Migräne und Suizid: Wenn Kopfschmerzen zur Lebensbedrohung werden

Kopfschmerzen sind weit mehr als nur ein lästiges Übel. Für viele Menschen bedeuten sie eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität. In manchen Fällen können sie sogar so weit führen, dass das Leben nicht mehr lebenswert erscheint. Studien haben gezeigt, dass Kopfschmerzen, insbesondere Migräne und Clusterkopfschmerzen, mit einem erhöhten Risiko für Suizidgedanken und -versuche einhergehen.

Die Belastung durch Kopfschmerzen

Kopfschmerzen sind bei Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter eine der Hauptursachen für Produktivitätsverlust, Arbeitsausfälle und kurzfristige Arbeitsunfähigkeit. Doch nicht nur die Arbeitsfähigkeit leidet unter den Kopfschmerzen, sondern auch die Lebensqualität. Betroffene können ihren Alltag oft nicht mehr unbeschwert gestalten und ziehen sich sozial zurück.

Erhöhtes Suizidrisiko bei Migräne und Clusterkopfschmerzen

Frühere Untersuchungen haben bereits festgestellt, dass Patienten, die unter Migräne oder Clusterkopfschmerzen leiden, eine erhöhte Rate an Suizidgedanken und suizidalem Verhalten aufweisen. Eine US-amerikanische Clusterkopfschmerz-Umfrage von Rozen et al. zeigte beispielsweise, dass 55 Prozent der Befragten über Suizidgedanken berichteten.

In einer US-amerikanischen Untersuchung wurden die Selbstmordraten von Kopfschmerzpatientinnen mit Kontrollpersonen gleichen Geschlechts und gleichen Alters verglichen. Die Rate an versuchten Suiziden betrug bei den Kopfschmerz-Geplagten 0,78%, bei den gesunden Kontrollen 0,33%. Das Risiko für einen Selbstmordversuch war bei den Kopfschmerzpatientinnen doppelt so hoch. Die Zahl der vollendeten Selbstmorde unterschied sich in den einzelnen Kopfschmerzgruppen. Die Rate war am höchsten bei Patient*innen mit posttraumatischen Kopfschmerzen und Trigeminusneuralgien.

Auch eine dänische Studie beschäftigte sich mit der Problematik. Darin analysierten Forschende die Daten von knapp 120 000 Dän*innen, die zwischen 1995 und 2020 wegen Kopfschmerzen in medizinischer Behandlung gewesen waren.

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Mögliche Ursachen für den Zusammenhang

In der Forschung wurden verschiedene Mechanismen identifiziert, die dem Zusammenhang zwischen Kopfschmerzen und Suizid zugrunde liegen könnten.

Bidirektionale Beziehung zu psychiatrischen Erkrankungen

Zum einen kann eine bidirektionale Beziehung zwischen Kopfschmerzen und psychiatrischen Begleiterkrankungen bestehen. Kopfschmerzen können als Reaktion auf psychiatrische Symptome stärker werden und häufiger auftreten. Außerdem könnten Demoralisierung und Hoffnungslosigkeit, die mit starken Kopfschmerzen einhergehen können, dazu beitragen, dass Selbstmordgedanken und -versuche aufkommen.

Veränderungen im serotonergen System

Zum anderen können Veränderungen im serotonergen System eine Rolle spielen. Hiermit ist die Gesamtheit aller Neuronen gemeint, die Serotonin ausschütten können. Serotonin ist an einer Vielzahl von Prozessen im Körper beteiligt. So trägt es wesentlich zur Hemmung der Schmerzweiterleitung bei, ist aber auch für die Regulation der Stimmung und der Impulskontrolle mitverantwortlich.

Migräne mit Aura und Suizidalität

Eine Studie untersuchte bei Patienten mit und ohne Aura, ob ein Zusammenhang zwischen Suizidgedanken/-versuchen und der Häufigkeit von Kopfschmerz-Attacken besteht. Die Häufigkeit der von den Patienten selbst berichteten Suizidgedanken/-versuchen war bei jenen mit chronischer Migräne mit Aura am höchsten (Suizidideation: 47,2 %; Versuche: 13,9 %) und bei den Kontrollen ohne Migräne am niedrigsten (Suizidideation: 2,8 %, keine Versuche). Die Existenz einer Aura erhöhte das Risiko für Suizidgedanken und vor allem für Suizidversuche (OR: 1,11 bzw. 5,8), und die einer Depression (nach Beck Depression Inventory) ebenfalls (OR: 1,17 bzw. 1,1) Dagegen hatten Angst (nach der Hospital Anxiety and Depression Scale), Schlafstörungen (nach dem Pittsburgh Sleep Quality Index) und Kopfschmerz-bedingte Beeinträchtigung (nach dem Migraine Disability Assessment) auf die Suizidalität keinen maßgeblichen Einfluss.

Die Migräneattacke: Ein Teufelskreis aus Schmerz und Verzweiflung

Hartmut Göbel beschrieb detailliert das typische Verlaufsmuster einer Migräneattacke. Demnach dauert die nachfolgende Aura durchschnittlich eine Stunde. Die Kopfschmerzphase kann bis zu 72 Stunden andauern, gefolgt von einer Erholungsphase von einem bis zu zwei Tagen.

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Göbel konstatierte, dass die Migräneattacke durch EEG-Messungen gut nachvollzogen werden kann. Dabei spielen Entzündungen in den Gefäßen und die beteiligten vasoaktiven Neuropeptide eine Rolle.

Die Rolle des Verhaltens

Göbel betonte, dass alles ineinander verschränkt ist: Die extreme Reizbarkeit des Gehirns ist angeboren. Wird ihr durch Verhalten nachgegeben und gefolgt, kommt es zu einer körperlichen Reaktion des Gehirns, der übermäßigen Freisetzung von Botenstoffen. Die greifen Blutgefäße an. Es kommt zur Entzündung. Wohlgemerkt: Der Anfall ist keine Erkrankung des Gehirns selbst. Das Gehirn verfügt im Übrigen auch gar nicht über ein Schmerzempfinden seiner selbst. Die Entzündung betrifft das Gehirn versorgende Blutgefäße. Das erklärt auch den pochenden, hämmernden Schmerz, der bei der geringsten Anstrengung stärker wird.

Therapieansätze und Hilfsangebote

Menschen mit Migräne sind auch außerhalb akuter Attacken chronische Schmerzpatienten. Die Lebensqualität leidet darunter, wenn jemand etwa keinen Ausflug fürs Wochenende planen kann, weil eine Attacke dazwischenkommen könnte: „Das Gehirn befindet sich im Daueralarm.“

Multimodale Therapie

Die Schmerzklinik Kiel ist eine Modellklinik für neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerztherapie (in Kooperation mit der AOK). Denn es geht nicht allein darum, die richtigen Medikamente zu finden, das Verhalten des Patienten muss geändert werden. Der ganze, schmerzkranke Mensch muss sich ändern, selbst aktiv werden.

Bis es dazu kommen kann, durchlaufen die Klienten der Schmerzklinik eine Fülle von Kursen. Die progressive Muskelentspannung wird geübt, natürlich. Wahrnehmung wird auch auf der rein mentalen Ebene des Vorstellungsvermögens, der Phantasie, eingeübt. Frei gewählte Ruhebilder sollen mit geschlossenen Augen imaginiert werden.

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Medikamentöse Therapie

Zur Behandlung leichter Attacken stellte Göbel zwei Therapieschemata vor. Einnahme von Acetylsalicylsäure oder Paracetamol oder Ibuprofen als Brauselösung. Metoclopramid oder Domperidon. "Man muss rechtzeitig mit dem Feuerlöscher kommen, sonst sind sie wirkungslos."

Bei stärkeren Attacken riet er, Triptane zu verwenden. "Wenn ein Triptan nicht wirkt, sollte man beim nächsten Anfall ein anderes Triptan verordnen."

Bedeutung der Aufklärung

Göbel forderte, die Patienten umfassend über die Entstehung ihrer Erkrankung zu informieren. Je mehr sie wüssten, umso weniger seien sie gefährdet, Irrglauben nachzugehen.

Krisendienste und Hilfsangebote

Forschende raten aufgrund der Studienergebnisse, bei allen Betroffenen mit Kopfschmerzen frühzeitig auf depressive Symptome und Suizidgedanken zu achten.

Die Krisendienste Bayern sind ein psychosoziales Beratungs- und Hilfeangebot für alle Menschen in Bayern. Unter der kostenlosen Rufnummer 0800 / 655 3000 erhalten Menschen in seelischen Krisen, Mitbetroffene und Angehörige qualifizierte Beratung und Unterstützung.

Nummer gegen Kummer bietet seit über 40 Jahren telefonische Beratung für Kinder, Jugendliche und auch Eltern an. Seit 2003 gibt es auch eine Online-Beratung für junge Menschen. Jedes Jahr melden sich hier viele Ratsuchende, die nicht weiterwissen, Sorgen, Probleme oder eine Frage haben und mit jemandem darüber sprechen möchten.

Wenn ihr jemanden braucht, dem ihr euch anvertrauen könnt, dann sind wir von der Nummer gegen Kummer für euch da. Egal was euch bewegt, wir sind da! Unsere ausgebildeten Beratenden beraten euch oder hören einfach nur zu. An der Helpline Ukraine erhaltet ihr montags bis freitags von 14 bis 17 Uhr unter 0800 500 225 0 eine kostenlose telefonische Beratung auf Ukrainisch und Russisch.

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