Schlafsteuerung durch Neuronen: Einblicke in die komplexe Regulation des Schlafs

Der Schlaf ist ein fundamentaler biologischer Prozess, dessen Steuerung ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Hirnareale und neuronaler Mechanismen erfordert. Obwohl wir etwa ein Drittel unseres Lebens schlafend verbringen, sind die genauen Mechanismen, die das Einschlafen und Aufwachen steuern, noch nicht vollständig verstanden. Die aktuelle Forschung konzentriert sich auf die Identifizierung der beteiligten Hirnregionen, neuronalen Netzwerke und chemischen Botenstoffe, die diesen Prozess regulieren.

Verantwortliche Hirnareale und Steuerungsmechanismen

Nach aktuellem Wissensstand sind für die Steuerung der Schlafprozesse eine Vielzahl von Hirnarealen verantwortlich, insbesondere in der Formatio reticularis, dem Nucleus raphe, dem Locus coeruleus und dem Nucleus supraopticus. Die Steuerung erfolgt vornehmlich über drei unterschiedliche Prozesse:

  1. Ultradiane REM-Schlafrhythmik: Diese Rhythmik steuert den Wechsel zwischen REM- und Non-REM-Schlafphasen.
  2. Zirkadiane Schlafrhythmik (Schlaf-Wachrhythmik): Diese Rhythmik reguliert den Schlaf-Wach-Zyklus über einen Zeitraum von etwa 24 Stunden.
  3. Homöostatischer Schlafdruck: Dieser Prozess erzeugt im Laufe der Wachzeit ein zunehmendes Schlafbedürfnis.

Ultradiane REM-Schlafrhythmik und das reziproke Interaktionsmodell

Hobson formulierte ein weitgehend akzeptiertes Modell der Schlafstadiensteuerung von REM- und Non-REM-Schlaf. Dieses reziproke Interaktionsmodell geht davon aus, dass zwei Neuronenpopulationen - cholinerge Neurone im Nucleus raphe und aminerge Neurone im Locus coeruleus - einen im Gegentakt arbeitenden neuronalen On-Off-Oszillator darstellen. Die exzitatorisch cholinerg arbeitenden REM-On-Neurone und die inhibitorisch aminerg arbeitenden REM-Off-Neurone beeinflussen sich wechselseitig.

Einzelzellableitungen zeigen, dass sich die Impulsraten der beiden Neuronenpopulationen im Wechsel vom Wachzustand über den Non-REM-Schlaf zum REM-Schlaf ändern. Solange die hemmend wirkenden aminergen REM-Neurone (wie im Wachzustand) aktiv sind, unterdrücken sie die REM-On-Zellen. Wenn dann ihre Aktivität im Non-REM-Schlaf abnimmt, steigert sich die Aktivität der cholinergen REM-On-Neurone und generiert so den Wechsel von REM- und Non-REM-Schlaf.

Zirkadiane Schlafrhythmik und der Nucleus suprachiasmaticus (SCN)

Der zirkadiane Schlaf-Wach-Zyklus, der auch in Abwesenheit von externen Zeitgebern abläuft, wird hauptsächlich von dem im medialen Hypothalamus liegenden Nucleus suprachiasmaticus (SCN) gesteuert. Er stellt die wichtigste zirkadiane innere Uhr dar.

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Isolationsstudien ohne äußere Zeitgeber haben gezeigt, dass alle psychologischen und physiologischen Funktionen, einschließlich des Schlaf-Wach-Rhythmus, weiterhin regelmäßig und ungedämpft ablaufen. Diese autonomen oder freilaufenden zirkadianen Rhythmen haben zumeist eine mittlere Periodenlänge von etwa 25 Stunden. Sie werden von Zeitgebern der Umgebung synchronisiert und an den 24-Stunden-Rhythmus der Umwelt angepasst.

Der SCN erhält seine Informationen über den 24-Stunden-Tag-Nacht-Rhythmus der Umwelt aus dem optischen System über visuelle Axone, die als retinohypothalamischer Trakt (RHT) zum jeweiligen SCN projizieren. Über sie erfolgt die Triggerung des SCN durch helles Licht, jedoch nur während der subjektiven Nacht. Der SCN selbst überträgt dann seinen endogenen Rhythmus über rhythmische Entladungen seiner Neurone an andere Kernstrukturen und so auch auf den für den Schlaf-Wach-Zyklus verantwortlichen Bereich der Formatio reticularis.

Homöostatischer Schlafdruck und das Zweiprozessmodell

Als restitutiver homöostatischer Prozess erzeugt der Schlaf im Laufe der Wachzeit ein zunehmendes Schlafbedürfnis. Die über den Tag (Wachzeit) langsam zunehmende Müdigkeit korreliert mit der im anschließenden Schlaf auftretenden Menge von SWS (Slow Wave Sleep). Borbély betrachtet den EEG-Parameter SWS als Indikator der in der vorangehenden Wachdauer kumulierten Schlafbereitschaft, die er als Faktor S bezeichnet.

Aufbauend darauf entwickelte er sein Zweiprozessmodell. Dieses besagt, dass der Schlaf-Wach-Vorgang sowie die erlebte Müdigkeit im Wesentlichen von zwei Faktoren gesteuert werden:

  1. Faktor (Prozess) S: Eine Schlafbereitschaft, die mit dem Wachzustand kumulativ ansteigt und im Schlaf wieder abgebaut wird.
  2. Prozess C: Eine Schlafbereitschaft, die gesteuert durch die innere Uhr eine regelmäßige zirkadiane Rhythmik zeigt und reziprok zur sinkenden Körpertemperatur ansteigt.

Der tatsächlich erlebte Gesamtschlafdruck bestimmt sich aus der Summe der beiden Prozesse. Nach einem Schlafentzug steigt der Prozess S weiter an, der anschließende Erholungsschlaf ist intensiver (größere Schlaftiefe zu Beginn), aber nicht viel länger als der gewöhnliche Schlaf.

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Neuronale Aktivität und Gedächtniskonsolidierung im Schlaf

Der Schlaf spielt eine wesentliche Rolle bei der Konsolidierung von Gedächtnisinhalten. Studien haben gezeigt, dass Gedächtnisinhalte nach einer Schlafphase besser abgerufen werden können als nach einer gleichlangen Wachphase. Das deklarative Gedächtnis wird vor allem von Tiefschlafphasen gefördert, während das prozedurale Gedächtnis vor allem von REM-Phasen profitiert. Auch emotionale Erinnerungen werden im Schlaf besser konsolidiert als in der Wachphase.

Schlafmangel beeinträchtigt das Gedächtnis, insbesondere das Kurzzeit- bzw. Arbeitsgedächtnis. Der Schlaf scheint die Funktion zu haben, die Erlebnisse der Wachphase zu verarbeiten, die Informationen an die richtigen Orte zu speichern und Unnützes zu löschen.

Synaptische Homöostase-Hypothese

Die synaptische Homöostase-Hypothese von Tononi und Cirelli besagt, dass im Wachzustand Informationen in die Struktur der Nervenzellen eingearbeitet werden, indem manche Synapsen verstärkt und neue Verbindungen geknüpft werden. Im Schlaf werden durch die Gleichschaltung von neuronalen Gruppen, die sich in den charakteristischen Gehirnwellen bemerkbar machen, die Synapsen wieder gelockert. Nur starke Verbindungen bleiben bestehen. Über diesen Mechanismus könnte die Vielzahl Synapsen, die sich im Laufe eines Tages verändert haben, im Schlaf wieder in einen Grundzustand zurückversetzt werden.

Schlaf als "Aufräumprozess" für das Gehirn

Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Schlaf die synaptische Aktivität im Gehirn reduziert. Die meisten Verbindungen werden geschwächt, manche sogar ganz abgebaut. Nur wichtige Synapsen bleiben bestehen oder werden gestärkt. Dadurch schafft das Gehirn wieder Platz, um neue Informationen zu speichern. Diese als synaptische Plastizität bezeichnete Anpassungsfähigkeit ist eine wichtige Grundlage für Lernen und eine flexible Informationsverarbeitung.

Die Rolle von Schlaf-Spindeln und Ripples

Beim Schlafen schwingen sich weite Hirnbereiche auf einen Grundrhythmus ein, die langsamen Oszillationen. In diesem Zustand werden die Nervenzellen etwa einmal pro Sekunde in eine erhöhte Feuerbereitschaft versetzt. Exakt zu diesen Zeitpunkten lassen sich im EEG oft Muster identifizieren, die etwa zehnmal schneller schwingen - die Schlaf-Spindeln. Diese Spindeln wiederum regen die Erzeugung sogenannter „Ripple“ an, die wiederum zehnmal schneller sind. Diese Ripple koordinieren offensichtlich, dass die Nervenzellen im Gehirn synchron feuern.

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Weitere Erkenntnisse und Forschungsansätze

Neuronale Aktivitätsmuster und Gedächtnisreaktivierung

Neurowissenschaftler haben die neuronale Aktivität im Gehirn von Ratten im Schlaf, nach dem Kennenlernen einer neuen Umgebung, bis zu 20 Stunden lang überwacht. Die Ergebnisse zeigen Reorganisationen neuronaler Aktivitätsmuster während des Schlafs, die jene widerspiegeln, die beim Erinnern des Gedächtnisses nach dem Aufwachen beobachtet werden. Die neuronalen Anordnungen in den frühen Schlafphasen spiegeln kürzlich erlernte räumliche Erinnerungen wider. Während der Reaktivierung eines bestimmten Belohnungsortes bleiben nicht alle Neuronen, die diesen Ort repräsentieren, während des gesamten Schlafs aktiv. Einige bleiben aktiv, andere hören in späteren Schlafphasen auf zu feuern. Gleichzeitig beginnt jedoch eine neue Gruppe von Neuronen allmählich zu feuern.

Die Rolle von FLP-11 und DMSR-1

Forscher haben entdeckt, dass ein einzelnes Gehirnsignal wie ein biologischer Schalter wirkt, der sowohl Schlaf auslöst als auch beendet. Der chemische Botenstoff FLP-11, der von Schlafneuronen freigesetzt wird, bindet an einen Schlüsselrezeptor namens DMSR-1. Dieser Rezeptor ist in verschiedenen Arten von Neuronen vorhanden. In Neuronen, die Wachheit fördern, schaltet FLP-11 über DMSR-1 diese Neuronen aus und hilft so beim Einschlafen. In den Schlafneuronen selbst hilft FLP-11 über DMSR-1, den Schlaf zu beenden.

Langsame Erregungswellen und Gedächtnisbildung

Langsame Erregungswellen (Slow Waves) im Tiefschlaf machen die Hirnrinde, den Sitz des Langzeitgedächtnisses, besonders empfänglich für Informationen. Die synaptischen Verbindungen zwischen den Neuronen der Hirnrinde sind zu einem bestimmten Zeitpunkt während der Spannungsschwankungen maximal verstärkt. Die Synapsen arbeiten am effizientesten, direkt nachdem die Spannung von einem niedrigen Niveau auf ein hohes angestiegen ist.

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