ursache für diese Erkrankung ist der Ausfall der Blutversorgung des Sehnervs, was zu einer Schädigung der Nervenfasern führt. Leitsymptom einer AION ist eine schmerzlose, sich verschlechternde Sehfähigkeit mit Gesichtsfeldausfällen.
Hypophysentumore
Hypophysenadenome sind meist gutartige Tumore, die von Hormonzellen des Vorderlappens der Hirnanhangsdrüse ausgehen. Da die Hypophyse genau an der Sehnervenkreuzung liegt, können größere Tumore zu Sehstörungen und Gesichtsfeldausfällen führen.
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Meningeome
Meningeome sind sehr langsam wachsende gutartige Tumore, die den Sehnerven oder die Sehnervenkreuzung komprimieren können.
Raumforderungen im Gehirn
Hirntumore können zu verschiedensten Augensymptomen führen. Je nach Lage des Tumors entsteht ein gemischtes Bild an neuro-ophthalmologischen Ausfällen. So treten oftmals Gesichtsfeldausfälle und Augenbewegungsstörungen auf. Häufig kommt es zu einer Stauung der Hirnflüssigkeit mit einer nachfolgender Hirndrucksteigerung.
Schlaganfall (Apoplex)
Ein Schlaganfall kann sich isoliert an der Sehrinde manifestieren, so dass nur ein Gesichtsfeldausfall auf das Geschehen hinweist und keine weiteren neurologischen Symptome auftreten.
Pseudotumor cerebri
Bei dieser Krankheit ist der Hirndruck erhöht, ohne dass es dafür eine klar erkennbare Ursache gibt. Der Sehnerv kann stark anschwellen und mit der Zeit Schaden nehmen. Betroffen sind meistens jüngere Frauen mit Übergewicht, die an Kopfschmerzen leiden.
Endokrine Orbitopathie
Die Endokrine Orbitopathie ist eine Autoimmunerkrankung, die oft Zellen der Schilddrüse betrifft (Morbus Basedow, Hashimoto-Thyreoiditis). Es werden dabei Substanzen produziert, die zu einem Wachstum der Augenmuskeln und des orbitalen Fettgewebes führen. Typische Symptome sind Doppelbilder, Hervortreten der Augen (Exophthalmus) und hochgezogene Augenlider mit Augenreizung.
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Leber’sche hereditäre Optikusneuropathie
Leber’sche hereditäre Optikusneuropathie ist eine neuro-degenerative Erbkrankheit, die zu einer plötzlichen einseitigen Erblindung führen kann. Häufig folgt das andere Auge innerhalb von einigen Monaten. Die Ursache liegt in den Ganglienzellen des Sehnervens. Die Erkrankung gehört zu den Mitochondriopathien, also einer mütterlicherseits vererbten Erkrankung der Mitochondrien (Kraftwerke der Zellen).
Durchblutungsbedingte Augenbewegungsstörung
Eine solche Lähmung tritt am häufigsten bei älteren Menschen in Form von plötzlich auftretenden Doppelbildern auf. Die für die Augenbewegung zuständigen Hirnnerven sind aufgrund einer Durchblutungsstörung nicht ausreichend versorgt. Weitere Faktoren, die dazu führen, sind ein erhöhter Blutdruck (Hypertonie) und Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus).
Diagnose von Sehnervschädigungen
Zur Diagnose von Sehnervschädigungen stehen verschiedene Untersuchungsmethoden zur Verfügung:
- Augenärztliche Untersuchung: Der Augenarzt untersucht den Augenhintergrund mit einer Spaltlampe, um die Papille des Sehnervs zu beurteilen. Dabei können farbliche Abweichungen oder Veränderungen der Form auffallen, die für ein mögliches Krankheitsgeschehen sprechen können.
- Gesichtsfelduntersuchung: Diese Untersuchung dient dazu, eventuelle Ausfälle im Gesichtsfeld zu erkennen.
- Messung des Augeninnendrucks: Wichtig zur Erkennung des Glaukoms.
- Bildgebende Verfahren: In einigen Fällen kann es notwendig sein, bildgebende Verfahren wie eine Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) durchzuführen, um die Ursache der Sehnervschädigung zu identifizieren.
- Elektrophysiologische Untersuchungen (ERG, EOG und VEP): Diese Untersuchungen prüfen die Umsetzung der Lichtsignale in elektrische Impulse in der Netzhaut sowie deren Weiterleitung.
- Visuell evozierte Potentiale (VEP): Messen die Nervenfaserleitgeschwindigkeit und können bei einer Optikusneuritis verzögert auftreten.
- Lumbalpunktion: Zur Analyse der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit, um andere Erkrankungen auszuschließen.
Behandlung von Sehnervschädigungen
Die Behandlung von Schäden am Sehnerv hängt immer von der Ursache ab. Prinzipiell sind die meisten neuro-ophthalmologischen Erkrankungen behandelbar. Therapie und Prognose sind dabei entscheidend abhängig von der zugrunde liegenden Ursache.
- Glaukom: Ziel ist die Senkung des Augeninnendrucks, um weitere Schäden am Sehnerv zu verhindern. Dies kann durch Augentropfen, Laserbehandlungen oder Operationen erreicht werden.
- Optikusneuritis: In der Akutsituation werden Kortikosteroide eingesetzt, um die Entzündung zu reduzieren und die Zeit bis zur Erholung der Sehfähigkeit zu verkürzen. Die Behandlung einer Optikusneuritis, die im Rahmen eines MS-Schubs auftritt, erfolgt nach den Prinzipien der MS-Therapie.
- AION: Wichtig ist, die meistens außerhalb des Auges liegenden Ursachen wie z.B. einen erhöhten Blutdruck oder Diabetes mellitus zu behandeln.
- Hypophysentumore und Meningeome: Können operativ entfernt werden, um den Druck auf den Sehnerv zu entlasten.
- Schlaganfall: Nach der Diagnose werden die Patienten von Neurologen mit entsprechenden Methoden und Therapieangeboten der Schlaganfallstation weiterbetreut.
- Endokrine Orbitopathie: Die Behandlung richtet sich nach der Schwere der Erkrankung und kann Medikamente, Bestrahlung oder Operationen umfassen.
- Leber’sche hereditäre Optikusneuropathie: Seit kurzem kann die Erkrankung erstmals therapiert werden. Ein neues Medikament (Idebenon, Raxone) ist 2015 als sogenanntes „Orphan Drug“ für die Behandlung der LHON zugelassen. Für den Therapieerfolg der LHON ist ein möglichst frühzeitiger Beginn der Behandlung sehr wichtig.
- Visuelle Restitution: In einigen Fällen kann eine visuelle Restitution mit schwachem Wechselstrom versucht werden, um die Gehirnfunktionen zu stimulieren und das Restsehvermögen zu aktivieren.
Neue Erkenntnisse und Forschung
Die Forschung im Bereich der Sehnervschädigungen schreitet stetig voran. Neue Erkenntnisse aus Untersuchungen an Mäusen wecken die Hoffnung, dass künftig eine Gentherapie wie eine Verjüngungskur für den Sehnerv wirken kann. Bei Mäusen ist es gelungen, mit einer Gentherapie epigenetische Information wieder „zurückzudrehen“, so dass es zu einer Verjüngung des Sehnervs kam. Nach der Behandlung reagierten die am Glaukom erkrankten Mäuse wieder auf optische Reize und konnten sich anhand von Mustern in einem Raum orientieren.
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