Medianusnerv-Kompression: Ursachen, Diagnose und Behandlungsansätze

Der Medianusnerv, ein wichtiger Nerv der oberen Extremität, kann an verschiedenen Stellen seines Verlaufs komprimiert werden. Diese Kompressionen können zu einer Vielzahl von Symptomen führen, die von nächtlichen Schmerzen und Taubheitsgefühlen bis hin zu Muskelschwäche und Funktionsverlust reichen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnosemethoden und Behandlungsansätze für die Medianusnerv-Kompression, wobei sowohl konservative als auch operative Optionen berücksichtigt werden.

Anatomie des Medianusnervs

Der Medianusnerv entsteht durch die Vereinigung eines seitlichen und inneren Astes des Armgeflechts (Plexus brachialis). Diese Vereinigung bildet die Medianusgabel, die sich in der Ellenbeuge befindet. Von dort aus verläuft der Nerv leicht nach innen (körperwärts) und zieht in die Loge der Beugemuskeln des Unterarmes. Ein entscheidender Abschnitt ist der Karpaltunnel, ein Raum zwischen den Handwurzelknochen und dem Retinaculum flexorum, einem querverlaufenden Bindegewebsband. Im Karpaltunnel verlaufen die Sehnen der langen Fingerbeuger und der Medianusnerv.

Ursachen der Medianusnerv-Kompression

Eine Kompression des Medianusnervs kann verschiedene Ursachen haben. Im Bereich des Karpaltunnels ist das Karpaltunnelsyndrom (KTS) die häufigste Form der Medianusnerv-Kompression. Hierbei führt eine Schwellung oder Verdickung der sehnenbegleitenden Bindegewebehüllen zu einer Einengung des Nervs. Diese Schwellung kann durch Überlastung, Traumata, Entzündungen, rheumatische Erkrankungen, Wassereinlagerungen (z.B. in der Schwangerschaft oder in den Wechseljahren), Stoffwechselstörungen (z.B. Diabetes) oder angeborene Enge des Karpaltunnels verursacht werden. Auch Tumoren oder Narbenbildungen nach Verletzungen können den Nerv komprimieren.

Proximal des Karpaltunnels kann der Medianusnerv ebenfalls komprimiert werden. Mögliche Kompressionsstellen im Bereich des Ellenbogens sind das Struther-Ligament, der Processus supracondylaris, der Lacertus fibrosus, der Pronator teres und der M. flexor digitorum superficialis. Ursachen hierfür sind neben anatomischen Gegebenheiten insbesondere chronische Überlastungen durch forcierte Pro- und Supinationsbewegungen in Beruf oder Sport.

Symptome der Medianusnerv-Kompression

Die Symptome einer Medianusnerv-Kompression variieren je nach Lokalisation und Schweregrad der Kompression.

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Karpaltunnelsyndrom (KTS)

Typische Symptome des KTS sind:

  • Nächtliche Schmerzen, die meist 4-5 Stunden nach dem Schlafengehen auftreten
  • Taubheitsgefühle und Kribbeln (Parästhesien) in der Hohlhand und den Fingern I-III einschließlich der Außenseite des IV. Fingers
  • Morgensteifigkeit der Finger bzw. eingeschränkte Beweglichkeit am Morgen
  • Schonhaltung der Hand
  • Im fortgeschrittenen Stadium: Muskelschwund im Bereich des Daumenballens und Schwäche beim Zugreifen

Proximale Medianusnerv-Kompression

Bei Kompressionen im Bereich des Ellenbogens können ähnliche Symptome wie beim KTS auftreten, jedoch ohne die typischen nächtlichen Parästhesien. Zusätzlich kann eine Schwäche des Faustschlusses auftreten.

Kompression des N. interosseus anterior (NIA)

Der N. interosseus anterior ist ein rein motorischer Ast des N. medianus. Eine Kompression dieses Nervs führt zu einer Beugeschwäche von Daumen und Zeigefinger im Endgelenk, was die Unfähigkeit zur Folge hat, ein „O“ zu formen. Stattdessen entsteht eine charakteristische Tropfenform (Pinzettengriff), bei der der Nagel-zu-Nagel-Kontakt fehlt.

Diagnose der Medianusnerv-Kompression

Die Diagnose einer Medianusnerv-Kompression basiert auf einer Kombination aus Anamnese, klinischer Untersuchung und neurophysiologischen Untersuchungen.

Anamnese und klinische Untersuchung

Der Arzt wird zunächst die Krankengeschichte des Patienten erheben und Fragen zu den Symptomen, Vorerkrankungen und beruflichen oder sportlichen Aktivitäten stellen. Bei der körperlichen Untersuchung werden die Funktionen des Handgelenks und der Hand geprüft, um die Schmerzen genau zu lokalisieren. Spezielle Tests, wie der Phalen-Test (Beugen der Handgelenke für eine Minute) und das Hoffmann-Tinel-Zeichen (Beklopfen des Nervs), können Hinweise auf eine Nervenkompression geben.

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Neurophysiologische Untersuchungen

Zur Feststellung einer exakten Diagnose sind neurophysiologische Untersuchungen erforderlich. Diese umfassen:

  • Elektromyographie (EMG): Mit Nadelelektroden, die in die Daumenballenmuskeln gestochen werden, werden die Aktionspotentiale einzelner motorischer Einheiten registriert.
  • Elektroneurographie (ENG): Diese Methode dient zur Bestimmung der Nervenleitungsgeschwindigkeit. Bei einer Kompression des Medianusnervs ist die Nervenleitungsgeschwindigkeit verzögert.

Bildgebende Verfahren

In einigen Fällen können bildgebende Verfahren wie Ultraschall, Röntgen oder Magnetresonanztomographie (MRT) eingesetzt werden, um andere Ursachen für die Beschwerden auszuschließen oder die Kompressionsstelle genauer zu lokalisieren.

Konservative Behandlung

Im Anfangsstadium einer Medianusnerv-Kompression kann eine konservative Therapie versucht werden. Diese umfasst:

  • Ruhigstellung: Durch das nächtliche Tragen einer Gipsschiene oder Handgelenkschiene wird die Hand ruhig gestellt und der Nerv entlastet.
  • Entzündungshemmende Medikamente: Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Diclofenac können als Salbe oder Gel lokal aufgetragen oder oral eingenommen werden, um Entzündungen zu reduzieren und Schmerzen zu lindern.
  • Kortikoidinjektionen: In einigen Fällen kann eine Injektion von Kortikosteroiden in den Karpaltunnel oder in die Nähe der Kompressionsstelle erfolgen, um die Entzündung zu reduzieren und den Druck auf den Nerv zu verringern.
  • Ergonomische Maßnahmen: Eine ergonomische Einrichtung des Arbeitsplatzes, insbesondere bei Bürotätigkeiten, kann helfen, Überlastungen des Handgelenks zu vermeiden. Dazu gehört die richtige Sitzposition, die Wahl einer ergonomischen Computermaus (z.B. Vertikalmaus) und die Verwendung von Handgelenkstützen.
  • Physiotherapie: Krankengymnastik und Dehnübungen können helfen, die Beweglichkeit des Handgelenks zu verbessern und die umliegenden Muskeln zu stärken.
  • Osteopathie: Osteopathische Behandlungen können darauf abzielen, Blockaden oder Verrenkungen von Wirbelkörpern zu lösen, Engpässe im Schultergürtel zu beseitigen und die Funktion der inneren Organe zu verbessern, um die Ursachen der Nervenkompression zu behandeln.

Operative Behandlung

Wenn die konservativen Maßnahmen nicht ausreichend helfen oder die Symptome sich verschlimmern, kann eine operative Behandlung in Erwägung gezogen werden. Ziel der Operation ist es, den Druck auf den Medianusnerv zu entlasten.

Karpaltunnelsyndrom (KTS)

Die operative Behandlung des KTS besteht in der Spaltung des Retinaculum flexorum, des Bandes, das den Karpaltunnel überdacht. Dies kann entweder offen oder endoskopisch erfolgen:

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  • Offene Operation: Bei der offenen Operation wird die Haut an der Innenseite des Handgelenks aufgeschnitten, um das Karpalband zu durchtrennen.
  • Endoskopische Operation: Bei der endoskopischen Operation werden zwei kleine Einschnitte gemacht, durch die ein Endoskop (Kamerasonde) und ein Instrument zum Durchtrennen des Bandes eingeführt werden.

Beide Verfahren haben ähnliche Erfolgsraten. Die endoskopische Operation kann jedoch zu einer schnelleren Erholung und weniger Narbenbildung führen.

Proximale Medianusnerv-Kompression

Bei Kompressionen im Bereich des Ellenbogens wird der Nerv durch eine offene Operation freigelegt und die einengenden Strukturen (z.B. Ligamente, Muskeln) werden entfernt.

Kompression des N. interosseus anterior (NIA)

Auch hier erfolgt die operative Behandlung durch Freilegung des Nervs und Entfernung der komprimierenden Strukturen.

Postoperative Behandlung

Nach der Operation ist eine Ruhigstellung des Handgelenks in einer Gipsschiene erforderlich. Die Dauer der Ruhigstellung variiert je nach Art des Eingriffs. Nach der Entfernung der Schiene sollte mit physiotherapeutischen Übungen begonnen werden, um die Beweglichkeit und Kraft der Hand wiederherzustellen. Eine Vollbelastung der Hand ist meist erst nach einigen Wochen möglich.

Mögliche Komplikationen

Wie bei jeder Operation können auch bei der operativen Behandlung einer Medianusnerv-Kompression Komplikationen auftreten. Zu den möglichen Komplikationen gehören:

  • Wundinfektionen
  • Nervenverletzungen: In seltenen Fällen kann es zu einer Schädigung des Medianusnervs oder anderer Nerven kommen, was zu Missempfindungen oder Muskelschwäche führen kann.
  • Narbenbildung: Es kann zu einer überschießenden Narbenbildung (Keloid) kommen, insbesondere bei Patienten, die eine Neigung zur Keloidbildung haben.
  • Nachblutungen und Hämatome
  • Wunddehiszenz: Auseinanderweichen benachbarter Wundränder

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