Die REM-Schlaf-Verhaltensstörung (RBD) ist eine relativ seltene Schlafstörung, die schätzungsweise bei 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung auftritt. Die Häufigkeit nimmt jedoch mit dem Alter zu und betrifft schätzungsweise 5 Prozent der Menschen über 60 Jahre. Die REM-Schlaf-Verhaltensstörung gilt als Vorläuferstadium für die Entwicklung eines Parkinson-Syndroms.
Was ist die REM-Schlaf-Verhaltensstörung?
Die REM-Schlaf-Verhaltensstörung ist durch lebhafte, teils aktionsgeladene Träume und körperliche Aktivität während des Traumschlafs gekennzeichnet. REM steht für den englischen Begriff „Rapid Eye Movement“, übersetzt „schnelle Augenbewegung“. In dieser Schlafphase verhindert das Gehirn normalerweise, dass wir uns bewegen können, die Muskeln sind sozusagen „ausgeschaltet“. Bei Menschen mit einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung funktioniert dieses Ausschalten nicht: Sie bewegen sich im Schlaf ungewöhnlich stark, treten, schlagen um sich, sprechen oder rufen laut.
Symptome der REM-Schlaf-Verhaltensstörung
Zu den Symptomen einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung zählen auch wiederkehrende aktionsgeladene und teilweise aggressive Träume. Betroffene berichten häufig von einer Flucht oder einem Angriff, bei dem sie im Traum versuchen, den vermeintlichen Angreifer zum Beispiel zu treten. Der Schlaf ist oft wenig erholsam. Die Betroffenen schreien, schlagen oder treten im Schlaf um sich. Normalerweise passiert das nicht, weil die Muskeln im REM-Schlaf nicht aktiv sind.
Ursachen der REM-Schlaf-Verhaltensstörung
Die Ursachen der REM-Schlafverhaltensstörung sind noch nicht vollständig verstanden. Sie treten häufig in Verbindung mit neurologischen Erkrankungen auf: Beim Parkinson-Syndrom sind zwischen 16 und 47 Prozent der Erkrankten betroffen, bei einer Lewy-Körperchen-Demenz 80 Prozent und bei einer Multisystematrophie 100 Prozent. Die REM-Schlafverhaltensstörung kann dabei auch schon auftreten, während diese Krankheiten sich entwickeln und noch keine Symptome zeigen.
Neben neurologischen Krankheiten wie Parkinson, Lewy-Körperchen-Demenz und Multisystematrophie sind die wichtigsten Faktoren das Alter und Geschlecht. Die REM-Schlaf-Verhaltensstörung tritt mit dem Alter häufiger auf und vor allem bei Männern über 60 Jahren. Wichtig zu beachten ist: Wenn Menschen einen oder mehrere dieser Risikofaktoren haben, muss sich bei ihnen nicht zwangsläufig eine REM-Schlaf-Verhaltensstörung entwickeln.
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REM-Schlaf-Verhaltensstörung als Vorläufer von Parkinson
Eine REM-Schlaf-Verhaltensstörung kann in bis zu 80 Prozent aller Fälle in einem Zeitraum bis zu 15 Jahren in neurologische Krankheiten wie Parkinson, Lewy-Körperchen-Demenz und Multisystematrophie übergehen. Das sind neurodegenerative Erkrankungen, bei denen sich in bestimmten Gehirnregionen das Eiweiß Alpha-Synuklein ansammelt, verklumpt und ablagert. Neuere Studien zeigen, dass Menschen mit REM-Schlafstörungen bereits Alpha-Synuklein-Ablagerungen in den Nervenzellen aufweisen, ohne dass bei ihnen Parkinson diagnostiziert wurde. Rund 80 Prozent dieser Personen entwickeln im Laufe einiger Jahre dann tatsächlich ein Parkinson-Syndrom.
Diagnose der REM-Schlaf-Verhaltensstörung
Zunächst einmal ist wichtig, die Krankengeschichte von den Betroffenen zu erfahren und bestenfalls auch durch Menschen, die in ihrer Nähe schlafen, wie etwa Lebenspartner*innen. Die Diagnose wird mittels einer sogenannten Schlafableitung mit Video (Video-Polysomnographie) im Schlaflabor gestellt. Mit der Schlafableitung lassen sich die Schlaf- und die Muskelaktivitäten genau messen. Auch erfolgen eine neurologische Untersuchung mit der Frage nach ersten Parkinson-Symptomen und gegebenenfalls weitere Untersuchungen. Wenn Sie oder Ihr Partner/Ihre Partnerin nächtliche Bewegungen oder laute Geräusche im Schlaf bemerken, sollten Sie ärztlichen Rat einholen. Eine frühzeitige Diagnose kann helfen, mögliche Risiken für spätere Erkrankungen besser einzuschätzen und frühzeitig zu handeln.
Untersuchungen im Schlaflabor
Mit einer speziellen Schlafmessung, der Video-Polysomnographie, wird die Aktivität der Muskeln im Schlaf genau analysiert. Dazu verbringt die Patientin oder der Patient eine Nacht in einem Einzelzimmer im Schlaflabor.
Behandlung der REM-Schlaf-Verhaltensstörung
Die REM-Schlaf-Verhaltensstörung ist gut medikamentös behandelbar. Zum Einsatz kommen beispielsweise das krampflösende und beruhigende Medikament Clonazepam (Handelsname Rivotril) und Melatonin - ein Hormon, das den Wach-Schlaf-Rhythmus steuert. Eine Behandlung mit Clonazepam oder Melatonin verringert allerdings nicht das Risiko im weiteren Verlauf an Parkinson zu erkranken. Daher sind regelmäßige neurologische Kontrollen notwendig. Generell sind körperliche Aktivität und Sport zu empfehlen.
Sicherheitsmaßnahmen für Betroffene
Wichtig für Betroffene ist, dass sie sich selbst oder andere bei ihren aktionsgeladenen Träumen nicht verletzen. Spitze oder schwere Gegenstände sollten daher nicht in greifbarer Nähe sein. Nachttische und andere Möbel räumt man besser weg, wenn man sich daran verletzten kann. Hilfreich können auch ein weicher Teppich oder eine Matte vor dem Bett sein, falls man herausfällt. Menschen mit schwerer REM-Schlaf-Verhaltensstörung sollten eventuell alleine schlafen oder zumindest ein größeres Kissen zwischen sich und die andere Bettseite legen.
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Dopamin und REM-Schlaf
Die Muskelatonie während des REM-Schlafs wird vom Gehirn aktiv durch Dopamin-Ausschüttung erzeugt. An diesem Botenstoff mangelt es bei Parkinson, wodurch sich der Zusammenhang erklärt. Die REM-Schlaf-Verhaltensstörung gilt als das spezifischste Frühzeichen einer Parkinson-Erkrankung. Da sie meist deutlich vor den typischen Symptomen wie Tremor, Rigor und Gangunsicherheit auftritt, sehen Ärzte hier einen Ansatzpunkt, durch gezielte Intervention möglichst viele dopaminerge Neuronen zu erhalten.
Dopamin-Studie an Mäusen
Wie eine aktuelle Studie japanischer und chinesischer Forscher an Mäusen zeigt, spielen für den Eintritt in die traumhafte REM-Phase unseres Schlafes erhöhte Dopamin-Werte eine wichtige Rolle. Das berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin „Science“. Sie beobachteten, dass kurz vor dem Übergang in die REM-Schlaf-Phase vorübergehend Dopamin in einem bestimmten Teil des Gehirns (Amygdala) ausgeschüttet wurde. Nachfolgend stimulierten sie bei Nervenfasern, die Dopamin ausschütten sowie Fasern, die Dopamin empfangen, während der NREM-Phase und bewirkten damit einen Übergang in den REM-Schlaf.
Darüber hinaus konnten die Forscher anhand der Tierversuche zeigen, dass dieser Dopamin-Anstieg auch im Kontext des Symptoms Kataplexie bei Narkolepsie stehen könnte. Hier erleiden Betroffene im wachen Zustand plötzliche Muskelschwäche.
Die Rolle des Dopaminsystems beim Träumen
Der südafrikanische Neurowissenschaftler und Psychoanalytiker Mark Solms erkannte zudem, dass das mesolimbische Dopaminsystem, das Belohnungs- oder Motivationssystem, beim Träumen eine wichtige Rolle spielt. Hemmt man den Hirnbotenstoff Dopamin gezielt durch Medikamente, so wird auch das Träumen weitgehend unterdrückt. Diesen Effekt kennt man etwa von Antipsychotika, die den Dopaminlevel senken. Umgekehrt berichten Parkinson-Patienten, die mit dem Dopaminantagonist L-Dopa behandelt werden, besonders viel und lebhaft zu träumen.
Schlafstörungen bei Parkinson
Manchen Studien zufolge leiden über 80 Prozent der Parkinson-Patienten an irgendeiner Form von Schlafstörung. Dabei können die Probleme in Art und Ausprägung sehr unterschiedlich sein. Manche Beschwerden treten zudem sehr früh im Krankheitsverlauf auf, mitunter sogar noch vor der Parkinson-Diagnose.
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Ursachen von Schlafstörungen bei Parkinson
Es gibt viele verschiedene Ursachen für Schlafstörungen bei Parkinson, wobei wir noch nicht alle ganz verstanden haben. Manchmal führt eine Unterbeweglichkeit in der Nacht dazu, dass Patienten sich im Schlaf nicht bewegen und aufgrund dieser Steifigkeit nicht schlafen können. In anderen Fällen kann die Parkinson-Medikation zu nächtlichen Halluzinationen oder Alpträumen führen. Ein Beispiel sind Dopamin-Agonisten.
Diagnose von Schlafstörungen bei Parkinson
Das Wichtigste ist die Befragung der Patienten und auch der Angehörigen. Manchmal klärt sich bereits durch ein gründliches Gespräch, woher die Probleme rühren. Teilweise arbeiten wir auch mit Fragebögen, die von den Betroffenen ausgefüllt werden. Die Auswertung liefert uns wichtige Anhaltspunkte für die Diagnose. In manchen Fällen, etwa bei Verdacht auf eine REM-Schlaf-Verhaltensstörung, kann auch eine Untersuchung im Schlaflabor notwendig sein.
Behandlung von Schlafstörungen bei Parkinson
Das ist von der individuellen Diagnose abhängig. Kann jemand nicht schlafen, weil er nachts steif und unbeweglich ist, würde man versuchen, den Dopaminhaushalt zu verbessern, und tendenziell die Parkinson-Medikation steigern. Denn der Grund für die Unbeweglichkeit ist ein Mangel an Dopamin. Wer Halluzinationen oder Alpträume hat, benötigt vielleicht eine geringere Dosis oder eine andere Medikation. Bei einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung oder bei unruhigen Beinen gibt es weitere Medikamente. Treten Atemaussetzer auf, muss man prüfen, ob jemand eine Schlafmaske benötigt. Je nach Diagnose können gegebenenfalls auch schlafanstoßende Mittel in Betracht kommen.
Pumpentherapie und Tiefe Hirnstimulation
Im Verlauf der Parkinson-Erkrankung wirken die Parkinson-Tabletten nicht mehr so lange und es kommt zu Wirkschwankungen. Sie können dazu führen, dass jemand nachts völlig unterbeweglich ist und deshalb nicht schlafen kann. Man würde nun schauen, ob Wirkschwankungen und Phasen schlechter Beweglichkeit auch tagsüber ein Problem sind. Meistens ist das der Fall und der Umstieg auf eine Pumpentherapie kann dann durchaus sinnvoll sein. Die kontinuierliche Wirkstoffzufuhr über die Pumpe kann die Beweglickeit bessern. Und eine gute Beweglichkeit ist auch für die Schlafqualität von Bedeutung. Ähnliche Überlegungen gelten für die Tiefe Hirnstimulation.
Früherkennung und Prävention von Parkinson
Wenn man künftig die krankhaften Eiweißablagerungen im Blut messen könnte, würde das die Parkinson-Diagnostik auf ein völlig neues Niveau heben. Wenn es gelingt, Patienten bereits in der Frühphase - also lange, bevor die ersten Bewegungsstörungen auftreten - zu identifizieren, könnten möglicherweise nervenzellschützende Therapien den Verlauf der Erkrankung verlangsamen oder sogar aufhalten. Noch sind solche Therapien nicht in der klinischen Anwendung - aber die Forschung auf diesem Gebiet läuft auf Hochtouren.
Anzeichen für eine beginnende Parkinson-Erkrankung
Besonders REM-Schlafstörungen gelten als ein deutliches Frühwarnzeichen. Betroffene „leben“ ihre Träume aus - das heißt, sie schlagen im Schlaf um sich oder schreien, oft begleitet von lebhaften Albträumen mit Verfolgungsszenarien. Auch der Verlust des Geruchssinns, Verstopfungen im Darmtrakt oder Depressionen können erste Vorboten sein.