Ständige Reizbarkeit und Nervosität können den Alltag erheblich beeinträchtigen. Ob durch Prüfungsstress, eine neue Arbeitsstelle oder einen Umzug ausgelöst - viele kennen das Gefühl, ständig "unter Strom" zu stehen. Doch was, wenn die Nervosität anhält und man nicht mehr zur Ruhe kommt? Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Nervosität, zeigt Strategien zur Stressbewältigung auf und gibt praktische Tipps, wie Sie Ihre Nerven in den Griff bekommen und zu mehr innerer Ruhe finden können.
Ursachen von Nervosität: Ein Blick hinter die Kulissen
Nervosität ist ein weit verbreitetes Phänomen, das verschiedene Ursachen haben kann. Oftmals sind es absehbare Belastungen wie Prüfungsstress oder Veränderungen im Leben, die Nervosität auslösen. Hält die Nervosität jedoch über einen längeren Zeitraum an, kann dies auf tieferliegende Ursachen hindeuten.
Fehlender Ausgleich zwischen Anspannung und Entspannung
Ein Ungleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung kann zu anhaltender Nervosität führen. Wenn man von etwas umgetrieben wird, das man nicht genau benennen kann, oder wenn man die Dinge nicht zu Ende bringt, können schlechte Träume und Grübeln die Folge sein.
Historische Betrachtung: Neurasthenie
Bereits im 19. Jahrhundert wurde der Begriff der Neurasthenie geprägt, um einen Zustand reizbarer Schwäche, Überempfindlichkeit und Erregbarkeit zu beschreiben. Der amerikanische Neurologe George Miller Beard brachte die Neurasthenie mit dem "Amerikanischen Lebensstil" und somit mit sozialen und kulturellen Faktoren in Verbindung. Sigmund Freud ordnete die Neurasthenie den Angstneurosen und der Hypochondrie zu und führte sie auf eine Fehlleitung seelischer Energie zurück.
ADHS im Erwachsenenalter
Auch eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) kann sich im Erwachsenenalter durch innere Unruhe und Nervosität äußern. Während betroffene Kinder häufig durch körperliche Unruhe auffallen, zeigt sich die Hyperaktivität bei Erwachsenen eher in innerer Unruhe und Nervosität. Dies kann die Gestaltung des Alltags erheblich beeinträchtigen.
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Die Rolle der Angst
Angstgefühle sind grundsätzlich überlebensnotwendig, da sie uns helfen, Gefahren zu erkennen und uns vor ihnen zu schützen. Erst wenn Angst in übertriebener Weise oder ohne adäquate Anlässe auftritt, spricht man von klinisch relevanten Angststörungen. Hierbei unterscheidet man situations- oder objektbezogene Ängste und generalisierte Ängste, bei welchen übertriebene Sorgen um alltägliche Dinge im Vordergrund stehen.
Körperliche Symptome von Nervosität
Nervosität kann sich nicht nur im Umgang mit sich selbst und anderen zeigen, sondern auch körperliche Beschwerden verursachen. Zu den möglichen körperlichen Beschwerden zählen vegetative Symptome wie Schweißausbrüche, Herzklopfen und Zittern, Schwindel, Benommenheit und Schwächegefühle. Auch Atembeschwerden, Beklemmungsgefühle, Missempfindungen, Hitzewallungen und Kälteschauer, Übelkeit und manchmal sogar Erbrechen können in angstbesetzten Situationen auftreten.
Falsche Strategien zur Bewältigung von Nervosität
Ein typische Reaktion auf Nervosität ist Vermeidungsverhalten. Die Furcht vor der Situation ist so groß, dass man ihr aus dem Weg geht und dadurch Erleichterung verspürt. Dies beruhigt kurzfristig, langfristig wird die Angst aber verstärkt. Ein anderer Weg sei der Versuch, Nervosität und Angst kurzfristig mit Mitteln wie Alkohol und Beruhigungsmitteln zu betäuben. In der Folge verstärkten sich Ängste und Unruhe, weil das Gehirn nicht die Erfahrung machen könne, dass die angstauslösenden Situationen zu bewältigen sind.
Anzeichen für eine Erkrankung
Nervosität ist nicht gleich eine Krankheit. Wenn die Beschwerden jedoch über einen längeren Zeitraum anhalten oder weitere Symptome hinzukommen, sollte man einen Arzt aufsuchen, um mögliche körperliche oder psychische Ursachen abzuklären.
Mögliche körperliche Ursachen
- Wechseljahre: Hormonelle Umstellungen können Nervosität verursachen.
- Schilddrüsenerkrankungen: Eine Überfunktion der Schilddrüse (Hyperthyreose) kann zu Nervosität, Gewichtsverlust, erhöhtem Blutdruck und Herzklopfen führen.
- Beginnende Unterzuckerung (Hypoglykämie) bei Diabetes: Kann sich in akuter Nervosität äußern.
- Bluthochdruck (Hypertonie): Eine unbestimmte Nervosität kann ein Anzeichen für unentdeckten Bluthochdruck sein.
- Hyperventilation: Eine gesteigerte, vertiefte Atmung kann zu Muskelkrämpfen und Aufregung führen.
- Migräne: In der Vorbotenphase treten nicht selten Gereiztheit und Konzentrationsstörungen auf.
- Entzugssymptome bei Drogenmissbrauch: Können Angstzustände, Verwirrtheit, innere Unruhe und Reizbarkeit verursachen.
Mögliche psychische Ursachen
Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder ADHS können ebenfalls mit nervöser Unruhe einhergehen. In solchen Fällen ist es ratsam, einen Arzt oder Therapeuten aufzusuchen, um eine geeignete Therapie zu finden.
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Was tun gegen zu viel Angst?
Die effektivste Behandlung besteht darin, sich mit den angstauslösenden Objekten, Situationen und Gedanken zu konfrontieren. Je häufiger man hierbei die Erfahrung macht, dass die Angst im Zeitverlauf nachlässt und die befürchtete Katastrophe nicht eintritt, umso besser lernt man, mit der Angst umzugehen.
Neun Tipps gegen Nervosität und innere Unruhe
- Innehalten und durchatmen: Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um innezuhalten, tief durchzuatmen und sich zu fragen, wo Sie gerade stehen. Akzeptieren Sie die aktuelle Lage, wie sie ist.
- Hinterfragen Sie die Situation: Machen Sie sich klar, dass etwas nicht so läuft, wie Sie es gerne hätten, und hinterfragen Sie dieses "Etwas" genauer. Sprechen Sie mit einer Vertrauensperson, um eine Außenansicht zu erhalten.
- Identifizieren Sie Zeitfresser: Stellen Sie eine Checkliste mit wünschenswerten Tagespunkten auf, die Wichtiges von Unwichtigem trennt. Streichen Sie Unwichtiges und nehmen Sie gegebenenfalls Hilfe an.
- Entwickeln Sie Anti-Stress-Fertigkeiten: Hören Sie auf, angestrengt nach Lösungen zu suchen oder zu grübeln. Lenken Sie sich gezielt ab, um auf neue Gedanken zu kommen.
- Bewegung und Ernährung: Gehen Sie an die Luft, bewegen Sie sich eine halbe Stunde, gönnen Sie sich frische Kost und trinken Sie genug. Vermeiden Sie Alkohol.
- Achten Sie auf Ihren Schlaf: Sorgen Sie für ausreichend und erholsamen Schlaf.
- Setzen Sie sich realistische Ziele: Definieren Sie, wo Sie ansetzen möchten, etwas zu verändern. Legen Sie realistische Ziele und Projekte mit moderatem Zeitrahmen fest.
- Suchen Sie den Kontakt zu Mitmenschen: Dies kann Sie ablenken und auf neue Gedanken bringen.
- Professionelle Hilfe: Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie professionelle Hilfe benötigen, sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt. Er kann eine geeignete Therapie empfehlen.
Soforthilfe-Tipps gegen akuten Stress
Wer in akuten Stress gerät, wird fahrig und nervös, kann keinen klaren Gedanken mehr fassen, die Hände schwitzen, der Blutdruck steigt. Es gibt jedoch effektive Wege zur Stressbewältigung. Diese Soforthilfe-Tipps unterbrechen die negative Gedankenspirale, senken den Herzschlag und reduzieren den Stress.
Zehn Entspannungstipps, die Sie beliebig kombinieren können
- Luft hereinlassen: Stellen Sie sich ans geöffnete Fenster und atmen Sie tief durch. Der Sauerstoff tut dem gesamten Körper, aber vor allem dem Gehirn gut.
- Grimassen schneiden: Schneiden Sie eine Minute lang verschiedene Grimassen, um die Muskeln im Gesicht, am Hals und im Mund zu lockern.
- Alle Muskeln aktivieren: Spannen Sie alle Muskeln an, die sich gleichzeitig anspannen lassen, halten Sie die Spannung einige Sekunden und lassen Sie dann los.
- Schultern hochziehen: Ziehen Sie die Schultern hoch bis unter die Ohren und lassen Sie sie dann wieder fallen.
- Kalt duschen: Eine kalte Dusche wirkt wie ein Training für das Gehirn und kann uns dadurch helfen, besser mit anderen Stresssituationen umzugehen.
- An die frische Luft gehen: Machen Sie eine Pause und gehen Sie an die frische Luft.
- Powernap gönnen: Machen Sie ein kurzes Nickerchen, um sich zu erholen.
- Zunge in Ruhe lassen: Legen Sie die Zunge hinter den Zähnen auf den kleinen Hügel am Gaumen und atmen Sie tief ein und aus.
- Aus dem Fenster schauen: Heben Sie den Blick vom Bildschirm und schauen Sie einige Minuten lang aus dem Fenster.
- Die Augen wärmen: Reiben Sie die Hände aneinander und legen Sie diese dann locker auf die geschlossenen Augen.
Meditation und Achtsamkeit
Auch Meditation kann psychischen Stress und Anspannung reduzieren. Einige Meditationsprogramme sind schnell zu erlernen und machen bereits nach fünf Minuten ruhiger.
- Setzen oder legen Sie sich an einem ruhigen Ort.
- Schließen Sie die Augen und konzentrieren Sie sich auf den gegenwärtigen Moment.
- Kommen doch störende Gedanken, erkennen Sie sie an und lassen Sie sie wieder gehen.
- Konzentrieren Sie sich neu und legen Sie wieder Ihre Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment.
- Atmen Sie langsam und tief ein und aus.
Nervosität als Antrieb nutzen
Nervosität entsteht vor allem in Situationen, die für uns eine hohe Bedeutung haben. In einem gesunden Maß kann sie Ihr Antrieb sein, um sich besser vorzubereiten und leistungsfähiger zu werden. Wer aufgeregt ist, verlässt oft die eigene Komfortzone und stellt sich neuen Herausforderungen.
Strategien zur effektiven Bekämpfung von Nervosität
- Sorgfältige Vorbereitung: Eine sorgfältige Vorbereitung schafft Sicherheit und steigert das Selbstvertrauen.
- Atemtechniken: Atemtechniken sind eine bewährte Methode, um Nervosität schnell zu reduzieren.
- Positive Visualisierung: Die Technik der positiven Visualisierung kann Ihre Einstellung zu herausfordernden Situationen verändern.
- Körperliche Bewegung: Körperliche Bewegung hat einen positiven Einfluss auf Ihr Stressniveau und kann nervöse Unruhe abbauen.
- Austausch mit anderen: Es kann hilfreich sein, bei Kollegen oder Mentoren um Rat zu bitten.
- Professionelle Hilfe: Wenn Nervosität Ihren Berufsalltag trotz allem weiterhin stark beeinträchtigt, kann professionelle Unterstützung durch einen Psychologen oder Coach hilfreich sein.
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