Skifahren lernen mit Hemiparese: Inklusion auf der Piste

Barrierefreier Wintersport gewinnt zunehmend an Bedeutung, da Schnee, Berge und Pisten für Menschen mit Handicap genauso erlebbar sein müssen wie für alle anderen. In Europas Skigebieten gibt es Inklusions-Skiangebote in Hülle und Fülle. Egal ob Wintersportler einen Rollstuhl nutzen, mit Prothesen fahren oder andere Einschränkungen haben, die schönsten Abfahrten in den Alpen stehen mittlerweile fast jedem offen. Dieser Artikel beleuchtet die Möglichkeiten, wie Menschen mit Hemiparese das Skifahren erlernen und genießen können.

Was ist Hemiparese?

Hemiparese ist eine unvollständige Lähmung, die eine Körperhälfte betrifft. Sie kann angeboren sein oder durch Ereignisse wie einen Schlaganfall oder eine Hirnverletzung erworben werden. Die Auswirkungen von Hemiparese sind vielfältig und können sich auf Muskelkraft, Koordination und Gleichgewicht auswirken.

Adaptive Skiausrüstung für Hemiparese

Für Menschen mit Hemiparese gibt es verschiedene adaptive Skiausrüstungen, die das Skifahren ermöglichen und erleichtern. Diese Ausrüstungen sind speziell auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen zugeschnitten:

  • Bi-Ski: Ähnlich wie ein Mono-Ski aufgebaut, jedoch mit zwei Skiern unter dem Sitz montiert. Dies sorgt für mehr Stabilität und eignet sich besonders für Menschen mit schweren körperlichen Behinderungen, wie Cerebralparese, Tetraparese oder Hemiparese. Wintersportler werden im Bi-Ski mit angewinkelten Beinen festgeschnallt, während Handstabilisatoren beim Lenken helfen.
  • Ski-Krücken: Diese zwei kurzen Stützen, die jeweils einen Mini-Ski am Ende montiert haben, können Skifahrer als Stabilisatoren und Bremshilfe nutzen. Am Unterarm fixiert, ermöglichen Ski-Krücken auf der Piste, die Balance zu halten und präzise Kurven zu fahren. Wer stehen kann, nutzt häufig Beinprothesen sowie Skikrücken oder Stöcke und fährt damit trotz Amputation oder Gleichgewichtsschwierigkeiten kontrolliert die Piste hinunter.
  • Dual-Ski: Dies ist ein spezielles Skisystem aus Frankreich, bei dem eine Sitzschale ebenfalls auf zwei Skiern montiert wird. Im Gegensatz zum klassischen Bi-Ski ist es mit einem Dual-Ski möglich, den Oberkörper stärker zu bewegen. So kann das ganze System sehr direkt gesteuert werden, da es auf jede Gewichtsverlagerung reagiert und damit auf jeder Schneeunterlage, ob nun auf einer präparierten Piste oder im Tiefschnee, funktioniert.
  • Mono-Ski: Hierbei handelt es sich um einen gefederten Sitzschalen-Rahmen, der auf einem breiten Ski montiert ist. Die Steuerung erfolgt dann über Gewichtsverlagerung des Oberkörpers, sowie zwei Ski-Krücken am Unterarm beim Kurvenfahren und Bremsen. Insgesamt sind Monoski ideal für Rollstuhlfahrer oder Beinamputierte. Querschnittsgelähmte Sportler nutzen spezielle Monoskis, bei denen der Oberkörper aktiv eingesetzt wird.

Unterschiede zwischen Mono-, Bi- und Dual-Ski

  • Mono-Ski: Funktioniert mit einem Ski unter dem Sitz und wird über den Körper und die Krücken-Ski gesteuert.
  • Bi-Ski: Nutzt zwei Ski, bietet zusätzliche Stabilität und eignet sich besonders für Personen mit eingeschränkter Rumpfkontrolle.
  • Dual-Ski: Verwendet ebenfalls zwei Ski, ermöglicht jedoch ein feineres Handling und reagiert sensibel auf Gewichtsverlagerungen, was präzise Kurven erleichtert. Zudem lässt sich dieses System problemlos in regulären Liften transportieren.

Alle drei Varianten können flexibel an das individuelle Körpergewicht angepasst werden und ermöglichen Skifahrern mit unterschiedlichen Bedürfnissen eine sichere, kontrollierte und sportliche Fahrweise.

Skikurse und Vereine mit adaptiven Skiangeboten

Im Alpenraum bieten viele Skischulen spezielle Programme für Wintersportler mit Behinderung an. In Deutschland, Österreich und der Schweiz unterstützen spezialisierte Skiverbände regelmäßig Monoskikurse. Dazu gehören der Deutsche Rollstuhl-Sportverband und der Deutsche Behindertensportverband für alle Leistungsstufen. Informationen über zertifizierte Skischulen und Veranstaltungen sind über lokale Sporthilfe-Einrichtungen und Onlineportale zugänglich. Auch Vereine wie „Spiel und Sport für Alle“ oder die Special Olympics organisieren Ski-Tagungen und Wettkämpfe für Einsteiger und Fortgeschrittene. Tourismusbüros vor Ort geben im Zweifelsfall Auskunft darüber, welche Skischulen oder Vereine adaptive Skiangebote für paraskifahrende Gäste bereitstellen.

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Geschulte Skilehrer und Begleitpersonen

Einige Skischulen in den Alpen bieten Kurse für Menschen mit Behinderung an. Diese werden von speziell ausgebildeten Skilehrern geleitet, die die adaptive Technik für Mono-, Bi- oder Tandemski kennen und das sowohl Anfängern als auch Fortgeschrittenen beibringen können. Häufig benötigen Rollstuhlfahrer auf der Piste eine oder zwei Assistenzpersonen, die beim Ein- und Aussteigen helfen oder die Sicherheitsleine halten. Sehbehinderte Skifahrer werden auf den Abfahrten von Blindenführern unterstützt, die vorausfahren und per Sprechfunk oder Zuruf Kommandos geben.

Barrierefreie Skigebiete in den Alpen

Barrierefreiheit in Skigebieten kann unterschiedlich aussehen, aber einige Resorts in den Alpen sind hier besonders gut vorbereitet.

  • Österreich: Die Gletscherskigebiete Hintertux und Kaunertal bieten barrierefreies Skifahren mit Liften, Parkplätzen und Unterkünften. Auch in Mayrhofen und am Stubaier Gletscher warten breite, sanfte Hänge, die ideal für Sitzski-Anfänger sind. Die meisten der 65 Gondeln und Lifte in Hintertux sind schwellenlos, es gibt breite Panoramaabfahrten und ein rollstuhlgerechtes Bergrestaurant. Am Kaunertaler Gletscher sind die 63 Pistenkilometer fast komplett barrierefrei zu erreichen. An der Talstation gibt es überdachte Parkplätze mit Aufzügen, und auf den Gipfel führt mit dem Karlesjochlift eine Anlage, die gezielt über einen rollstuhlfreundlichen Zugang verfügt. Rund um den Ahorn in Mayrhofen warten 142 breite Pistenkilometer, die von Behindertenverbänden empfohlen werden. Das Toteis-Almrestaurant ist komplett ebenerdig. Im Gletscherskigebiet Stubaier Gletscher gibt es 23 km blau markierte Abfahrten, die sich gerade für Skifahrer mit Behinderungen eignen. Barrierefreie Liftstationen mit rollstuhlgerechten WCs und Unterständen sind vorhanden.
  • Italien: Die Region Livigno ist mit 115 Pistenkilometern eine der beliebtesten für Wintersportler. Die Infrastruktur mit ihren 32 Lift- und Seilbahnanlagen ist fast komplett auf Barrierefreiheit ausgelegt. Es gibt Behindertenparkplätze in einem großen, überdachten Parkhaus mit Aufzügen, rollstuhlgerechte Restaurants sowie sanitäre Anlagen. Die Hauptseilbahnen, wie die Mottolino-Einseilumlaufbahn, sind für Elektrorollstühle zugänglich. Die lokalen Skischulen bieten Mono-Ski- und Snowboard-Kurse an. Auch im Trentino gibt es mehrere Skigebiete mit barrierefreien Angeboten, wie Val di Fiemme-Obereggen und Paganella Ski, die mit rollstuhlgerechten Shuttlebussen erreichbar sind. Ausgebildete Para-Skilehrer begleiten Körper- und Sehbehinderte sowohl beim Alpinskifahren als auch beim Langlauf oder Snowboarden.
  • Deutschland: Das Skigebiet Region Berchtesgaden mit 40 Pistenkilometern bietet behindertengerechte Lifte und Betreuung für Para-Skifahrer. Auch im Skigebiet Nebelhorn - Oberstdorf verfügt die Talstation der neuen Nebelhornbahn über Aufzüge und ausreichend Behindertenparkplätze.
  • Schweiz: Das Skigebiet Titlis - Engelberg bietet moderne, barrierefreie Sessellifte, während die Skigebiete Jakobshorn (Davos Klosters) und Arosa - Lenzerheide mit breiten Pisten und ebenerdigen Gondeln punkten.
  • Serfaus-Fiss-Ladis: Zwei hochmoderne Seilbahnen mit rollstuhlgerechten Gondeln führen ins Skigebiet mit seinen 186 Pistenkilometern. Die Abfahrten sind durch 38 Lifte und Seilbahnen erschlossen, von denen sich auch im Hauptdorf Serfaus ein Übungslift befindet, der ausdrücklich von Menschen mit Behinderung mitkonzipiert wurde.

Tipps für einen barrierefreien Skiurlaub

  • Unterkunft: Suchen Sie nach barrierefreien Hotels oder Ferienwohnungen mit rollstuhlgerechten Zimmern, bodenebenen Duschen, breiten Aufzügen und Rampen.
  • Anreise: Prüfen Sie, ob Züge barrierefrei sind und nutzen Sie den Service der Deutschen Bahn oder ÖBB. An Flughäfen gibt es spezielle Assistenz für mobilitätseingeschränkte Reisende. In einigen Skigebieten verkehren rollstuhlgerechte Skibusse.
  • Skipass und Ausrüstung: Viele Skigebiete gewähren Ermäßigungen für Schwerbehinderte und teilweise sind die Skipässe für Begleitpersonen sogar gratis. Skiausrüstung wie Mono-Ski kann über lokale Skischulen und Behindertenverbände ausgeliehen werden.
  • Medizinische Versorgung: Informieren Sie sich vorab über das örtliche Gesundheitssystem und tragen Sie den Europa-Krankenschein (EHIC) bei sich. Lassen Sie sich eine aktuelle Medikamentenliste auf Deutsch ausstellen. Im Notfall wählen Sie die EU-weite Notrufnummer „112“.
  • Versicherung und Vorsorge: Schließen Sie eine Reiserücktritts- und Abbruchversicherung ab, besonders wenn chronische Erkrankungen vorherrschen. Eine Wintersportversicherung deckt Skiunfälle und Verletzungen ab. Für Menschen mit Behinderung kann es sinnvoll sein, eine Ausrüstungskasko oder Haftpflichtschutz abzuschließen.

Finanzielle Aspekte und Ausrüstung

Skiausrüstung für Wintersportler mit Behinderung kann in einigen Skigebieten ausgeliehen oder bei einem Skikurs getestet werden. Mono-Ski und andere Modelle sind meist hoch spezialisiert sowie individuell auf den Nutzer zugeschnitten und damit auch kostenintensiv. Für den Einstieg ins Paraskifahren sind keine teuren Anschaffungen nötig; viele Kurse und Vereine stellen Leihgeräte bereit. Wer nach längerer Erfahrung ein eigenes Gerät wünscht, erhält bei Fachhändlern eine Beratung zu maßgeschneiderten Sitzen und leichten Carbon-Rahmen. Alternativ bieten Skiverbände Second-Hand-Hilfsmittelbörsen, wodurch Anschaffungen kostengünstiger und nachhaltiger möglich sind.

Persönliche Erfahrungen und Motivation

Anna-Maria Rieder, eine erfolgreiche Para-Ski Alpin-Sportlerin mit linksseitiger Hemiparese, ist ein Paradebeispiel für Inklusion. Sie trainiert mit den deutschen Ski-Stars und motiviert andere, ihre Ziele zu verfolgen. Janina, eine Unternehmerin mit Halbseitenhemiparese, fährt Ski und Auto und hilft als Mentalcoachin anderen, ihre Möglichkeiten voll auszuschöpfen. Sie betont die Bedeutung von Entspannung und positiver Selbstwahrnehmung.

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