Einführung
Die sensorischen Nerven des Arms spielen eine entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung von Berührung, Temperatur, Schmerz und anderen Empfindungen in der oberen Extremität. Die Kenntnis der Anatomie dieser Nerven ist wichtig, um die Ursachen von Nervenkompressionssyndromen zu verstehen und geeignete Behandlungsstrategien zu entwickeln. Dieser Artikel beleuchtet die Anatomie der sensorischen Nerven des Arms und geht auf häufige Nervenkompressionssyndrome ein, die die Funktion dieser Nerven beeinträchtigen können.
Anatomie der sensorischen Nerven des Arms
Die sensiblen Dermatome am Arm werden durch folgende Nerven versorgt:
- Nervus cutaneus brachii superior
- Nervus cutaneus brachii lateralis inferior
- Nervus cutaneus antebrachii posterior
- Nervus cutaneus antebrachii dorsalis - Ast des N. radialis
- Nervus cutaneus antebrachii lateralis - Ast des N. musculocutaneus
- Nervus cutaneus antebrachii medialis - Ast des Fasciculus medialis
- Ramus superficialis nervi radialis
Die drei Hauptnerven des Arms, die sowohl motorische als auch sensorische Funktionen haben, sind der Nervus medianus, der Nervus ulnaris und der Nervus radialis. Diese Nerven können an verschiedenen Stellen entlang ihres Verlaufs komprimiert werden, was zu unterschiedlichen Symptomen führt.
Nervus medianus
Der Nervus medianus (Mittelhandnerv) ist ein wichtiger Nerv, der aus dem Plexus brachialis entspringt und durch den Karpaltunnel im Handgelenk verläuft. Er innerviert die Haut der radialen Seite der Hand (Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger und die radiale Hälfte des Ringfingers) sowie die motorischen Muskeln des Thenar (Daumenballen).
- Verlauf: Der Nervus medianus zieht durch den Karpaltunnel, eine anatomische Engstelle am Handgelenk, die von Handwurzelknochen und einem straffen Band (Retinaculum flexorum) begrenzt wird.
- Sensorische Versorgung: Der Nerv versorgt die Haut der radialen 3½ Finger (Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger und die Hälfte des Ringfingers) palmarseitig.
- Karpaltunnelsyndrom (KTS): Eine Kompression des Nervus medianus im Karpaltunnel ist das häufigste Engpasssyndrom eines peripheren Nervs. Auslöser können Schwellungszustände des Sehnengleitgewebes, Entzündungen sowie traumatische, posttraumatische oder überlastungsbedingte Ursachen sein.
- Symptome: Typische Symptome sind nächtliche Parästhesien (Brachialgia paraesthetica nocturna) der radialen 3½ Finger. Die Parästhesien können auch durch starre Handhaltungen (Radfahren, Autofahren, Zeitunglesen, Schreiben etc.) ausgelöst werden. Im fortgeschrittenen Stadium kommt es zu permanenten Missempfindungen mit belastungsabhängigen, einschießenden Schmerzen und Taubheit der Finger mit zunehmender Ungeschicklichkeit bei feinmotorischen Arbeiten.
- Diagnose: Im Initialstadium lassen sich Parästhesien durch klinische Tests, z.B. den Phalen-Test und das Hoffmann-Tinel-Zeichen, provozieren. Die elektrophysiologische Untersuchung mittels Elektromyografie (EMG) und Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) ist aussagekräftig für die Objektivierung und Differenzialdiagnostik. Bildgebende Verfahren wie die Neurosonografie und die Magnetresonanztomografie (MRT) ermöglichen es, Raumforderungen oder Anomalien des Karpaltunnels zu beurteilen.
- Therapie: Im Frühstadium der Erkrankung kommen konservative Behandlungsmethoden (Handgelenksschiene, Kortikoidpräparate, lokale Kortikoidinfiltration) infrage. Eine dauerhafte Beschwerdefreiheit bringt im Allgemeinen nur eine operative Behandlung. Die Standardmethode ist die offene Retinakulumspaltung, die in der Regel ambulant unter Lokal- oder Leitungsanästhesie durchgeführt wird.
- Proximale Kompressionen: Im Bereich des Ellenbogens können verschiedene anatomische Strukturen für die Kompression des N. medianus verantwortlich sein (Struther-Ligament, Processus supracondylaris, Lacertus fibrosus, Pronator teres, M. flexor digitorum superficialis). Die Ursachen der Kompression sind neben anatomischen Gegebenheiten insbesondere chronische Überlastungen durch forcierte Pro- und Supinationsbewegungen in Beruf oder Sport.
- Symptome: Die Symptome des PTS sind ähnlich dem KTS, es treten aber keine nächtlichen Parästhesien auf. Zusätzlich kann eine Schwäche des Faustschlusses auftreten. Charakteristische klinische Befunde sind der lokale Druckschmerz über dem N. medianus in der Ellenbeuge und ein positives Hoffmann-Tinel-Zeichen an der vermuteten Kompressionsstelle. Flexion des Mittelfingers gegen Widerstand (M.
- Nervus interosseus anterior (NIA): Der N. interosseus anterior ist ein rein motorischer Ast des N. medianus. Er kann durch den M. pronator teres oder den M. flexor digitorum superficialis komprimiert werden. Im Gegensatz zum PTS finden sich beim NIA keine sensiblen Ausfälle. Charakteristisch ist eine Beugeschwäche von Daumen und Zeigefinger im Endgelenk, mit der Unfähigkeit, ein „O“ zu formen. Stattdessen findet sich eine charakteristische Tropfenform (Pinzettengriff). Der Nagel-zu-Nagel-Kontakt fehlt. Zur Therapie kann zunächst eine Ruhigstellung in einer Oberarmschiene mit lokaler Kortisoninfiltration versucht werden. Bei persistierenden Beschwerden besteht die Indikation zur Operation.
Nervus ulnaris
Der Nervus ulnaris (Ellennerv) verläuft am Ellenbogen durch den Kubitaltunnel und am Handgelenk durch die Loge de Guyon. Er innerviert die Haut des Kleinfingers und der ulnaren Hälfte des Ringfingers sowie die meisten kleinen Handmuskeln.
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- Verlauf: Der Nervus ulnaris zieht durch den Kubitaltunnel am Ellenbogen, eine Engstelle, die von Knochen, Bändern und Muskeln begrenzt wird. Am Handgelenk verläuft er durch die Loge de Guyon, einen Kanal zwischen Handwurzelknochen und einem Band.
- Sensorische Versorgung: Der Nerv versorgt die Haut des Kleinfingers, die ulnare Hälfte des Ringfingers und die ulnare Handkante.
- Kubitaltunnelsyndrom (KUTS): Eine Einengung des N. ulnaris auf Höhe des Ellenbogens ist das zweithäufigste Nervenkompressionssyndrom der oberen Extremität. Das Dach des Kubitaltunnels wird vom Retinakulum zwischen medialem Epicondylus und Olekranon gebildet („Osborne-Ligament“), dessen Anspannung bei Beugung zu einer Druckerhöhung führt.
- Ursachen: Die Ursachen sind vielfältig und können sowohl degenerativ als auch traumatisch bedingt sein. Zur Einengung des Nervs kann es beispielsweise durch Faszien, Muskeln, knöcherne Veränderungen nach Verletzungen, Tumoren wie Ganglien, Lipome etc. kommen.
- Symptome: Die Symptome können akut auftreten als Sensibilitätsminderung am Kleinfinger, an der Ulnarseite des Ringfingers und an der ulnaren Handkante sowie als ziehende Schmerzen vom Ellenbogen zum Unterarm. Eine Schwäche und motorische Ausfälle der Hand sind spätere Symptome.
- Diagnose: Bei der klinischen Untersuchung ist das Hoffmann-Tinel-Zeichen häufig positiv. Teilweise steht der Kleinfinger leicht abduziert (Wartenberg-Zeichen). Durch die Schwächung des M. adducor pollicis ist es dem Patienten nicht möglich, den Daumen fest an den Zeigefinger zu adduzieren (Froment-Zeichen). Dies wird durch die Endgliedbeugung des Daumens durch den M. flexor pollicis longus kompensiert, der durch den N. Bildgebende Verfahren können zur Darstellung von knöchernen Veränderungen, vor allem nach Traumata, und zum Ausschluss tumoröser oder anderweitiger Veränderungen durchgeführt werden.
- Differenzialdiagnosen: Die häufigsten Differenzialdiagnosen sind die akute Druckparese des N.
- Therapie: Die Behandlung kann in leichten Fällen konservativ erfolgen (Verhaltensänderung, nächtliche Armschiene).
- Loge-de-Guyon-Syndrom: Der N. ulnaris zieht gemeinsam mit der A.ulnaris durch die Loge de Guyon am Handgelenk. Diese liegt auf dem Retinaculum flexorum und erstreckt sich vom Os pisiforme bis zum Hamulus ossis hamati.
- Ursachen: Die häufigste Ursache dieser distalen N.-ulnaris-Schädigung ist ein Ganglion oder Lipom, häufig ist auch eine externe Druckläsion z.B.
- Symptome: Die Symptome entsprechen im Wesentlichen denen beim KUTS. Die Patienten klagen meist über Schmerzen in Kombination mit Parästhesien des Klein- und Ringfingers und des Hypothenars, die Sensibilität am Handrücken ist jedoch intakt. Die Diagnose wird mit klinischer und elektrophysiologischer Untersuchung gestellt.
Nervus radialis
Der Nervus radialis (Speichennerv) ist der größte Nerv des Arms. Er innerviert die Streckmuskulatur des Arms und Unterarms sowie die Haut auf der Rückseite des Arms, des Unterarms und der Hand.
- Verlauf: Der Nervus radialis verläuft spiralförmig um den Oberarmknochen (Humerus) und teilt sich kurz distal des Ellenbogengelenks in einen sensiblen R. superficialis und einen motorischen R. profundus auf.
- Sensorische Versorgung: Der R. superficialis versorgt die Haut des radialen Handrückens und des Daumens, Zeige- und Mittelfingers (ohne Fingerendglieder II und III).
- Nervus-interosseus-posterior-Syndrom (NIP): Beim Nervus-interosseus-posterior-Syndrom (NIP) handelt es sich um eine Einengung des R. profundus im proximalen Unterarmdrittel beim Eintritt in die Supinatorloge. Die typische Kompressionsstelle ist die Frohse-Arkade, der bindegewebige obere Rand des M. supinator.
- Symptome: Beim NIP liegt ein ausschließlich motorisches Lähmungsbild ohne Sensibilitätsausfälle vor. Das Handgelenk kann zwar noch gestreckt werden, eine Streckung in den Grundgelenken der Finger ist jedoch nicht mehr möglich (Fallfinger). Die Kompression kann sich in zwei unterschiedlichen klinischen Bildern äußern, die im angelsächsischen Sprachraum als eigenständige Symptome dargestellt werden. Beim ersten dominieren Schmerzen („radial tunnel syndrome“), beim zweiten Paresen („PIN syndrome“).
- Diagnose: Bei der klinischen Untersuchung werden beim Druck auf die Durchtrittsstelle des R. profundus durch den M. supinator Druckschmerzen ausgelöst. Differenzialdiagnostisch sind Strecksehnenrupturen sowie radikuläre und spinale Syndrome abzugrenzen. Die wichtigste Differenzialdiagnose beim reinen Schmerzsyndrom ist die Epicondylitis humeri radialis („Tennisellenbogen“).
- Therapie: Bei der rein schmerzhaften Form ist die Therapie zunächst konservativ.
- Kompression des R. superficialis: Zu einer Kompression des Nervs kann es auch beim Durchbruch des R. superficialis des N. radialis durch die Unterarmfaszie ca. 8-10cm proximal des Handgelenks kommen.
- Ursachen: Die Ursachen können extern sein (Uhren, Armbänder), aber auch traumatisch (distale Radiusfraktur), auch Ganglien oder Lipome kommen als Ursache infrage.
- Symptome: Im Vordergrund stehen Schmerzen und Parästhesien am radialen Handrücken und am Daumen. Mit konservativer Therapie ist meist eine Besserung möglich.
Diagnostik von Nervenkompressionssyndromen
Die Diagnose von Nervenkompressionssyndromen basiert auf:
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich der Art, Lokalisation und des zeitlichen Verlaufs der Beschwerden.
- Klinische Untersuchung: Neurologische Untersuchung zur Beurteilung der Sensibilität, Motorik und Reflexe. Provokationstests wie der Phalen-Test, das Hoffmann-Tinel-Zeichen und der Scratch collapse test können Hinweise auf eine Nervenkompression geben.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Elektromyografie (EMG) und Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) zur Objektivierung der Nervenfunktion und zur Differenzialdiagnostik.
- Bildgebung: Röntgen, Sonografie und Magnetresonanztomografie (MRT) zur Darstellung von knöchernen Veränderungen, Raumforderungen oder anderen Ursachen der Nervenkompression. Hochauflösender Nervenultraschall sowie die Magnetresonanzneurographie ermöglichen eine zunehmend bessere bildgebende Darstellung des gesamten Verlaufs peripherer Nerven. Dabei können einerseits entzündlich bedingte Schwellungen der Nerven festgestellt und die Diagnose bestätigt werden.
Therapie von Nervenkompressionssyndromen
Die Therapie von Nervenkompressionssyndromen zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern, die Sensibilität und Muskelkraft wiederherzustellen und die Funktion der Hand zu verbessern. Die Behandlung kann konservativ oder operativ erfolgen, abhängig von der Ursache und dem Schweregrad der Kompression.
Konservative Therapie
- Verhaltensänderung: Vermeidung von Tätigkeiten, die die Symptome verschlimmern.
- Ergonomische Anpassungen: Optimierung des Arbeitsplatzes und der Körperhaltung, um die Belastung der Nerven zu reduzieren.
- Handgelenksschiene: Ruhigstellung des Handgelenks, insbesondere nachts, um den Druck auf den Nervus medianus zu verringern.
- Medikamente: Schmerzmittel und entzündungshemmende Medikamente zur Linderung der Beschwerden. Lokale Kortikoidinfiltrationen können ebenfalls in Betracht gezogen werden.
- Physiotherapie: Übungen zur Verbesserung der Beweglichkeit, Kraft und Koordination der Hand und des Arms.
Operative Therapie
Eine Operation ist in der Regel erforderlich, wenn die konservativen Maßnahmen nicht ausreichend helfen oder wenn die Nervenkompression schwerwiegend ist.
- Karpaltunnelspaltung: Bei der Karpaltunnelspaltung wird das Retinaculum flexorum durchtrennt, um den Druck auf den Nervus medianus zu reduzieren.
- Dekompression des Nervus ulnaris: Bei der Dekompression des Nervus ulnaris wird der Kubitaltunnel oder die Loge de Guyon erweitert, um den Nerv zu entlasten.
- Neurolyse: Bei der Neurolyse werden Narbengewebe oder andere Strukturen entfernt, die den Nerv komprimieren.
- Nerventransplantation: In seltenen Fällen, wenn der Nerv schwer geschädigt ist, kann eine Nerventransplantation erforderlich sein, bei der ein gesunder Nerv aus einer anderen Körperregion entnommen und anstelle des geschädigten Nervs eingesetzt wird.
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