Die Sektion Periphere Nerven der Universitätsklinik Ulm, angesiedelt am Bezirkskrankenhaus Günzburg, hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem national und international anerkannten Zentrum für die Behandlung von Erkrankungen und Verletzungen des peripheren Nervensystems entwickelt. Dieser Artikel beleuchtet die Schwerpunkte der Sektion, ihre Forschungsaktivitäten und die bedeutenden Beiträge zur Entwicklung der peripheren Nervenchirurgie.
Einführung
Die periphere Nervenchirurgie umfasst die operative Behandlung von Erkrankungen und Verletzungen der Nerven, die außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks liegen. Dazu gehören die Nerven der Extremitäten sowie die Nervengeflechte am Arm (Plexus brachialis) und Bein (Plexus lumbosacralis). Die Sektion Periphere Nerven der Uniklinik Ulm bietet ein breites Spektrum an diagnostischen und therapeutischen Verfahren für diese komplexen Erkrankungen.
Geschichte und Entwicklung
Die Neurochirurgie in Günzburg blickt auf eine über vierzigjährige Tradition in der Behandlung peripherer Nerven zurück. Am 01.07.2016 wurde die Sektion "Periphere Nervenchirurgie" offiziell innerhalb der Neurochirurgischen Klinik der Universität Ulm am Bezirkskrankenhaus Günzburg gegründet. Aufgrund der hohen Expertise der Klinik gilt sie als Referenzzentrum für das ganze Bundesgebiet. Mit über 500 Eingriffen an peripheren Nerven jährlich ist die Klinik eine der größten unter allen universitären und kommunalen Häusern in Deutschland.
Schwerpunkte der Sektion Periphere Nerven
Die Sektion Periphere Nerven der Uniklinik Ulm deckt das gesamte Spektrum der peripheren Nervenchirurgie ab. Zu den wichtigsten Schwerpunkten gehören:
- Behandlung von Engpass-Syndromen: Hierzu zählen häufige Erkrankungen wie das Karpaltunnel-Syndrom und das Kubitaltunnelsyndrom, aber auch seltenere Nervenkompressionssyndrome. Die Klinik bietet sowohl offene als auch endoskopische Operationsverfahren an.
- Rekonstruktive Nervenchirurgie: Nach Unfallverletzungen, insbesondere des Armnervengeflechtes (Plexus brachialis), können komplexe rekonstruktive Eingriffe erforderlich sein, um die Nervenfunktion wiederherzustellen.
- Behandlung von Nerventumoren: Die Sektion verfügt über Erfahrung in der Diagnose und Behandlung von Tumoren, die von den peripheren Nerven ausgehen.
- Pädiatrische periphere Nervenchirurgie: Behandlung von Nervenverletzungen, angeborenen Fehlbildungen oder Nervenschäden nach Operationen bei Kindern. Ziel ist es, die Funktion der betroffenen Nerven so weit wie möglich wiederherzustellen.
Forschungsschwerpunkte
Neben der klinischen Versorgung engagiert sich die Sektion Periphere Nerven auch in der Forschung. Ein wichtiger Forschungsschwerpunkt ist die Untersuchung der Mechanismen der Nervenregeneration. Ziel ist es, neue Therapieansätze zu entwickeln, um die Heilung von Nervenverletzungen zu verbessern.
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Ein aktuelles Forschungsprojekt befasst sich mit den Unterschieden in der Nervenregeneration zwischen Mensch und Maus. Forschende vom Institut für Physiologische Chemie der Universität Ulm haben in Patientenproben und im Mausmodell nach zellulären und molekularen Ursachen für das unterschiedliche Regenerationspotenzial gesucht. Dabei wurden sie im Fettstoffwechsel der Nerven fündig und konnten einen neuen Ansatzpunkt für die Traumatherapie identifizieren. Die Ergebnisse dieser Studie wurden im renommierten Journal „Nature Communications“ veröffentlicht.
Die Forschungsarbeit ist im Zuge des Sonderforschungsbereichs 1149 der Universität Ulm „Gefahrenantwort, Störfaktoren und regeneratives Potential nach akutem Trauma“entstanden. Bei der Lipidom-Analyse wurden die Ulmer Forschenden von Kollegen des Instituts für Physiologische Chemie der Universität Mainz unterstützt. Die Patientenproben stammen aus der Sektion „Periphere Nervenchirurgie“ unter der Leitung von Professor Gregor Antoniadis von der Klinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums Ulm am Standort Bezirkskrankenhaus Günzburg.
Der Günzburger Nervkurs
Ein besonderes Aushängeschild der Sektion Periphere Nerven ist der Günzburger Nervkurs, der seit dem Jahr 2000 regelmäßig stattfindet. Dieser Kurs hat sich zu einer der beliebtesten neurochirurgischen Ausbildungsveranstaltungen in Deutschland entwickelt. In den dreitägigen Veranstaltungen wird das gesamte Gebiet der Nervenchirurgie anhand von Vorträgen, anatomischen Präparationen, Diskussionsrunden, Live-Operationen und mikrochirurgischen Nervennahtübungen vermittelt. Nach Angaben des Leiters der Abteilung „Periphere Nervenchirurgie“ haben in den zwei Jahrzehnten insgesamt 409 Neurochirurgen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg diese Nervkurse in der Günzburger Klinik besucht. Sie erhielten somit eine Grundausbildung auf dem Gebiet der peripheren Nervenchirurgie. Unter den Teilnehmern waren Direktoren von Universitätskliniken, Chefärzte, Oberärzte, Assistenzärzte und niedergelassene Neurochirurgen.
Internationale Vernetzung
Die Sektion „Periphere Nervenchirurgie“ ist international und interkontinental vernetzt. So war das „German-South-American Meeting“, das 2015 auf Initiative der Günzburger Sektion erstmalig in Günzburg stattfand, sehr erfolgreich. Bei diesem Treffen nahmen Experten auf dem Gebiet der peripheren Nerven aus Europa, Süd- und Nordamerika teil. 2017 wurde das zweite Meeting in Rio de Janeiro organisiert. Das dritte Treffen ist im November 2019 in der Charité in Berlin vorgesehen und wird von der Günzburger Klinik mitorganisiert.
Bedeutung für die Patientenversorgung
Durch die Spezialisierung auf die periphere Nervenchirurgie kann die Sektion der Uniklinik Ulm eine hochqualifizierte und umfassende Versorgung von Patienten mit Erkrankungen und Verletzungen des peripheren Nervensystems gewährleisten. Die enge Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen, wie der Neurologie, der Radiologie und der Schmerztherapie, ermöglicht eine optimale Behandlung der Patienten.
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Das Team
Die Sektion „Periphere Nervenchirurgie" innerhalb der Neurochirurgischen Klinik der Universität Ulm am Bezirkskrankenhaus (BKH) Günzburg wird geleitet von PD Dr. Er ist Mitglied der Deutschen Sektion „Periphere Nerven“ als auch der europäischen und der weltweiten Föderation, er ist geschäftsführender Sekretär und Gründungsmitglied des NervClubs e.V., einer interdisziplinären Studiengruppe für die peripheren Nerven, und war an allen interdisziplinären Therapie-Leitlinien zum Spezialfach maßgeblich beteiligt. Von 2001 bis 2011 war er Vorsitzender der Sektion „Periphere Nerven“ der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie und bis 2021 Vize-Präsidenten der entsprechenden Europäischen Sektion.
Professor Gregor Antoniadis hat die Periphere Nervenchirurgie in Deutschland maßgeblich geprägt. Er ist Herausgeber von vier Standardwerken zur Peripheren Nervenchirurgie, die auch international verfasst wurden. Des Weiteren hat er den Günzburger Nervkurs ins Leben gerufen.
Weitere Bereiche der Neurochirurgie in Ulm
Neben der peripheren Nervenchirurgie bietet die Neurochirurgische Klinik der Universität Ulm ein breites Spektrum an neurochirurgischen Leistungen an den Standorten Günzburg und Ulm. Dazu gehören:
- Neurochirurgische Onkologie: Entfernung gutartiger und bösartiger Hirntumore sowie Operationen von Knochenmetastasen an der Wirbelsäule. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Behandlung von Glioblastomen. Die Amplifikation des epidermalen Wachstumsfaktorrezeptor (EGFR)-Gens findet sich in primären Glioblastomen in bis zu 83% der Fälle. Die Amplifikation des EGFR-Gens resultiert regelmäßig in der Überexpression der EGFR-mRNA und des Rezeptorproteins, führt zur exzessiven Stimulation nachgeordneter Signalwege und geht mit einem aggressiveren Tumorphänotyp und schlechteren klinischen Verlauf einher. Ein erheblicher Teil der amplifizierten EGFR-Gene ist durch den spezifischen Verlust eines die Exone 2-7 umfassenden DNA-Fragments rearrangiert (EGFRvIII); dies führt zu einer Deletion der für die extrazelluläre Rezeptordomäne kodierenden Gensequenz. Diese spezifische Deletion tritt in bis zu 58% aller Glioblastome auf und stellt die mit Abstand häufigste Mutation des EGFR-Gens dar. Der spezifisch deletionsmutierte Rezeptor ist konstitutiv (ligandenunabhängig) aktiviert und vermittelt eine erhöhte Tumorigenität sowie eine apoptotische Resistenz. Quantitative sowie qualitative Aspekte machen somit sowohl den überexprimierten Wildtyp-Rezeptor als auch EGFRvIII zu potentiell bedeutsamen Zielen unterschiedlicher therapeutischer Strategien. Das klinisch-experimentelle Armamentarium gegen den EGFR in der onkologischen Therapie wurde kürzlich um das Quinazolin Erlotinib, einen selektiven und reversiblen Inhibitor der Tyrosinkinase des EGFR, erweitert.
- Vaskuläre Neurochirurgie: Behandlung von Erkrankungen der Blutgefäße im Gehirn und im Rückenmark, wie Gefäßmissbildungen (z. B. AV-Malformationen, Kavernomen), Aneurysmen oder Durchblutungsstörungen.
- Schädel-Hirn-Trauma: Behandlung von Verletzungen des Gehirns und des Schädels, die durch äußere Gewalteinwirkungen verursacht werden. Die Neurochirurgie der Universität Ulm nutzt an den Standorten Günzburg und Ulm zwei verschiedene Hybrid OP Konzepte: intraoperative Robotik gestützte Angiographie, das Zeego® Sytem und ein intraoperatives 1,5 Tesla hochfeld MRT, die Brainsuite®. In beiden Hybrid OP Umgebungen erfolgen verschiedene Forschungsprojekte die sich mit der Optimierung der intraoperativen Bildgebung, der Entwicklung und Evaluation neuer Bildgebungsmethoden und der Verbesserung des Workflows in der Hybridumgebung beschäftigen.
- Pädiatrische Neurochirurgie: Behandlung von neurochirurgischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter, wie Hirntumoren, Fehlbildungen, Traumen, Epilepsie und Hydrocephalus. Die Sektion Pädiatrische Neurochirurgie unter der Leitung von Frau Professor Peraud wurde eingerichtet. Am Uniklinikum Ulm mit den Standorten in der Kinderklinik am Michelsberg und im Chirurgischen Zentrum am Oberen Eselsberg werden Operationen bei kindlichen Gehirn- und Rückenmarkstumoren und Fehlbildungen (Spaltbildungen im Bereich des Schädels oder der Wirbelsäule), Traumen, Epilepsie, Hydrocephalus, Gefäßmißbildungen, Kraniosynostosen (vorzeitiger Nahtschluss einer oder mehrerer Schädelnähte) und Spastik durchgeführt. Modernste neurochirurgische Operationsmethoden (Neuronavigation, Minimal Invasive Neurochirurgie, Neuromonitoring, Endoskopie etc.) kommen dabei zur Anwendung.
- Funktionelle Neurochirurgie: Behandlung von Bewegungsstörungen, Schmerzen und Epilepsie durch operative Eingriffe im Gehirn oder Rückenmark. Für die Epilepsietherapie gibt es zudem ein spezielles medizinisches Zentrum, in dem die Behandlungsexpertise gebündelt ist. In der Epilepsietherapie bieten die Neurochirurgen ein hochspezialisiertes Epilepsiechirurgie-Programm an, bei dem lokalisierte Epilepsieherde im Gehirn operativ entfernt werden.
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