Sehnervschädigung durch ASS 100: Eine umfassende Betrachtung

Einleitung

Acetylsalicylsäure (ASS), ein weit verbreitetes Medikament, bekannt unter dem Markennamen Aspirin, wird häufig zur Schmerzlinderung und zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt. Obwohl ASS im Allgemeinen als sicher gilt, ist es wichtig, die potenziellen Nebenwirkungen zu kennen, insbesondere im Hinblick auf die Augengesundheit. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Auswirkungen von ASS 100 auf den Sehnerv und gibt einen Überblick über relevante Forschungsergebnisse und klinische Fälle.

Fallbeispiel: Visusminderung und Gesichtsfeldausfall nach Keratoplastik

Eine 53-jährige Patientin stellte sich mit plötzlicher Visusminderung und Gesichtsfeldausfall am linken Auge in einer Ambulanz vor. Sechs Monate zuvor hatte sie am betroffenen Auge eine perforierende Keratoplastik aufgrund von Keratokonus erhalten. Der korrigierte Visus betrug 0,4, und der Augeninnendruck lag im Normbereich (11 mm Hg). Klinisch zeigte sich ein reizfreier Vorderabschnitt mit klarem Hornhauttransplantat ohne Abstoßungszeichen. Fundoskopisch präsentierte sich am rechten Auge eine vitale, randscharfe Papille, während am linken Auge eine Papillenschwellung mit Ödem und Streifenblutung zu sehen war. Makula, Gefäße und periphere Netzhaut waren unauffällig.

Die optische Kohärenztomographie (OCT) der Makula war beidseits unauffällig. Die Fluoreszenzangiographie zeigte am linken Auge eine Papillenexsudation in der Spätphase. Die OCT der Papille ergab einen unauffälligen Befund am rechten Auge und eine inferiore sowie beginnend superiore parapapilläre retinale Nervenfaserschichtverdickung am linken Auge, was dem Fundoskopie-Befund entsprach. Die Gesichtsfelduntersuchung zeigte einen unauffälligen Befund rechts und ein tiefes kraniales Skotom links, passend zum OCT-Papillenbefund.

Laborwerte, Thrombophiliescreening, serologische Untersuchung zum Ausschluss einer Papillitis und Karotis-Doppler waren unauffällig. Die Magnetresonanztomographie des Kopfes (cMRT) zeigte keinen Hinweis auf eine Metastase.

In der Nacht nach der Entlassung stellte sich die Patientin erneut mit einer Zunahme des Gesichtsfeldausfalls und Visusabnahme auf 0,16 am linken Auge vor. Bei Verdacht auf intrakranielle Hypertension wurde eine Lumbalpunktion durchgeführt, die eine idiopathische intrakranielle Hypertension (Pseudotumor cerebri [PTC]) nachwies (Liquoreröffnungsdruck 31 cm H2O). Die cMRT zeigte leicht erweiterte Sehnervenscheiden. Eine langfristige Therapie mit Acetazolamid (Diamox®) wurde eingeleitet. Bei der Kontrolle sechs Wochen später zeigte sich ein Visusanstieg auf 0,3 mit Abnahme des Skotoms und der Papillenschwellung.

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Medikamente und ihre potenziellen Auswirkungen auf die Augen

Verschiedene Medikamente können die Augen beeinflussen und zu unterschiedlichen Beschwerden führen. Es ist wichtig, dass sowohl Ärzte als auch Patienten sich dieser potenziellen Nebenwirkungen bewusst sind.

Schmerzmittel

  • Acetylsalicylsäure (ASS): Wirkt schmerzlindernd und blutverdünnend. Bei regelmäßiger Einnahme kann es bei vorerkrankter Netzhaut zu Einblutungen und somit Schädigungen der Netzhaut führen.
  • Ibuprofen: Kann zu trockenen Augen, seltener zu Sehstörungen, erhöhter Lichtempfindlichkeit oder beeinträchtigter Hell-Dunkel-Adaptation führen.

Blutdruck-Medikamente

  • Clonidin: Hat neben der blutdrucksenkenden auch eine Augendruck-senkende Wirkung. Glaukom-Patienten sollten die Einnahme mit dem Arzt absprechen.
  • Betablocker: Können trockene Augen, gerötete Augen oder vorübergehende Sehstörungen verursachen.

Weitere Medikamente

  • Anti-Baby-Pille: Kann trockene Augen verursachen und in seltenen Fällen bei Frauen mit Thromboseneigung zu einem Venenverschluss in der Netzhaut führen.
  • Kortison: Kann bei längerer Einnahme eine Trübung der Augenlinse (Katarakt) beschleunigen und den Augeninnendruck erhöhen (Glaukom).
  • Antibiotika: Können Sehstörungen, Augenbrennen, Lichtempfindlichkeit oder eine Verfärbung der Hornhaut verursachen.
  • Antiallergika: Können zu brennenden, trockenen oder geröteten Augen, verschwommenem Sehen, vermehrtem Tränenfluss oder Lichtempfindlichkeit führen.
  • Antiarrhythmika (Amiodaron): Können Mikroablagerungen in der Hornhaut verursachen, die sich durch Schleiersehen oder Farbhöfe um Lichtquellen bemerkbar machen.
  • Sildenafil (Viagra): Kann erhöhte Lichtempfindlichkeit, unscharfes Sehen oder eine Störung des Farbsehens verursachen.

Es ist wichtig, Medikamente niemals ohne Rücksprache mit dem behandelnden Arzt abzusetzen. Bei Verdacht auf Nebenwirkungen auf die Augen sollte der Arzt konsultiert werden, um mögliche Zusammenhänge abzuklären und gegebenenfalls alternative Präparate zu verschreiben.

Nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie (N-AION)

N-AION ist eine häufige Ursache für plötzlichen Sehverlust. Patienten berichten über einen (sub)akuten, schmerzlosen Visusverlust, wobei die Gesichtsfeldausfälle meist altitudinal sind. Fundoskopisch zeigt sich typischerweise eine Papillenschwellung mit peripapillären Blutungen. CRP und BSG sind im Normbereich.

Die genaue Pathogenese von N-AION ist noch nicht vollständig geklärt, scheint aber multifaktoriell zu sein. Es wird angenommen, dass Hypoperfusion und Ischämie aufgrund einer vorübergehenden Störung der Zirkulation des Sehnervkopfes eine Rolle spielen. Wichtige systemische Risikofaktoren sind systemische Hypertonie, Diabetes mellitus, obstruktives Schlafapnoesyndrom (OSAS) und nächtliche Hypotonie.

Die internistische Ursachenabklärung steht im Vordergrund, um das Risiko eines Rezidivs des Partnerauges zu minimieren. Bei unbehandeltem OSAS ist das Risiko für das Auftreten einer N-AION für das Partnerauge extrem hoch.

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Stauungspapille und idiopathische intrakranielle Hypertension (PTC)

Stauungspapillen sind definitionsgemäß Folge eines erhöhten intrakraniellen Drucks. Der Druck wird in die Sehnervenscheide fortgeleitet und führt dort zu einer Blockade des axoplasmatischen Flusses, was die Axone anschwellen lässt. Ursachen einer intrakraniellen Hypertension sind in drei Viertel der Fälle intrakranielle Tumoren. Bei PTC handelt es sich um eine Liquordrucksteigerung ohne verursachenden intrakraniellen Tumor ohne Hydrozephalus.

Stauungspapillen bei PTC entwickeln sich langsam innerhalb von mehreren Tagen bis Wochen. Eine beidseitige, weitgehend symmetrische Papillenschwellung findet sich in mehr als der Hälfte der Fälle. Bei frischer Stauungspapille sind Sehschärfe und Gesichtsfeld zunächst praktisch normal. Bei länger bestehender Stauungspapille treten Gesichtsfeldausfälle auf, typischerweise beginnend mit Vergrößerung des blinden Flecks.

Die Therapie des PTC muss die Symptomatik und den klinischen Schweregrad berücksichtigen. Gewichtsreduktion ist ein wesentlicher therapeutischer Schritt bei Übergewicht. Die Sofortbehandlung besteht in der Gabe von Acetazolamid, das den intrakraniellen Druck durch Verminderung der Liquorproduktion senkt. Eine interdisziplinäre Betreuung, insbesondere eine neurologische Anbindung mit regelmäßigen Liquordruckmessungen, ist wichtig.

ASS und Makuladegeneration

Eine Studie aus dem Jahr 2013 deutete darauf hin, dass die regelmäßige Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) möglicherweise die Entstehung einer feuchten altersabhängigen Makuladegeneration (AMD) fördern könnte. "Daueranwender von ASS haben (im Vergleich zu Personen, die höchstens gelegentlich ASS einnehmen) ein doppelt so hohes Risiko, innerhalb von 15 Jahren eine feuchte AMD zu entwickeln". Das erhöhte Risiko war aber erst nach 10 bis 15 Jahren nachweisbar. Ursächlich für das erhöhte Risiko könnte eine Komplementaktivierung durch ASS sein.

Es ist wichtig zu betonen, dass Herzinfarkt-gefährdete Patienten, die ASS zur Prävention einnehmen, dies auch weiterhin tun sollten, da hier der Nutzen überwiege.

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Grauer Star (Katarakt)

Der Graue Star ist eine Trübung der Augenlinse, die zu erheblichen Sehbeeinträchtigungen führen kann. Es gibt verschiedene Ursachen für die Linsentrübung, wobei die häufigste Form der Altersstar infolge des normalen Alterungsprozesses ist. Weitere Ursachen sind Stoffwechselerkrankungen (z.B. Diabetes mellitus), Verletzungen und Strahlung.

Symptome des Grauen Stars sind Verschwommensehen, Blendung, Doppelbilder, zunehmende Kurzsichtigkeit und die Herabsetzung der Sehschärfe. Eine medikamentöse Behandlung ist nicht möglich, daher ist in der Regel eine Operation erforderlich, bei der die trübe Linse entfernt und durch eine künstliche Linse ersetzt wird.

Es gibt verschiedene Operationsmethoden, darunter:

  • Intrakapsuläre Kataraktextraktion (ICCE): Die Linse wird insgesamt einschließlich der Linsenkapsel aus dem Auge entfernt.
  • Extrakapsuläre Kataraktextraktion (ECCE): Die vordere Linsenkapsel wird schlitzförmig eröffnet und dann der Linsenkern ohne Zerkleinerung aus dem Auge entfernt.
  • Phacoemulsifikation: Der Linsenkern wird zerteilt und aufgelöst abgesaugt. Die Zerteilung erfolgt mittels Ultraschall (klassisches Phacoverfahren) bzw. mit Laser (YAG-Laser und Er:YAG-Laser).

Künstliche Linsen bestehen aus verschiedenen Materialien wie Polymethylmethacrylat (PMMA), Silikon oder Acryl. Es gibt Monofokallinsen, die einen Brennpunkt erzeugen, und Multifokallinsen, die mehrere Brennpunkte für die Ferne und Nähe erzeugen.

Grüner Star (Glaukom)

Beim Grünen Star kommt es durch einen zu hohen Augeninnendruck zu einer Schädigung der Nervenfasern und damit zu einem Gesichtsfeldausfall. Der normale Augendruck beträgt etwa 10 bis 24 mmHg. Ein Mißverhältnis zwischen Kammerwasserbildung und -abfluß liegt bei allen Formen vor.

Es gibt verschiedene Formen des Glaukoms, darunter:

  • Primäres Offenwinkelglaukom: Der Abflußwiderstand ist erhöht, weil die Bälkchen des Trabekelwerkes zu dick sind.
  • Primäres Engwinkelglaukom: Der Abflußwiderstand ist durch einen engen Kammerwinkel erhöht.
  • Sekundäres Glaukom: Entsteht aufgrund anderer Erkrankungen oder Verletzungen.

Wird der Grüne Star zu spät oder nicht erkannt bzw. nicht behandelt, führt er zur Erblindung.

Rechtliche Aspekte

Ein Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) aus dem Jahr 2009 (Az.: VI ZR 251/08) verdeutlicht die Bedeutung einer umfassenden Aufklärung über Operationsrisiken und die möglichen Folgen unterlassener Behandlungen. In dem Fall ging es um einen Patienten, der nach einer Bypass-Operation am Herzen aufgrund einer fehlerhaften Medikation mit ASS erblindete. Der BGH hielt es für möglich, dass mit einer höheren ASS-Dosierung die Erblindung des rechten Auges hätte verhindert werden können und sprach dem Patienten Schadensersatz und Schmerzensgeld zu.

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